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Steiner neu lesen

Perspektiven für den Umgang mit Grundlagentexten der Waldorfpädagogik

von Ernst-Christian Demisch (Band-Herausgeber:in) Christa Greshake-Ebding (Band-Herausgeber:in) Johannes Kiersch (Band-Herausgeber:in)
©2014 Sammelband 211 Seiten

Zusammenfassung

Die Anthroposophie Rudolf Steiners wird gegenwärtig neu erforscht, als historisches Phänomen ebenso wie als Impulsgeber für aktuelle Projekte in vielen Lebensfeldern. Dabei geht es auch um ein sachgemäßes Verstehen der zugrunde liegenden Quellentexte. Dieses Buch beleuchtet die dabei zu lösenden, bisher übersehenen hermeneutischen Probleme. Es diskutiert die besonderen Ausdrucksmittel, die Steiner in seinen Schriften und Vorträgen verwendet, revidiert die verbreitete Ansicht, dass es sich bei anthroposophischen Einsichten um ein Faktenwissen im Sinne empirischer Forschung der üblichen Art handle, und eröffnet damit Perspektiven für einen undogmatischen, offenen Umgang mit dem bis heute umstrittenen Werk des Pädagogen und Lebensreformers.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Vorwort
  • Inhaltsverzeichnis
  • Einleitung
  • Grundlegendes
  • Zum Studium der Anthroposophie
  • Die Entfaltung der Goetheschen Denkungsart
  • Der moderne Mensch: Schiller
  • Die Begegnung
  • Rudolf Steiners Weg
  • Anregungen zur seminaristischen Arbeit
  • Goethes phänomenologische Naturwissenschaft. Sprache und Darstellung als Erkenntnisinstrument.
  • Er ist Phänomenologe
  • 1. als Empiriker, der sich auf seine Sinnesausstattung verlässt.
  • Er ist Phänomenologe
  • 2. als Methodiker, der experimentiert und eine vergleichende Morphologie entwirft.
  • Er ist Phänomenologe
  • 3. als Theoretiker, der in seinen Ideen auf das zugehörige Erfahrungsfeld bezogen bleibt.
  • Goethe ist Phänomenologe
  • 4. durch seine Sprachskepsis und Darstellungsform.
  • „Bedenken“ um 1800:
  • 1. Das Paradox – der widersprüchliche Ausdruck
  • 2. Die Steigerungsreihe mit Hilfe bedeutungsverwandter Wörter
  • 3. Wechselbad zwischen Konkretion und Abstraktion
  • 4. Wechsel des Ausdrucks – Einkreisung durch bedeutungsähnliche Wörter
  • 5. Wechsel der Gattungen – Einkreisung durch Textformen.
  • 6. Die Ersetzung der eindimensionalen Logik durch das Gewebe, oder: Der Text als Vermittler zwischen Idee und Erfahrung
  • Literatur
  • Reden über das Unsagbare
  • „Mit ganz andern Mitteln gemalt“. Überlegungen zur hermeneutischen Erschließung der esoterischen Lehrerkurse Steiners.
  • Erste Lösungsversuche und der übersehene Ansatz Steiners
  • Anthroposophie arbeitet mit heuristischen Begriffen
  • Esoterisches Üben und pädagogische Praxis
  • Literatur
  • „Wann wird das symbolische Gewand fallen?“ Dogma und Methode. Zur Hermeneutik des Steinerschen Werks.
  • 1. Zwischen begrifflicher, symbolischer und narrativer Form
  • 2. Der Doppelsinn von Meinung und Geltung
  • 3. Selbstverantwortung und dogmatische Methode
  • Dogma versus Lebendigkeit und Selbstverantwortung: Fundstellen im Werk Steiners
  • Wirken und Schweigen. Das Dilemma des Eingeweihten.
