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Makroökonomische Implikationen von Arbeitsmigration und Migrantentransfers

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Lars Bennöhr

Diese Studie untersucht Migration und private Transfers im monetären makroökonomischen Kontext. Anhand theoretischer Modelle wird aufgezeigt, wie sich die Zusammenhänge zwischen dem Migrationsstrom und den damit verbundenen Transferleistungen der Migranten auf der einen Seite und anderen makroökonomischen Kennzahlen wie Inflation, Wechselkurs und Output auf der anderen Seite vor dem Hintergrund verschiedener Modellannahmen darstellen. Bevor die Thematik modelltheoretisch und anhand numerischer Experimente untersucht werden kann, wird zunächst zusammengetragen, was die Literatur an Hilfestellungen hervorgebracht hat, um Migration und Remit-tances plausibel zu modellieren.
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2. Migrationstheorien

2. Migrationstheorien

Dieses Kapitel bietet einen Überblick über die verschiedenen Migrationstheorien. Zweck dieser Theorien ist es, die Determinanten von Migrationsprozessen zu erklären. Die folgende Übersicht zeigt grundlegende Erkenntnisse über Zusammenhänge zwischen Migration und den identifizierten Bestimmungsfaktoren auf der Individual-, Haushalts- und Makroebene auf. Hinsichtlich der Klassifikation der Theorien wurde die Systematik von Massey et al. (1993) beibehalten. Die Fokussierung auf ökonomische Theorien der Migration in diesem Kapitel hinterlässt einige Lücken in den Bereichen nichtökonomischer Theoriebildung, da sie für die folgenden Untersuchungen keinen wesentlichen Mehrwert stiften. So wurden beispielsweise ökologische Ansätze der Migrationsforschung nicht berücksichtigt.6

2.1 Neoklassische makroökonomische Migrationstheorie

Einen ersten Beitrag zur neoklassischen makroökonomischen Migrationstheorie liefert Lewis (1954). Die Formalisierung seines Konzepts nehmen Ranis und Fei (1961) vor, die Weiterentwicklung erfolgt durch Harris und Todaro (1970). Die ersten beiden genannten Aufsätze fokussieren die Transition von niedrig entwickelten Volkswirtschaften mit einem bedeutenden Agrarsektor hin zu industriell entwickelten Volkswirtschaften. Diese Artikel beleuchten die wachstumstheoretischen Aspekte von Entwicklungsländern. Migration wird als eindeutig wohlfahrtsfördernder Prozess wahrgenommen. Alle Artikel untersuchen Arbeitsmigration innerhalb einer Volkswirtschaft. Die Ergebnisse lassen sich jedoch auch auf internationale Migration übertragen.

Der Aufsatz7 von Harris und Todaro (1970) stellt eine Weiterentwicklung der Arbeit von Lewis, Ranis und Fei dar. Sie versuchen zu erklären, warum Migration von einem niedrig entwickelten ländlich geprägten Gebiet hin zu einem in ← 25 | 26 → dustriell entwickelten Gebiet stattfindet, auch wenn ein erhöhtes Risiko von Arbeitslosigkeit besteht. Sie erklären diesen Umstand damit, dass erstens Löhne im industriellen Sektor höher sind als im Agrarsektor und zweitens die Arbeitsanbieter Erwartungswerte für das Lohneinkommen unter Berücksichtigung potenzieller Arbeitslosigkeit bilden. Anders als bei Lewis oder Ranis und Fei werden durch die Miteinbeziehung von Arbeitslosigkeit bei Harris und Todaro potenzielle wirtschaftspolitische Probleme des Migrationsprozesses wahrgenommen.

Der Produktionsfaktor Arbeit wird innerhalb dieses Literaturzweigs als homogen angenommen, sodass migrationsinduzierte Angebotsänderungen zu entgegen gerichteten Änderungen der Marktlöhne führen. So führt ein Anstieg des Arbeitsangebots zu einer Absenkung des Lohnsatzes und umgekehrt ein Rückgang des Arbeitsangebots zu einer Erhöhung des Lohnes. Migration wird getrieben von Unterschieden der Entlohnung und beeinflusst durch die Höhe der Wanderungskosten, da die Arbeitsanbieter ihr Periodeneinkommen maximieren wollen. Migration findet deshalb von Gebieten mit relativ niedrigen Löhnen zu Gebieten mit relativ hohen Löhnen statt. Hohe Wanderungskosten können dazu führen, dass Migration trotz existierender Lohnunterschiede nicht oder nur in geringem Maße stattfindet.

Bezogen auf internationale Migration wird weiterhin angenommen, dass sich in Ländern mit reicherer Ausstattung an Arbeitskräften ein niedrigerer Gleichgewichtslohn einstellt als in Ländern mit einer geringeren Arbeitskräfteausstattung. Die Kategorisierung in reiche und arme Ausstattung bezieht sich hier auf das Verhältnis zur jeweiligen Ausstattung mit Kapital. Wenn Arbeitskräfte frei aus- und einwandern können, dann werden sie solange aus Niedriglohnländern in Hochlohnländer emigrieren, bis die Entlohnungsunterschiede nur noch die Wanderungskosten reflektieren. Denn durch die Migrationsbewegungen fallen die Löhne im Einwanderungsland und steigen im Auswanderungsland. Nach Abschluss des Anpassungsprozesses findet keine Migration mehr statt, da die erwarteten Einkommen unter Berücksichtigung der Wanderungskosten in allen Gebieten identisch sind. Mithilfe dieser Modelle ist Migration nicht zu erklären, die nach Abschluss der Anpassungen an den Arbeitsmärkten stattfindet.

