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Verkaufte Kultur

Die sowjetischen Kunst- und Antiquitätenexporte, 1919-1938

Waltraud Bayer

«Rembrandt für Traktoren» – mit plakativen Parolen wie diesen rechtfertigten die Bolschewiki den beispiellosen Ausverkauf von russischem Kulturgut. Doch der Tausch von Pretiosen für Devisen war nicht nur ökonomisch motiviert. Er bot auch eine geeignete ideologische Legitimation zur Abrechnung mit der ehemaligen Elite. Die Besitztümer des Zarenhofs, des Adels, der Bourgeoisie und des Klerus wurden massenweise verstaatlicht und zum Export freigegeben. Zunächst beschränkte sich die Moskauer Regierung auf gute Handelsware, die im Ausland versteigert wurde, – auf Gemälde, Grafiken, Gobelins, Teppiche, Silber, Bronzen, Porzellan, Möbel, Uhren, sakrale Wertgegenstände, Bibliotheken oder Juwelen. 1928 änderte sie ihre Strategie: Einzigartige Meisterwerke aus der Eremitage wurden in der Folge an internationale Sammler und Museen veräußert.
In den zwanziger und dreißiger Jahren sorgten diese Verkäufe im Westen wiederholt für Schlagzeilen, Skandale, Beschlagnahmen und Gerichtsprozesse. Danach gerieten sie in Vergessenheit. Die in der UdSSR bis in die späten 1980er Jahre tabuisierten Geschäfte sind erst in Ansätzen erforscht. Erstmals versucht nun ein interdisziplinäres Team, (Kunst-)HistorikerInnen und MuseumswissenschaftlerInnen aus sechs Ländern, diesen Themenkomplex auf der Basis von umfangreichsten Archivstudien zu erforschen. Neben den zentralen Handelspartnern dokumentiert der Band auch bislang vernachlässigte Aspekte, wie die gesetzlichen und strukturellen Rahmenbedingungen, die heutigen Besitzer sowie den gänzlich unbekannten Konnex zur «Arisierung».
Aus dem Inhalt: Waltraud Bayer: «Heimatbesuch»: Van Eycks Verkündigung in der Eremitage – Waltraud Bayer: Revolutionäre Beute: Von der Enteignung zum Verkauf – Elena Solomacha: Verkäufe aus der Eremitage, 1926-1933 – Rifat Gafifullin: Kunst und Antiquitäten aus den Leningrader Schlossmuseen, 1926-1934 – Natal’ja Semenova: Verluste der Moskauer Museen – Waltraud Bayer: Erste Verkaufsoffensive: Exporte nach Deutschland und Österreich – Francine-Dominique Liechtenhan: Verdeckte Geschäfte mit Frankreich – Janine Jager: Reger Handel mit den Niederlanden – Ulrike Hartung: Zentraler Exportmarkt USA – Anja Heuß: Russisches Kulturgut in (westeuropäischen) jüdischen Sammlungen: Von den Berliner «Russenauktionen» bis zur «Arisierung» – Kirill Postoutenko: Die Pretiosen der Großfürstin Swana: Dichtung und Wahrheit oder Die Umwertung aller Werte – Waltraud Bayer: Lorenzo Lotto kehrt zurück.