Show Less
Restricted access

Die Frucht der Eva und die Liebe in der Zivilisation

Das Geschlechterverhältnis im Gralsroman Wolframs von Eschenbach

Series:

Jutta Anna Kleber

Wolfram entwirft einen Zusammenhang zwischen dem Sündenfallbericht und der Artusminne und führt das Scheitern eines idealen, feudalen und christlichen Geschlechterverhältnisses auf die biblische Paradiesgeschichte zurück. Der Gral ist als Korrekturvorschlag des christlichen Konfliktes zwischen Erbschuld und Liebe gestaltet, d.h. als den Menschen von Gott gegebene Möglichkeit, die Sexualität zu entkulpabilisieren. Der Erzähler schlägt den Brudermord Kains als alternatives Sündenfallgeschehen und die 'ungenuht' als alternativen Inhalt der Erbschuld vor. Die Figuren des Romans gruppieren sich um die Erlösung der sexuellen Liebe innerhalb des christlichen Glaubensgebäudes. Mit Parzivals Amtsantritt beim Gral nimmt Gott seine Diskussionsbereitschaft über das Thema Sexualität zurück. Das am Ende des Romans wiederhergestellte Ideal ist die monogame Ehe, in der die Sexualität zur Zeugung der Nachkommenschaft reglementiert und ihre lustvolle Erfahrung verboten ist. Die Zukunftsprognose Wolframs sagt der Liebe auch im Heidnischen ihren Untergang voraus. Im Traum einer christlichen Weltherrschaft kündet der Gralsroman vom Ende der Liebe in der Zivilisation. Der Weg Gawans ist als exemplarischer Weg eines Artusritters zur 'werden minne' gestaltet, d.h. zu der vom Erzähler utopisch entworfenen, angst- und schuldfreien Einstellung des Christen zur Sexualität, zur Liebe und zur Frau.
Aus dem Inhalt: Die Eingangsbücher des Parzival: Gahmuret und Schionatulander - Das Erbe und die Funktion des Feirefiz - Herzeloyde zwischen Lust und Buße - Parzival und die Liebe: Endstation Artus - Sündenfall, Erbschuld und Gral - Die Spiegelfunktion des Gawan und die 'werde minne'.