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«Der Mensch denkt: Gott lenkt - keine Red davon¿»

Sprichwörtliche Verfremdungen im Werk Bertolt Brechts

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Wolfgang Mieder

Wie in den drei Kapiteln über Sprichwörter, Redensarten und Sagwörter gezeigt wird, nimmt Bertolt Brecht mit seinem «Widerspruchsgeist» eine ambivalente Einstellung gegenüber der sprichwörtlichen Fertigware ein. Obwohl er hin und wieder unbewußt zu diesen Sprachautomatismen greift, steht er der formelhaften Volkssprache doch eher kritisch gegenüber. Er wendet sich gegen die mechanische Wiederholung vorgeprägter Sprachklischees und entlarvt Denkmuster und traditionelle Wertvorstellungen, indem er sprichwörtliches Sprachgut verfremdend in Frage stellt. Seine ausgesprochene «Freude an der Dialektik» führt ihn immer wieder dazu, Sprichwörter und Redensarten auf den Kopf zu stellen, das heißt sie durch eine Art Umkehrtechnik in einem völlig neuen Licht auftreten zu lassen. So hat Brechts sprichwörtliche Sprache wenig zu tun mit Volkstümlichkeit. Indem er traditionsgebundene Sprichwörter und Redensarten verfremdet oder sie unverändert in neue Sachverhalte stellt, führt er zum Mitdenken und zu Bewußtwerdungsprozessen. So übernimmt die sprichwörtliche Sprache in Brechts dialektischer Sprach- und Denkweise eine ungemein wichtige Schlüsselfunktion.