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Gottfried Keller und das klassische Erbe

Untersuchungen zur Goetherezeption eines Poetischen Realisten

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Jörg Zierleyn

Das Problem der Auseinandersetzung mit dem literarischen Erbe stellt sich besonders dringlich für eine Generation von Autoren, die auf eine kulturelle Blütezeit folgt und nun die Wahl hat zwischen Epigonentum, radikaler Zäsur oder produktiver Traditionsaneignung.
Gottfried Keller, dem gemeinhin eine besondere Affinität zu Goethe nachgesagt wird, versucht sich an der Grundlegung eines Poetischen Realismus, in dem die Kunstprinzipien der Weimarer Klassik noch vernehmlich nachhallen. Im Zentrum der vorliegenden Untersuchung steht nun die Frage, wie Keller im Nachmärz die Aktualität des zuvor schon allenthalben für unzeitgemäß erklärten Klassikers hypostasieren kann.
Der Realist interpretiert die Vollendung der Klassik, die durch Wirklichkeitsferne erkauft ist, als ästhetische Antizipation kommender gesellschaftlicher Erfüllung, als Vorschein realer Schönheit und Harmonie. Nach 1848 glaubt der bürgerliche Demokrat Keller namentlich in der republikanisch verfaßten Schweiz Ansätze zur Verwirklichung dieses Vorentwurfs zu erblicken; es scheint sich die Möglichkeit abzuzeichnen, Wirklichkeit und Schönheit synthetisieren und so den Hiatus zwischen Ideal und Realität überbrücken zu können. Der Poetische Realist, der diese Gegebenheiten darstellt, ist somit weniger ein Epigone als vielmehr eine Art Testamentsvollstrecker der Weimarer Klassik.
Aus dem Inhalt: Der Tenor des Kellerschen Goethebildes - Das Goethebild und die Zeitläufte - Keller und der klassische Humanismus - Keller und das klassische Kunstideal - Keller und der Bürgerliche Realismus.