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Dürrenmatts Kritik des abendländischen Denkens in «Stoffe I: Der Winterkrieg in Tibet»

Das «Labyrinth» : Weltgleichnis oder Epos einer neuen Aufklärung

Otto Keller

«Ich bin weder Psychoanalytiker noch Soziologe», schreibt Friedrich Dürrenmatt in seinem Essay Dramaturgie des Labyrinths, dem geistigen Zentrum seines ersten Stoffes, dem «Winterkrieg in Tibet». Die Wahl zu schreiben und als Schriftsteller seine Umwelt und sich selbst zu analysieren, hat bei ihm mit dem Konzept einer «wirklichen Weltgeschichte» zu tun. Damit verbunden sind eine Denkmethode – Dürrenmatt nennt sie «analytisch» – und ein bestimmter Denkstil, das Denken in Gleichnissen. Wenn der Minotaurustöter Theseus selber zum Minotaurus wird, wenn der Einzelne, der Rebell, zu seinem eigenen Feind wird, den er töten muss, um sein Leben zu sichern, dann schafft Friedrich Dürrenmatt ein Gleichnis, welches geistig Interessierte aller Disziplinen zu packen vermag. Das Paradoxon wird als Stilmittel benutzt, um die ambivalenten Kräfte der Umwelt und des Ichs, die Komplexität des Bewusstseins und des Unbewussten darzustellen. Der Autor Friedrich Dürrenmatt vermag als einer der originellsten Denker unserer Epoche durch seine Bildersprache des Grotesken das Denken unserer Zeit zu verändern und erneuern.
Aus dem Inhalt: Analyse des Nachlasses (Schweiz. Literaturarchiv), der «Gespräche» (Diogenes 1996), sämtlicher Dramaturgien (vor allem der 80er Jahre), sowie des essayistischen Werks im Gesamten – Dürrenmatts Verhältnis zu Kant, Kierkegaard und Nietzsche im Vergleich zur Nietzscherezeption in Frankreich (Deleuze u.a.) und zur Philosophie von Foucault – Position des Alterswerks im Gesamtwerk Friedrich Dürrenmatts: Politisierung seit den 70er Jahren («Zusammenhänge»), Verhältnis zum dramatischen und epischen Werk der 50er und 60er Jahre – Die Stellung von Dürrenmatts Werk innerhalb der Montageepik der Moderne (Kafka, Döblin u.a.) – Das Verhältnis Friedrich Dürrenmatts zur Sprache im Zeitalter nach Ferdinand de Saussure und die Folgen für Dürrenmatts Epik der «Stoffe»-Zeit.