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Der Nationalsozialismus als Problem der Gegenwart

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Joachim Perels

Kritik an – heute wirksamen – Umdeutungen der despotischen NS-Herrschaft bildet den roten Faden der Untersuchung. Dazu gehört die Verwandlung des Hitlerregimes in einen Rechtsstaat und die Entpolitisierung der beamteten Funktionseliten der Diktatur. Die Auswirkungen der weitgehenden Übernahme des Justizapparats des Dritten Reiches werden sichtbar – wie die vielfache Auflösung des Täterbegriffs für nationalsozialistische Massenverbrechen.
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Nähe zu NS-Gewaltverbrechern. Die Berichte des deutschen Gefängnisarztes von Nürnberg

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I.

Die in der „Waldeckischen Landeszeitung“ unter dem Titel „Als Gefängnisarzt in Nürnberg“ 1952 erschienenen, auf Tagebuchaufzeichnungen beruhenden Berichte von Ludwig Pflücker entwickeln eine Blickrichtung für das Nürnberger Verfahren gegen die Hauptkriegsverbrecher, die die Dimension der Zerstörung zivilisatorischen Rechts, die den Inhalt des Urteils gegen Hermann Göring, Wilhelm Keitl, Ernst Kaltenbrunner und der anderen Angeklagten bildet, zum Verschwinden bringt. Die Legitimität des Verfahrens wird in Zweifel gezogen. Im Gegensatz zum Selbstbild Pflückers, demzufolge er sich als Helfer seiner Patienten – führende Machträger der NS-Diktatur – „ausschließlich von ärztlichen Gesichtspunkten leiten ließ,“1 liegt seinem Bericht eine politische Infragestellung des Nürnberger Verfahrens zugrunde. Er schildert ein Gespräch mit Fritz Sauckel, der für die völkerrechtswidrige Rekrutierung der Millionen Zwangsarbeiter aus ganz Europa zuständig war. Dabei reproduziert Pflücker, wie sich bei der Lektüre seines Tagebuches zeigt, die Selbstrechtfertigung der nationalsozialistischen Täter, die sich – bis auf zwei Ausnahmen – in ihren Schlussworten allesamt für nicht schuldig erklärten, obwohl sie für die Ermordung der Juden, den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion und viele andere Verbrechen verantwortlich waren.

Der deutsche Gefängnisarzt gibt seine ärztlich Rolle auf und stellt die Erfüllung der Massenmordtatbestände, die den Kern des Nürnberger Verfahrens bilden, in Abrede. Er tritt an die Seite eines Hauptkriegsverbrechers: Er „erinnert (Sauckel) … daran, dass auch andere hochstehende politische Persönlichkeiten in den Tod gehen mussten, ohne im eigentlichen...

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