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Formen des Nicht-Verstehens

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Oliver Niebuhr

Für viele Sprachwissenschaftler ebenso wie für Sprachbenutzer ist Nicht-Verstehen eine unabsichtlich entstehende Randerscheinung in der Kommunikation, die es zu vermeiden gilt. Die Beiträge in diesem Band rücken das negative Image des Nicht-Verstehens ein wenig zurecht. Sie analysieren und kategorisieren die Formen des Nicht-Verstehens aus unterschiedlichen ingenieurs- wie geisteswissenschaftlichen Blickwinkeln heraus für verschiedene Sprachen und Medien. Nicht-Verstehen ist – mal mehr, mal weniger ausgeprägt – in geschriebener wie gesprochener Sprache allgegenwärtig und wird von Sprachbenutzern auch gezielt instrumentalisiert. Zudem werden einige Formen des Nicht-Verstehens überschätzt – oder durch die Forschung selbst erst geschaffen, die das (Nicht-)Verstehen noch nicht verstanden hat.
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Dirk Westerkamp: Formen und Kategorien des Nichtverstehens

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Formen und Kategorien des Nichtverstehens

Dirk Westerkamp (Kiel)

1. Die symbolische Als-Struktur des Verstehens

Verstehen ist ein zweistelliges Prädikat. Wir verstehen stets etwas. Manchmal sind die Gründe, warum etwas verstanden wird, ebenso vielfältig und unzugänglich wie die unseres Nichtverstehens. Auch steht zu vermuten, dass wir von allem, was sich uns irgend zu verstehen gibt, weder überhaupt nichts verstehen noch ein vollständiges Verständnis gewinnen. Vielmehr eröffnet sich in dem „logischen Raum“ (WITTGENSTEIN 1921/1984: 11) zwischen radikalem Nichtsverstehen und absolutem Allesverstehen, welche gleichermaßen unmöglich scheinen, der Horizont jedes möglichen Verstehens; und zwar stets als eine Mischform verstandener und unverstandener Anteile. Dies jedenfalls legt die symbolische Reflexivität unserer Sprache (vgl. WESTERKAMP 2012) nahe, die im Verstehen und Nichtverstehen zumindest des sprachlichen Sinns einen Spielraum eröffnet, der im Verstehen immer auch das Nichtverstehen reproduziert und umgekehrt (vgl. MERSCH 2010).

Als zweistelliges Prädikat ist Verstehen zugleich ein transitives Verb und damit Ausdruck einer Handlung, die sich auf etwas richtet. Als auf etwas Bestimmtes Gerichtetes kann das zweistellige allerdings auch als dreistelliges Prädikat verstanden werden. Denn begriffliches Verstehen ist immer ein Verstehen von Etwas als Etwas. Auch ein solches Verstehen mag seinen Gegenstand nicht vollständig erschließen, wohl aber unter einen bestimmten Begriff bringen. HEIDEGGER hat dies zu der Formel versammelt: „das ausdrücklich Verstandene[,] hat die Struktur des Etwas als Etwas“ (HEIDEGGER 1927/1993: 149). Freilich scheint es, als sei eine der symbolischen...

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