Entgegengesetzt zur Wanderung der Arbeitskräfte findet eine Wanderung des Kapitals hin zu den Ländern statt, die über eine geringe Kapitalausstattung verfügen, da hier die Kapitalrendite höher ist als in Ländern mit hoher Kapitalaus ← 26 | 27 → stattung. Kapital umfasst auch Humankapital, sodass durchaus auch Migration spezialisierten Personals in Auswanderungsländer stattfinden kann. Zumindest kann die Theorie in diesem Sinne interpretiert werden (Massey et al., 1993).

In der neoklassischen makroökonomischen Migrationstheorie wird Migration durch Lohndifferenzen induziert. Während bei Lewis sowie Ranis und Fei die tatsächlichen Lohndifferenzen ursächlich sind, führen bei Harris und Todaro die erwarteten Lohnunterschiede zu Migration. Potenzielle Migranten berücksichtigen bei Harris und Todaro auch die Möglichkeit, keine Arbeit im Zielgebiet zu finden. Andere Märkte sind für die Erklärung von Migrationsbewegungen von nachrangiger Bedeutung. Mögliche Politikeingriffe zur Beeinflussung des Migrationsprozesses setzen demnach an den Arbeitsmärkten an. So merken Taylor et al. (1996) an, dass die Arbeit von Harris und Todaro eine mögliche Begründung darstellt, warum es sinnvoll sein kann, Investitionen in den ländlichen Raum einer Volkswirtschaft zu tätigen, um Emigration in urbane Gebiete zu dämpfen. Durch die Erhöhung des Kapitalstocks im ländlichen Raum fällt die relative Ausstattung mit Arbeit und die Löhne steigen. Hierdurch sinkt das Lohndifferential, und die erwarteten Nettorückflüsse der Emigration sinken.

2.2 Neoklassische mikroökonomische Migrationstheorie

Die neoklassische mikroökonomische Theorie beschreibt Migration als das Ergebnis individueller Kosten-Nutzen-Kalkulationen einzelner rational agierender Akteure. Grundlegend für diesen Theoriezweig ist der Aufsatz von Sjaastad (1962). Weiterhin können die Artikel von Todaro (1969, 1976) dazugezählt werden. Auch dieser Literaturzweig fokussiert auf intranationale Migration. Dieser Umstand kann dadurch begründet werden, dass die Arbeiten der neoklassischen Migrationstheorien der Entwicklungsökonomik zugeordnet werden können und sich entwickelnde Volkswirtschaften das Phänomen der Landflucht beziehungsweise Urbanisierung aufweisen.

Migration wird als Investition in Humankapital begriffen. Jeder potenzielle Migrant versucht sein Humankapital dort einzusetzen, wo es die höchste Rendite erwirtschaftet. Bevor von den höheren Löhnen im Zielland profitiert werden ← 27 | 28 → kann, müssen jedoch die Kosten der Wanderung und der Integration in den Zielarbeitsmarkt aufgebracht werden. Diese Kosten umfassen unter anderem die direkten Wanderungskosten, Kosten für Visa, Sprachkurse und für die Durchführung von Vorstellungsgesprächen. Hierdurch äußert sich der Investitionscharakter des Migrationsprozesses. Das modellierte Individuum vergleicht die jeweiligen Nettorückflüsse der verschiedenen Migrationsmöglichkeiten, also die Differenz aus erwarteten Erträgen und den Kosten. Das Individuum entscheidet sich für das Zielland mit den höchsten erwarteten Nettorückflüssen. Wenn die erwarteten Nettorückflüsse aller potenziellen Zielregionen einen negativen Wert annehmen, findet keine Migration statt (Massey et al. 1993).

Um die erwarteten Nettorückflüsse der Migrationsentscheidung korrekt abbilden zu können, wird auch das Risiko, arbeitslos zu werden, in die Kalkulation miteinbezogen. Hier liegt ein wesentlicher Unterschied zum ursprünglichen neoklassischen makroökonomischen Theorieansatz von Lewis, Ranis und Fei, die jeweils Vollbeschäftigung annehmen. Durch die Miteinbeziehung des Arbeitslosigkeitsrisikos in die Modellierung können durch die neoklassische mikroökonomische Migrationstheorie auch Wanderungsbewegungen erklärt werden, wenn durch Lohnunterschiede kein Migrationsmotiv angezeigt wird. Außerdem werden Nettorückflüsse, die in der Zukunft liegen, abdiskontiert, um Präferenzen zu Gunsten sofortiger Verfügbarkeit der Lohnzahlungen und fern in der Zukunft liegender Kosten zu berücksichtigen (Massey et al., 1993).

Eine wichtige Schlussfolgerung dieses Theoriezweiges ist, dass individuelle Eigenschaften, wie zum Beispiel Bildung und Berufserfahrung, welche die Wahrscheinlichkeit einer Beschäftigung im Zielland erhöhen, auch die Wahrscheinlichkeit von Migration erhöhen (Massey et al., 1993).

Weiterhin ändern alle individuellen Umstände, die die Kosten der Migration beeinflussen, die Wahrscheinlichkeit von Migration (Massey et al., 1993). Denkbar sind hier zum Beispiel das Alter und der Familienstand einer Person, da es wahrscheinlicher ist, dass junge Menschen oder Menschen mit schwachen familiären Bindungen auswandern, als ältere Personen mit familiären Verpflichtungen. Zudem können Migranten, die ein junges Alter aufweisen, über mehr Perioden Rückflüsse aus der Migrationentscheidung erwarten als Personen, die nur noch wenige Jahre Erwerbsleben vor sich haben. ← 28 | 29 →

Auch länderspezifische Eigenschaften, wie beispielsweise der Grad der Fremdenfeindlichkeit oder die Ausprägung der Bürgerrechte im Zielland, können die Kosten beeinflussen. Solche Charakteristiken von Ländern können dazu führen, dass die Erträge der Migrationsentscheidung negativ werden, obwohl die Lohneinkommensunterschiede hoch und die direkten Kosten der Migration gering sind (Massey et al., 1993).

