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Parzivals Weg zum Artusritter

Über die Erringung höfischer Identität

von Yvonne Caroline Schauch (Autor:in)
Dissertation VI, 326 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort und Danksagung
  • 1 Einleitung
  • 2 Von Soltane zum Artushof: Parzival, der (toersche) Wâleise
  • 2.1 Parzival in Soltane: Grundzüge einer höfischen Identität
  • 2.1.1 Die Gemeinschaft in Soltane als rudimentäre Hofgesellschaft
  • 2.1.2 Parzivals ‚Sozialisation’ in Soltane
  • 2.2 Die erste Begegnung mit Sigune: Name = Identität?
  • 2.2.1 Parzivals Eigenname
  • 2.2.2 Parzival – (k)ein Anschevîn
  • 2.2.3 Parzival, der Wâleis
  • 2.3 Die erste Begegnung mit dem Artushof: Ein neuer Blick auf Parzivals tumpheit
  • 2.3.1 Die tumpheit als Signum fehlender kultureller Zugehörigkeit
  • 2.3.2 Die tumpheit als Schwellenphase
  • 3 Vom Artushof nach Pelrapeire: Parzival, der Rote Ritter
  • 3.1 Überwindung der tumpheit: Parzivals Erziehung durch Gurnemanz
  • 3.1.1 Parzivals Angliederung an die höfische Gesellschaft in Graharz
  • 3.1.2 Parzivals Angliederung an die christliche Religionsgemeinschaft
  • 3.1.3 Gurnemanz‘ Herrscherlehre
  • 3.1.3.1 Gurnemanz’ Tugendlehre
  • 3.1.3.2 Höfische zuht – Gurnemanz‘ Lehre des höfischen Verhaltens
  • 3.1.3.3 Kämpferische Vervollkommnung – der praktische Teil der Lehre
  • 3.1.4 Parzivals Ausbildung bei Gurnemanz – ein Erfolg?
  • 3.2 Pelrapeire: Parzival, der „Rote Ritter“
  • 3.2.1 Bewährung der höfischen Identität: Parzivals Aufnahme in Pelrapeire
  • 3.2.2 Vom Ritter zum Landesherrn: der Gewinn von wîp unde lant
  • 4 Von Pelrapeire zum Artushof: Tafelritter vs. Gralerbe
  • 4.1 Parzivals erster Besuch auf der Gralburg:fremde Gesellschaft mit vertrauter zuht
  • 4.1.1 Parzivals Aufnahme in Munsalvaesche: eine Angliederung?
  • 4.1.2 Die Geschehnisse im Palas
  • 4.1.3 Parzivals Versäumnis
  • 4.1.4 Parzivals Abschied vom Gral
  • 4.2 Interludium: Parzivals Weg von Anfortas zu Artus
  • 4.3 Parzivals zweite Begegnung mit dem Artushof
  • 4.3.1 Endgültige Konsolidierung der Ich-Identität:Parzivals Aufnahme in die Tafelrunde
  • 4.3.2 Identitäten im Widerstreit: Cundries Schmährede
  • 4.3.3 Parzivals Ablösung von der Wir-Identität der Artuswelt
  • 5 Fazit und Ausblick
  • 6 Bibliographie
  • 6.1 Abkürzungen
  • 6.2 Primärliteratur
  • 6.3 Sekundärliteratur
  • 6.4 Wörterbücher, Lexika und Nachschlagewerke
  • 6.5 Online-Quellen
  • Reihenübersicht

Yvonne Caroline Schauch

Parzivals Weg zum Artusritter

Über die Erringung höfischer Identität

Autorenangaben

Yvonne Caroline Schauch studierte Germanistik und Anglistik/Amerikanistik an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Dort erfolgte auch ihre Promotion. Sie arbeitet als freiberufliche Lektorin, Übersetzerin und Autorin.

