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Das geteilte Urteil

Die Literaturkritik und Christa Wolf

von Vera Annette Klein (Autor:in)
Dissertation 602 Seiten

Zusammenfassung

Die Vielfalt an Meinungen und Kontroversen, die Christa Wolf in der deutschsprachigen Literaturkritik hervorrief, ist außergewöhnlich – und überaus aufschlussreich, wie diese Analyse von Kritiken zu Wolfs belletristischem Werk aus Printmedien der DDR und der BRD von 1961 bis 1990 zeigt. Im Zentrum der Untersuchung stehen der Einfluss gesellschaftlicher wie politischer Vorgänge (sowie staatlicher Vorgaben und Zensurmaßnahmen im Sonderfall der DDR-Literaturkritik) auf die Rezensenten, der Wandel der Bewertungskriterien und der Einschätzung von Wolfs Werk im Verlauf der Jahrzehnte sowie die Wechselwirkungen zwischen der Kritik in der BRD und der Kritik in der DDR. Erstmals erschlossen werden zahlreiche Archivmaterialien, die Entstehungszusammenhänge diverser Rezensionen näher beleuchten.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autoren-/Herausgeberangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • 1. Einleitung
  • 2. Was war, was ist Literaturkritik?
  • 2.1. Begriffsdefinition
  • 2.2. Historische Entwicklung im deutschsprachigen Raum bis 1945
  • 3. Literatur und Literaturkritik in Sowjetischer Besatzungszone und Deutscher Demokratischer Republik: Entwicklung und Ausmaß staatlicher Vorgaben und Kontrollmaßnahmen
  • 3.1. Der Vorlauf: Prägung und Planungen führender KPD-Kulturfunktionäre im Moskauer Exil
  • 3.2. Strukturentwicklung 1945–1949 in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ)
  • 3.2.1. Institutionen und Akteure sowjetischer Kultur- und Medienpolitik in der SBZ
  • 3.2.2. Phase eins: Zentralisierung, aber auch fragiler bis fragwürdiger Pluralismus
  • 3.2.3. Phase zwei: Systemausbau und Schwinden der Pluralität
  • 3.3. Entwicklung im Bereich Literatur
  • 3.3.1. „N. Orlow“ und das Schreckgespenst Formalismus
  • 3.3.2. Postulate einer verpflichtenden neuen Kunstdoktrin: der Sozialistische Realismus
  • 3.3.3. Ausbau der Kontrollstrukturen gegenüber Literatur und Literaten
  • 3.4. Entwicklung des Printmedienbereichs im Allgemeinen
  • 3.4.1. Der Journalist als kollektiver Agitator, Propagandist und Organisator
  • 3.4.2. Ausbau der Kontrollstrukturen gegenüber Printmedien und Printjournalisten
  • 3.5. Entwicklung im Bereich Literaturkritik
  • 3.5.1. Der Kritiker als Erzieher, Werber, Wächter, Zensor
  • 3.5.2. Vorzensur als „Vorkritik“? Über die angebliche „Entgrenzung“ der DDR-Literaturkritik
  • 3.5.3. DDR-Literaturkritik als „wohlwollende Schirmherrin“ einer kritischeren DDR-Literatur oder in „Lähmung und Agonie“?
  • 4. Streit um Thomas Mann und um Gartenzwerge: Zur Literaturkritik in der frühen Bundesrepublik
  • 5. Porträt der Autorin als junge Rezensentin: Die Literaturkritikerin Christa Wolf, 1952 bis 1962
  • 5.1. Zum Gesellschafts- und Literaturideal der Rezensentin Christa Wolf
  • 5.2. Über Maßstäbe und Ansprüche der Rezensentin Christa Wolf
  • 5.3. Über das „Wir“, das „Ich“ und einen Wandel in Christa Wolfs Kritiken
  • 6. Die Literaturkritik und Christa Wolf im geteilten Deutschland
  • 6.1. Moskauer Novelle (1961)
  • 6.1.1. Kurzdarstellung des Werks
  • 6.1.2. Zum Zensurprozess
  • 6.1.3. Zur Rezeption durch die DDR-Literaturkritik
  • 6.1.4. Zur Nicht-Rezeption in der BRD
  • 6.2. Der geteilte Himmel (1963)
  • 6.2.1. Kurzdarstellung des Werks
  • 6.2.2. Zum Zensurprozess
  • 6.2.3. Zur Rezeption durch die Literaturkritik der DDR I: Lob und Preis
  • 6.2.4. Zur Rezeption durch die Literaturkritik der BRD I: Literatur als Vehikel für politische Urteile
  • 6.2.5. Zur Rezeption durch die Literaturkritik der DDR II: Debatte in der und über die Freiheit
  • 6.2.6. Zur Rezeption durch die Literaturkritik der BRD II: Erste positive Einschätzungen
  • 6.3. Nachdenken über Christa T. (1969)
  • 6.3.1. Kurzdarstellung des Werks
  • 6.3.2. Zum Zensurprozess
  • 6.3.3. Zur Rezeption durch die Literaturkritik der DDR: Ein dreifacher Strategiewechsel
  • 6.3.4. Zur Rezeption durch die Literaturkritik der BRD I: Lob im überregionalen Feuilleton
  • 6.3.5. Zur Rezeption durch die Literaturkritik der BRD II: Auswirkungen in der DDR
  • 6.3.6. Zur Rezeption durch die Literaturkritik der BRD III: Übernahmen und Distanzierungen
  • 6.4. Kindheitsmuster (1976)
  • 6.4.1. Kurzdarstellung des Werks
  • 6.4.2. Zum Zensurprozess
  • 6.4.3. Zur Rezeption durch die Literaturkritik der DDR
  • 6.4.4. Zur Rezeption durch die Literaturkritik der BRD
  • 6.5. Kein Ort. Nirgends (1979)
  • 6.5.1. Kurzdarstellung des Werks
  • 6.5.2. Zum Zensurprozess
  • 6.5.3. Zur Rezeption durch die Literaturkritik der BRD
  • 6.5.4. Zur Rezeption durch die Literaturkritik der DDR
  • 6.6. Kassandra (BRD: 1983, DDR: 1984)
  • 6.6.1. Kurzdarstellung des Werks
  • 6.6.2. Zum Zensurprozess
  • 6.6.3. Zur Rezeption durch die Literaturkritik der BRD
  • 6.6.4. Zur Rezeption durch die Literaturkritik der DDR I: 1983
  • 6.6.5. Zur Rezeption durch die Literaturkritik der DDR II: 1984
  • 6.7. Störfall (1987)
  • 6.7.1. Kurzdarstellung des Werks
  • 6.7.2. Zum Zensurprozess
  • 6.7.3. Zur Rezeption durch die Literaturkritik der DDR
  • 6.7.4. Zur Rezeption durch die Literaturkritik der BRD
  • 6.8. Sommerstück (1989)
  • 6.8.1. Kurzdarstellung des Werks
  • 6.8.2. Zum Zensurprozess
  • 6.8.3. Zur Rezeption durch die Literaturkritik der BRD
  • 6.8.4. Zur Rezeption durch die Literaturkritik der DDR
  • 6.9. Was bleibt (1990)
  • 6.9.1. Kurzdarstellung des Werks
  • 6.9.2. Ein Streichholz in ein Benzinfass: Anmerkungen zum Veröffentlichungszeitpunkt
  • 6.9.3. Der Ausbruch des deutsch-deutschen Literaturstreits
  • 6.9.4. Erbittertes Für und Wider – auch in ostdeutschen Medien?
  • 6.9.5. Ein zerstörter Tempel und neue Hohepriester: Kurswechsel im Oktober 1990
  • 6.9.6. Ausblick auf die Entwicklung nach 1990
  • 7. Fazit
  • 8. Quellenverzeichnis
  • 8.1. Literaturkritiken
  • 8.1.1. Christa Wolf als Literaturkritikerin
  • 8.1.2. Literaturkritiken zu Moskauer Novelle (1961)
  • 8.1.3. Literaturkritiken zu Der geteilte Himmel (1963)
  • 8.1.4. Literaturkritiken zu Nachdenken über Christa T. (1969)
  • 8.1.5. Literaturkritiken zu Kindheitsmuster (1976)
  • 8.1.6. Literaturkritiken zu Kein Ort. Nirgends (1979)
  • 8.1.7. Literaturkritiken zu Kassandra (BRD: 1983, DDR: 1984)
  • 8.1.8. Literaturkritiken zu Störfall (1987)
  • 8.1.9. Literaturkritiken zu Sommerstück (1989)
  • 8.1.10. Literaturkritiken zu Was bleibt (1990)
  • 8.1.11. Berichterstattung zu Geburtstagen
  • 8.1.12. Berichterstattung zu Preisverleihungen
  • 8.1.13. Sonstige Beiträge aus der DDR
  • 8.1.14. Sonstige Beiträge aus der BRD
  • 8.1.15. Relevante Beiträge nach 1990
  • 8.2. Sonstige Primärmaterialien
  • 8.3. Sekundärquellen
  • 9. Abkürzungsverzeichnis
  • Danksagung

