Show Less
Restricted access

War die «Vertreibung» Unrecht?

Die Umsiedlungsbeschlüsse des Potsdamer Abkommens und ihre Umsetzung in ihrem völkerrechtlichen und historischen Kontext

Christoph Koch

Vor dem Hintergrund der in der Bundesrepublik anhaltenden Unrechtsdebatte diskutieren die Beiträge des Sammelbandes die völkerrechtliche Zulässigkeit und die historischen Auswirkungen der Beschlüsse des Potsdamer Abkommens vom 2.8.1945. Darin wurde die Aussiedlung der deutschen Bevölkerung in denjenigen Teilen des untergegangenen Reiches vereinbart, die Nachkriegsdeutschland nach den Bestimmungen des Abkommens nicht mehr angehörten. Die Aussiedlungsbeschlüsse betrafen überdies Staatsbürger deutscher Volkszugehörigkeit in den vom Dritten Reich okkupierten Ländern. Die Autoren kommen in der Einschätzung dieser Ereignisse zu unterschiedlichen Ergebnissen. Der Sammelband ist daher nicht zuletzt ein Zeitzeugnis der gesellschaftlichen Aneignung des Gegenstands in den von dem Geschehen betroffenen Ländern.
Show Summary Details
Restricted access

Vom Bevölkerungstransfer zum Vertreibungsverbot – eine europäische Erfolgsgeschichte?: Stefan Troebst

Extract

Stefan Troebst

Die drei Kriegsdekaden des europäischen 20. Jahrhunderts, von 1912 bis 1922, 1939 bis 1949 und 1991 bis 1999, waren von Zwangsmigrationsprozessen gewaltigen Ausmaßes gekennzeichnet, die 60, wenn nicht gar 80 Millionen Menschen betrafen. Während allerdings von den Balkankriegen 1912/13 bis tief in den Kalten Krieg hinein Bevölkerungstransfer als Mittel staatlicher Politik von der internationalen Gemeinschaft und der Weltöffentlichkeit gebilligt oder zumindest hingenommen wurde, wurde im post-jugoslawischen Kriegsjahrzehnt ein Wertewandel in Richtung Vertreibungsverbot und Recht auf Flüchtlingsrückkehr manifest. Was 1995 in Dayton im Friedensabkommen zu Bosnien und Herzegowina Papierform angenommen hatte, wurde dann 1999 in Rambouillet Handlungsmaxime der Staatengemeinschaft – in Gestalt des Luftkrieges gegen das Rest-Jugoslawien Slobodan Miloševićs und seine systematische Vertreibungspolitik im Kosovo. Entsprechend sieht der Völkerrechtler Hans-Joachim Heintze durch das „Rückkehrrecht von Balkan-Vertriebenen nicht nur die Menschenrechte, sondern de[n] Kernbestand des Völkerrechts […] berührt“1, und der Südosteuropahistoriker Holm Sundhaussen diagnostiziert gar einen veritablen „Paradigmenwechsel bei der Lösung ethnonationaler Konflikte“2. Der Bevölkerungswissenschaftler Rainer Münz schließlich hat mit Blick auf „das Jahrhundert der Vertreibungen“ konstatiert:

„Am Beispiel Bosniens und des Kosovo wird auch die Veränderung unserer Maßstäbe klar. Was die westlichen Demokratien und andere Staaten Europas 1918 und 1945 für die dauerhafteste Lösung ethnischer Konflikte hielten – die Schaffung ethnisch möglichst homogener Staaten und Siedlungsgebiete notfalls mit Hilfe massenhafter Vertreibung –, gilt uns heute als grober Verstoß gegen das Völkerrecht...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.