Show Less
Restricted access

Friedrich Theodor Vischer und Italien

Die erlebte Ästhetik eines Augenmenschen

Francesca Iannelli

Die Autorin rekonstruiert die leidenschaftliche Beziehung Friedrich Theodor Vischers (1807–1887) zu Italien im Kontext der Italienreisen seiner Vorgänger, Goethe und Winckelmann, und Nachfolger, Nietzsche und Freud. Die ästhetischen Schriften und die Briefwechsel, besonders mit Strauß und Benelli (zum ersten Mal untersucht und publiziert), geben Aufschluss über den Kunstsinn dieses unersättlichen Augenmenschen. Seine erlebte Ästhetik, die aus einer täglichen Kunstrezeption und zahlreichen Italienreisen erwuchs, war die verborgene Inspirationsquelle für die berühmte Einfühlungstheorie seines Sohnes Robert. Die Überzeugung, dass die Bilder ewige Macht besitzen und dass eine symbolische Kunstrezeption möglich ist, ist sein wichtigstes Erbe in der unruhigen Zeit des iconic turn.
Show Summary Details
Restricted access

Kapitel 1: Vischer und Italien: Eine Liebesgeschichte und andere Phantome

Extract



1.1  Friedrich Theodor Vischer: Ein ruheloser Ästhetiker

„Ja, ich möchte die Bücher an die Wand werfen, ein paar Jahre nichts als zeichnen, nach Italien gehen“1, so schreibt der junge Friedrich Theodor Vischer in einem Brief an seinen Freund Ernst Rapp2. Es ist der 21. September 1836, Vischer hat kurz zuvor am Tübinger Stift zwei Vorlesungszyklen mit Erfolg abgeschlossen: über Faust und über die Geschichte der deutschen Poesie von der Reformation bis zur Gegenwart. Nur zwei Monate später, genauer am 24. November 1836, wird die Disputation seiner Habilitationsschrift Über das Erhabene und das Komische stattfinden, in der er eine dynamische und unstabile Auffassung der Schönheit vertritt, einer vom Erhabenen und vom Komischen angehauchten Schönheit. Als er dann kurz darauf, im Februar 1837 von der Universität Tübingen seine Ernennung zum Professor für Ästhetik und Literaturgeschichte erhält, wodurch seine Existenz in feste Bahnen gelenkt wird, fühlt er sich, kaum dreißigjährig, in einen eisernen Käfig der Abstraktion verdammt, in dem nur ein halbes, klaustrophobisches Leben möglich ist. Aus den an den Freund Rapp, an Mörike und David Friedrich Strauß gerichteten Briefen jener Jahre lassen sich wichtige Hinweise auf eine tiefe Frustration entnehmen. Vischer ist sich bewusst, eine „versteckte Natur“3 in sich zu haben und über eine künstlerische Empfindungsgabe und eine poetische Berufung zu verfügen, die nicht zum Ausdruck kommen würden, wenn seine akademische Laufbahn ihn auf die reine Theorie...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.