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Zweite Wirklichkeit

Formen der grotesken Bewußtseinsverengung im Werk Heimito von Doderers

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Hubert Kerscher

Lange wurde übersehen, daß Heimito von Doderer in seinen «Dämonen» hinter aller privaten Idyllik das Erlebnis der ideologischen Verblendung durch den Nationalsozialismus kritisch thematisiert. Individuelle Obsessionen erweisen sich gegenüber einer idealerweise unverstellten Wahrnehmung aller relevanten Daseinsbezüge («Apperzeption») als verhängnisvolle Keime einer kollektiven «zweiten Wirklichkeit», wie sie im Dritten Reich historische Gestalt annahm. In dieser erkenntniskritisch ambitionierten und episch höchst kunstvoll chiffrierten Phänomenologie des Faschismus artikuliert das Mittel der Groteske ein epochentypisches Sinndefizit. Doderers «Merowinger» bieten unter diesem Aspekt im Rahmen einer Poetik des Exzesses eine überraschend scharfsinnige Analyse der Strukturen totalitärer Machtsysteme.
Aus dem Inhalt: Apperzeptionstheorie und Groteske - «Die Dämonen»: Die zweite Wirklichkeit als strukturale Chiffre des Faschismus - Anarchische Kurzepik: Gesten der Aggression in den «Erzählungen» - Formen der Inversion: «Die Merowinger» zwischen Chaos und Kosmos.