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1. Einleitung

In den deutschen Feuilletonredaktionen, berichtet Gregor Dotzauer vom Berliner Tagesspiegel, gelte die Literaturkritik als „Königsdisziplin“.1 Diese Bezeichnung scheint durchaus angemessen, führt man sich die mit dem Kritikeramt verbundene Macht vor Augen: Als Vermittlungsinstanz zwischen Literatur und Leser kommt der Literaturkritik erhebliche Bedeutung zu. Die Auswahl, die der Kritiker aus dem immer vielfältigeren und für den Durchschnittsleser längst nicht mehr überschaubaren Angebot auf dem Buchmarkt trifft, beeinflusst das Lesepublikum bei der Entscheidung über Kauf oder Nichtkauf eines speziellen Werkes ebenso wie die Bewertung, die der Rezensent den von ihm besprochenen Texten zukommen lässt. Dabei reicht der Einflussbereich der Literaturkritik laut Thomas Anz und Rainer Baasner sogar bis hin zu jenen Buchkäufern, die selbst grundsätzlich keine Rezensionen lesen: Über die Urteile anderer seien auch diese Kunden „den Wirkungen der Kritik ausgesetzt“; Literaturkritik sei schlicht „omnipräsent“.2 Ihr Einfluss drücke sich darüber hinaus nicht nur kurzfristig in Buchkäufen aus, so Anz und Baasner weiter: Die Literaturkritik präge zudem langfristig „die individuellen und kollektiven Vorstellungen davon […], was Literatur ist, sein kann oder sein sollte“.3

