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«Was sagt die Wikipedia?»

Studie zur Präsenz von Fachinhalten der Germanistischen Mediävistik in der deutschsprachigen Ausgabe der Online-Enzyklopädie Wikipedia

von Angelika Kuchling, MA (Autor:in)
Dissertation XXVII, 145 Seiten

Zusammenfassung

Das Buch untersucht aus der Perspektive der germanistischen Mediävistik, inwieweit facheinschlägige Wikipedia-Artikel profunde Informationsquellen liefern oder zumindest eine verlässliche Erstinformation bieten. Zur Klärung dieser Frage rekapituliert die Autorin die allgemeine Geschichte der Enzyklopädie bis hin zur Etablierung der Online-Enzyklopädie Wikipedia. Repräsentative Metadaten auf Basis des Qualitätsbegriffs der Wikipedia bilden im Anschluss den Ausgangspunkt für eine semiautomatische Analyse von Artikeln zur mittelalterlichen Sprache und Literatur. Die Autorin stützt das Ergebnis durch kritische Detailanalysen.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autoren
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort
  • 1 Einleitung
  • 2 Geschichte der Enzyklopädie
  • 2.1 Etymologie
  • 2.2 Entwicklung
  • 2.3 Von der gedruckten Universalenzyklopädie zur Online-Enzyklopädie
  • 3 Wikipedia
  • 3.1 Web 2.0 – grenzenlose Freiheiten
  • 3.2 Das copyleft-Prinzip
  • 3.2.1 GNU-Lizenz für freie Dokumentation
  • 3.2.2 Creative Commons
  • 3.2.3 Public Domain
  • 3.3 Die Wiki-Software
  • 3.4 Die Geschichte der freien Online-Enzyklopädie Wikipedia
  • 3.5 Die Wikipedianer
  • 3.5.1 Nicht angemeldete, angemeldete und bestätigte Benutzer
  • 3.5.2 Stimmberechtigte Benutzer
  • 3.5.3 Sichter
  • 3.5.4 Administratoren
  • 3.5.5 Bürokraten
  • 3.5.6 Schiedsgericht
  • 3.5.7 Stewards
  • 3.5.8 Vandalen
  • 3.6 Struktur der Wikipedia
  • 3.6.1 290 Wikipedias
  • 3.6.2 Namensräume
  • 3.6.3 Portale und Redaktionen
  • 3.6.4 Kategorien
  • 3.6.5 Listen
  • 3.6.6 Hyperlinks
  • 3.6.7 Menüleisten und Reiter
  • 4 Qualität in der Wikipedia
  • 4.1 Qualität aus der Sicht der Wikipedianer
  • 4.1.1 Verständlichkeit
  • 4.1.2 Richtigkeit
  • 4.1.3 Vollständigkeit
  • 4.1.4 Übersichtlichkeit
  • 4.1.5 Sprachliche Qualität
  • 4.2 Werkzeuge und Mechanismen zur Qualitätssteigerung
  • 4.2.1 Hilfeseiten
  • 4.2.2 Eingangskontrolle
  • 4.2.3 Versionsgeschichte und Diskussionsseiten
  • 4.2.4 Bündeln von Kompetenzen – Portale und Projektseiten
  • 4.2.5 Auszeichnungen: lesenswert, exzellent, informativ
  • 4.2.6 Gesichtete Versionen
  • 4.2.7 Kontrolle durch Bots
  • 4.2.8 Kontrollhilfen außerhalb der Wikipedia
  • 4.3 Studien zur Qualität der Wikipedia
  • 5 Quantitative Analyse
  • 5.1 Auswahl der Artikel
  • 5.2 Definition der Metadaten
  • 5.3 Erhebung der Metadaten – das Programm html-Inspector
  • 5.3.1 Aufbau und Arbeitsweise des html-Inspectors
  • 5.3.2 Ergebnisse des Programms
  • 5.3.3 Probleme des html-Inspectors – manuelle Aufbereitung
  • 5.4 Bewertungskriterien und Bewertung
  • 5.4.1 Länge
  • 5.4.2 Übersichtlichkeit
  • 5.4.3 Anschaulichkeit
  • 5.4.4 Angebot an weiterführenden Informationen
  • 5.4.5 Aktualität
  • 5.4.6 Aufmerksamkeit
  • 5.4.7 Bewertung und Ergebnisse
  • 5.4.8 Hypothesen
  • 6 Qualitative Analyse
  • 6.1 Ausgewählte Artikel
  • 6.2 Vorgehensweise
  • 6.2.1 Umfang und Struktur
  • 6.2.2 Inhalt
  • 6.3 Vergleich Konrad von Megenberg (Hypothese 1)
  • 6.3.1 Umfang und Struktur
  • 6.3.2 Inhalt
  • 6.3.3 Abschließende Beurteilung des Wikipediaartikels Konrad von Megenberg
  • 6.4 Vergleich Annolied (Hypothese 2)
  • 6.4.1 Umfang und Struktur
  • 6.4.2 Inhalt
  • 6.4.3 Abschließende Beurteilung des Wikipedia-Artikels Annolied
  • 6.5 Vergleich Goldemar (Hypothese 3)
  • 6.5.1 Umfang und Struktur
  • 6.5.2 Inhalt
  • 6.5.3 Abschließende Beurteilung des Artikels Goldemar
  • 6.6 Zusammenfassung der qualitativen Analyse
  • 7 Ausblick und Proklamation
  • 7.1 Wege zur Verbesserung der Qualität
  • 7.2 Abschließender Exkurs: Wikipedia zitieren
  • 7.2.1 Argumente der Gegner und Antworten
  • 8 Quellenverzeichnis
  • 8.1 Literatur- und Siglenverzeichnis
  • 8.1.1 Siglen
  • 8.2 Weblinkverzeichnis
  • 8.2.1 Wikipedia
  • 8.2.2 Sonstige Weblinks
  • 9 Abbildungs- und Tabellenverzeichnis
  • 10 Anhang
  • 10.1 Überblick Auswertung
  • 10.2 Auswertung im Detail
  • Reihenübersicht