Über das Buch

Parzivals ritterliche Identität gilt gemeinhin als „Übergangsidentität“, tatsächlich bildet sie die unabdingbare Voraussetzung für sein Gralkönigtum. Dabei entspricht seine Identitätsgenese seiner Fortbewegung im Raum, es ist buchstäblich ein Werde-Gang. Das vorliegende Werk befasst sich mit der Entstehung dieser höfischen Identität Parzivals unter dem Gesichtspunkt seiner zunehmenden Teilhabe am kulturellen Gedächtnis der Artusgesellschaft. Dieser Forschungsansatz erlaubt grundlegend neue Deutungen für scheinbar umfassend untersuchte Aspekte des Gralsepos: Parzivals Kindheit in Soltane, die dortige Gemeinschaft und ihr höfischer Kern, Parzivals tumpheit als Signum seiner Liminalität, das Epitheton Wâleis, seine Erziehung durch Gurnemanz und nicht zuletzt sein Schweigen vor dem Gral.

Zitierfähigkeit des eBooks

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort und Danksagung

1 Einleitung

2 Von Soltane zum Artushof: Parzival, der (toersche) Wâleise

2.1 Parzival in Soltane: Grundzüge einer höfischen Identität

2.1.1 Die Gemeinschaft in Soltane als rudimentäre Hofgesellschaft

2.1.2 Parzivals ‚Sozialisation’ in Soltane

2.2 Die erste Begegnung mit Sigune: Name = Identität?

2.2.1 Parzivals Eigenname

2.2.2 Parzival – (k)ein Anschevîn

2.2.3 Parzival, der Wâleis

2.3 Die erste Begegnung mit dem Artushof: Ein neuer Blick auf Parzivals tumpheit

2.3.1 Die tumpheit als Signum fehlender kultureller Zugehörigkeit

2.3.2 Die tumpheit als Schwellenphase

3 Vom Artushof nach Pelrapeire: Parzival, der Rote Ritter

3.1 Überwindung der tumpheit: Parzivals Erziehung durch Gurnemanz

3.1.1 Parzivals Angliederung an die höfische Gesellschaft in Graharz

3.1.2 Parzivals Angliederung an die christliche Religionsgemeinschaft

3.1.3 Gurnemanz‘ Herrscherlehre

3.1.3.1 Gurnemanz’ Tugendlehre

3.1.3.2 Höfische zuht – Gurnemanz‘ Lehre des höfischen Verhaltens

3.1.3.3 Kämpferische Vervollkommnung – der praktische Teil der Lehre

3.1.4 Parzivals Ausbildung bei Gurnemanz – ein Erfolg?

3.2 Pelrapeire: Parzival, der „Rote Ritter“←v | vi→

3.2.1 Bewährung der höfischen Identität: Parzivals Aufnahme in Pelrapeire

3.2.2 Vom Ritter zum Landesherrn: der Gewinn von wîp unde lant

4 Von Pelrapeire zum Artushof: Tafelritter vs. Gralerbe

4.1 Parzivals erster Besuch auf der Gralburg: fremde Gesellschaft mit vertrauter zuht

4.1.1 Parzivals Aufnahme in Munsalvaesche: eine Angliederung?

4.1.2 Die Geschehnisse im Palas

4.1.3 Parzivals Versäumnis

4.1.4 Parzivals Abschied vom Gral

4.2 Interludium: Parzivals Weg von Anfortas zu Artus

4.3 Parzivals zweite Begegnung mit dem Artushof

4.3.1 Endgültige Konsolidierung der Ich-Identität: Parzivals Aufnahme in die Tafelrunde

4.3.2 Identitäten im Widerstreit: Cundries Schmährede

4.3.3 Parzivals Ablösung von der Wir-Identität der Artuswelt

5 Fazit und Ausblick

6 Bibliographie

6.1 Abkürzungen

6.2 Primärliteratur

6.3 Sekundärliteratur

6.4 Wörterbücher, Lexika und Nachschlagewerke

6.5 Online-Quellen←vi | 1→

Vorwort und Danksagung