Je größer die erwarteten Entlohnungsunterschiede unter Berücksichtigung des Arbeitslosigkeitsrisikos sind, desto mehr Individuen können positive Nettorückflüsse durch Migration erwarten. Zusätzliches Angebot am Arbeitsmarkt durch Zuwanderer senkt die Lohnsätze. Migration findet auch in der mikroökonomischen neoklassischen Theorie nur solange statt, bis durch Angebotsverschiebungen an den Arbeitsmärkten sich Migration nicht mehr lohnt, da niedrigere Löhne in den Zielregionen der Migranten die erwarteten Nettorückflüsse absenken (Todaro/Maruszko, 1987). Die Betonung der Bedeutung des Einkommensmotivs und die friktionslose Anpassung der Lohnsätze ist eine wesentliche Gemeinsamkeit mit der neoklassischen makroökonomischen Theorie.

Während in den ersten Modellen der neoklassischen makroökonomischen Migrationstheorie simple Annahmen bezüglich der Migrationsmotivation einer homogenen Arbeitsanbieterschaft getroffen werden und daraus makroökonomische Implikationen bezüglich der Anpassung des Lohnsatzes und des migrationsinduzierten Arbeitskräfteangebots aufgezeigt werden, rückt die mikroökonomische Theoriebildung verschiedenste individuelle Determinanten der Migrationsentscheidung in den Fokus. Die mikroökonomische Sichtweise auf den Migrationsprozess lieferte erste systematische Einsichten bezüglich der Untersuchung der Struktur des Migrationsstroms beziehungsweise eine erste Antwort auf die Frage, warum einige Individuen auswandern und andere nicht. Sie beantwortet diese Frage mit dem Vorhandensein spezifischer Eigenschaften des jeweiligen Individuums. ← 29 | 30 →

2.3 Neue Migrationsökonomik

In der Neuen Migrationsökonomik wird das Migrationsverhalten von Individuen innerhalb sozialer Gruppen beziehungsweise von sozialen Gruppen - typischerweise Haushalte8 - als Entscheidungsträger untersucht.

Der Hauptkritikpunkt an den neoklassischen Ansätzen ist, dass die Einbettung potenzieller oder tatsächlicher Migranten in soziale Systeme unzureichend berücksichtigt wird. Stark und Bloom (1985) vergleichen Migranten in neoklassischen Modellen mit Ziegeln und Weinflaschen, die weltweit gehandelt und dort angeboten werden, wo sie die höchste Rendite versprechen. Sie halten dagegen, dass ein Mensch immer auch Teil einer Referenzgruppe ist, mit der er seine Einkommenssituation vergleicht. Als Referenzgruppen kommen hier beispielsweise Dorfgemeinschaften, Kirchengemeinden oder Familienclans in Frage. Weiterhin sind Individuen typischerweise Mitglied eines Haushalts, innerhalb dessen meist implizite Arrangements gelten.

Die neue Migrationsökonomik rückt Diversifikationsüberlegungen von Haushalten in den Fokus. Auf der Ebene des einzelnen Individuums bestehen kaum Möglichkeiten, das Arbeitseinkommensausfallrisiko durch Diversifikation abzusenken. Innerhalb eines Haushalts mit mehreren Personen, die prinzipiell Arbeitseinkommen erzielen können, bietet sich die Möglichkeit eher. Anders als innerhalb der neoklassischen Ansätze werden hier nicht zwingend funktionierende Märkte unterstellt. Die modellierten Haushalte können mit modellspezifischen Risiken konfrontiert werden, die in der neoklassischen Ökonomik keine Berücksichtigung finden. Außerdem werden in der Neuen Migrationsökonomik Remittances systematisch in die theoretischen Überlegungen miteinbezogen.

Eine Möglichkeit der Risikodiversifikation ist die Migration einzelner Haushaltsangehöriger. Gerade dann, wenn die Arbeitsnachfrage im potenziellen Zielland nicht oder negativ mit der Arbeitsnachfrage im Herkunftsland eines Migranten korreliert, kann Migration sinnvoll erscheinen. Falls im Herkunftsland das erzielte Einkommen der Daheimgebliebenen absinkt, kann der Emigrierte den Haushalt durch Transfers unterstützen. Anders als in den vorangegan ← 30 | 31 → genen theoretischen Ansätzen wird Migration hier weniger als „Entweder-Oder“-Entscheidung gesehen, sondern Haushalte können den Anreiz verspüren, ihre Arbeitskraft am heimischen und am internationalen Arbeitsmarkt anzubieten (Massey et al., 1993).

Für weniger entwickelte Länder haben solche dezentralisierten Risikokontrollmechanismen vermutlich eine noch stärkere Bedeutung als für entwickelte Volkswirtschaften. Es lassen sich hierfür eine Reihe von Gründen aufzählen. Erstens existieren in den meisten entwickelten Ländern staatliche Arbeitslosenversicherungssysteme und private Versicherungsmöglichkeiten, wie zum Beispiel Berufsunfähigkeitsversicherungen. In Entwicklungsländern und Transformationsländern ist dies regelmäßig nicht im ausreichenden Maße der Fall beziehungsweise einem Teil der Bevölkerung ist eine Teilnahme an solchen Systemen verwehrt. Die Einführung einer leistungsfähigen Arbeitslosenversicherung kann dazu beitragen, das Migrationsverhalten der Haushalte zu beeinflussen. An diesem Beispiel zeigt sich, dass die neue Migrationsökonomik auch Wechselwirkungen von Migration und Institutionen untersucht (Massey et al., 1993).