Diese Autorität stützt sich auch auf einen speziellen Gestus: Nach Jens Kulenkampffs Beobachtung beharren Literaturkritiker stets auf dem Anspruch, in ihren Veröffentlichungen objektive Urteile zu fällen.4 Sollten diejenigen, die eine derart weitreichende Wirkung auf andere haben, tatsächlich selbst vollkommen unbeeinflusst und ihre Empfehlungen und Verrisse zeitlos sein? Nein, widerspricht einer, dessen Schaffen die deutschsprachige Literaturkritik der vergangenen Jahrzehnte prägte wie kaum ein anderes: Literaturkritiken, verkündet Marcel Reich-Ranicki, seien stets „in hohem Maße zeitbedingt“ und „immer aus der Situation zu verstehen, in der sie geschrieben werden.“5 Oftmals sei es erst „der Hintergrund, der gesellschaftliche und politische“, der die Motive eines Kritikers erkennbar mache, sie rechtfertige oder kompromittiere: „Erst verschiedene (von ihm keineswegs immer erwähnte) Begleitumstände können, beispielsweise, die Heftigkeit mancher seiner Äußerungen begreifbar machen.“6

Auch in wissenschaftlichen Analysen zum Thema literarische Wertung ist zu lesen, dass eine objektive Literaturkritik nicht existiere. So stellen Renate von Heydebrandt ← 9 | 10 → und Simone Winko in ihrer Einführung in die Wertung von Literatur fest, „[n]ur ein Teil der Wertungen“, die ein Rezensent vornehme, richte sich auf die betrachteten Texte selbst; „keineswegs“ würden nur die literarischen Qualitäten der Werke eine Rolle spielen, sondern auch „weltanschauliche, politische, religiöse etc.“ Vorstellungen des Wertenden.7 Wie die Eigenschaften eines Textes („attributive Werte“) wahrgenommen und beurteilt würden, sei stets von Wertmaßstäben („axiologischen Werten“) abhängig, die der Kritiker bereits ausgebildet in sich trage – ein Umstand, der dem Wertenden nicht immer bewusst sei und oft nicht explizit benannt werde. Welche Wertmaßstäbe oder -haltungen ein Individuum vertrete, hänge dabei in entscheidendem Maße von seiner Sozialisation ab: „Werthaltungen werden im Laufe des Lebens erworben, wobei verschiedene Faktoren – etwa individuelle Dispositionen und Erlebnisse, das soziale Umfeld u. a. – eine Rolle spielen können.“8 Es erscheint angebracht, einen der sich hinter von Heydebrandts und Winkos „u. a.“ verbergenden Faktoren genauer zu benennen: Norbert Mecklenburg betont, die Wertung von Literatur hänge auch und besonders vom Einfluss politischer Rahmenbedingungen ab.9 Von Heydebrandt und Winko führen derweil weiter aus, Werthaltungen seien, da sie immer einen „zentralen Stellenwert in der Persönlichkeitsstruktur eines Menschen“ innehätten, „in hohem Maße mit Emotionen verbunden“, was oft zu besonders „gefühlsgeladene[n]“ Wertungsäußerungen führe.10 Axiologische Werte würden dabei „nicht absolut“ gelten: Sie seien „schichten- oder gruppenspezifisch“ und verlören an Verbindlichkeit, sobald sich eine spezielle Gesellschaftsstruktur grundlegend verändere oder auflöse.11 Die Forscherinnen sprechen daher von einer „scheinbar totale[n] Individualisierung und Kontextgebundenheit des Wertens“ von Literatur.12

In der vorliegenden Arbeit wird die Frage, ob und wenn ja, in welchem Ausmaß Literaturkritik von politischen sowie sonstigen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen beeinflusst und damit zeitgebunden ist, anhand einer Untersuchungsgrundlage beantwortet, die sich für diesen Zweck in besonderem Maße eignet: Im Zentrum der nachfolgenden Ausführungen steht eine Analyse von Literaturkritiken zum Werk der Schriftstellerin Christa Wolf, die in der Deutschen Demokratischen Republik sowie in der Bundesrepublik Deutschland in insgesamt vier verschiedenen Jahrzehnten publiziert wurden.

Geboren 1929, begann Christa Wolf ab dem Anfang der sechziger Jahre eine rasch erfolgreiche Autorenkarriere. Wohnsitz und auch „geistige Heimat“ war ihr stets die DDR: Obwohl sie für die Missstände im realen System keineswegs blind war, hielt sie doch bis zuletzt an der Utopie des Sozialismus fest. Ihr Einflussbereich aber umfasste bald auch die Bundesrepublik, in der ihre Werke stets mühelos die oberen Ränge ← 10 | 11 → der Bestsellerlisten eroberten. Dem Spiegel zufolge war Wolfs Bedeutung in Ost wie West in den siebziger und achtziger Jahren so groß, dass man von einer „Generation Wolf“ im gesamtdeutschen Lesepublikum sprechen kann.13 Wie angesehen Wolf bei den Lesern war, zeigte sich auch daran, dass ihre Werke nach der Wiedervereinigung weiterhin zu Verkaufserfolgen wurden – im Gegensatz zu denen vieler anderer ehemaliger DDR-Autoren. Christa Wolf war jedoch nicht nur eine der beliebtesten deutschsprachigen Schriftstellerinnen der Nachkriegszeit, sondern auch eine der umstrittensten, wenn nicht gar die umstrittenste überhaupt: Immer wieder kam es in der Literaturkritik der genannten deutschen Staaten zu Angriffen auf die Autorin und ihre Texte, hinter deren außergewöhnlicher Heftigkeit die von Marcel Reich-Ranicki angeführte Ursache zu vermuten ist.14

