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Sprache und digitale Medien

Aktuelle Tendenzen kommunikativer Praktiken im Französischen

von Nadine Rentel (Band-Herausgeber:in) Tilman Schröder (Band-Herausgeber:in)
Konferenzband 204 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autoren-/Herausgeberangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort
  • Auswirkungen der digitalen Textproduktion mit ludischem Charakter: Snapchat „l’application favorite des ados“ (Eva Martha Eckkrammer (Mannheim))
  • Le commentaire-client, une approche évaluative (Françoise Hammer (Karlsruhe))
  • En Marche ! Wie Emmanuel Macron kollektive Identität und Visionen für Frankreich erzählt (Sandra Issel-Dombert (Kassel))
  • Mise en scène de soi et adresse aux lecteurs dans les médias traditionnels et numériques : une comparaison entre chronique et blogue politiques (Franz Meier (Augsbourg))
  • Les magazines des sports de glisse en France et en Allemagne : à cheval entre les médias (Johannes Müller-Lancé (Mannheim))
  • „Dann geh doch zu Twitter und such dir nen Ritter“. Grenzüberschreitungen in den sozialen Medien (Anja Overbeck (Göttingen/Berlin))
  • „Tu nous a quitté pour rejoindre un nouveau paradis“: Strategien des Sharing auf virtuellen Friedhöfen im französischsprachigen Internet (Nadine Rentel (Zwickau))
  • Zur sprachlichen Form von Clickbaits und ihrer Präsenz in deutschen und französischen Nachrichtenteasern (Tilman Schröder (München))
  • Der pragmatische Schreiber – zum Status orthographischer Fehler in den digitalen Medien (Georgia Veldre-Gerner (Münster))
  • #franchirleseuil : autour des fonctions des hashtags en ligne et hors ligne (Kathrin Wenz (Tubingue))
  • Autorenpräsentation
  • Reihenübersicht

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Vorwort

Die rasante Entwicklung und Ausdifferenzierung der Kommunikationsmöglichkeiten in den Neuen Medien hat einerseits zur Herausbildung neuer und zum Wandel etablierter kommunikativer Praktiken geführt, andererseits ganz konkret Veränderungsprozesse von Sprache angestoßen, die sich durch die spezifischen Rahmenbedingungen erklären lassen, durch die die Kommunikation im digitalen Raum gekennzeichnet ist. Neben diesen Entwicklungen, die auf der Diskurs- bzw. der sprachlichen Ebene anzusiedeln sind, lässt sich das Phänomen beobachten, dass sich die Grenze zwischen privater und öffentlicher Kommunikation in den Neuen Medien als weniger trennscharf darstellt als im analogen Kommunikationsraum. Zudem entstehen in der Folge des Verschiebens der Grenzen zwischen Privatheit und Öffentlichkeit neue Handlungsspielräume in der Kommunikation, wenn beispielsweise im Rahmen der Konfliktkommunikation Dissens ausgehandelt werden muss. Trotz (oder gerade wegen) dieser vielfältigen Entwicklungsprozesse stehen digitale und analoge Kommunikationsräume in einer engen Interdependenzbeziehung, da beispielsweise neue kommunikative Praktiken, die in den Neuen Medien verbreitet sind, Eingang in die traditionellen Textgattungen finden und tradierte Konventionen beeinflussen. Andererseits greifen Kommunikationsvorgänge in den Neuen Medien auf Prinzipien der analogen Kommunikation zurück und passen die Textgestaltung an die jeweiligen funktionalen Bedürfnisse an.