Manches Vorhaben gestaltet sich schwieriger und langwieriger, als es zu Beginn scheint – die vorliegende Arbeit, die im Wintersemester 2017/18 von der Philosophischen Fakultät der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf als Dissertation angenommen wurde, gehört zweifelsfrei dazu. Dass sie schließlich zu einem erfolgreichen Abschluss führte, habe ich in besonderer Weise meiner Doktormutter Frau Prof. Dr. Barbara Haupt zu verdanken. Ihr möchte ich für ihre ausdauernde, intensive, professionelle und unterstützende Betreuung meiner Promotion, ihren stets unvoreingenommenen Blick auf meine Überlegungen, ihre Bereitschaft zum intensiven philologischen Austausch, für ihre nie versiegende Ermutigung, ihre fortwährende Motivation während so mancher ‚Durststrecke‘ und nicht zuletzt für ihre unerschöpfliche Geduld von ganzem Herzen danken!

Ebenso herzlich danke ich meiner Zweitgutachterin Frau Prof. Dr. Ricarda Bauschke-Hartung für ihre überaus hilfreiche flankierende Begleitung und Unterstützung meines Promotionsvorhabens sowie für ihre wertvollen konstruktiven und zielführenden Anmerkungen zu meiner Arbeit.

Ich danke ebenfalls meinem Herausgeber Herrn Prof. Dr. Thomas Bein (RWTH Aachen) für die Aufnahme dieser Arbeit in die Reihe Kultur, Wissenschaft, Literatur. Beiträge zur Mittelalterforschung. Desgleichen gilt mein besonderer Dank dem leitenden Lektor des Peter Lang Verlags, Herrn Michael Rücker, sowie seinem gesamten Team für ihre Unterstützung und ihre ausgesprochen gute Autorenbetreuung.

Mein Dank gilt ferner allen, die mich mit Rücksicht und Nachsicht, mit Verständnis und Geduld auf meinem Weg begleitet haben. Hier seien in erster Linie meine Familie und meine Freundinnen und Freunde genannt. Meinen Eltern Christof und Hedwig Buhl danke ich von ganzem Herzen für ihre nie versiegende Motivation, ihren Zuspruch und ihr jederzeit offenes Ohr; desgleichen danke ich ihnen, ebenso wie meinen Schwiegereltern Gerda und (postum) Dieter Schauch, für ihre nicht genug zu schätzende Bereitschaft, jederzeit und auch kurzfristig als ‚Alltagshelfer‘ einzuspringen. Vor allem aber danke ich meinem Mann Markus Schauch und meinem Sohn Benedikt, denen diese Arbeit gewidmet sei, für schlichtweg alles.←1 | 2→ ←2 | 3→

1 Einleitung

Bei dem Gedanken an die Identität des Protagonisten in Wolframs von Eschenbach Parzival steht unweigerlich dessen soziale Rolle als Gralherrscher im Vordergrund. Der mühevolle, von Rückschlägen gekennzeichnete Erwerb dieser Identität, für die Parzival zweifach, genealogisch und qua Berufung durch den Gral, legitimiert ist1, bildet den Hauptgegenstand, den Schlusspunkt und das Ziel der Erzählung. Jedoch ist Parzivals Identität als Gralkönig trotz ihrer Bedeutsamkeit für die narratio nicht die einzige Identität, die der Held in Wolframs Roman einnimmt. Es sind minne und grâl, das väterliche und das mütterliche Erbe, die den Impetus für Parzivals Queste bilden. Nicht nur Herzeloydes, auch Gahmurets art trägt dazu bei, dass Parzival seine eigentliche Bestimmung erfüllen kann. Bevor Parzival die Gralherrschaft übernimmt, erwirbt er die Identität des höfischen Ritters. Und obgleich diese Identität in der narratologischen Gesamtkonzeption der Figur eine Übergangsidentität ist und im Gesamtwerk lediglich eine Zwischenstufe bis zu Parzivals Einsetzung als Gralkönig darstellt2, bedeutet sie doch grundsätzlich eine ‚vollständige’ höfische Identität, wie sie allen anderen Protagonisten der höfischen Epik zu eigen ist.