  • Metaphor and imaginative consciousness. Translating the contents of higher consciousness into abstract mental pictures.
  • The simile
  • The metaphor
  • The anthropologist in us all: Sense-awareness’s blindness to supersensible consciousness, or: the barrier where senseknowledge ends
  • Gaining sense-free awareness: Keeping images clean of sense content
  • The side-effects of perception: the possibility of discourse
  • The ethic/aesthetic moment: Metaphor and conveying sense-free meaning
  • The anthropologist within
  • The discourse within
  • The anthroposophist within: Keeping images free of sensecontent
  • References
  • Besondere Sprachformen
  • Wege der Annäherung an die Sprache der Dichtung.
  • Der Fischer
  • Erlkönig
  • „... in der Seele entzünden die eigene Tat“. Über Rudolf Steiners geisterweckenden Sprachstil am Beispiel des überpersönlichen „Es“.
  • Subjektlose Sätze
  • „Ich weiß, dass ich wahrgenommen werde“
  • „Es dämpfet herbstlich sich...“
  • „Es denkt mich“
  • Der Säulen Worte
  • Andere Menschen waren sie geworden
  • Steiner und sein Instrument, die deutsche Sprache: Welche Saiten des Bewusstseins schlägt sie an?
  • Sprache und Sehen und Hören
  • Sprache und Zeit
  • Sprache und Fühlen
  • Die deutsche Sprache
  • Analyse des Wortes „das Bewusstsein“:
  • „Biographische“ Punkte in der geschichtlichen Sprachentwicklung
  • Grammatik als seelisches Denkskelett
  • Das konkret Räumliche in der deutschen Sprache
  • Vorsilben
  • Das plastische Ineinanderfließen der Wortarten: neu sehen lernen
  • Das Sozial-Räumliche
  • Modalverben: Punkt und Umkreis. Sich erleben von innen und von außen
  • Satzbau und zusammengesetzte Substantive als Übelement für waches Bewusstsein für Zusammenhänge und für das Vordenken der Zukunft
  • Das Ahnen der Zukunft, das Erleben des Prozesses: Voll- und Hilfsverb werden
  • Betrachtungen zur Musikalität des unpersönlichen Passivs
  • Schluss:
  • Literatur
  • Vom Verstehen zur Praxis
  • Punkt und Kreis. Ein Leitmotiv mathematischer Mystik und seine pädagogische Metamorphose im Werk Rudolf Steiners.
  • Einführung
  • Rudolf Steiner: Allgemeine Menschenkunde, 10. Vortrag
  • Geometrie als Dolmetscher zwischen sinnlicher und übersinnlicher Welt
  • Anthropologie und Anthroposophie
  • Grenzgänge
  • Punkt-Kreis-Beziehung als Übfeld und Ausführung des Grenzübertritts in der Anthroposophie Steiners
  • 1. Punkt-Umkreis-Meditation
  • 2. Planetensiegel
  • 3. Eurythmie
  • Kulturgeschichtlicher Hintergrund
  • 1. Novalis, Baader, Schelling, Leibniz
  • 2. Nikolaus von Kues
  • 3. Giordano Bruno
  • 4. Mystik und Naturwissenschaft
  • Schlussbetrachtung
  • Literatur
  • Der Lehrer als „Rätsellöser“.
  • Literatur
  • Vom guten Sprechen zum Gutsprechen. Rudolf Steiners Beitrag zu einer „Ethik des Sprechens“.
  • 1. Reden über Reden
  • 1.1 Agitationskurs
  • 1.2 Rednerkurs
  • 1.3 Orientierungskurs
  • 2. Vom guten Sprechen zum Gutsprechen
  • 2.1 Schönsprechen
  • 2.2 Richtigsprechen
  • 2.3 Gutsprechen
  • 3. Gutsprechen und Ethischer Individualismus
  • Verzeichnis der Erstveröffentlichungen
  • Autoren
  • Reihenübersicht

