Show Less
Restricted access

Consuetudo consuetudine vincitur

Die Hausordnungen der Brüder vom gemeinsamen Leben im Bildungs- und Sozialisationsprogramm der Devotio moderna

Series:

Theo Klausmann

Die Brüder vom gemeinsamen Leben, halbklösterliche (semireligiose) Wohngemeinschaften von Klerikern und Laien, haben mit ihrem neuartigen und nicht unumstrittenen Projekt religiöser Selbstvervollkommnung und Gruppentherapie das Profil der als ‘Devotio moderna’ bekannten spätmittelalterlichen Reformbewegung wohl am markantesten geprägt. Diese Arbeit unternimmt ausgehend von zahlreichen bislang unveröffentlichten Texten den Versuch, die Gesamtheit der Hausordnungen, die für die Entstehung, Organisation und Ausbreitung dieser Lebensform maßgeblich waren, als ein durch personelle Beziehungen, gemeinsame Reformziele und intertextuellen Austausch verbundenes Corpus zu rekonstruieren und sie in ihrer Formentypik und Funktionalität zu erfassen. Die Fraterhaus-Consuetudines haben sich aus zunächst mündlich vermittelten Lebensregeln ihrer Führungsgestalten gleichsam experimentell zu einer eigenständigen Gattung entwickelt, die mit ihrem Geltungsanspruch zwischen sozialer Kontrolle und individueller Verantwortung charakteristisch ist für eine entscheidende Etappe in der Evolution des modernen Bewußtseins.
Aus dem Inhalt: Vom Konversionsentschluß zum geistlichen Übungsprogramm: Exercitia devota als Normen individueller Lebensgestaltung – Zwischen Defensive und Selbstbewußtsein: Die Apologetik der devoten vita communis und ihrer Consuetudines – Die Consuetudines von Deventer und ihre Ursprünge – Die Brüderbewegung in Zwolle und die Consuetudines des Dirc van Herxen – Heinrich von Ahaus und die Consuetudines von Münster und Wesel – Die Rezeption der frühesten Brüder-Consuetudines – Die Unionsstatuten des Münsteraner Kolloquiums von 1499 – ‘Ästhetik der Existenz’ oder ‘totale Institution’? Consuetudines zwischen sozialer Norm und persönlicher Freiheit.