Die vorliegende Arbeit hat diese höfische Identität Parzivals zum Thema. Mit ‚Identität’ ist in diesem Zusammenhang stets die personale Identität3 gemeint. Im Gegensatz zur individuellen Identität, die sich auf die Leibhaftigkeit des Daseins und seiner Grundbedürfnisse bezieht, umfasst die personale Identität den

Inbegriff aller dem Einzelnen durch Eingliederung in spezifische Konstellationen des Sozialgefüges zukommenden Rollen, Eigenschaften und Kompetenzen,←3 | 4→

sie betrifft die „soziale Anerkennung und Zurechnungsfähigkeit des Individuums“.4 Die Untersuchung geht der Frage nach, auf welche Weise Parzival die ihm von Vaterseite zukommende ritterliche Identität erwirbt. Sie fußt auf der These, dass Parzival seine ritterlich-höfische Identität – letztlich auch seine Identität als Gralkönig, die im Rahmen dieser Arbeit indes nicht thematisiert werden soll – gewinnt, indem er zunehmend an dem kollektiven5 bzw. kulturellen6 Gedächtnis der Artusgesellschaft teilhat, die eine Anbindung der Ich-Identität Parzivals an die Wir-Identität der höfischen Gesellschaft der Artussphäre zur Folge hat.7