Trotz der beschriebenen Entwicklungsprozesse und empirischen Befunde ist für die wissenschaftliche Beschreibung der Kommunikation in den Neuen Medien für das Französische ein sowohl theoretisch-methodischer als auch empirischer Forschungsbedarf zu konstatieren. Ungeachtet der Tatsache, dass nicht nur die Nutzung von Kommunikationsangeboten im Bereich der sozialen Medien (Facebook, Twitter, Instagram, etc.) immer weiter zunimmt, sondern dass regelmäßig neue Anwendungen hinzukommen, fehlen sprachwissenschaftliche Systematisierungen, die es erlauben, die unterschiedlichen Angebote voneinander abzugrenzen bzw. eine Binnendifferenzierung vorzunehmen. Eine weitere Forschungslücke betrifft die Tatsache, dass der Großteil der bislang durchgeführten Studien zu Charakteristika der Kommunikation in den Neuen Medien nicht auf größeren Datensammlungen basiert. Zudem sind sprach- und kulturkontrastiv angelegte Studien für das Französische weitgehend ein Desiderat.

Die im vorliegenden Band zusammengestellten Beiträge gehen auf ausgewählte Vorträge zurück, die in der Sektion „Sprache und digitale Medien: ← 7 | 8 → Grenzbeziehungen und Brückenschläge von Sprache zwischen digitalem und analogem Raum“ des 10. Frankoromanistenkongresses im September 2016 in Saarbrücken gehalten wurden.

Eva Martha Eckkrammer beschäftigt sich in ihrem Beitrag („Auswirkungen der digitalen Textproduktion mit ludischem Charakter: Snapchat „l‘application favorite des ados“) mit Multimodalität und intermodalen Verknüpfungen in Nachrichten des digitalen Dienstes Snapchat. Typisch für die „Snaps“, die als neue Kommunikationsform gelten können, ist einerseits ihre Kurzlebigkeit, andererseits die spielerische und untrennbare Verknüpfung von sprachlichem und bildlichem Teiltext. Anhand eines Korpus französischsprachiger Snaps zeigt die Autorin, dass Multimodalität hier einerseits das Ergebnis spielerischen Ausprobierens, andererseits jedoch auch hochgradig geplant sein kann. Es wird jedoch deutlich, dass Folgestudien an größeren Korpora notwendig sind, um belastbare Ergebnisse zu erhalten, wenngleich sich angesichts des privaten Charakters von Snapchat-Nachrichten forschungsethische Herausforderungen abzeichnen.

Der Beitrag von Françoise Hammer („Le commentaire‐client, une approche évaluative“) nimmt Online-Kundenbewertungen als digital fortgeführte, jedoch textuell ausdifferenzierte Version der traditionellen Textsorte „Buchrezension“ in den Blick. Während das Verfassen klassischer Buchrezensionen üblicherweise wenigen Experten vorbehalten ist, hat im Web die Möglichkeit zur Online-Bewertung für eine Demokratisierung der Textsorte gesorgt. Die Veränderungen, die dieser Prozess mit sich bringt, sind Gegenstand von Hammers Analyse. Sie stützt sich dabei auf ein Korpus aus deutsch- und französischsprachigen Online-Bewertungen, die bei amazon.de und bei amazon.fr zum Buch „Darm mit Charme“ von Giulia Enders veröffentlicht worden sind. Die Untersuchungsergebnisse lassen darauf schließen, dass die digitalen Buchbewertungen ihren analogen Pendants zwar funktional und auch makrostrukturell weitgehend ähnlich sind, jedoch mit Blick auf Informationsgehalt, Bewertungsmodus und Stil ganz eigene Charakteristika zeigen. Im Sprachvergleich erweisen sich die französischsprachigen Bewertungen als stärker emotional und vom persönlichen Eindruck geleitet, wohingegen die deutschsprachigen Bewertungen eher dem Ziel objektiver Informationsvermittlung verpflichtet zu sein scheinen.

