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Milch und Acker

Körperliche und sexuelle Aspekte der religiösen Erfahrung- Am Beispiel der Bussdidaxe des Strickers

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Helmut Dworschak

Im Zentrum der vorliegenden Untersuchung stehen zwei dem Stricker zugeschriebene Anleitungen zu Reue und Beichte aus einer Sammelhandschrift des 13. Jahrhunderts. Die beiden Gebrauchstexte werden zunächst detailliert beschrieben und interpretiert. Sie nehmen auf den Körper des Rezipienten Bezug und entfalten ihre Wirkung besonders durch die Verwendung allegorischer Bilder wie Milcheingiessen und Ackerpflügen. Woher rührt die Überzeugungskraft, die diese offenbar für die mittelalterlichen Rezipienten besassen? Der Vergleich mit den in der Handschrift benachbarten Texten sowie mit mittelalterlichen medizinischen und rechtlichen Anschauungen der Sexualität stützt die These, dass die archetypischen Bilder auf sexuelle Vorstellungen rekurrieren und so auf den Körper und das Unbewusste eingewirkt haben. Anhand des psychoanalytischen Begriffs der psychischen Repräsentanz des Leibes sowie des Hegelschen Erfahrungsbegriffs wird schliesslich eine theoretische Vorstellung der Wirkungsweise des elementaren Gefässbildes gewonnen, das in vielen religiösen Texten zu finden ist, in denen die menschliche Begegnung mit dem Heiligen bildhaft dargestellt wird.
Aus dem Inhalt: Zwei Buss-Bîspel und ihre handschriftliche Umgebung – Der Gebrauch des Körpers beim Gebet – Die grosse «Klage»: eine abenteuerliche Busspredigt – Die Inkarnation als Modell der Kommunikation mit dem Heiligen – Ausserehelicher Beischlaf als Paradigma des Unreinen – «Wildes» Begehren und das Gebot der Fortpflanzung – Sexualität in Medizin und Recht – Die Beichte als Akt sozialer Integration – Das Ackerbild in der Predigt – Ein biblisches Deutungsmodell für Arbeit und Fortpflanzung – Psychoanalytische Rekonstruktion des Subtextes – Die symbolische Wirkung des Gefässbildes – Religiöse Erfahrung und die Erfahrung des Textes – Bekehrung und imaginäre Erfüllung.