Das über eine lange Zeit in der Mediävistik diskutierte Forschungsthema der mittelalterlichen Memoria8 wurde mittlerweile von neuen Paradigmen, wie beispielsweise Forschungen zu dem narrativen Konzept des Romans9, abgelöst.10 Und auch zu den individuellen oder identitätsrelevanten Aspekten höfischer Romanhelden sind in den vergangenen Jahren verschiedene Untersuchungen veröffentlicht worden, die sich mit der Identität, der Entwicklung oder der Kindheit und Jugend des jeweiligen Protagonisten, auch der Figur des Parzival, befassen.11 Die Verbindung der beiden Forschungsbereiche Gedächt←4 | 5→nis/Memoria und Identität ist ebenfalls seit Langem bekannt: Die Entstehung von Identität ist ein wesentlicher Wirkungsbereich des Gedächtnisses, denn die Teilhabe an dem kollektiven wie kulturellen Gedächtnis der Gesellschaft, zu der man gehört, bildet einen wichtigen Faktor für die Ausbildung der personalen Identität, die das Individuum innerhalb einer Gemeinschaft einnimmt. Doch speziell vor dem Hintergrund der ritterlichen Identitätsgenese der Parzivalfigur lohnt sich ein erneuter Blick auf den Wirkungszusammenhang von Ich- und Wir-Identität, auf den Einfluss des kollektiven Gedächtnisses12 auf das individuelle Gedächtnis und damit die Identität eines Einzelnen. Eine Untersuchung der Identitätsgenese Parzivals unter memorialen Aspekten ermöglicht aus meiner Sicht eine neue Perspektive auf verschiedene philologische Fragestellungen im Zusammenhang mit der Figur. Sie eröffnet neue Deutungshorizonte für vermeintlich umfassend untersuchte Episoden und Phänomene der narratio. Vor diesem Hintergrund erhalten Parzivals Kindheit und Jugend in Soltane, die erste Begegnung des Helden mit Sigune und die Qualität seiner tumpheit eine neue Bedeutung. Gleiches gilt für Parzivals Aufenthalt in Graharz mit seiner Erziehung durch Gurnemanz, seine Eroberung von wîp unde lant in Pelrapeire sowie seine erste Nacht auf der Gralburg. Eine Betrachtung gerade dieser Episoden vor dem Hintergrund unterschiedlicher Wir-Identitäten – auf der einen Seite steht die durch Gurnemanz vertretene und in Pelrapeire gelebte kulturelle Identität der Artussphäre, auf der anderen jene der Gralgesellschaft – erlaubt eine Neuinterpretation und Neubewertung von Parzivals Schweigen. Der damit einhergehende Konflikt lässt sich, wie die Untersuchung zeigen wird, plausibel durch die Identität des Helden erklären, genau genommen durch das Spannungsverhältnis zweier äußerlich scheinbar identischen Wir-Identitäten, mit denen Parzivals eigene Identität auf der Gralburg kollidiert. Die Diskrepanz zwischen der Ich-Identität des Helden und←5 | 6→ den Wir-Identitäten der Artusgesellschaft einerseits und der Gralgesellschaft andererseits kumuliert schließlich in der Verfluchung des Helden durch die Gralbotin Cundrie während Parzivals zweitem Aufenthalt am Artushof. Diese Episode bildet mit Parzivals Aufnahme in die Tafelrunde den Höhepunkt und die Vollendung seiner höfisch-ritterlichen Identität – und gleichzeitig deren vorläufiges Ende. Darüber hinaus ist Parzivals Identitätsgewinnung in ihrem außergewöhnlichen Verlauf besonders dazu geeignet, die Entstehung höfischer Identität vor dem Hintergrund der hochmittelalterlichen Memorialkultur zu untersuchen. Die Ritterwerdung des Helden konterkariert das Gewohnte, weil Parzival zunächst mit keiner, dann aber gleich mit zwei identitätskonstituierenden Kulturen konfrontiert wird. Durch seine Kindheit und Jugend in Soltane fehlt Parzival jedes Wissen über seine Genealogie13, seine Identität und seine Bestimmung. Seine Ich-Identität und sein individuelles Gedächtnis sind von den identitäts- und gedächtnisstiftenden sozialen Bezugsrahmen der Gral- und der Artusgesellschaft abgeschnitten. Parzivals Identitätsgenese steht damit im Kontrast zu einer in der Literatur idealisierten höfischen Identitätsausbildung, wie sie beispielsweise Gottfried anhand des Protagonisten seines Tristanromans darstellt. Wolframs Negation dieses Ideals spiegelt in besonderer Weise die Mentalität der mittelalterlichen Aristokratie wider, die auf der Überzeugung hervorragender Eigenschaften, begründet und vermittelt durch Vererbung, Herkunft, Abstammung, Geburt und Geblüt, beruhte. Es war bekanntermaßen die Herkunft, die dem Einzelnen verlieh, was er war, seinen Rang, seine Würde, sein Wesen – kurz: seine Identität.14 Gerade im Mittelalter,←6 | 7→ dieser zwischen Oralität und Literalität15 oszillierenden Epoche sui generis16, kam der Erinnerung dabei eine konstituierende Bedeutung zu.17 Der mittelalterliche Adel, insbesondere der mittelalterliche Herrscher, war in besonderem Maß darauf angewiesen, durch fama, Repräsentation und Genealogie sowie verschiedene Formen symbolischer Kommunikation18 stetig an seine Vergangenheit und seine herausragende Identität zu erinnern, um die Herrschaft zu etablieren und dauerhaft zu sichern. So selbstverständlich diese Phänomene für den historischen wie den in der höfischen Literatur idealisierten Herrscher und sein Selbstverständnis sind, so erstaunlich, überraschend und neu sind sie für Parzival, der sich diese kulturellen Gepflogenheiten auf seinem Weg vom tumben knappen in Soltane zum mit prîs und êre ausgezeichneten Ritter der Tafelrunde durch eine wachsende Teilhabe an den Gedächtnisinhalten der höfischen Ritterschaft aneignen muss.