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Einleitung

Johannes Kiersch

Wer sich gegenwärtig für Rudolf Steiner und seine Lehre interessiert, gerät in unübersichtliches Gelände. Die Vielfalt der Meinungen von Freunden ebenso wie von Gegnern nimmt zu und stellt alte Polarisierungen in Frage. Kein unbefangener Betrachter wird abstreiten, dass Steiners Lebenswerk auf vielen Gebieten des Lebens produktive Folgen eingeleitet hat.1 Aber wie sich das erklären lässt, wird kontrovers diskutiert. Vieles deutet darauf hin, dass wir uns am Beginn einer neuen Phase der Steiner-Rezeption befinden.

Erst seit wenigen Jahren ist das schriftliche Werk Steiners nahezu vollständig publiziert. Die Herausgeber des Nachlasses revidieren ihre Arbeitsprinzipien und nähern sich damit den üblichen Standards. Ein angesehener Wissenschaftsverlag unternimmt den Versuch einer ersten kritischen Werkausgabe aus neutraler Außenperspektive.2 Urheberrechtliche Erwägungen haben dazu geführt, dass auch ursprünglich streng sekretierte Materialien wie die Nachschriften der Lehrstunden aus der frühen Esoterik Steiners und der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft des Jahres 1924 allgemein zugänglich geworden sind.3 Damit stellen sich viele Grundsatzfragen völlig neu.

Wohin die gegenwärtig einsetzende Diskussion führen wird, ist bisher nicht abzusehen. Unerlässlich für ihren produktiven Verlauf ist auf jeden Fall die unbefangene Erörterung einiger wissenschaftstheoretischer Argumente Steiners, die bisher sowohl bei Freunden als auch bei Gegnern so gut wie gar nicht beachtet worden sind. Sympathisanten der Waldorfpädagogik oder auch ihrer anthro-posophischen Grundlagen gehen vielfach davon aus, dass die Rationalität der innovativen Äußerungen Steiners hinreichend in dessen erkenntnistheoretischem Frühwerk begründet sei und deshalb seine faszinierenden Einsichten auf den verschiedensten Gebieten des Wissens und des Lebens den gleichen Anspruch auf Gültigkeit erheben dürfen wie das Faktenwissen anerkannter Forschung der üblichen Art. Skeptiker oder Gegner betrachten diesen Anspruch als Ergebnis naiver Dogmatik. Zugleich wird auf beiden Seiten vielfach behauptet oder unausgesprochen angenommen, dass nach Auffassung Steiners dessen Anthroposophie ← 9 | 10 → die erfolgreiche Erfahrungswissenschaft der Gegenwart überflüssig machen oder ersetzen soll.

Im Gegensatz hierzu wird von einer ausgewogenen, fairen hermeneutischen Annäherung an das Werk Steiners zunächst einmal zu erwarten sein, dass sie in ihre Überlegungen das Selbstverständnis Steiners einbezieht. Dieser hat im Epochenjahr 1917, als er sah, dass die zerrütteten sozialen Verhältnisse nach dem Ende des großen Krieges ihn und seine Schüler zu tätigem Engagement auf allen Feldern des Lebens herausfordern würden, in seinem bis heute viel zu wenig bekannten Buch „Von Seelenrätseln“ eine wissenschaftstheoretische Positionsbestimmung vorgenommen, die ein gänzlich anderes Bild ergibt. Er beschreibt dort die von Sinnesdaten ausgehende empirische Forschung, die er an dieser Stelle zusammenfassend als „Anthropologie“ bezeichnet, und seine auf übersinnliche Wahrnehmungen bauende „Anthroposophie“ als völlig unterschiedliche Diskursfelder, so verschieden wie schwarz und weiß. Die eine Forschungsrichtung schließe jedoch die andere nicht aus. Beide seien bis in jede Einzelheit miteinander kompatibel und könnten einander im vermittelnden Feld einer „Philosophie über den Menschen“4 fruchtbar begegnen. In diesem Zusammenhang betont Steiner zugleich einen wichtigen Unterschied hinsichtlich der Formen des Wissens in beiden Feldern. Das anthroposophisch gewonnene Bild vom Menschen werde „mit ganz andern Mitteln gemalt“ sein als das aus anthropologischer Forschung hervorgegangene.5

Diese beiläufige Bemerkung wirft gewichtige Fragen auf, für das Verständnis der besonderen Formen des Wissens, in denen Steiners Anthroposophie sich bewegt, ebenso wie für den Umgang mit Texten, auf die sich Praktiker in den anthroposophisch orientierten Lebensfeldern berufen, wie etwa die Kurse für das Lehrerkollegium der ersten Waldorfschule, besonders die viel bearbeitete „Allgemeine Menschenkunde“, oder der „Landwirtschaftliche Kurs“ des Jahres 1924.