Angesichts dieses Umstands überrascht es, dass die Literaturkritik zu Wolfs Werk noch kaum erschlossen ist. Zwar liegt zum sogenannten deutsch-deutschen Literaturstreit, der 1990 an Wolfs Erzählung Was bleibt entbrannte, eine erhebliche Anzahl von Dokumentationen und Analysen unterschiedlicher Qualität vor.15 In Hinblick auf die Literaturkritik zu Christa Wolfs Werk vor und nach dem Literaturstreit aber ist der derzeitige Forschungsstand dürftig: Einen Versuch, die Entwicklung der Literaturkritik zu Wolfs Publikationen im Zusammenhang zu betrachten – ein Vorgehen, das auch für eine korrekte Einordnung der Reaktion auf Was bleibt von entscheidender Bedeutung ist –, unternahmen lediglich drei Studien. Die erste verantwortete Katharina von Ankum, die in der 1992 publizierten Arbeit Die Rezeption von Christa Wolf in Ost und West anhand von fünf zwischen 1961 und 1972 entstandenen Werken die Aufnahme der Autorin in DDR und BRD analysierte. Allerdings findet die Literaturkritik dabei bestenfalls stichprobenhaft Beachtung; von Ankums Fokus liegt auf der Reaktion der Literaturwissenschaft. Überschneidungen zu meiner Arbeit, die ausschließlich auf einer Analyse publizistischer Kritiken basiert,16 sind, je nach behandeltem Werk, kaum bis überhaupt nicht vorhanden.

Als zweite relevante Vorarbeit ist die Studie Die Literaturkritik zu Christa Wolfs Werk im Feuilleton aus dem Jahr 1998 zu erwähnen, in der Monika Papenfuß Rezensionen von Wolfs Texten im überregionalen Feuilleton der BRD von 1963 bis 1990 untersucht. Papenfuß geht an einigen Stellen auch kursorisch auf die DDR-Literaturkritik dieses Zeitraums ein, zieht dabei jedoch nicht näher in Erwägung, dass Literatur und Kritik in der DDR speziellen Vorgaben und Kontrollmaßnahmen von staatlicher Seite unterworfen waren. Diese Auslassung führt nicht nur zu falschen Bewertungen einzelner Beiträge, sondern auch zu einer gravierenden Fehleinschätzung der generellen Entwicklung in der DDR-Kritik: Papenfuß’ Schluss, Wolfs Werk sei ab ← 11 | 12 → der Publikation von Kindheitsmuster (1976) im Osten positiv rezipiert worden, ist unzutreffend. Von Unkenntnis und Vorurteilen gegenüber Christa Wolf zeugen auch die Kurzdarstellungen von Wolfs Werken, mit denen Papenfuß jedes ihrer Unterkapitel beginnt. Bereits in der ersten Kurzdarstellung zur Erzählung Was bleibt (1990) insinuiert Papenfuß, die Autorin sei eine „Komplizin des [SED-]Staates“.17 In der Folge bezeichnet die Forscherin es als „wesentliche Schwäche“ von Der geteilte Himmel (1963), dass Wolf nicht deutlich Kritik am Sozialismus übe,18 und verkündet kurz darauf, die Autorin habe das „Unrecht“ in der DDR auch später „weder in ihrer Prosa[] noch in Gesprächen und Reden“ thematisiert.19 Zudem sieht Papenfuß Anlass zu der Feststellung, Wolfs Literaturverständnis habe sich „im Laufe der Jahre nicht grundsätzlich von den kulturpolitischen Richtlinien der DDR entfernt“.20 Einige Seiten weiter spricht die Wissenschaftlerin auf der Basis eines einzelnen Interviews aus dem Jahr 1975, dessen Entstehungszusammenhänge sie nicht hinterfragt, von einem „Arrangement“ Wolfs mit der staatlichen Zensur.21 Eine eingehende Auseinandersetzung mit den Wirkungsweisen der DDR-Zensur im Allgemeinen und dem Zensurprozess von Wolfs Werken im Speziellen, die Voraussetzung für derartiges Urteil sein sollte, erfolgt bei Papenfuß nicht.

Die benannten Ansichten der Forscherin entsprechen fast ausnahmslos Vorwürfen, die in Teilen der BRD-Literaturkritik vor allem im deutsch-deutschen Literaturstreit gegen die Autorin und ihr Werk erhoben wurden. Dass Papenfuß sich von der Rhetorik distanziert, deren sich Wolfs Angreifer bedienten, ändert nichts an dieser grundlegenden Übereinstimmung. Der einseitige Blick der Wissenschaftlerin beeinträchtigt auch ihre Auswertung der bundesrepublikanischen Kritik: Zwar beschreibt Papenfuß die Veränderungen, die an den bundesdeutschen Rezensionen zu Wolfs Werk auffallen, teilweise korrekt. Insgesamt aber gelingt es der Forscherin nicht, deutlich zu machen, wie und weshalb die Ansichten, die Papenfuß mit Wolfs Gegnern teilt, entstanden und sich verbreiteten. Um die Entwicklungslinien in der Literaturkritik der Bundesrepublik zutreffend abzubilden, wäre neben größerem Abstand auch eine Analyse von Papenfuß unbeachteter Materialien nötig gewesen: Nicht nur finden mehrere Rezensionen von Gewicht keine Erwähnung, auch eine Auseinandersetzung mit generellen Debatten über Literaturkritik und den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in der BRD fehlt.

Dass Papenfuß’ Herangehensweise und Materialgrundlage zu eng gefasst zu sind, bemängelt auch Walfried Hartinger in seiner Studie Wechselseitige Wahrnehmung, die sich mit west- wie ostdeutschen Rezensionen zu Werken von Heiner Müller und Christa Wolf befasst. Er selbst, erklärt Hartinger, wolle mehr auf die „politischen und kulturpolitischen Kontexte“ der Kritiken und vor allem auch auf die von Papenfuß gänzlich unbeachteten Wechselbeziehungen zwischen Ost- und Westkritik eingehen.22 Diesen begrüßenswerten Ansatz überzeugend umzusetzen, war dem Forscher jedoch nicht möglich: Die Arbeit, die im Jahr 2008 aus Hartingers Nachlass publiziert wurde, blieb ← 12 | 13 → ein Fragment;23 der vorhandene Text liest sich über weite Strecken unstrukturiert. Die unfertigen Ausführungen vermitteln vor allem den Eindruck, dass Hartinger, der sich in der DDR mehrfach gegen Christa Wolfs Schaffen aussprach,24 mehr am Vergleich seiner persönlichen Lesart von Wolfs Werk mit den Ansichten der Rezensenten lag als an einer Reflexion über die Entstehungsbedingungen und Maßstäbe der Kritik.

