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Selbstpoetik 1800-2000

Ich-Identität als literarisches Zeichenrecycling

Ralph Köhnen

Die Idee des «invent yourself», der Ich-Konstruktion mit künstlerischen Mitteln hat bei aller Aktualität auch eine lange Tradition, die bis in die griechische Antike zurückweist. Im 18. Jahrhundert bahnt sich eine Entwicklung an, in der das Ich als ein ästhetisch geformtes begriffen wird: Anthropologie und Ästhetik geben zunächst dem privilegierten Autor die Möglichkeit zum Selbstentwurf, mit der Romantik wird dann das Angebot an alle anderen ausgeweitet. Knapp 20 Beispiele von Herder über Nietzsche bis zu Autoren der Gegenwart sollen zeigen, wie sich solche Technologien des Selbst in Literatur, bildender Kunst und Philosophie entwickelt haben, wenn dabei das Ich auf kulturelle Stereotypen oder Ikonografien greift und diese variiert, also ein Zeichenrecycling in der Literatur betreibt.
Aus dem Inhalt: R. Köhnen: Selbstpoetik 1800/1900/2000. Ich-Identität als literarisches Zeichenrecycling – M. Steinmayr: Archivgespenster - Medien der Selbsttechnik in Herders Journal meiner Reise und Moritz’ Anton Reiser – H. Bösmann: Blödigkeit und Dilettantismus. Die anthropologische Etablierung eines Dichterselbst bei Hölderlin und Schiller – L. Koch/T. Roberg: Selbstentwürfe der Frühromantik zwischen Subjektzentrierung und Gruppenidentität – R. Köhnen: Sich erfinden. Jean Paul, Polyhistor und Professor seiner selbst – F. Wistuba: Leben als Experiment oder der «Doppelblick» aufs Dasein. F. Nietzsches Ecce Homo – S. Thißen: Identität als polyperspektivisches Konstrukt. Aspekte eines impliziten Modell-Ichs in Rilkes Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge – F. Nöllenburg: Kunst-Leben und Doppelleben. G. Benns anti-synthetische Selbstpoetik – J. van Treeck: Wichtig ist, was unten rumkommt. W. Serners Strategien für das Leben in relativen Realitäten – J. Schmelz: «Ich sterbe am Leben und atme im Bilde wieder auf.» E. Lasker-Schülers poetische Entwürfe als Maskenspiel – A. Johannes: Avantgarde und Katholizismus - Kontingenz und Teleologie bei H. Ball – K. Fischer: K. Schwitters: Selbsterfindung und Kunstleben – P. Müller: Placet experiri: Die ethopoetische Lebensweise von M. Foucault – S. Scholz: Der maskierte Dramatiker oder der Autor als Zitat. Zum autopoetischen Konzept der performativen Vielstimmigkeit in den autobiographischen Texten H. Müllers – P. Müller/K. Schmidt: Goetzendämmerung in Klagenfurt: Die Uraufführung der sezessionistischen Selbstpoetik von R. Goetz – M. Tillmann/J. Forth: Der Pop-Literat als «Pappstar». Selbstbeschreibungen und Selbstinszenierungen bei B. von Stuckrad-Barre – F. Lettow: Der postmoderne Dandy - die Figur C. Kracht zwischen ästhetischer Selbststilisierung und aufklärerischem Sendungsbewusstsein – S. Scholz: Die Maschine des Seins ist eine Zeichenmaschine oder der Intendant als Gesamtkunstwerk. Ein zeichenanalytischer Versuch zur Selbstpoetik L. Haußmanns – G. Verweyen: Yukio Mishima - Ende einer Maskerade – S. Kirsch: Wen immer ihr hier sucht, ich bin es nicht. Selbstporträt S. Kirschs als junger Mann.