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«Ein Diener Gotes, ohne Kopf»

Eine linguistische Untersuchung zur Transparenz von Adolf Wölflis Erzählwerk

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Ursula Gehbauer

Wegen eines Fehltritts hat Gott ihn bestraft. So erklärt sich Adolf Wölfli seinen unglücklichen Fall in den Wahnsinn. Von 1895 bis zu seinem Tod 1930 verbringt der ehemalige Verdingbub aus dem Emmental sein Leben in der psychiatrischen Klinik Waldau bei Bern. Die ersten Jahre ist er noch nicht schöpferisch tätig, ab 1899 aber versucht er, Gottes Strafe zu entrinnen: zuerst nur zeichnend, später auch schreibend. Wölflis bildnerisches Schaffen geniesst mittlerweile weltweiten Ruhm, sein dichterisches Werk hingegen ist weitgehend unbekannt. Letzteres ist nicht erstaunlich, sprengen doch seine Texte sämtliche literarische Konventionen und scheinen sich dem Verständnis vorerst in wesentlichen Punkten zu entziehen.
Die vorliegende Arbeit nähert sich Wölflis «komplisziertem» Erzählwerk aus linguistischer Perspektive. Durch die Analyse der inneren Struktur seiner Sprache bekommen scheinbar unverständliche Textstellen einen überraschenden Sinn, und Wölflis Von der Wiege bis zum Graab wird in hohem Grade transparent. Den Lesenden erschliesst sich eine faszinierend unkonventionelle Welt von Starrkrampfdelinquenten, väterlichen Sauerampfern, im Abendwind fliegenden Kindern sowie friedlich und vergnügt Pfeife rauchenden Ozeanen, in der Wölfli nicht nur über sein Dasein in der Waldau klagt, sondern auch als Kind Doufi die ganze Welt bereist. Zudem wird mit der in «Ein Diener Gotes, ohne Kopf» angewandten linguistischen Methode ein Instrumentarium vorgestellt, das auch zur Entschlüsselung anderer sogenannt psychotischer oder hermetischer Texte einen wichtigen Beitrag leisten könnte.
Aus dem Inhalt: Durch die Analyse seiner kognitiven und sprachlichen Strukturen wird Adolf Wölflis schwer zugänglicher autobiographischer Text Von der Wiege bis zum Graab weitaus transparenter, als er bisher zu sein schien. Das angewandte linguistische Instrumentarium kann auch zur Erhellung anderer sogenannt schizophrener Texte dienen.