Meine Untersuchung schließt die von den bisherigen Forschungsarbeiten gelassenen Lücken und erweitert den Kenntnisstand zur Literaturkritik über Christa Wolfs Werk entscheidend: Auf den nachfolgenden Seiten werden zum ersten Mal Rezensionen aus der DDR wie aus der Bundesrepublik umfassend, systematisch, unvoreingenommen, mit Blick auf ihre Wechselbeziehungen und mit der erforderlichen Aufmerksamkeit für historische sowie politische Rahmenbedingungen ausgewertet.

Die Umsetzung dieses Vorhabens erforderte zunächst eine Entscheidung, zu welchen Publikationen Christa Wolfs Literaturkritiken untersucht werden sollten. Wolfs Werk ist so umfangreich wie vielgestaltig: Neben Belletristik publizierte die Autorin auch eine Vielzahl von Essays und sonstigen theoretischen Schriften; gemeinsam mit ihrem Ehemann Gerhard Wolf verfasste sie zudem Filmszenarien, die auch in Buchform veröffentlicht wurden. Angesichts der Tatsache, dass Christa Wolfs belletristische Werke von der Literaturkritik in Ost wie West am breitesten rezipiert wurden und die Meinungen über die Schriftstellerin am nachhaltigsten prägten, ist eine Konzentration auf die wichtigsten dieser Texte sinnvoll. Darüber hinaus ist aufgrund der Komplexität und des außergewöhnlichen Umfangs des zu sichtenden Materials eine Begrenzung auf den Zeitraum bis 1990 ratsam. Für eine vertiefte Betrachtung wurden daher neun Publikationen ausgewählt: Moskauer Novelle (1961),25 Der geteilte Himmel (1963), Nachdenken über Christa T. (1969), Kindheitsmuster (1976), Kein Ort. Nirgends (1979), Kassandra (BRD 1983, DDR 1984), Störfall (1987), Sommerstück (1989) und Was bleibt (1990).

Zu den neun ausgesuchten Titeln führte ich intensive Recherchen in fünf verschiedenen Archiven durch: Im Deutschen Literaturarchiv Marbach sichtete ich 61 Sammelmappen der dortigen Mediendokumentation, die Artikel zu Wolfs Werk ab dem Jahr 1963 enthalten. Im Berliner Bundesarchiv sah ich den Bestand der Stiftung Archiv ← 13 | 14 → der Parteien und Massenorganisationen der DDR (SAPMO-BArch) ein, der Akten aller in der DDR für Literatur und Medien zuständigen staatlichen Anleitungsinstanzen vom Ministerium für Kultur bis hin zum Politbüro der Sozialistischen Einheitspartei beinhaltet. Im Landesarchiv Sachsen-Anhalt (LASA) nahm ich Einblick in die Akten der SED-Bezirksleitung Halle, die beispielsweise für die direkte Anleitung des Mitteldeutschen Verlages verantwortlich war, in dem die DDR-Ausgaben von Wolfs Texten bis 1969 erschienen. Im Literaturarchiv der Akademie der Künste in Berlin (AdK) erhielt ich Zugang nicht nur zum Bestand des Schriftstellerverbandes der DDR, der unter anderem eine Zeitungsausschnittsammlung zu Wolfs Werk aus den Jahren 1961 bis 1989 enthält, sondern auch zu Christa Wolfs persönlichem Archiv sowie zum Rezensionsarchiv des bundesdeutschen Luchterhand Literaturverlages, das der Akademie im Jahr 2011 überlassen wurde und Veröffentlichungen zu Wolfs Werk aus dem Zeitraum von 1969 bis 2004 umfasst. Im Zeitungsarchiv der Staatsbibliothek zu Berlin führte ich ergänzende Recherchen durch; dies beinhaltete etwa in Fällen, in denen mir zu einem speziellen Werk keine Berichterstattung einer relevanten Zeitung oder Zeitschrift vorlag, die Sichtung ganzer Jahrgänge der jeweiligen Publikationen. Insgesamt prüfte ich über 2.500 Literaturkritiken, von denen sich rund 1.000 als relevant für die vertiefte Analyse erwiesen.

Um den Umfang der Arbeit zu begrenzen, beschränkt sich meine Auswahl auf Artikel aus Printmedien – Fernseh- sowie Radiobeiträge werden nicht betrachtet. Zudem konzentriere ich mich auf Kritiken aus DDR und BRD; nur in Ausnahmefällen werden Publikationen aus Österreich und der Schweiz berücksichtigt. Eine solche Ausnahme bildet die Neue Zürcher Zeitung (NZZ), deren Beiträge aufgrund der Resonanz, die sie in den Medien von BRD und DDR fanden, stets in die Analyse einbezogen werden.26

