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Der Narr in der deutschen Literatur im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit

Kolloquium in Nancy (13.-14. März 2008)

Series:

Jean Schillinger

In der deutschen Literatur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit besitzt der Narr eine zentrale Rolle. Er erscheint als der Außenseiter, der die Ordnung der Gesellschaft und die herkömmlichen Denkweisen in Frage zu stellen vermag. Der Narr entzieht sich jedem Versuch einer eindeutigen Begriffsbestimmung. Unzählige Definitionsversuche zeugen von der Ratlosigkeit vor dieser schillernden Gestalt. Der Diskurs über den Narren mündet in die Reflexion über das Anderssein.
Die Beiträge dieses Bandes gehen aus dem im März 2008 vom «Centre d’Etudes Germaniques Interculturelles de Lorraine» veranstalteten Kolloquium hervor. Sie versuchen, einen Gesamtüberblick über das Narrenmotiv im Mittelalter und der Frühen Neuzeit zu gewinnen. Im Mittelpunkt stehen Werke der deutschen Literatur, wobei auch Schriften gewürdigt werden, die unter diesem Blickwinkel bislang kaum berücksichtigt wurden. Verschiedene Perspektiven kommen zum Tragen wie die Mehrdeutigkeit des Terminus «Narr», die Beziehung zwischen Narrheit und Weisheit sowie die Vielfalt der Funktionen, die der literarische Narr innehat. Narren ermöglichen (oft kritische) Überlegungen über das Verhältnis des Menschen zu Gott, über die Legitimität der politischen Macht und nicht zuletzt über das Wesen der Literatur. Grundlegend ist auch der Bezug zur Ikonographie: Die Gestalt des Narren konkretisiert sich im Bild und erhält auf diese Weise eine Anschaulichkeit, die zu seiner Publikumswirksamkeit entschieden beigetragen hat.
Aus dem Inhalt: Marie-Sophie Masse: «so ward ich durch sie tore». Narrheit und Liebespassion im Tristrant Eilharts von Oberg – Patrick Del Duca: Das Motiv der Torheit im Pfaffen Amis und in einigen Kurzerzählungen des Strickers – Michael Schilling: Närrische Erzähler, närrische Leser. Der Narr als Geburtshelfer literarischer Autonomie? – Klaus Haberkamm: «vff rechtem weg» oder «doren weg»? Eine Fallstudie zum Narrenbegriff in Sebastian Brants Narrenschiff – Jean Schillinger: Narr und Narrheit in der konfessionellen Polemik: Thomas Murners Großer Lutherischer Narr – Hélène Feydy: Der Narr bei Hans Sachs – Christine Baro: Von Idiotie bis Ironie. Figurationen des Narren in Dramatik und Epik am Beispiel von Jörg Wickram – Lehel Sata: Narrheit, Paradoxität und Hermetismus bei Sebastian Franck – Helga Meise: Narrheit in den Dramen Heinrich Julius’ von Braunschweig-Wolfenbüttel und Lüneburg – Jost Eickmeyer: Der Narr auf dem Thron. Narrenmotivik, vanitas mundi und die Mittel jesuitischer Didaktik bei Jacob Bidermann S.J. und Jacob Masen S.J. – Anne Wagniart: Zur politischen Funktion der Narren aus Liebe bei Gryphius, Hallmann und Lohenstein – Rosmarie Zeller: Gespielte Narrheit. Hofnarren im niederen Roman – Rainer Hillenbrand: Der traurige Simplicius. Über den Zusammenhang von Melancholie und Narrheit in Grimmelshausens Simplicissimus – Aline Le Berre: Der Narr in Grimmelshausens Simplicissimus, ein Blinder oder ein Weiser? – Peter Heßelmann: Narrheit und Klugheit in Christian Weises Die drey ärgsten Ertz-Narren – Alain Muzelle: Cervantes’ Don Quijote und Wielands Don Sylvio von Rosalva – Danielle Laforge: Wechselbeziehungen zwischen Narrheit und Weisheit. Abgrenzungen des Narrenbegriffs und epochale Bewertung.