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Im Pausenraum des Dritten Reiches

Zur Populärkultur im nationalsozialistischen Deutschland

Series:

Carsten Würmann and Ansgar Warner

Erholungsangebote für den harten Alltag im Nationalsozialismus? Fluchtfahrzeuge für Eskapisten? Oder doch erfolgreiche Instrumente der Integration und Propaganda? Produkte einer modernen Populärkultur waren bis 1945 zentraler Bestandteil des Alltags im ‘Dritten Reich’. Auch wenn die Nationalsozialisten diese Kultur zumindest in Teilen von ideologischer Warte aus scharf kritisierten, forcierten sie den Ausbau einer auf Massenkonsum orientierten Kulturindustrie; zugleich versuchten sie freilich, deren Produkte zu beeinflussen und zu bestimmen.
Literatur- und Medienwissenschaftler sowie Historiker verorten in diesem Band u. a. Tierfilme, Science-Fiction, Arztromane und populärwissenschaftliche Zeitschriften im Kultur- und Propagandabetrieb des ‘Dritten Reiches’. Sie analysieren die Versuche zur Formierung der Unterhaltungsliteratur, beleuchten Phänomene wie die Inszenierung von Volksgemeinschaft im Fußballfilm, Theatertourneen für die Arbeiter der Reichsautobahn sowie die Präsenz von Blondinen und anderen Populärmythen in Propagandaflugblättern. Biographische Fallstudien beschäftigen sich mit der Stellung von Autoren wie Hans Dominik, Ernst Kreuder, Hans Fallada und Erich Kästner in der NS-Kulturindustrie. Die Beiträge zeigen, wie weit sich Nationalsozialismus und gute Unterhaltung miteinander kombinieren lassen. Sie zeigen aber auch, wo diese Verbindung an die Grenzen der Logik einer kapitalistisch organisierten Kulturproduktion stößt bzw. mit den ideologischen Ansprüchen einer Diktatur kollidiert.
Aus dem Inhalt: Carsten Würmann/Ansgar Warner: Im Pausenraum des ‘Dritten Reiches’. Zur Populärkultur im nationalsozialistischen Deutschland – Dorit Müller: Populärwissenschaftliche Zeitschriften im ‘Dritten Reich’ – Ramón Reichert: Tierfilme im ‘Dritten Reich’ – Martin Maurach: «Der zerbrochne Krug» auf der Autobahn. Die Reichsautobahnbühne 1936/37 zwischen Hochkultur und ‘Volksgemeinschaft’, Traditionalismus und Modernität – Ansgar Warner: «Elf Kameraden und ein Gedanke: Glauben an den Sieg». Unterhaltung und Kriegspropaganda im Fußballfilm des ‘Dritten Reiches’ («Das große Spiel», 1942) – Christiane Caemmerer: «Gentlemen prefer Blondes». Amerika-Stereotype in deutschen Feindflugblättern des Zweiten Weltkrieges und eine ihrer Vorlagen – Ine Van Linthout: «Dichter, schreibt Unterhaltungsromane!» Der Stellenwert der Unterhaltungsliteratur im ‘Dritten Reich’ – Dina Brandt: «Und die Welt sah, was deutscher Geist geschaffen.» Der deutsche Zukunftsroman im ‘Dritten Reich’ – Dorota Cygan: Braune Weißkittel. Autopsien populärer Arztromane im Nationalsozialismus – Walter Delabar: NS-Literatur ohne Nationalsozialismus? Thesen zu einem Ausstattungsphänomen in der Unterhaltungsliteratur des ‘Dritten Reiches’ – Christian Härtel: «Vom Schraubstock zum Schreibtisch». Populärliteratur für die Volksgemeinschaft am Beispiel Hans Dominiks – Anja Susan Hübner: «Erfolgsautor mit allem Drum und Dran». Der Fall Fallada oder Sollbruchstellen einer prekären Künstlerbiographie im ‘Dritten Reich’ – Markus Wallenborn: Schreibtisch im Freigehege. Der Schriftsteller Erich Kästner im ‘Dritten Reich’ – Stephan Rauer: «BUTKU». Zu Ernst Kreuders Kurzgeschichten im Nationalsozialismus – Anne D. Peiter: «Auto, Auto über alles!» oder «Die natürliche Ordnung des Unnormalen». Alltag und NS-Terror in Victor Klemperers Tagebüchern.