„Mit ganz andern Mitteln gemalt.“ Der vorliegende Sammelband geht diesem Leitwort im Einzelnen nach. Worin, so wird hier gefragt, bestehen die „ganz andern Mittel“, mit denen Anthroposophie ihr Bild vom Menschen zum Ausdruck bringt? Und was folgt daraus für eine seriöse Interpretation von Steiner-Texten?

Zunächst ist dabei eine Vorfrage zu klären. Warum denn überhaupt hatte Steiner es nötig, seine anthroposophischen Forschungsergebnisse in anderer ← 10 | 11 → Weise zu vertreten, als anthropologisch arbeitende Wissenschaftler die ihrigen? Hat er nicht zeitlebens daran festgehalten, dass seine Erkenntnismethoden als konsequente Weiterentwicklung moderner Naturwissenschaft aufzufassen und ihre Ergebnisse deshalb mit gleichem Anspruch auf Zuverlässigkeit vertretbar seien? Warum dann so betont „andere Mittel“ des Ausdrucks? Die Antwort könnte lauten: Weil die Phänomene, auf die Anthroposophie sich bezieht, nicht nur schwerer zu beschreiben sind als alles, was ein Naturwissenschaftler beobachten kann, sondern weil sie sich grundsätzlich jedem fixierenden Zugriff in Wort und Begriff entziehen

Steiner stand sein Leben lang vor der Frage, wie über etwas Unsagbares sachgemäß geredet werden könne. Diese Frage ist sehr alt. Schon Platon war sich ihrer bewusst. Er beantwortete sie durch seine Lehrpraxis. Die Reden des Sokrates, die er aufzeichnete, waren öffentlich besprechbares Weisheitsgut für jeden denkenden Menschen. Seine „ungeschriebene Lehre“ hingegen, die sich im Gespräch mit fortgeschrittenen Schülern entfaltete, blieb aus guten Gründen geheim, im besten Sinne „esoterisch“.6 Im Zusammenhang hiermit steht die alte Idee von der doppelten Wahrheit: dem höheren Wissen, das nur den Eingeweihten zugänglich ist, und einem davon abgeleiteten Wissen in Bildern und Symbolen, wie es sich in der Vielfalt der Volksreligionen findet.7 Warum jene unsagbare Weisheit nicht ohne Weiteres mitteilbar ist, hat Platon in seinem berühmten siebten Brief eindringlich begründet, aber erst Steiner hat, als erster unter den großen Esoterikern der Tradition, erkenntnistheoretisch und psychologisch hinreichend genau dargestellt, worum es sich handelt. Gleichfalls in den „Seelen-rätseln“ beschreibt er ein besonderes Merkmal anthroposophischer Einsichten: Die Wahrnehmungen, von denen sie hergeleitet werden, lassen sich nicht erinnern. Sie müssen immer wieder von neuem aktualisiert werden, ähnlich wie die Evidenzerlebnisse beim mathematischen Beweis.

„Was als geistige Wahrnehmung erlebt wird, kann nämlich in dieser seiner unmittelbaren Gestalt nicht wie eine Erinnerungsvorstellung in der Seele behalten werden. Soll man dieselbe geistige Wahrnehmung erneut wieder haben, so muss sie auch erneut in der Seele wieder hergestellt werden.“