Zweitens beeinflusst die Entwicklung der Kreditmärkte und des Bankensystems den Auswanderungsdruck. Wenn am heimischen Arbeitsmarkt die Einkommen volatil sind und zudem nicht die Möglichkeit besteht, kurzfristige Finanzierungsengpässe durch Kreditaufnahme zu überbrücken, gewinnt die Möglichkeit, Transfers von ausgewanderten Haushaltsangehörigen zu empfangen, an Bedeutung (Taylor et al., 2003).

Drittens verursachen nicht vorhandene Terminmärkte ein hohes Risiko bei den Arbeitskräften, die Güter in geringer Kadenz erstellen. Wenn zum Beispiel ein Bauer etwas sät, dann wettet er darauf, für die Ernte einen auskömmlichen Verkaufspreis zu erzielen. Falls der Preis des Agrargutes zwischenzeitlich fällt, sinken seine Erlöse. Bei Vorhandensein eines funktionierenden Terminmarktes könnte das Preisrisiko durch Terminverkauf der erstellten Güter ausgeschlossen werden. Weiterhin ist auch denkbar, das Preisrisiko bei Inputfaktoren, beispielsweise Saatgut oder Dünger, durch Terminkauf zu eliminieren. Da Entwicklungsländer typischerweise einen relativ großen Agrarsektor aufweisen, spielen diese Art Risiken auch eine größere Rolle als in entwickelten Volkswirtschaften. ← 31 | 32 →

In der Neuen Migrationsökonomik kann die Quelle des Lohneinkommens - der heimische oder ein ausländischer Arbeitsmarkt - im Hinblick auf Risikoerwägungen von Bedeutung sein. Begründet wird dies durch den Versicherungscharakter, das den Einkommen, die anderswo erzielt werden, innewohnt (Stark/Katz, 1986). Ein Haushalt, der Einkommen an verschiedenen Arbeitsmärkten erzielt, ist besser gestellt als einer, der nur an einem Arbeitsmarkt aktiv ist. Folglich verlieren Migrationskosten und Einkommensdifferentiale im Vergleich zu den neoklassischen Ansätzen einen Teil ihres Gewichts zur Erklärung von Migration.

Eine weitere Prognose der Neuen Migrationsökonomik ergibt sich aus dem Umstand, dass unterschiedliche Arbeitsmärkte unterschiedliche Arbeitsnachfragevolatilitäten aufweisen können. Risikoscheue Arbeitsanbieter werden eine Einkommenserzielung an weniger volatilen Märkten präferieren, auch wenn die erwartete Entlohnung gleich hoch ist. Anders als in den neoklassischen Ansätzen ist die Existenz eines Lohndifferentials nicht notwendig zur Erklärung von Migration.

Die Neue Migrationsökonomik untersucht ebenfalls, inwiefern die Einkommensverteilung innerhalb von Volkswirtschaften und die Stellung der einzelnen Haushalte innerhalb eines sozialen Systems die Migrationsentscheidung beeinflussen. Es wird argumentiert, dass ein absoluter Anstieg des Einkommens nicht auf alle Haushalte die gleichen Auswirkungen auf die Migrationsentscheidung hat. Wenn zum Beispiel in einer Volkswirtschaft zwei Gruppen von Haushalten leben und sich bei einer Gruppe das Einkommen erhöht, dann kann das zur Folge haben, dass sich die Motivation zu emigrieren in der Gruppe mit unverändertem Einkommen erhöht. Begründet wird dies dadurch, dass die soziale Stellung der Gruppe mit konstantem Einkommen relativ zur Gruppe mit dem gestiegenen Einkommen verschlechtert hat. Diese entsenden mehr Arbeitskräfte ins Ausland, um die relative Verschlechterung auszugleichen (Stark/Bloom, 1985). Katz und Stark (1986) zeigen, dass es für ein risikoaverses Individuum rational sein kann zu emigrieren, wenn eine Chance besteht, hierdurch die Stellung zur Referenzgruppe zu erhöhen. Dies gilt auch, wenn die erwarteten Nettorückflüsse der Migration nicht positiv sind.

Die Neue Migrationsökonomik prognostiziert, dass nicht nur staatliche Eingriffe am Arbeitsmarkt das Migrationsverhalten der Einwohner einer Volkswirtschaft ← 32 | 33 → beeinflussen, sondern auch Änderungen der Kredit- und Warenterminmärkte sowie die Beeinflussung der Einkommensverteilung innerhalb der Gesellschaft.

2.4 Theorie des dualen Arbeitsmarktes

Während in der Neuen Migrationsökonomik die potenziellen Migranten beziehungsweise die gesellschaftlichen Gegebenheiten in potenziellen Entsendeländern von Migranten in den Mittelpunkt der Analyse gestellt werden, konzentriert sich die Theorie des dualen Arbeitsmarktes auf die Nachfrage nach Immigranten beziehungsweise deren Arbeitskraft in typischen Zielländern. Die Theorie des dualen Arbeitsmarktes von Piore (1979) behauptet, dass in entwickelten Industriegesellschaften eine Nachfrage nach Immigration im Niedriglohnsektor entstehen muss. Der Ansatz von Piore kann folgendermaßen zusammengefasst werden:

Im Gegensatz zu den bisher vorgestellten Migrationstheorien wird die Annahme der Homogenität des Faktors Arbeit aufgehoben. Der in der Theorie des dualen Arbeitsmarktes verwendete Arbeitsmarkt ist unterteilt in einen Markt für hoch und einen für niedrig qualifizierte Arbeit. Der Lohnsatz auf dem Markt für hoch qualifizierte Arbeit ist typischerweise höher als auf dem Markt für niedrig qualifizierte Tätigkeiten.

