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Anabion 1540

Text lateinisch und deutsch

Marian Michael

Johannes Sapidus' Anabion erweist sich als in vieler Beziehung einzigartig. In der Renaissance, als alle Autoren sich genau an das Vorbild der Antike zu halten suchten, erklärt Sapidus offen: Wir leben in einer anderen Zeit, also sollten wir auch anders schreiben. In der Reformationszeit, als Autoren ihre Werke einzig zu moralischem Nutzen geschrieben haben wollten, gesteht Sapidus, er habe seinen Anabion nur für die Unterhaltung der Spieler und der Zuschauer verfaßt. Doch bewegt er sich mit überlegener Selbstverständlichkeit in reinem klassischen Latein, weiß er die quantitativen Versmaße der Antike mit absoluter Sicherheit der jeweiligen Stimmung seines Werkes einzugliedern. Dabei versteht es Sapidus, seine Figuren mit einer Genauigkeit des Charakters, einer Fülle der Einzelzüge auszustatten, wie vor Shakespeare niemand sonst. Hier ist christlicher Stoff in antikem Gewande. Anabion kann es wohl aufnehmen mit den Dramen des Plautus, des Terenz.
Johannes Sapidus (eigentlich Witz) wurde 1490 in Schlettstadt, im Elsaß als Sohn eines wohlhabenden Handwerkers geboren. Er erhielt seine Schulung in der berühmten Lateinschule seiner Heimatstadt, an der Universität Paris. Als Rector der Lateinschule in Schlettstadt brachte er diese Schule zu besonderer Blüte im humanistischen Geiste. 1526 als Protestant aus Schlettstadt ausgewiesen, wurde er Rector einer Lateinschule in Straßburg, dann Professor für Poetik an der neuen Akademie in Strassburg. Er starb in Straßburg 1561. Unter seinen zahlreichen Werken ist der Anabion das bedeutendste.
Der Anabion sollte für die Germanisten wie für die klassischen Philologen von großem Interesse sein wegen seiner einzigartigen dramatischen Wirksamkeit, seiner überlegenen Beherrschung der antiken Sprache, der antiken Form. Die lebendige Charakterisierung, die wuchtige Struktur sollten auch Intendanten, Regisseure ermutigen, Anabion auf die moderne Bühne zu bringen. Schließlich und endlich bietet das Werk eine interessante Lektüre für den gewöhnlichen Leser.