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Formen des Nicht-Verstehens

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Oliver Niebuhr

Für viele Sprachwissenschaftler ebenso wie für Sprachbenutzer ist Nicht-Verstehen eine unabsichtlich entstehende Randerscheinung in der Kommunikation, die es zu vermeiden gilt. Die Beiträge in diesem Band rücken das negative Image des Nicht-Verstehens ein wenig zurecht. Sie analysieren und kategorisieren die Formen des Nicht-Verstehens aus unterschiedlichen ingenieurs- wie geisteswissenschaftlichen Blickwinkeln heraus für verschiedene Sprachen und Medien. Nicht-Verstehen ist – mal mehr, mal weniger ausgeprägt – in geschriebener wie gesprochener Sprache allgegenwärtig und wird von Sprachbenutzern auch gezielt instrumentalisiert. Zudem werden einige Formen des Nicht-Verstehens überschätzt – oder durch die Forschung selbst erst geschaffen, die das (Nicht-)Verstehen noch nicht verstanden hat.
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Manja Kürschner: Vom Verstehenwollen und dem Wertschätzen des Nichtverstehens – Unzuverlässiges Erzählen als Naturalisierungsstrategie beim Lesen postmodernistischer Romane

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Vom Verstehenwollen und dem Wertschätzen des Nichtverstehens – Unzuverlässiges Erzählen als Naturalisierungsstrategie beim Lesen postmodernistischer Romane

Manja Kürschner (Kiel)

1. Das Andere verstehen: Ein Spannungsverhältnis mit Potential

„Einem Menschen begegnen heißt, von einem Rätsel wachgehalten zu werden“, formuliert Émmanuel LÉVINAS (1983: 120) in der Aufsatzsammlung Die Spur des Anderen. Untersuchungen zur Phänomenologie und Sozialphilosophie. Das Rätsel der Begegnung ist hier ein durchweg positiv konnotiertes Ereignis, das den Menschen aktiviert, sich mit dem Anderen, dem Unverstandenen auseinander zu setzen. Nach Lévinas ist und bleibt das Andere fremd und stellt nicht nur einen anderen Fall dessen dar, was ich auch bin. Als Lebewesen, das „zum Sinn verurteilt“ (MERLEAU-PONTY 1945: xiv) und auf die Konstruktion von Sinn zusammen mit anderen angewiesen ist, findet sich der Mensch im Kontakt mit dem Anderen in einem Spannungsfeld zwischen Sinn und Nicht-Sinn wieder. Die Unvereinbarkeit des Drangs nach Verständnis einerseits und der Konfrontation mit der Opazität andererseits verlangt nach Strategien, die einen Umgang mit dieser Spannung erlauben. Dabei steht zunächst die Auflösung der Spannung in eine Form von Verstehen im Vordergrund. Emil ANGEHRN erklärt diese Strategie folgendermaßen:

„Ein Kunstwerk verstehen heißt, dass es für mich etwas bedeutet, mir ‚etwas sagt‘ (auch wenn ich das Gesagte nicht ohne weiteres wiedergeben und explizieren kann). […] Wahrnehmen von Sinn vollzieht sich im Horizont dessen, was sich […] als sinnvoll – als verständlich, aber auch als bedeutsam,...

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