Begründet wird die Nachfrage nach Migranten für niedrig qualifizierte Arbeit dadurch, dass konstatiert wird, dass tradierte Einkommensunterschiede zwischen verschiedenen Berufsgruppen innerhalb einer Gesellschaft auch den sozialen Status einer Tätigkeit reflektieren. Wenn Knappheit an niedrig qualifizierter Arbeit besteht, dann kann hier der Preismechanismus nicht wirken, da durch eine Anhebung der Löhne im Niedriglohnbereich gleichzeitig sozialer Druck besteht, die Löhne für qualifizierte Tätigkeiten anzuheben, um das Prestige der Ausübung qualifizierter Tätigkeiten zu erhalten. Unternehmen tragen dann nicht nur die Kosten der notwendigen Lohnanhebung im Niedriglohnbereich, um Arbeitsanbieter dazu zu bewegen, diese Tätigkeit auszuüben, sondern müssen gleichzeitig auch die Gehälter der höher qualifizierten Angestellten anheben, um den sozialen Frieden zu wahren. Ein Ausweg aus diesem Dilemma ist die Anwerbung unqualifizierter Arbeitskräfte im Ausland. Das Arbeitsangebot im Bereich un ← 33 | 34 → qualifizierter Tätigkeiten wird hierdurch erhöht, und die Lohnsätze müssen nicht steigen, da der Nachfrageüberschuss nach niedrig qualifizierter Arbeit hierdurch beseitigt wird. Im Gegensatz zur neoklassischen Makrotheorie führt innerhalb dieses Modellrahmens eine Erhöhung der Nachfrage nach Arbeitskräften eher zu einer Änderung der Rekrutierungsmaßnahmen, zum Beispiel gezielte Anwerbung im Ausland, als zu einer Anhebung der Löhne im Niedriglohnsektor.

Im Vergleich zur Neuen Migrationsökonomik wird die Kausalität zwischen Lohneinkommen und Status umgekehrt. In der Neuen Migrationsökonomik determiniert das Einkommen den Status, also die relative Stellung des Haushalts bezogen auf seine Referenzgruppe. Der Haushalt kann zum Beispiel das Durchschnittseinkommen aller Haushalte mit dem selbst erzielten vergleichen. Bei Piore bestimmt der Status einer Tätigkeit die damit verbundene Entlohnung. Ein hoch qualifizierter erhält deshalb einen höheren Lohnsatz, weil seine Tätigkeit mit Prestige verbunden ist.

Weiterhin wird in der Theorie des dualen Arbeitsmarktes festgestellt, dass am Ende der Einkommenshierarchie regelmäßig Motivationsprobleme der Angestellten auftreten. Menschen arbeiten nicht nur, um unmittelbare Konsumbedürfnisse zu befriedigen, sondern auch, um innerhalb der Einkommenshierarchie aufzusteigen und um Prestige zu akkumulieren. Am unteren Rand der Hierarchie ist das Akkumulieren von Prestige nicht möglich, Aufstiegschancen sind häufig nicht vorhanden. Die Eliminierung des untersten Bereichs der Einkommensrangfolge durch die Substitution der Arbeit durch Technisierung kann das Problem nicht lösen, da hierdurch die nächst höher gestellte Gruppe der Arbeitsanbieter an das Ende der Hierarchie rückt.

Immigranten wird unterstellt, dass sie sich nicht zu dem sozialen Gefüge des Ziellandes zugehörig fühlen und deshalb motiviert einer Anstellung am unteren Rand der Einkommensverteilung im Zielland nachkommen. Der relevante soziale Bezugsrahmen sind die Arbeitsanbieter am Arbeitsmarkt des Herkunftslandes. Prestige innerhalb dieser Referenzgruppe sammeln Migranten durch private Transfers, die in die jeweiligen Herkunftsländer geleistet werden.

Als Ursache für die Nachfrage nach Migranten, die Arbeit im Niedriglohnsektor verrichten, werden die für Industrieländer typischen demographischen Entwick ← 34 | 35 → lungen angeführt. Es wird behauptet, dass während des Industrialisierungsprozesses üblicherweise der Anteil der arbeitenden Frauen ansteigt. Das nachgefragte Arbeitsangebot von Frauen ist zunächst vor allem am Ende der Entlohnungshierarchie verortet. Im weiteren Verlauf der Entwicklung wandeln sich die Beschäftigungsfelder der Frauen dahingehend, dass auch sie soziales Prestige durch ihre Tätigkeit anstreben. Deshalb fallen sie als Anbieter im Niedriglohnbereich aus. Eine zweite Gruppe Anbieter im Niedriglohnbereich sind junge Menschen. Da die Geburtenraten in den meisten hoch entwickelten Volkswirtschaften rückläufig sind, entsteht auch hier eine Angebotslücke, die von Migranten ausgefüllt werden kann.

Die Aufteilung des Arbeitsmarktes in einen Hochlohnsektor für qualifizierte Arbeitskräfte und einen Niedriglohnsektor für unqualifizierte Arbeitskräfte wird durch konjunkturelle und saisonale Schwankungen begründet. Während Kapital auf Unternehmensebene fixiert ist, kann der Personalbestand an Schwankungen eher angepasst werden. Wenn die Nachfrage nach Gütern eines Unternehmens nachlässt, können die unqualifizierten Mitarbeiter entlassen werden und gegebenenfalls wieder eingestellt werden, wenn die Nachfrage wieder ansteigt. Kapital - und dazu zählt auch das akkumulierte Humankapital - kann schwerer abgestoßen und kostenarm wiederbeschafft werden. Die Unternehmen werden also versuchen, den stabilen Teil der Nachfrage durch (human-)kapitalintensive Produktion zu befriedigen. In dem Teil der Produktion, der variabel ist, kommen eher unqualifizierte Arbeitskräfte und kapitalarme Produktionsverfahren zum Einsatz.