Bei der Untersuchung der bundesrepublikanischen Kritik liegt mein Schwerpunkt auf dem überregionalen Feuilleton: In jedem Fall betrachtet werden Beiträge aus dem Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt (DAS), der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS), der Frankfurter Rundschau (FR), der Tageszeitung (taz, ab 1978), dem Spiegel, der Süddeutschen Zeitung (SZ), der Welt und der Zeit. Zugleich werden auch regionale Printmedien wie der Tagesspiegel oder die Stuttgarter Zeitung geprüft. Dabei arbeite ich mit größeren Stichproben, deren Zusammensetzung variiert und die auch Veränderungen der BRD-Medienlandschaft widerspiegeln.27 Ein Gleiches gilt für die ebenfalls betrachteten Zeitschriften: Hier werden etwa in den späten sechziger Jahren neu eingeführte Titel wie das kursbuch oder konkret beachtet. Analysiert wird dabei insbesondere, ob in den Regionalzeitungen und Zeitschriften die Sichtweisen der eingangs benannten überregionalen Feuilletons geteilt wurden – oder ob stattdessen Abweichungen festzustellen sind.

Der Pressemarkt der Deutschen Demokratischen Republik war weit übersichtlicher und statischer als jener der BRD: So gab es in der DDR bis 1990 nur etwa vierzig Tageszeitungen. In die Analyse einbezogen werden können daher alle auffindbaren Kritiken aus nicht-wissenschaftlichen Publikationen – von überregionalen Titeln wie ← 14 | 15 → dem Zentralorgan Neues Deutschland der Sozialistischen Einheitspartei (ND) oder dem Sonntag über Regionalzeitungen wie die Freiheit oder die Mitteldeutschen Neuesten Nachrichten bis hin zu Zeitschriften wie der Neuen deutschen Literatur (NDL) oder Sinn und Form.

Meine Recherchen förderten nicht nur den beschriebenen Reichtum an Kritiken zutage: Ich suchte und fand in den fünf Archiven auch Dokumente wie beispielsweise Briefwechsel, Manuskriptfassungen von Kritiken sowie Berichte, Aktenvermerke und weitere Schriftstücke aus Ost wie West, welche die Entstehungshintergründe diverser Beiträge näher beleuchten. Fast alle dieser zahlreichen Materialien werden in meiner Arbeit zum ersten Mal publiziert. Ergänzend führte ich aufschlussreiche Interviews mit der Rezensentin Irmtraud Gutschke, die seit 1971 für das Neue Deutschland tätig ist, und mit Ursula Wicklein, die in den siebziger und achtziger Jahren als Kritikerin bei der Dresdener Tageszeitung Die Union arbeitete.

Wie genau haben sich die Literaturkritiker in Ost und West im Verlauf der Jahrzehnte über Christa Wolf und ihr Werk geäußert? Was für Wertmaßstäbe lassen sich hinter ihren Urteilen aufzeigen? Inwiefern hatten gesellschaftliche und politische Vorgänge (sowie im Fall der DDR-Kritik: staatliche Vorgaben und Kontrollmaßnahmen) Einfluss auf die Kritiker? Wie drückt sich ein solcher Einfluss in den über Wolf und ihr Werk veröffentlichten Texten aus? Sind unterschiedliche Phasen in der Haltung der Literaturkritik gegenüber der Autorin festzustellen? Und: Beeinflussten sich die Kritiken von Ost und West gegenseitig? Um diese Fragen zu beantworten, gehe ich wie folgt vor: In Kapitel 2 definiere ich den Begriff „Literaturkritik“ und stelle die Entwicklung des Rezensionswesens im deutschsprachigen Raum bis ins Jahr 1945 dar. Kapitel 3 ist den Wissensgrundlagen gewidmet, die für das Verständnis von Literatur und Literaturkritik aus der DDR notwendig sind: Beginnend mit den kulturpolitischen Plänen, die deutsche kommunistische Kulturschaffende im sowjetischen Exil für die Zeit nach der Niederlage des nationalsozialistischen Regimes entwarfen, zeichne ich die Entwicklung und das Ausmaß der Vorgaben und Kontrollmaßnahmen gegenüber der Belletristik, den Printmedien im Allgemeinen und der Literaturkritik im Speziellen in der Sowjetischen Besatzungszone sowie der DDR nach. Auch hierbei kann ich auf Dokumente zurückgreifen, die zuvor noch nicht publiziert wurden, beispielsweise auf Tonbandaufzeichnungen von Lehrgangslektionen für angehende sozialistische Kritiker aus den fünfziger Jahren. Das dritte Kapitel mündet in eine Darstellung des Forschungsstreits über die Frage, inwiefern in der Literaturkritik der DDR im Verlauf der Jahrzehnte eine Loslösung von den strengen staatlichen Vorgaben zu verzeichnen ist; auch auf diese Frage ist in meiner Arbeit eine Antwort zu finden.

Kapitel 4 befasst sich mit der Literaturkritik in der frühen Bundesrepublik: Am Beispiel von zwei zeitgenössischen Kontroversen veranschauliche ich wesentliche Rahmenbedingungen westdeutscher Rezensionen in den fünfziger und sechziger Jahren. In Kapitel 5 schließt sich ein Exkurs an, der in mehrfacher Hinsicht neue Erkenntnisse ermöglicht: Zum ersten Mal werden systematisch die Literaturkritiken erschlossen, die Christa Wolf selbst in den fünfziger und frühen sechziger Jahren vor allem für die Neue deutsche Literatur verfasste. Die fraglichen Beiträge offenbaren exemplarisch, wie DDR-Literaturkritik in dieser Phase klang, was für Begriffsinstrumentarien und welche Rhetorik die Rezensenten in der frühen DDR bei der Textbeurteilung verwendeten. Eine spannende Kontrastfolie bieten die Kritiken, deren Auswertung ich ebenfalls durch erstmals publizierte Archivfunde anreichern kann, aber auch in Hinblick auf Wolfs eigene Arbeiten als Schriftstellerin: Sie machen die Entwicklung, die ← 15 | 16 → Wolf durchlief, ihre geistige Emanzipation von den Vorgaben der Staatspartei erst voll verständlich.

