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«Der Betende Knabe» - Original und Experiment

Ausstellung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz aus der Antikensammlung der Staatlichen Museen zu Berlin

Gerhard Zimmer and Nele Hackländer

In den Jahren von 1994 bis 1996 unterstützte die Volkswagenstiftung ein Forschungsprojekt, das in Kooperation zwischen dem Gießerei-Institut Aachen und der Antikensammlung Berlin durchgeführt wurde und das eine neue Stufe der Zusammenarbeit von Naturwissenschaftlern und Archäologen darstellt. Die Publikation Der Betende Knabe - Original und Experiment faßt die Ergebnisse dieser dreijährigen Zusammenarbeit zusammen und präsentiert neueste Erkenntnisse zum antiken Bronzeguß anschaulich und unter Zuhilfenahme zahlreicher Textabbildungen und Tafeln.
Ausgangs- und Mittelpunkt der Forschungen bildete die lebensgroße Statue des sogenannten Betenden Knaben in der Berliner Antikensammlung (SK 2). Die Bronze wurde am Anfang des 16. Jahrhunderts bei Arbeiten an der Stadtmauer von Rhodos gefunden und 1503 nach Venedig gebracht. Nach einer langen Wanderung durch Sammlungen in ganz Europa gelangte die Statue 1747 in den Besitz von Friedrich II., der sie auf der Terasse von Schloß Sanssouci aufstellte. In der Folge wurde die Bronze eines der wichtigsten Stücke in der Berliner Antikensammlung und war zuletzt im Pergamonmuseum ausgestellt.
Wie viele andere bekannte Werke der antiken Kunstgeschichte war der Betende aber bis in die jüngste Zeit hinein nie gründlich untersucht worden. Erst die Vereinigung der Bestände der Berliner Antikensammlung machte es möglich, den Knaben eingehend zu studieren und mit Hilfe privater Sponsoren neu zu sockeln.
Nach der Analyse von Kerntonresten aus dem Kopf der Statue wurde der Knabe nicht nur in Rhodos gefunden, sondern auch dort gegossen. Nun hat die archäologische Bodenforschung in Rhodos in großem Umfang Informationen zum Bronzeguß auf einem ganz anderen Sektor erbracht: Dort wurde seit 1974 bei Notgrabungen der Antikenverwaltung im Stadtgebiet eine Reihe von Werkstätten freigelegt, in denen Statuen aus Bronze gegossen worden waren. Die Auswertung der Befunde gab Einblick in den Arbeitsablauf antiker Bronzegußwerkstätten, und die naturwissenschaftliche Untersuchung von Werkstattabfällen lieferte Daten über die von den Bronzegießern verwendeten Herstellungstechniken. Da ein Teil dieser Anlagen zeitgleich mit der Statue des Betenden Knaben betrieben wurde, haben wir eine bisher nie gekannte Informationsdichte.
Das Problem bestand jedoch darin, die Daten aus der Untersuchung der Statue mit den Werkstattbefunden zu verknüpfen. Der Schlüssel hierzu lag beim Gießerei-Institut der RWTH in Aachen. Dort ist ein Simulationsverfahren entwickelt worden, welches erlaubt, das Erstarrungsverhalten von Metallen unter verschiedenen Bedingungen zu erforschen und zu testen. Die Anwendung der numerischen Simulation am Beispiel des Betenden Knaben brachte konkrete Ergebnisse hinsichtlich der Arbeitsvorgänge in den Werkstätten und der Herstellung der antiken Großbronze.
Die Absicherung der rechnerischen Ergebnisse erfolgte durch gezielte Experimente. Ein im Gießerei-Institut erfolgter Nachguß des Betenden Knaben bestätigte die Computersimulation vollauf. Ein weiteres Experiment, das in Zusammenarbeit mit der Antikenverwaltung der Toscana in Murlo bei Siena durchgeführt werden konnte und das die Rekonstruktion einer antiken Gießgrube sowie das Ausbrennen einer Form des Betenden Knaben unter mediterranen Bedingungen umfaßte, machte eine weitgehende Annäherung an die technischen Vorgaben der Antike möglich.