2.5 Weltsystemtheorie

Die Weltsystemtheorie identifiziert langfristige Entwicklungen der Globalisierung als Ursache von Migration. Stärker als die neue Migrationsökonomik sucht die Weltsystemtheorie die Ursachen für Migration in den Systemstrukturen und nicht in den Unterschieden der Arbeitsmarktergebnisse. Anders als in den bereits vorgestellten Migrationstheorien konzentriert sich die Weltsystemtheorie nicht auf individuelle oder auf Haushaltsebene getroffene Migrationsentscheidungen, sondern untersucht die Rahmenbedingungen in einer Welt, die sehr unterschiedlich entwickelt ist. ← 35 | 36 →

In dieser Theorie wird die Welt in eine kapitalistische industrialisierte Kernregion und eine weniger entwickelte Peripherie eingeteilt. Es wird angeführt, dass entwickelte kapitalistische Systeme, die vor allem in Westeuropa und Nordamerika zu finden sind, dazu neigen, weniger entwickelte Bereiche der Erde wirtschaftlich und politisch zu penetrieren (Massey et al., 1993). Es findet langfristig eine Integration aller Märkte statt. Die Initiative geht hierbei von den Industrieländern aus.

Durch die Marktintegration und den damit intensivierten Wettbewerb an den betroffenen Märkten werden traditionelle Produktionsmethoden obsolet. Zum Beispiel in der Landwirtschaft verdrängen kapitalintensive Produktionsmethoden arbeitsintensive Produktionsmethoden. Hierdurch verliert ein Teil der Bevölkerung seine Lebensgrundlage. Die Wahrscheinlichkeit erhöht sich, dass diese Arbeitsanbieter emigrieren (Massey et al., 1993).

Wie auch in der neoklassischen makroökonomischen Theorie werden Investitionen in den Ländern getätigt, die über eine geringere Kapitalausstattung verfügen. Die Unternehmen lassen in der Peripherie auch Güter für die Kernregion produzieren.

Das Errichten von Tochterunternehmen und Exportunternehmen in der Peripherie schafft starke Verbindungen zu der Kernregion, die für die Investition im Peripheriegebiet verantwortlich ist. Die Etablierung von Handelsrouten und Kommunikationssystemen senkt auch die Kosten für potenzielle Migranten. Migration zur Kernregion wird damit wahrscheinlicher (Massey et al., 1993).

Zudem wird in der Weltsystemtheorie festgestellt, dass die Penetration der Peripherie durch die Kernregion nicht nur die Märkte und die Produktionsverfahren berührt, sondern auch die Kultur, die Sprache und das Bildungssystem. Beispielhaft hierfür ist die Kolonialisation Afrikas. Durch die ideologische und kulturelle Anpassung der Peripherie an die Kernregion wird es Arbeitskräften erleichtert, innerhalb der Kernregion Fuß zu fassen, sollten sie dorthin auswandern (Massey et al., 1993).

Wie auch die Theorie des dualen Arbeitsmarktes nimmt die Weltsystemtheorie an, dass die Arbeitsmärkte der Kernregion Bifurkationen aufweisen und es prob ← 36 | 37 → lematisch ist, originäre Einwohner der Kernregion für Arbeiten am unteren Rand der Einkommensverteilung zu motivieren. Dieser Umstand schafft in den Kernregionen eine Nachfrage nach Arbeitskräften aus der Peripherie (Massey et al., 1993).

Eine wichtige Prognose der Weltsystemtheorie ist, dass Migration zwischen ehemaligen Kolonialmächten und deren ehemaligen Kolonien wahrscheinlicher ist als zwischen anderen Länderpaaren. Außerdem betont die Weltsystemtheorie die Bedeutung verschiedenartiger Verbindungen zwischen industrialisierten kapitalistischen und unterentwickelten Regionen der Erde. Individuelle oder marktspezifische Charakteristika, wie sie in der neoklassischen Theorie oder der neuen Migrationsökonomik formuliert werden, spielen bei der Induktion von Migrationsströmen in dieser Theorie nur eine nachgeordnete Rolle. Vielmehr werden Einkommens- und Produktivitätsunterschiede zwischen Kernregion und Peripherie vorausgesetzt.

Während die in den Abschnitten 2.1 bis 2.5 beschriebenen Theorien erklären, wie der Migrationsprozess in Gang gesetzt wird, beschäftigen sich die folgenden Ansätze - Netzwerktheorie, Institutionentheorie und kumulative Theorie - vor allem mit der Frage, warum Migration weiter stattfindet, auch wenn die ursprünglichen Rahmenbedingungen wegfallen beziehungsweise aufgrund welcher Faktoren sich diese Rahmenbedingungen ändern.

2.6 Netzwerktheorie

In der Netzwerktheorie wird behauptet, dass durch Netzwerke von Migranten in einem Einwanderungsland, die aus einem gemeinsamen Herkunftsland stammen, sowohl die Kosten als auch die Risiken der Migration abgesenkt werden.9 Das hat zur Folge, dass sich die erwarteten Nettorückflüsse der Migration, im Sinne der neoklassischen mikroökonomischen Migrationstheorie, ändern. Weitere Migration aus einem Land, welches eine große Diaspora in einem bestimmten anderen Land unterhält, wird wahrscheinlicher (Massey et al., 1993). ← 37 | 38 →

Kostensenkungen finden zum Beispiel dadurch statt, dass Neuankömmlinge mit Informationen und einer ersten Unterkunft im Zielland versorgt werden. Das Risiko, keinen Zugang zum Arbeitsmarkt im Zielland zu finden, wird ebenfalls dadurch abgesenkt, dass Mitglieder des Netzwerks bei der Arbeitsplatzsuche assistieren können oder zumindest über relevante Informationen verfügen.