In Kapitel 6 wird diese Entwicklung der Autorin an konkreten Beispielen erfahrbar gemacht: Ich beginne jedes Unterkapitel mit einer Kurzdarstellung eines Wolf-Werks. Im Gegensatz zu Monika Papenfuß lege ich dabei Wert darauf, meine Lektüren von Wolfs Publikationen mit Zeitdokumenten und Aussagen der Autorin selbst zu belegen und zu ergänzen: Neben den Textinhalten werden so auch Wolfs Intentionen und die Entstehungsgeschichten der einzelnen Titel nachvollziehbar. Dies umfasst auch den Zensurprozess der Werke in der DDR, dessen Kenntnis für das Verständnis der nachfolgenden DDR-Literaturkritik, wie ich aufzeige, unabdingbar ist. Auch hier füllt meine Arbeit eine Lücke: Erstmals wird die Zensurgeschichte von Wolfs Werk in zusammenhängender Form zugänglich gemacht – unter Einbeziehung bislang unbekannter Dokumente, die ich im Bundesarchiv, im Landesarchiv Sachsen-Anhalt und in der Akademie der Künste ausfindig machte. Die an die Kurzdarstellungen anschließenden Auswertungen der zu den jeweiligen Werken publizierten Literaturkritik orientieren sich grundsätzlich an der Erscheinungsreihenfolge der Beiträge, um gegenseitige Bezugnahmen, Beeinflussungen oder Umschwünge angemessen abbilden zu können. Dabei ist ein Augenmerk darauf zu legen, dass auch ein Ausbleiben von Rezensionen bedeutsam sein kann: Die Entscheidung, ein spezielles Werk nicht zu besprechen, ist nach von Heydebrandt und Winko ebenfalls eine Wertungshandlung.28 Die Vielfalt von Meinungen und Kontroversen aber, die ich an den publizierten Beiträgen aufzeige, bestätigt eindrücklich eine Beobachtung der Rezensentin Sigrid Löffler: „Keine Schriftstellerin ist auf derart aufschlussreiche Weise missverstanden worden wie Christa Wolf.“29


1 Dotzauer 2005: „Literaturkritik.“ In: Schütz (Hg.): Das BuchMarktBuch, S. 232. Dotzauer arbeitet selbst primär als Kritiker.

2 Anz, Baasner (Hg.) 2007: Literaturkritik, S. 7. In Kontakt mit Literaturkritik kommt der Buchkäufer, der keine Rezensionen liest, etwa auch durch Werbemaßnahmen der Verlage: So sind Zitate aus Kritiken in Anzeigen und auf Buchrücken zu finden.

3 Anz, Baasner (Hg.) 2007: Literaturkritik, S. 7

4 Diskussionsbeitrag Kulenkampffs im Tagungsband Barner (Hg.): Literaturkritik – Anspruch und Wirklichkeit, S. 504. Kuhlenkampff zieht diesen grundlegenden „Objektivitäts-Anspruch“ nicht in Zweifel: Der Kritiker verweise zwar auch auf die „Subjektivität seines Urteils“, nutze diese Subjektivität aber als „ein Instrument zur Produktion objektiver Urteile“. (Ebd.)

5 Reich-Ranicki 2002: Über Literaturkritik, S. 54

6 Reich-Ranicki 2002: Über Literaturkritik, S. 55

7 Heydebrandt, Winko 1996: Einführung in die Wertung von Literatur, S. 37

8 Heydebrandt, Winko 1996: Einführung in die Wertung von Literatur, S. 52

9 Vgl. Mecklenburg 1973: „Kriterien als Bedingungen der Möglichkeit von Literaturkritik.“ In: Schwencke (Hg.) 1973: Kritik der Literaturkritik, S. 90. Mecklenburg, dessen Argumentation selbst eindeutig von politischen Auseinandersetzungen innerhalb der Bundesrepublik der frühen siebziger Jahre geprägt ist, fordert daher, Ziel einer radikalen Auseinandersetzung mit Literaturkritik müsse sein, den Einfluss der Herrschenden auf die Rezensenten „ideologiekritisch zu entlarven“. (Ebd.)

10 Heydebrandt, Winko 1996: Einführung in die Wertung von Literatur, S. 56

11 Heydebrandt, Winko 1996: Einführung in die Wertung von Literatur, S. 324

12 Heydebrandt, Winko 1996: Einführung in die Wertung von Literatur, S. 13

13 Hammelehle: „Zum Tode Christa Wolfs: Genossin einer ganzen Generation.“ Spiegel Online, 01.12.2011

14 Dies gilt, wie ich zeigen werde, auch und insbesondere für eine Reihe von Kritiken von Reich-Ranicki selbst.

15 Vgl. beispielsweise Deiritz, Krauss (Hg.) 1991: Der deutsch-deutsche Literaturstreit; Anz (Hg.) 1995: „Es geht nicht um Christa Wolf“; Wittek 1997: Der Literaturstreit im sich vereinigenden Deutschland; Mix: „Zehn Jahre deutsch-deutscher Literaturstreit.“ Literatur für Leser 3/2000, S. 188–201; Koch 2001: Ästhetik der Moral bei Christa Wolf und Monika Marion

16 Die Differenz zwischen Literaturkritik und Literaturwissenschaft wird in Abschnitt 2.1. dieser Arbeit näher dargestellt.