Man habe deshalb zu unterscheiden: „1. Seelenvorgänge, welche zu einer geistigen Wahrnehmung führen; 2. geistige Wahrnehmungen selbst; 3. in Begriffe des gewöhnlichen Bewusstseins umgesetzte geistige Wahrnehmungen.“8 Anthroposophischen ← 11 | 12 → Forschungsergebnissen haftet deshalb immer etwas Provisorisches an. Sie sind gültig „umgesetzt“ in Wort und Begriff, aber so, dass diese Fixierung den Zugang zur aktualisierten Wahrnehmung nicht versperrt, sondern immer wieder neu vorbereitet und erleichtert. Steiners Antworten sind deshalb notwendig paradox. Das Unsagbare nimmt bei ihm Form an, und zugleich wird bei ihm jede Form im Prozess des esoterischen Übens wieder aufgelöst. „Der Mensch muss“, sagt er in einer esoterischen Lehrstunde des Jahres 1904, „um die Wahrheit zu erkennen, dogmatisieren, aber er darf nie im Dogma die Wahrheit sehen.“9 Diesen irritierenden Widerspruch zu verstehen und damit produktiv umzugehen ist eine unumgängliche erste Aufgabe einer der Esoterik Steiners angemessenen Hermeneutik.

Steiner sah sich im Umgang mit dem Unsagbaren vor ein ähnliches Problem gestellt wie Ernst Cassirer, der Pionier einer „Philosophie der symbolischen Formen“, ein intimer Kenner der Werke Goethes und allein schon deshalb Steiner eng benachbart, dessen Ideen seit einer Reihe von Jahren lebhaft diskutiert werden. Cassirer hat versucht, die mit Parmenides beginnende Einengung des erkennenden Bewusstseins auf die Denkformen logischer Rationalität, die unser Leben seit dem ausgehenden Mittelalter bestimmt und zu Beginn des 17. Jahrhunderts bei den Vordenkern der modernen Naturwissenschaft ihr bis heute maßgebliches Endstadium erreicht hat, zu überwinden, indem er allen Modalitäten bewusster Weltbewältigung, allen „symbolischen Formen“ ihr Recht auf Anerkennung zusprach. Nach Cassirer erwacht das Bewusstsein, durch welches sich der Mensch von den Tieren unterscheidet, durch kreatives Erfassen von Ausdruck, wie er in der Fülle der Welterscheinungen als Erstes erfahren wird. „Das ‚Verstehen von Ausdruck’“, so sein Kernsatz, „ist wesentlich früher als das ‚Wissen von Dingen’“10. Dies gilt für die vorgeschichtlichen Ursprünge des menschlichen Bewusstseins ebenso wie für die Entwicklung eines jeden Kin-des.11 Mit seiner wegweisenden Entdeckung und der davon ausgehenden Neubesinnung auf die ganze Vielfalt der symbolischen Formen, wie sie sich in den Kulturen der Menschheit entfaltet haben, hat Cassirer in gewisser Hinsicht die naturwissenschaftliche Phänomenologie Goethes philosophisch fundiert und unabhängig von Steiner für dessen Erkenntnislehre eine Tür zum Gespräch eröffnet. Es darf als symptomatisch gelten, dass Cassirer den Kerngedanken seines ← 12 | 13 → umfassenden Werks am gleichen Ort und im gleichen Jahr konzipiert hat wie Steiner sein Buch „Von Seelenrätseln“: in Berlin im Jahre 1917.

Ähnlich aufschlussreich wie Cassirers „Philosophie der symbolischen Formen“ sind für das hier in Rede stehende Problem die Sprach- und Begriffsformen der naturwissenschaftlichen Schriften Goethes, mit denen Steiner durch jahrelanges Studium intim vertraut war. Die umfassende wissenschaftliche Rehabilitation der Goetheschen Naturwissenschaft in den letzten Jahren hat manches Licht auch auf diese besonderen Ausdrucksformen geworfen.12 Der Sprachwissenschaftler Uwe Pörksen hat sie in scharfsinnigen Analysen detailliert sichtbar gemacht.13 Es wäre lohnend, von den Entdeckungen Pörksens ausgehend die Spuren dieser Ausdrucksformen im Gesamtwerk Steiners eingehend zu erforschen. Als weitere wertvolle Vorarbeiten sind Untersuchungen über die sprachliche Form der von Steiner herrührenden Texte zu nennen, die wir besonders Rudi Lissau, Heinz Zimmermann und Martina Maria Sam verdanken.14 Wie Rudy Vandercruisse gezeigt hat, lassen sich die in „Von Seelenrätseln“ zugänglich gemachten innerseelischen Beobachtungen auf dem Wege übender Rezeption bis zur Wesenserkenntnis des Übersinnlichen steigern.15 Roland Halfen und Andreas Neider haben das Motiv der Imagination im Werk Steiners beleuchtet.16 Auch über die besonderen Ausdrucksformen der erläuternden Tafelzeichnungen, mit denen Steiner viele seiner Vorträge begleitet hat, gibt es aufschlussreiche Darstellungen.17 Vor Jahren schon haben Christoph Gögelein und Christian Rittelmeyer vorgeschlagen, Anthroposophie als Heuristik zu verstehen, als ein Methoden-Arsenal für individuelle Erkenntniswege, die Wahrheiten nicht mitteilen, sondern der persönlichen Erfahrung, dem eigenen Gewahrwerden in der Wirklichkeit zugänglich machen.18 ← 13 | 14 →

