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Ungeduld der Erkenntnis

Eine klischeewidrige Festschrift für Hubert Orłowski

Wlodzimierz Bialik, Czeslaw Karolak and Maria Wojtczak

Der Sammelband stellt eine Festschrift zum 77. Geburtstag von Professor Hubert Orłowski, dem namhaften polnischen Germanisten dar und setzt sich aus Beiträgen seiner Freunde und Schüler zusammen. Die Festschrift präsentiert ein breites, mit den Forschungsschwerpunkten des Jubilars korrespondierendes Spektrum der Themenschwerpunkte. Sie beziehen sich – unter anderem – auf historische Fremdbild- und Stereotypenforschung, auf exemplarische Fragen und implizit vergleichende Analysen zur deutschen und polnischen Exilliteratur und Kultur im Schatten der NS-Ideologie sowie zu topographisch akzentuierter Erinnerungskultur in vergleichender deutsch-polnischer Perspektive.
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„Warschau – eine merkwürdige Stadt“. Zur Topographie der Erinnerung an den Krieg und die Judenvernichtung in der polnischen Prosa der Gegenwart: Jerzy Kałążny / Poznań

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Ich wurde geboren und lebe in der Stadt der Goldgräber. Sie kamen eins aus einem verbrannten Flachland. Die Gräber von goldenen Zähnen und silbernen Löffeln. Sie wurden durch den Rauch der Ruinen und den Brandgeruch von den Leichen wohlhabender Bürger angelockt, die verrückt wurden und vergessen haben, wie angenehm das Überleben ist. Wir grübeln über unser Missgeschick nicht nach, wir brauchen uns an diese Leute nicht zu erinnern, wenn wir unseren Kindern Tee süßen. Warszawa ist keine schöne Stadt, aber man liebt hier das Leben in seiner reinsten Gestalt.1

So beginnt der 2012 veröffentlichte Roman Noc żywych Żydów [dt. Die Nacht der lebenden Juden] von Igor Ostachowicz. Eine Assoziation mit der Publikation Golden Harvest [poln. Złote żniwa, 2011] von Jan Tomasz Gross, die die Vorstellung von Warschau als einer „Stadt der Goldgräber“ erwecken mag, ist durchaus berechtigt und gar nicht zufällig. Diese Anleihe eines fiktionalen Autors bei dem polnisch-amerikanischen Soziologen, dessen Publikationen zur unverarbeiteten polnisch-jüdischen Beziehungen während des zweiten Weltkrieges heftige Kontroversen in der polnischen Öffentlichkeit erweckten und den neuesten Opfer/Täter-Diskurs hierzulande maßgeblich beeinflussten, ist wohl symptomatisch für die jüngste polnische Literatur, in der eine kritische Revision der gängigen Geschichtsbilder und Auflösung von tradierten Erzählmustern in der Darstellung der Okkupation des Holocaust und des Warschauer Aufstands zur Norm geworden sind.

In der gegenwärtigen polnischen Literatur (Prosa, Essayistik und Dramatik) gibt es eine...

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