Bei der Betrachtung von Parzivals Identitätsgewinnung stellt sich unweigerlich die Frage nach einer möglichen Entwicklung des Helden. In der Forschung lassen sich dazu unterschiedliche Positionen ausmachen, wobei allerdings stets Parzivals gesamter Lebensweg bis zu seiner Erringung der Gralherrschaft betrachtet wird. Ruth Sassenhausen bezieht eine deutliche Position für eine Entwicklung des Helden; sie untersucht den Parzival unter gattungstheoretischen Aspekten und betrachtet Wolframs Gralroman insgesamt als „Entwicklungsroman“. Sassenhausen orientiert sich dabei an der aus der Antike stammenden←7 | 8→ und im Mittelalter weit verbreiteten aetates-Vorstellung19; in Anlehnung an Isidors von Sevilla Einteilung der menschlichen Lebensalter20 stellt Sassenhausen eine deutliche Entwicklung des Helden fest.21 Auch Monika Schausten konstatiert eine „affektiv[e] Entwicklung des Helden“, die sie an Parzivals sich verändernder Farbwahrnehmung festmacht.22 Eine ähnliche Haltung findet sich bei Walter Delabar23 und Ursula Storp24, die ebenfalls einen fortschreitenden Prozess in der Persönlichkeitsausformung des Helden erkennen, und Green begreift Parzivals Lebensweg bis zur Erringung der Gralherrschaft als „progress from tumpheit to wîsheit“, der auf einem Fortschritt seiner Selbsterkenntnis fußt und wesentlich im Erwerb von compassio begründet ist.25 Bumke hingegen betont, dass es gerade „keinen kontinuierlichen Prozess der Selbsterkenntnis“ gibt, da sich dieser „im Text nur bruchstückhaft“ vollzieht. Vielmehr beruhe Parzivals Selbstbewusstsein bis zum Schluss auf seinem Kampfesruhm.26 Auch Joachim Schröder27 und Larissa Schuler-Lang28 sprechen sich gegen eine Entwicklung Parzivals aus. Eine differenziertere Forschungsposition findet sich bei Ingrid Kasten, die konform mit Bumke29 Parzival zwar einen Mangel an rationaler Erkenntnisfähigkeit attestiert,←8 | 9→ dieses Manko aber nicht als Hinweis auf ein gänzliches Fehlen einer „allmählich sich ausdifferenzierenden Empfindungs- und Wahrnehmungsfähigkeit des Helden“ interpretiert.30

Die Forschungsdiskussion zeigt, dass die Frage nach einer Entwicklung des Helden nur schwer zu beantworten ist. Auf Basis des Textes ist aus meiner Sicht eine eindeutige Antwort sogar unmöglich. Zwar gibt es Ansätze, die auf eine Art der Entwicklung schließen lassen, wie etwa Parzivals Überwindung seiner tumpheit oder sein erwachtes schame-Empfinden31, andere Textstellen scheinen dem jedoch zu widersprechen, wie beispielsweise Parzivals Festhalten an seinem Wunsch, den Gral zu erringen, obwohl er von der Vergeblichkeit dieses Unterfangens erfahren hat.32 Betrachtet man Parzivals Identitätsgenese zum Artusritter vor dem Hintergrund der Teilhabe an einem Kollektivgedächtnis und einer kollektiven Identität, erscheint es mir sinnvoller, statt von Entwicklung von Sozialisation zu sprechen. Der Prozess der Sozialisation verläuft in kulturell und gesellschaftlich vorgezeichneten Bahnen: Der Einzelne erwirbt seine Identität nicht aus sich selbst heraus, sondern als eine gesellschaftliche Gegebenheit, in den sozialen Beziehungen innerhalb einer gemeinsamen Umwelt, über und durch seine Mitmenschen.33 Konkret gestaltet sich dieser „universelle, zwischenmenschliche Vorgang“34 so, dass ein Mensch in eine bestehende Sozialstruktur ‚hineingeboren’ wird. Diese Sozialstruktur, die in erster Linie vom Familienverband35 geprägt wird, bestimmt anfänglich die unmittelbaren sozialen Beziehungen des Individuums, später auch seine weiteren Gruppenbeziehungen, die ihn in eine zusehends komplexere Sozialwelt eingliedern.36 Die Identität des Einzelnen wird auf diese Weise „sozial hergestellt“37, sie ist stets kulturell und soziogen determiniert. Dies bedingt eine enge Verbindung von Ich- und Wir-Identität und←9 | 10→ damit von individuellem und kollektivem Gedächtnis: Die Ich-Identität des Einzelnen ist zwar im Bewusstsein des Einzelnen verankert, dieses erhält seine Formung jedoch durch die „Sprache, Vorstellungswelt, Werte und Normen einer Kultur und Epoche“38, durch die Wir-Identität des jeweiligen Sozialverbands39.