Steiner selbst weist mit seiner berühmten Definition der Anthroposophie als „Erkenntnisweg“ auf diese Perspektive hin.19 Auch hat er selbst immer wieder betont, dass seine Schriften nicht als Lehrbücher, sondern vor allem als Übungsanleitungen aufzufassen seien.

„Ich habe“, schreibt er noch während seiner letzten Lebenstage im Januar 1925, „ganz bewusst angestrebt, nicht eine ‚populäre’ Darstellung zu geben, sondern eine solche, die notwendig macht, mit rechter Gedankenanstrengung in den Inhalt hineinzukommen. Ich habe damit meinen Büchern einen solchen Charakter aufgeprägt, dass deren Lesen selbst schon der Anfang der Geistesschulung ist. Denn die ruhige, besonnene Gedankenanstrengung, die dieses Lesen notwendig macht, verstärkt die Seelenkräfte und macht sie dadurch fähig, der geistigen Welt nahe zu kommen.“20

Längst ist bemerkt worden, wie die erstaunliche Vielfalt der Perspektiven und manche Widersprüche in den zahlreichen Nachschriften der Vorträge Steiners sich aus den wechselnden Umständen, den unterschiedlichen menschlichen Konstellationen erklären lassen, auf die der Redner sich einzulassen hatte. Dem gegenüber darf aber nicht übersehen werden, dass Steiner, wo er sich im Sinne des Buches „Von Seelenrätseln“ anthroposophisch ausdrückt, gewissen Notwendigkeiten unterliegt, die davon herrühren, dass er einem in der Sache begründeten ← 14 | 15 → paradoxen Dilemma ausgesetzt ist: Ausdrucksmittel für etwas zu finden, worüber im Sinne anthropologischer Forschung grundsätzlich keinerlei Aussagen möglich sind.

Im Zusammenhang hiermit ist eine bemerkenswerte Trendwende zu sehen, die sich seit einigen Jahren in der kulturgeschichtlichen Forschung bemerken lässt. Nachdem seit den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts der Boden für einen unbefangenen Umgang mit spirituellen Traditionen vorbereitet war,21 beschrieb der französische Kulturhistoriker Antoine Faivre im Jahre 1992 gewisse charakteristische Eigenheiten, die allen großen „esoterischen“ Überlieferungen der Menschheitsgeschichte gemeinsam sind:

 das Denken in Entsprechungen, in „universalen Wechselbeziehungen“,

 das Prinzip der lebenden Natur,

 das Prinzip der Imagination, das Denken in Bildern,

Details

Seiten
211
Jahr
2014
ISBN (PDF)
9783653041132
ISBN (ePUB)
9783653989243
ISBN (MOBI)
9783653989236
ISBN (Hardcover)
9783631649695
DOI
10.3726/978-3-653-04113-2
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2014 (August)
Schlagworte
#+ Anthroposophie Steiner, Rudolf Hermeneutik Waldorfpädagogik
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2014. 211 pp.

Biographische Angaben

Ernst-Christian Demisch (Band-Herausgeber:in) Christa Greshake-Ebding (Band-Herausgeber:in) Johannes Kiersch (Band-Herausgeber:in)

Die Herausgeber dieses Sammelbandes arbeiten im Institut für Waldorfpädagogik in Witten als Ausbilder für Lehrkräfte an Waldorfschulen.

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