Die Migrantennetzwerke sind in der Regel nicht formal institutionalisiert und beruhen auf herkunftsspezifischen Gemeinsamkeiten der Mitglieder. Das können unter anderem die gemeinsame Sprache, gemeinsame religiöse Weltanschauungen sowie freundschaftliche oder familiäre Beziehungen sein. Diese Netzwerke verbinden Migranten, Daheimgebliebene und ehemalige Migranten miteinander. Je umfangreicher ein Migrantennetzwerk ist, desto höher ist der Beitrag zur Kostensenkung und Risikominimierung. Jeder weitere Immigrant vergrößert das Netzwerk und verursacht dadurch eine weitere Reduktion von Migrationskosten und Risiko, sodass sich der Prozess selbst verstärkt. Begrenzt wird der Prozess durch Optimierungen der Haushalte im Herkunftsland, wie sie in der Neuen Migrationsökonomik beschrieben werden.

Netzwerke können dafür sorgen, dass Migration auch dann noch stattfinden wird, wenn die Gleichgewichtsbedingungen der neoklassischen Migrationstheorien erreicht sind. Durch die Entstehung von Netzwerken wird Migration weitestgehend unabhängig von den Faktoren, die den Prozess ursprünglich ausgelöst haben (Massey et al., 1993).

In jüngerer Zeit ist ein Literaturzweig entstanden, der die Zusammenhänge von Migrantennetzwerken und anderen ökonomischen Entwicklungen der Globalisierung untersucht. Als Beispiele seien hier Peri und Requena-Silvente (2010) genannt, die den Zusammenhang zwischen internationalem Handel und Migrantennetzwerken untersuchen. Weiterhin beleuchten Makino und Tsang (2010) die Auswirkungen von Netzwerken auf Auslandsdirektinvestitionen. Jansen und Piermartini (2009) untersuchen die Unterschiede zwischen permanenter und temporärer Migration im Zusammenhang mit Netzwerkwirkungen auf internationalen Handel.

Gerade vor dem Hintergrund dieser Literatur werden komplementäre Eigenschaften bezogen auf die Weltsystemtheorie deutlich. Zwar verzichtet die Netz ← 38 | 39 → werktheorie auf globale Systemzusammenhänge als Fundierung, aber sie liefert plausible Erklärungsansätze für das Weiterbestehen von Migration nach Änderung der ursprünglichen Rahmenbedingungen und die Entwicklung dieser Rahmenbedingungen. Im Gegensatz zur Weltsystemtheorie werden die Verbindungen und die Änderung der Rahmenbedingungen zwischen Sendeländern und Zielländern von Migration hier nicht von Unternehmen geschaffen, sondern von den Migranten selbst.

2.7 Institutionentheorie

Neben Kostenreduktionen und Risikoabsenkungen, die durch die Entstehung von Netzwerken verursacht werden, ist im Zuge des Migrationsprozesses auch regelmäßig die Evolution einer Reihe von Institutionen zu beobachten. Es bilden sich zum einen Schlepperbanden, Dokumentenfälscher, Heiratsvermittler und ähnliche zumeist im Verborgenen operierende Organisationen heraus, die das illegale Einwandern in ein Zielland ermöglichen und weitere Dienstleistungen für Migranten anbieten. Zum andern entstehen legale Organisationen, die im Zielland die Rechte von Immigranten vertreten und die Verschärfung der Einwanderungsregeln zu verhindern versuchen (Massey et al., 1993).

Motiviert wird die Entstehung solcher Institutionen dadurch, dass sie einer Vielzahl von Personen ein Einkommen ermöglichen. Ihre wesentliche Funktion ist die Absenkung der Migrationskosten. Mit fortwährender Dauer wird die Kenntnis über die Existenz und das Leistungsspektrum dieser Organisationen bei den potenziellen Migranten bekannt und so die Wahrscheinlichkeit von Migration erhöht (Massey et al., 1993).

Weiterhin prognostiziert die Institutionentheorie, dass es für Zielländer von Migration schwierig sein wird, einen erstmal zu Stande gekommenen Migrationsstrom zum Stillstand zu bringen, sofern sich einschlägige Institutionen gebildet haben (Massey et al., 1993). ← 39 | 40 →

Ein wesentlicher Unterschied zur Netzwerktheorie ist, dass die Träger von Institutionen nicht notwendigerweise Migranten sein müssen. Als Beispiel seien hier die Angestellten in den bundesdeutschen Ausländerbehörden genannt.

2.8 Kumulative Theorie

Abseits der durch Migration induzierten Entstehung von sozialen Netzwerken im Zielland und migrationsbedingten Institutionen behauptet die kumulative Theorie, dass jede positive Migrationsentscheidung den sozioökonomischen Rahmen der darauf folgenden Entscheidung ändert. Diese Änderungen können den Migrationsstrom verstärken. Als Kandidaten für solche Rückkopplungseffekte werden unter anderem die Verteilung des Einkommens, die Verteilung des Bodens im Herkunftsland von Migranten, der landwirtschaftliche Produktionsprozess und die regionale Verteilung des Humankapitals herausgearbeitet.

