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Tagebücher und Briefe. Bd. 4

1854 - 1856 Wien - Leipzig - Berlin - Venedig - Wien- Hrsg. und eingeleitet von Heinz Bluhm

Ottilie von Goethe

Mit Ausnahme eines Kurzaufenthaltes in Venedig lebt Ottilie in diesen zwei Jahren hauptsächlich in Oesterreich und Deutschland. Von Italien zurück nimmt sie in Wien wieder ihr altgewohntes geselliges Leben auf. Seligmann geht wie früher bei ihr ein und aus, obwohl sehr bald die alten Klagen wieder zu hören sind, dass er zu wenig komme. Ihre Kinder, die lebenden Söhne und die toten Töchter, liegen ihr schwer auf der Seele. Man trifft Ottilie sehr oft an den Gräbern von Anna und Alma. Kurze Aufenthalte in Weimar, Leipzig, Berlin und Dresden folgen Ueberall wird sie von der Prominenz aufgesucht und erwidert deren Besuche; Alexander von Humbolt, Hermann Grimm, der Bildhauer Rauch, Schellings Witwe usw. Die Rückkehr nach Wien bedeutet keine Erleichterung in ihrer weiter problematischen Existenz. Dr. Seligmann will die kränkelnde Freundin nach Italien zur Erholung schicken. Sie kann aber das nötige Geld dazu nicht aufbringen, um auf ihre anspruchsvolle Weise dort leben zu können. Das Alter macht ihr immer mehr zu schaffen. Schliesslich reist sie doch noch für kurze Zeit nach Italien, wo sie in Venedig ihren 59. Geburtstag 'traurig und einsam' verlebt: «Wo einen Lichtblick finden - ich weiss es nicht»: Am 4. Juli wird sie in Wien von Seligmann wieder herzlich willkommen geheissen. Aber der Kummer wächst, sie leidet zunehmend an den unglücklichen Söhnen und nicht zuletzt an sich selbst.