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Der Vater meines besten Freundes schickte meinen Vater ins KZ

Eine jüdische Biographie zwischen Deutschland, der Slowakei, Tschechien und den USA

Series:

Frank Reiss and Pavel Matocha

Eine humorvolle Holocaust-Biographie? Ja und nein. Humorvoll ist das Buch «Der Vater meines besten Freundes schickte meinen Vater ins KZ» zweifellos, aber es als Holocaust-Biographie zu bezeichnen, wäre eine unzulässige Verengung. In ihrer einfältigen Dummheit erscheinen zwar viele Personen, die Frank Reiss aus ideologischen und aus rassistischen Gründen das Leben schwer gemacht haben, ausgesprochen lächerlich. Es mangelt den Autoren auch nicht an schwarzem Humor, dies in ihrer Schilderung mit einer gewissen Häme auszumalen. Wer sich die Folgen des Handelns dieser Menschen vor Augen führt, dem bleibt das Lachen freilich im Halse stecken. Dennoch steht außer Frage, dass ein unverwüstlicher Humor dem jüdischen Waisenkind Frank Reiss geholfen hat, alle Widrigkeiten zu überstehen, die eine oft feindliche Welt für es bereithielt. Ohne moralisierend den Zeigefinger zu erheben, rücken Frank Reiss und sein Co-Autor, der Journalist Pavel Matocha, in den Blick, wie der Holocaust menschliche Leben und Biographien zerstört hat. Bemerkenswert an ihrer Darstellung ist, den Fokus auch auf die vernichtende Wirkung zu richten, die der Rassismus und die menschenfremden Ideologien der Diktaturen des 20. Jahrhunderts keineswegs nur von 1933-45 und mitnichten lediglich in deutschem Namen entfaltet haben. Indem die Perspektive auf den Holocaust dabei verbreitert wird, scheint zugleich seine andauernde Aktualität auf. Einzigartig ist die Geschichte der eigentlich undenkbaren Freundschaft zwischen Frank Reiss, dessen Familie dem Holocaust zum Opfer fiel, und Roman Mach, dem Sohn des «slowakischen Eichmann», Alexander Mach. Sie wirft Fragen auf, die nicht nur im deutschen Umgang mit der Geschichte zentral sind: Vererben sich Täter- und Opferrollen, Schuld und Verstrickung? Wie viel Schaden fügt ein Täter sich selbst und den Seinen zu? Welche Rolle spielen persönliche sowie gesellschaftliche Rechenschaft und Erinnerungskultur? Sind Vergebung und Versöhnung überhaupt möglich? Aus der Perspektive eines Zeitzeugen, der als Berater des tschechoslowakischen Präsidenten Václav Havel nach 1989 den Schalthebeln der Macht selbst nahe gekommen ist, berührt dieses Buch zentrale Ereignisse des 20. Jahrhunderts: Die Judenverfolgung unter dem Nazi-Regime und in der faschistischen Slowakei, die antisemitisch geprägten «parteiinternen Säuberungen» des Stalinismus der frühen fünfziger Jahre, die bleierne Zeit bis zum «Prager Frühling», die ideologiebrechende stille Hilfe für Exilanten und Dissidenten, das Jahr 1989 und den schwierigen Prozess der Transformation seitdem. In der Auseinandersetzung mit «Helden» durchbrechen die Autoren vertraute und bequeme Schwarz-Weiß-Muster von Gut und Böse, Täter und Opfer. Unausgesprochen liefern sie dabei ein beeindruckendes Plädoyer für eine Kultur der menschlichen Akzeptanz und Verantwortung.