1    Einleitung

„Was sagt die Wikipedia?“ – mit dieser Gegenfrage wird aktuell so manche Alltagsfrage beantwortet. Wo früher stundenlang über Sachverhalte und Fakten aller Art spekuliert und diskutiert wurde, zückt man heute das omnipräsente Smartphone und befragt das digitale Orakel, denn die größte Online-Enzyklopädie der Welt scheint inzwischen nahezu jede Frage beantworten zu können. Der schnelle und unkomplizierte Zugriff auf Information ist zum Standard geworden und für die heranwachsende Generation nicht mehr wegzudenken. Dagegen wirkt der Griff ins Bücherregal angesichts der rasanten technologischen Entwicklung beinahe nostalgisch, was sich in den letzten Jahren bereits merklich auf den Enzyklopädie-Markt ausgewirkt hat: Online-Enzyklopädien wie Wikipedia verdrängen nach und nach die großen Druckenzyklopädien des 19. und 20. Jahrhunderts. Doch nicht nur für Alltagsfragen wird die Wikipedia zu Rate gezogen. Auch im akademischen Bereich gewinnt die Online-Enzyklopädie zunehmend an Bedeutung und wird immer öfter von Studierenden benutzt, zum Beispiel um sich einen ersten Einblick in den Schwerpunkt der nächsten Vorlesung zu verschaffen. Die Vorteile der Wikipedia liegen dabei auf der Hand: Sie ist immer und überall verfügbar, und die Artikel enthalten oft weiterführende Weblinks und aktuellere Literaturhinweise als die meisten Fachlexika. Zudem bietet kein traditionelles Nachschlagewerk Zugriff auf ein so breites Spektrum an Lemmata. Autoren, Texte, Fachbegriffe und vieles mehr können innerhalb einer einzigen Website nachgeschlagen werden. Der akademische Betrieb steht dem neuen Medium allerdings häufig noch mit Skepsis, zum Teil sogar mit Ablehnung gegenüber. Zu unsicher erscheint die größtenteils anonyme Multiautorenschaft, zu oft wurde bereits von Fehlern und sogar bewusstem Vandalismus berichtet. In diesem Spannungsfeld zwischen Erwartungen und Zweifeln hat bislang weder die Wikipedia ihren Platz in der akademischen Welt noch die akademische Welt ihren Platz in der Wikipedia gefunden.