Sandra Issel-Dombert („En Marche ! Wie Emmanuel Macron kollektive Identität und Visionen für Frankreich erzählt“) beschäftigt sich mit dem Präsidentschaftswahlkampf Emmanuel Macrons und dessen multimedialer Kommunikationsstrategie. Ihre Datengrundlage bilden ausgewählte analoge und digitale Kommunikate der Kampagne Macrons, insbesondere jedoch das Wahlprogramm Macrons sowie während des Wahlkampfes über seinen Account verschickte ← 8 | 9 → Tweets. Diese Kommunikate werden einer computergestützten Schlagwortanalyse unterzogen, deren Ergebnisse es Issel-Dombert ermöglichen, drei thematische Schwerpunktfelder in der Kampagne Macrons zu identifizieren: Werte, Visionen und kollektive Identität, Angriff des politischen Gegners und Vermittlung zwischen Privatheit und Öffentlichkeit. Durch die gesamte Kampagne zieht sich darüber hinaus die rhetorische Strategie, den als negativ zu bewertenden Ist-Zustand durch geeignete politische Mittel in einen als positiv zu bewertenden Soll-Zustand zu überführen.

Franz Meier („Mise en scène de soi et adresse aux lecteurs dans les médias traditionnels et numériques : une comparaison entre chronique et blogue politiques“) widmet sich in seinem Beitrag der Textsorte „Kolumne“ in der französischsprachigen Presse Québecs. Zusätzlich zu ihren regelmäßigen Veröffentlichungen in der gedruckten Presse sind viele Kolumnisten gleichzeitig als Blogger auf den Websites der entsprechenden Zeitungen aktiv. Mit ihren dezidiert meinungsbetonten Texten und deren stilistischem Wiedererkennungswert können sie in beiden Medien auf eine treue Leserschaft zählen. Anhand einer kontrastiven Analyse untersucht Meier, ob sich nun zwischen den analogen und den digitalen Texten einzelner Kolumnisten aus Québec Unterschiede manifestieren. Grundlage seiner Untersuchung sind Texte der in Québec bekannten Kolumnisten Yves Boisvert, Vincent Marissal et Patrick Lagacé, die er im Hinblick auf Techniken der Selbstinszenierung und Leseransprache analysiert. Der Vergleich zeigt, dass die analogen und die digitalen Kolumnen vor allem hinsichtlich unterschiedlicher Auftretenshäufigkeiten der entsprechenden sprachlichen Techniken voneinander abweichen.

Deutsche und französische Trendsportmagazine im digitalen und analogen Raum stehen im Zentrum des Beitrags von Johannes Müller-Lancé („Les magazines des sports de glisse en France et en Allemagne : à cheval entre les médias“). Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist die Beobachtung, dass die Magazine zwar in der Regel eine Webpräsenz haben, gleichzeitig jedoch weiterhin eine gedruckte Ausgabe produzieren, um einerseits traditionelle Leserschaften, andererseits zahlende Werbekunden an sich zu binden. Müller-Lancés Erkenntnisinteresse gilt nun der intermedialen Vernetzung zwischen Printmagazin, der dazugehörigen Website und den entsprechenden Präsenzen in sozialen Netzwerken. Am Beispiel deutscher und französischer Windsurf- und Snowboardmagazine zeigt er, dass hier nicht etwa die digitalen Medien – im Sinne des von Hauser postulierten stilistischen Trägheitsprinzips – auf analoge Diskurstraditionen zurückgreifen, sondern hingegen die gedruckten Magazine genuin digitale Merkmale gebrauchen oder auf digitale Inhalte verweisen. Hierzu zählen neben Verweiselementen ← 9 | 10 → wie QR-Codes und URLs auch Anleihen aus digitalen Diskurs- und Darstellungsformen wie Blogs, Facebook-Feeds, Newsticker und Thumbnail-Galerien. Dieser mediale Transfer betrifft deutsche wie französische Trendsportmagazine gleichermaßen.

