Show Less
Restricted access

Friedrich Theodor Vischer und Italien

Die erlebte Ästhetik eines Augenmenschen

Francesca Iannelli

Die Autorin rekonstruiert die leidenschaftliche Beziehung Friedrich Theodor Vischers (1807–1887) zu Italien im Kontext der Italienreisen seiner Vorgänger, Goethe und Winckelmann, und Nachfolger, Nietzsche und Freud. Die ästhetischen Schriften und die Briefwechsel, besonders mit Strauß und Benelli (zum ersten Mal untersucht und publiziert), geben Aufschluss über den Kunstsinn dieses unersättlichen Augenmenschen. Seine erlebte Ästhetik, die aus einer täglichen Kunstrezeption und zahlreichen Italienreisen erwuchs, war die verborgene Inspirationsquelle für die berühmte Einfühlungstheorie seines Sohnes Robert. Die Überzeugung, dass die Bilder ewige Macht besitzen und dass eine symbolische Kunstrezeption möglich ist, ist sein wichtigstes Erbe in der unruhigen Zeit des iconic turn.
Show Summary Details
Restricted access

Kapitel 2: Freundschaft, Poesie, Politik und andere Dissonanzen

Extract



2.1  Italien in Vischers Briefen

Es mag vielleicht merkwürdig erscheinen, dass in einem Literaturarchiv, einem Tempel der deutschen dichterisch-literarischen Tradition wie dem Marbacher1, ein auf Italienisch geführter Briefwechsel zwischen einem gewissen, nahezu unbekannten Francesco Leopoldo Benelli und einem engagierten Theoretiker wie Friedrich Theodor Vischer verwahrt ist. Obwohl der Philosoph im Vergleich zu anderen berühmten Schwaben wie Hegel oder Hölderlin für die Ideengeschichte weniger einflussreich gewesen sein mag, war er in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts doch eine sehr bedeutende Figur. Noch heute in seiner Heimat neben Mörike, Strauß und Kerner als berühmter Bürger der Stadt Ludwigsburg geliebt und geachtet, war er vielseitiger Dichter von unbezähmbarer Ironie, Germanist und Literat von internationalem Ruf. Er war außerdem politischer Aktivist der 1848er Revolution, Tierschützer und nicht zuletzt, wie wir im vorherigen Kapitel gezeigt haben, leidenschaftlicher Reisender. Seine Freundschaft mit Francesco Leopoldo Benelli geht über die strengen akademischen Grenzen hinaus und bezeugt außer einer aufrichtigen Wertschätzung und Zuneigung seine unterschwellige Bindung an Italien in Zusammenhang mit einer Weltanschauung, die er auf den Reisen seiner Jugend für sich entdeckt und die ihn inspiriert und sein ästhetisch-künstlerisches Empfinden stark beeinflusst hat.

Den durchdringenden und immer schärferen Blick, mit dem Vischer die italienische Kunst, Kultur und die Bräuche betrachtete, gab er später an seinen geliebten Sohn weiter, den Kunsthistoriker Robert Vischer (1847 Tübingen – 1933 Wien), der, den Spuren des Vaters...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.