Die vorliegende Arbeit wendet sich der Online-Enzyklopädie daher mit kritischem Blick aus der Perspektive des Fachbereichs der germanistischen Mediävistik zu. Im Zentrum dieser Bestandsaufnahme steht einerseits die Frage, wie viele Wikipedia-Artikel sich der Fachrichtung und ihrem Umkreis zuordnen lassen und in welchem qualitativen Zustand sich diese befinden. Andererseits soll geklärt werden, ob die Wikipedia für Studierende der germanistischen Mediävistik als Erstinformationsquelle oder sogar Erstübersicht ausreichend ist. ← 11 | 12

Die beiden Begriffe werden in diesem Zusammenhang wie folgt definiert:

Um diese Fragen beantworten zu können, wird zunächst die Entwicklung der Enzyklopädie von der Antike bis hin zur modernen Digital-Enzyklopädie rekapituliert. Im Anschluss daran sollen die Geschichte, die Struktur und die Menschen hinter der Online-Enzyklopädie Wikipedia näher betrachtet werden. Dazu gehören auch die Erschließung des Qualitätsbegriffs der Wikipedia-Community sowie die Auseinandersetzung mit verschiedenen Studien, die sich bereits mit der Verlässlichkeit der Wikipedia beschäftigt haben.

Nach dieser Einführung wendet sich die Arbeit der Analyse jener Wikipedia-Artikel zu, die dem Fachbereich der germanistischen Mediävistik zugeordnet werden können. Die Analyse erfolgt in zwei Schritten:

Im Rahmen einer quantitativen Analyse sollen zunächst die Artikel und ihre Beschaffenheit in Zahlen erfasst werden. Anhand der so gewonnenen Metadaten sollen anschließend Rückschlüsse auf unterschiedliche Qualitätsaspekte gezogen werden, um eine pauschale Bewertung ihres Zustands vornehmen zu können.

In einer qualitativen Analyse werden dann einige Stichproben genauer betrachtet und mit gedruckten Fachlexika verglichen, auf die auch Studierende zugreifen würden bzw. sollten, um sich einen Erstüberblick zu verschaffen. ← 12 | 13 →

2    Geschichte der Enzyklopädie

2.1    Etymologie

Das Wort Enzyklopädie entstammt dem Griechischen und setzt sich aus enkýklios (= kreisförmig, allgemein; von kýklos (Kreis)) und paideía (= Lehre, Ausbildung; von paĩs (-idós) (= Kind)) zusammen. Welche Bedeutung der Begriff enkýklios paideía im antiken Griechenland tatsächlich hatte, lässt sich heute schwer nachvollziehen1. Die Fachliteratur bietet verschiedene Deutungen an. Der Ursprung im griechischen Wort für Kreis könnte in Verbindung mit der Lehre einerseits – ähnlich wie heute – für allumfassende Bildung, den Kreis der Wissenschaften und Künste gestanden haben2, andererseits wird dahinter auch ein Zusammenhang mit den damals sozial sehr bedeutungsvollen Gesängen und Tänzen, also eher mit der musischen Erziehung, vermutet.3 Einigkeit herrscht hingegen darüber, dass sich anhand erster Sammlungen wie der Disciplinae von Varro aus dem 1. Jahrhundert vor Christus bis hin zum Werk des Martianus Capella im 5. Jahrhundert nach Christus die Entwicklung der artes liberales ablesen lässt, jenes Fächerbündels, welches später die Grundlage des mittelalterlichen Bildungssystems darstellt.4 Als einer der Begründer enzyklopädischer Wissenssammlung gilt bis heute auch Isidor von Sevilla, der um 600 mit seiner Enzyklopädie Etymologiarum sive originum libri XX, kurz Etymologiae, ebenfalls einen Grundpfeiler für höhere Bildung im Mittelalter erschuf.5

Im Lateinischen (encyclopaedia) und davon abgeleitet im Französischen (encyclopédie) wird das Wort schon früh als Bezeichnung für die Grundlehre der Wissenschaften und Künste verwendet. Aus dem Französischen wird es schließlich im 16. Jahrhundert gleichbedeutend ins Deutsche entlehnt. Enzyklopädie dient fortan als Bezeichnung für Lehrwerke, in denen die gesammelte Fachliteratur zu einem Wissensgebiet zusammengefasst wird. Seit dem 18. Jahrhundert wird unter dem Begriff Enzyklopädie schließlich eine umfassende Sammlung des Weltwissens ← 13 | 14 verstanden. Das Wort Lexikon wird heute häufig analog verwendet, obwohl der griechische Wortursprung lexikón (Wörterverzeichnis)6 im Grunde ein reines Wörterbuch beschreibt. Tatsächlich entwickelte sich die heutige Form der alphabetisch geordneten Druckenzyklopädie aus Wörterbüchern und Konversationslexika. Spätestens mit der Alphabetisierung der zuvor systematisch organisierten Enzyklopädie verschmolzen die beiden Begriffe zunehmend. Einen guten Einblick in den allgemeinen Sprachgebrauch gibt hier der Fremdwörter-Duden. Vor allem die Begriffe Enzyklopädie und Konversationslexikon nehmen nicht nur Bezug aufeinander, im Artikel zum Konversationslexikon wird dem Verweis auf den Begriff Enzyklopädie kein vgl. mehr vorangestellt, was auf eine Gleichbedeutung schließen lässt:

En|zy|k|lo|pä|die […]: übersichtliche u[nd] umfassende Darstellung des gesamten vorliegenden Wissensstoffs aller Disziplinen od[er] nur eines Fachgebiets in alphabetischer od[er] systematischer Anordnung; vgl. Konversationslexikon“7

Kon|ver|sa|ti|ons|le|xi|kon […]: alphabetisch geordnetes Nachschlagewerk zur raschen Information über alle Gebiete des Wissens; Enzyklopädie“8

Ein kleiner Unterschied bleibt in der Definition der Ordnung jedoch bestehen: Während eine Enzyklopädie sowohl systematisch als auch alphabetisch geordnet sein kann, muss ein Konversationslexikon weiterhin alphabetisch geordnet sein.

2.2    Entwicklung

Auch wenn sich Enzyklopädie als explizite Bezeichnung für eine schriftliche Wissenssammlung erst im 15. und 16. Jahrhundert etabliert9, beginnt ihre Geschichte doch weit früher. Als erste Enzyklopädie gilt jene des Speusippos, eines Neffen und Schülers Platons. In der Antike und im Mittelalter entwickeln sich die Schriften weiter und mit ihnen durch ← 14 | 15 Autoren wie Marcus Terentius Varro oder Martianus Capella auch die artes liberales, die später um die artes mechanicae und die Jurisprudenz erweitert werden. Isidor von Sevilla fügt in seiner 20 Bände umfassenden Etymologiae dem bis dahin bekannten Kanon im 7. Jahrhundert noch weitere Themen hinzu, wie Medizin, Religion und Naturwissenschaft.10 Hier kann auch bereits die gemeinsame Entwicklung und Verflechtung der Begriffe Lexikon und Enzyklopädie beobachtet werden. Bis zur Eymologiae waren Lexika reine Glossare gewesen. Isidor jedoch reichert sein Wörterbuch mit Sachwissen an und ordnet es nicht mehr alphabetisch, sondern systematisch, was dazu führt, dass es heute weitgehend als Enzyklopädie angesehen wird11.

Auf Isidors Grundlage entwickelt Hrabanus im 9. Jahrhundert den Prototypen der mittelalterlichen Enzyklopädie, indem er „die Seinshierarchie in der Ordnung des Werkes ab[...]bildet und die Allegorisierung der Realien hinzu[...]fügt“12. Im Spätmittelalter führt der Einfluss aristotelischer und arabischer Wissenschaftsprinzipien und differenzierterer Praxisbezüge schließlich zu einer neuen Form der Verwissenschaftlichung, die unter anderem in der umfangreichsten Enzyklopädie des Mittelalters, dem Speculum maius des Vinzenz von Beauvais, zum Tragen kommt. Quellenverweise, Registerhilfen und Alphabetisierung vereinfachen den Gebrauch und machen die Enzyklopädie, die nun auch vermehrt volkssprachlich verfasst wird, nach und nach „zum multifunktionalen Nachschlagewerk einerseits, zum für Laien oder die Laienunterweisung eingerichteten Weltspiegel andererseits“13. Trotz dieser steten Entwicklung überwiegen bis zur Aufklärung lateinische Enzyklopädien, während ihre volkssprachlichen Pendants zunächst für ein Laienpublikum bestimmte Bearbeitungen lateinischer Vorlagen bleiben, wie zum Beispiel das Puoch von den naturleichen dingen (1349/50) Konrads von Megenberg, das wie seine lateinische Vorlage Liber de natura rerum nach wie vor in der Tradition des Hrabanus steht. Auch bleibt es im Mittelalter weiterhin bei der systematischen Ordnung nach Rangfolge göttlicher vor weltlichen Dingen. Erst die Humanisten brechen mit dieser Hierarchisierung.14 ← 15 | 16

Biographische Angaben

Angelika Kuchling, MA (Autor:in)

Angelika Kuchling hat an der Karl-Franzens-Universität Graz im Bereich Germanistische Mediävistik studiert.

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Titel: «Was sagt die Wikipedia?»