Die zentrale Fragestellung im Beitrag von Anja Overbeck („Dann geh doch zu Twitter und such dir nen Ritter. Grenzüberschreitungen in den sozialen Medien“) besteht darin zu erforschen, ob sich durch den Einfluss der sozialen Medien die kommunikativen Prozesse und damit langfristig auch Diskurskonventionen und -muster außerhalb der digitalen Welt verändern. Die Autorin unterstreicht die Tatsache, dass in der digitalen Kommunikation zahlreiche Grenzen überschritten werden, die in der analogen Kommunikation (noch) relativ fest etabliert sind, etwa die Grenze zwischen Autor und Leser. In ihrem Beitrag geht Overbeck anhand von korpusgestützten Fallbeispielen aus mehreren sozialen Medien der Fragen nach, ob die spezifischen Kommunikationsprozesse in den sozialen Medien zu neuen Diskurskonventionen führen. In diesem Zusammenhang widmet sie sich vor allem Aspekten wie der Zersplitterung, der Rezeptionsoffenheit und der Medienkonvergenz. Weiterhin untersucht Overbeck anhand ihres Korpus, ob innerhalb der sozialen Medien zielgruppenspezifische Ausprägungen von Diskurskonventionen und -mustern erkennbar sind und ob sich Differenzen zwischen den unterschiedlichen Arten von Netzwerken ausmachen lassen. Abschließend stellt sie die Frage, ob bereits Standardisierungstendenzen spürbar sind und ob diese als sprachspezifisch oder als einzelsprachenübergreifend zu charakterisieren sind. Abgerundet wird der Beitrag durch Überlegungen zum didaktischen Nutzen der Analyse.

Nadine Rentel beschäftigt sich in ihrem Beitrag („Tu nous a quitté pour rejoindre un nouveau paradis: Strategien des Sharing auf virtuellen Friedhöfen im französischsprachigen Internet“) mit Strategien des Sharing auf virtuellen Friedhöfen im französischsprachigen Internet und geht dabei auf der Basis einer qualitativen Analyse von drei ausgewählten virtuellen Friedhöfen aus dem französischsprachigen Raum der Frage nach, welche Funktionen einerseits die eingestellten Nachrufe auf Verstorbene sowie andererseits die Kommentare der Nutzer erfüllen und durch welche strukturellen und sprachlichen Charakteristika sich diese auszeichnen. Während in einem ersten Schritt die Beschreibung kommunikativer Teilhandlungen der Texte im Zentrum steht, beschreibt Rentel im weiteren Verlauf ihrer Analyse sprachliche Strategien, die es den Usern ermöglichen, ihrer Trauer und ihrem Mitgefühl im öffentlich-digitalen Raum Ausdruck zu verleihen. Auch die Multimodalität der Texte wird berücksichtigt, um den erweiterten Möglichkeiten visueller Ausdrucksressourcen Rechnung zu tragen. Auf methodischer Ebene wird das Korpus einer cross-disziplinären Analyse unterzogen, die Ansätze ← 10 | 11 → aus der Textlinguistik, der Stilistik, der Hypertextlinguistik, der Medienlinguistik und der Diskursanalyse miteinander in Bezug setzt.

Zusammenfassung

Der Band präsentiert innovative Beiträge methodischer und empirischer Ausrichtung, die sich Kommunikationsprozessen in den Neuen Medien am Beispiel des Französischen widmen. Trotz (oder gerade wegen) vielfältiger Entwicklungsprozesse stehen digitale und analoge Kommunikationsräume in einer engen Interdependenzbeziehung, da innovative kommunikative Praktiken, die in den Neuen Medien verbreitet sind, Eingang in die traditionellen Textgattungen finden und tradierte Konventionen beeinflussen. Zugleich greifen Kommunikationsvorgänge in den Neuen Medien auf Prinzipien der analogen Kommunikation zurück.
Die Beiträge gehen auf ausgewählte Vorträge zurück, die in der Sektion «Sprache und digitale Medien: Grenzbeziehungen und Brückenschläge von Sprache zwischen digitalem und analogem Raum» des 10. Frankoromanistenkongresses in Saarbrücken gehalten wurden.

Biographische Angaben

Nadine Rentel (Band-Herausgeber:in) Tilman Schröder (Band-Herausgeber:in)

Nadine Rentel ist Professorin für Romanische Sprachen mit dem Schwerpunkt Wirtschaftsfranzösisch an der Westsächsischen Hochschule Zwickau. Tilman Schröder ist Professor für Wirtschaftskommunikation und interkulturelle Kompetenz an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften München.

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Titel: Sprache und digitale Medien