Auch Parzival wird in eine bestehende Sozialstruktur hineingeboren, allerdings wird diese bald durch eine andere ersetzt. Geboren am Hof von Kanvoleis, wird er wenige Wochen später in die Einöde von Soltane gebracht und wächst dort abgeschnitten von jenen beiden Kulturbereichen auf, denen er durch seine mütterliche und väterliche Abstammung angehört. Durch seine Kindheit in der Isolation mangelt es ihm an den sozialen Bezugsrahmen der arturischen Welt wie auch der Gralsphäre sowie – beide gesellschaftliche Gruppen übergreifend – jenen der christlichen Religionsgemeinschaft. Infolgedessen hat er ebenso wenig teil an den entsprechenden kollektiven Gedächtnissen und damit an den assoziierten Wir-Identitäten. Parzival wächst dadurch nicht in die ihm zugedachte soziale Rolle hinein, sondern muss seine Sozialisation innerhalb der einzelnen Gesellschaftssysteme schrittweise nachholen, um zu seiner eigentlichen, seiner ‚wahren’ Identität zu finden und sich ihrer bewusst zu werden. Parzival wird auf seinem Weg zum Ritter der Tafelrunde auf unterschiedliche Arten und durch verschiedene Personen und Gesellschaftssysteme sozialisiert. Die Identitätsgenese des Helden gestaltet sich, wie Klaus Ridder formuliert, „als kontinuierliche Vermittlung von kulturellen Wertungssetzungen, die sich der Protagonist in einer schrittweisen Veränderung des inneren Selbstkonzepts zu eigen macht“40. Das heißt: Auch wenn die Frage nach einer Entwicklung des Protagonisten offenbleiben muss, so kann doch festgehalten werden, dass Parzival einen stetigen Wissenszuwachs erlebt und einen zusehends höheren Sozialisationsstand erreicht. Orientiert man sich an den unterschiedlichen sozialen Rollen, die Parzival bis zu seiner Aufnahme in die Tafelrunde – letztlich sogar bis zu der Übernahme der Gralherrschaft – übernimmt, so lässt sich deutlich ein zeitlicher41, stufenweise←10 | 11→ verlaufender Sozialisationsprozess erkennen, der mit der jeweiligen Gesellschaft, in der Parzival sich bewegt, korrespondiert.

Parzivals Sozialisation zum Artusritter vollzieht sich in drei Stufen42, die seiner räumlichen Fortbewegung entsprechen und sich wie folgt definieren lassen:

Zusammenfassung

Parzivals ritterliche Identität gilt gemeinhin als „Übergangsidentität", tatsächlich bildet sie die unabdingbare Voraussetzung für sein Gralkönigtum. Dabei entspricht seine Identitätsgenese seiner Fortbewegung im Raum, es ist buchstäblich ein Werde-Gang. Das vorliegende Werk befasst sich mit der Entstehung dieser höfischen Identität Parzivals unter dem Gesichtspunkt seiner zunehmenden Teilhabe am kulturellen Gedächtnis der Artusgesellschaft. Dieser Forschungsansatz erlaubt grundlegend neue Deutungen für scheinbar umfassend untersuchte Aspekte des Gralsepos: Parzivals Kindheit in Soltane, die dortige Gemeinschaft und ihr höfischer Kern, Parzivals tumpheit als Signum seiner Liminalität, das Epitheton Wâleis, seine Erziehung durch Gurnemanz und nicht zuletzt sein Schweigen vor dem Gral.

Details

Seiten
VI, 326
ISBN (PDF)
9783631776070
ISBN (ePUB)
9783631776087
ISBN (MOBI)
9783631776094
ISBN (Buch)
9783631775974
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Dezember)
Schlagworte
höfische Sozialisation kulturelles Gedächtnis Memoria Wâleis Parzivals tumpheit Parzivals Frageversäumnis
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2018. 324 S.

Biographische Angaben

Yvonne Caroline Schauch (Autor:in)

Yvonne Caroline Schauch studierte Germanistik und Anglistik/Amerikanistik an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Dort erfolgte auch ihre Promotion. Sie arbeitet als freiberufliche Lektorin, Übersetzerin und Autorin.

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