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Laien, Lektüren, Laboratorien

Künste und Wissenschaften in Russland 1860-1960

Matthias Schwartz, Wladimir Velminski and Torben Philipp

Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts machen die exakten Wissenschaften den schönen Künsten zunehmend das Deutungsmonopol über den Menschen und die Natur streitig. Naturwissenschaftliche Forschungen und Experimentalordnungen erheben den Anspruch auf objektive Wahrheit und letztendliche Erklärungen gegenüber etablierten Ästhetiken und Moralvorstellungen. Insbesondere biologische, physiologische und psychologische Dispositive prägen in wechselnden Konjunkturen und unterschiedlichen Konstellationen zentrale gesellschaftliche, kulturpolitische und ästhetische Debatten und Diskurse in Russland und der Sowjetunion. Dabei ist das Verhältnis kein unilaterales von den Wissenschaften zu den Künsten, sondern ästhetische Aneignungen generieren immer auch neue Paradigmen und Wissenssysteme, die in andere Gesellschaftsbereiche zurückwirken. Dieser Band vereint erstmals im deutschsprachigen Raum neueste Forschungen aus den Literatur-, Kunst-, Medien-, Kultur- und Geschichtswissenschaften sowie der Wissenschaftsgeschichte zum Wechselverhältnis von Künsten und Wissenschaften in Russland und der Sowjetunion im Zeitraum von 1860 bis 1960.
Aus dem Inhalt: Matthias Schwartz/Wladimir Velminski/Torben Philipp: Bazarovs Erben. Ästhetische Aneignungen von Wissenschaft und Technik in Russland und der Sowjetunion – Torsten Rüting: Disziplin in Körper, Laboratorium und Staat. Biologische Metaphern in Diskursen um die Modernisierung Russlands – Igor J. Polianski: Das Unbehagen der Natur. Sowjetische Populärwissenschaft als semiotische Lektüre – Torben Philipp: ‘Etwa so, wie die Kanone und die Kanonenkugel ein Ganzes sein können’. Zoščenkos «Der Schlüssel des Glücks» als literarische Epistemologie – Riccardo Nicolosi: Das Blut der Karamazovs. Vererbung, Experiment und Naturalismus in Dostoevskijs letztem Roman – Susanne Strätling: Hirnschrift oder Handschrift? Die spiritistische Sematologie des Schreibens – Julia Kursell: Nikolaj Kulbin und die Notation der freien Musik – Mirjam Goller: Nikolaj Bugaev und Kotik Letaev. Wenn Mathematik (er)zählt – Anke Niederbudde: Geometrie als wissenschaftlich-argumentatives Hilfsmittel in den kunsttheoretischen Schriften Pavel Florenskijs – Ute Holl: Die Bildung des Menschen im Kino-Experiment. Laboratorien, Apparaturen und Dziga Vertovs Kinowahrheit als Medientheorie – Margarete Vöhringer: Professionalisiertes Laientum: Nikolaj Ladovskijs Psychotechnisches Labor für Architektur – Barbara Wurm: Gastevs Medien. Das «Foto-Kino-Labor» des CIT – Wladimir Velminski: Krieg der Gedanken. Experimentelle Lesesysteme im Dienste der Telepathie – Matthias Schwartz: Im Land der undurchdringlichen Gräser. Die sowjetische Wissenschaftliche Fantastik zwischen Wissenschaftspopularisierung und experimenteller Fantasie.