Als Beispiel für die Überlegungen der kumulativen Theorie sei hier die Änderung der Einkommensverteilung genannt. Wie durch die Neue Migrationsökonomik postuliert wird, kann die Einkommensverteilung innerhalb einer Gesellschaft unterschiedliche Migrationsanreize für die einzelnen Mitglieder hervorrufen. Die kumulative Theorie stellt fest, dass jeder einzelne Migrant dieses Gefüge ändern kann. Zum Beispiel diskutieren Stark et al. (1986) die Änderung der Einkommensverteilung innerhalb von Gemeinden aufgrund empfangener Remittances. Haushalte, die Transfers erhalten, steigen relativ zu Haushalten ohne Transfereinkommen in der Einkommenshierarchie auf. Letztere werden eher den Druck verspüren, Arbeitskräfte ins Ausland zu senden, um den Status quo wiederherzustellen. Das kann zur Folge haben, dass der Migrationsstrom verstärkt wird, wodurch weiterhin das Einkommensgefüge geändert wird, was wiederum den Migrationsprozess verstärkt (Massey et al., 1993).

Ein weiterer Befund der Theorie ist, dass Immigranten einige Tätigkeiten stärker wahrnehmen als andere und hierdurch eine Stigmatisierung dieser Tätigkeiten als „Immigrantenjobs“ stattfinden kann. Das hat zur Folge, dass es schwer fällt, diese mit Einheimischen zu besetzen und so eine stabile Nachfrage nach Immigranten geschaffen wird. Anders als in der Theorie des dualen Arbeitsmarktes ← 40 | 41 → werden in der kumulativen Theorie Bifurkationen durch Migration hervorgerufen.

2.9 Zusammenfassung

Die vorgestellten Theorien gliedern sich in zwei Gruppen. Zum einen wurden Theorien präsentiert, mit deren Hilfe das Zustandekommen eines Migrationsprozesses erklärt werden kann (Kapitel 2.1–2.5). Eine Zusammenfassung dieser Theorien ist in Tabelle 2 zu finden. Zum anderen werden Theorien vorgestellt, durch die die Persistenz eines bereits laufenden Migrationsprozesses erklärt werden kann (Kapitel 2.6–2.8). Diese Theorien werden in Tabelle 3 zusammengefasst.

TheorieAggregationsebeneDeterminanten der Migration
Neoklassische Mikroökonomische TheorieIndividuumLohndifferenzen, Arbeitslosigkeit, Kosten,
Neoklassische Makroökonomische TheorieSektoren (urban vs. ländlich), VolkswirtschaftenLohndifferenzen, Arbeitslosigkeit, Kosten
Neue MigrationsökonomikHaushalt Individuum vs. ReferenzgruppeRisikodiversifikation, relativer sozialer Status, Liquiditätsbeschränkungen
Theorie des dualen ArbeitsmarktesVolkswirtschaftNachfrage nach unqualifizierter Arbeit in Industrieländern, sozialer Status
WeltsystemtheorieKern / PeripherieIntegration von unterentwickelten Regionen in globale Märkte, kapitalistisches Wirtschaftssystem als Treiber

Tabelle 2: Migrationstheorien I (Induzierung des Migrationsprozesses)

Für die Implementierung von Arbeitsmigration in makroökonomische Modelle lassen sich verschiedene wichtige Erkenntnisse aus den Migrationstheorien zie ← 41 | 42 → hen. Erstens findet Migration zum Zwecke des Arbeitsangebots typischerweise in Regionen mit höheren erwarteten Löhnen statt. In den neoklassischen Theorien dienen Lohndifferentiale als Auslöser von Migration. Die Weltsystemtheorie und die Theorie des dualen Arbeitsmarktes negieren diese Behauptung nicht, sondern fügen lediglich weitere systemische und soziologische Erklärungen hinzu.

Theoriemigrationsbeeinflussender FaktorWirkung auf den Migrationsprozess
NetzwerktheorieMigrantennetzwerkeKosten- und Risikoreduktion
InstitutionentheorieInstitutionalisierungKosten- und Risikoreduktion
Kumulative TheorieVeränderungen durch Migration im HerkunftslandVeränderung von Rahmenbedingungen

Tabelle 3: Migrationstheorien II (Persistenz des Migrationsprozesses)

Zweitens beeinflussen verschiedene Kostenkategorien der Migration das Ausmaß der Migration, wie es die neoklassischen Theorien, die Netzwerktheorie und die Institutionentheorie behaupten.

Drittens weist die Neue Migrationsökonomik darauf hin, dass Risikodiversifikationsüberlegungen oder soziale Rahmenbedingungen innerhalb von Referenzgruppen den Einfluss von Lohndifferentialen und Migrationskosten überwiegen können.

Viertens stellt die Neue Migrationsökonomik die Bedeutung von Remittances heraus, in dem sie, im Gegensatz zu den neoklassischen Ansätzen, auf das Weiterbestehen von Verbindungen zu den Haushalten des Entsendelandes fokussiert.

Fünftens erläutert die Kumulative Theorie, dass die Zusammenhänge zwischen den Determinanten der Migration und der Migration selbst sich im Zeitverlauf ändern können und so den Migrationsstrom beeinflussen. Hier wird, bei fortge ← 42 | 43 → setzter Migration aus einer bestimmten Herkunftsregion in eine bestimmte Zielregion, vor allem ein Rückgang der Migrationskosten prognostiziert. ← 43 | 44 → ← 44 | 45 →

6 Einen umfangreicheren Überblick gibt zum Beispiel Haug (2000).

7 Eine Übersicht über Erweiterungen des Harris-Todaro-Modells findet sich in Todaro (1976).

8 Hierbei kann es sich, je nach Modellierung, um repräsentative Haushalte oder tatsächliche Haushalte handeln. Ein Beispiel für letzteren Ansatz liefert zum Beispiel Mincer (1978).

9 Zhao (2003) findet empirische Evidenz für die Bedeutung von Migrantennetzwerken bezogen auf intranationale Migration in China.