17 Papenfuß 1998: Die Literaturkritik zu Christa Wolfs Werk im Feuilleton, S. 36

18 Papenfuß 1998: Die Literaturkritik zu Christa Wolfs Werk im Feuilleton, S. 55

19 Papenfuß 1998: Die Literaturkritik zu Christa Wolfs Werk im Feuilleton, S. 92

20 Papenfuß 1998: Die Literaturkritik zu Christa Wolfs Werk im Feuilleton, S. 139

21 Ebd., S. 106. Meine ausführliche Analyse des fraglichen Gesprächs ist in Abschnitt 6.4.3. dieser Arbeit zu finden.

22 Hartinger 2008: Wechselseitige Wahrnehmung, S. 175

23 Die Herausgeber von Wechselseitige Wahrnehmung betonen, Hartingers Werk sei bei seinem Tod bereits „in Gänze“ fertiggestellt gewesen. (Christel Hartinger, Opitz: „Vorwort.“ In: Hartinger 2008: Wechselseitige Wahrnehmung, S. 11) Gegen diese Ansicht spricht unter anderem das Fehlen einer Einleitung sowie eines Fazits.

24 1976 verkündete Hartinger, der an der Karl-Marx-Universität in Leipzig lehrte, von Werken wie Wolfs Nachdenken über Christa T. (1969) werde „die historische Dialektik verfehlt oder verletzt“; die von den fraglichen Texten empfohlene Haltung führe in der Realität zu „Fehlentwicklungen“ des Individuums „im Gefüge seiner gesellschaftlichen Beziehungen“. (Hartinger 1976: „Die Fragen und Antworten unserer Literatur.“ In: Diersch, Hartinger [Hg.]: Literatur und Geschichtsbewusstsein, S. 44; vgl. auch von Ankum 1992: Die Rezeption von Christa Wolf in Ost und West, S. 120 f.). 1982 äußerte Hartinger sich in einem Gutachten für die Zensurbehörde teils kritisch über Wolfs Essayband Fortgesetzter Versuch; nachdem die Zensoren ebenfalls Missfallen an der „weltanschauliche[n] Position“ der Autorin bekundeten, wurde die Auflage des Werks reduziert. (SAPMO-BArch DR 1/2215a, S. 564) In Wechselseitige Wahrnehmung geht Hartinger auf seine Rolle in der DDR nicht ein.

25 Monika Papenfuß und Walfried Hartinger beachten diese Erzählung, Wolfs Debüt als Belletristikautorin, nicht.

26 Eine zweite bedeutende Ausnahme stellen drei Ausgaben der Fernsehsendung „Das Literarische Quartett“ aus dem Winter 1989 sowie dem Frühjahr 1990 dar, die den Diskurs um Was bleibt in entscheidendem Maße beeinflussten. Die Einbeziehung weiterer Ausnahmen wird an den betreffenden Stellen meiner Ausführungen begründet.

27 Walfried Hartinger geht nicht systematisch auf Regionalzeitungen ein, Monika Papenfuß nur in äußerst geringem Umfang.

28 Vgl. Heydebrandt, Winko 1996: Einführung in die Wertung von Literatur, S. 37

29 Löffler: „Eine, die sich selbst nie schont.“ Brigitte, Sonderheft Bücher 1983, S. 59

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2. Was war, was ist Literaturkritik?

2.1. Begriffsdefinition

Die Faszination der Literaturkritik, liest man in einem Sammelband zum Thema, liege wesentlich darin begründet, dass „niemand genau sagen kann, was sie eigentlich ist“.30 Wer sich dennoch auf die Suche nach einer Definition begibt, findet in Reclams Lexikon der Literaturwissenschaft die Auskunft, Literaturkritik sei allgemein als „Reflexion über Literatur und ihr Gelingen“ zu verstehen.31 Für eine Analyse, wie sie Gegenstand der vorliegenden Arbeit ist, erscheint eine derart weitgefasste Begriffsbestimmung wenig praktikabel. Eine spezifischere, präzisere Definition bieten Thomas Anz und Rainer Baasner: Literaturkritik bezeichne „heute in der deutschsprachigen Kultur meist die informierende, interpretierende und wertende Auseinandersetzung mit vorrangig neu erscheinender Literatur und zeitgenössischen Autoren in den Massenmedien“.32 Diese Begriffserklärung entspricht dem aktuellen Forschungskonsens33 und wird in den folgenden Ausführungen übernommen. Ergänzend sei hinzugefügt, dass unter „Massenmedien“ alle „nichtakademische Print-, Rundfunk-, Fernseh- und Onlineberichterstattung“ zu verstehen ist, wobei die Literaturkritik in einer Fülle möglicher Formen in Erscheinung treten kann: Gregor Dotzauer nennt neben der klassischen Rezension, die von der „ausführlichen Auseinandersetzung mit einem Werk bis hin zum [knappen] Buchtipp“ reicht, auch das Porträt „mit den Sonderfällen Nachruf und Geburtstagswürdigung“, das Interview, die Reportage, das Feature, den Kommentar und die Glosse sowie das Literaturgespräch in Funk und Fernsehen.34 Die Liste ließe sich noch erweitern: Wie Wolfgang Albrecht ausführt, sind „prinzipiell sämtliche Gattungen und Formen belletristischer und publizistischer Literatur“ für die Literaturkritik funktionalisierbar.35

Anders als der englische „literary criticism“ und die französische „critique literaire“ bezieht der deutsche Terminus „Literaturkritik“ in seinem heutigen Gebrauch den akademischen Diskurs über Literatur, die Literaturwissenschaft, nicht mit ein.36 Auf ← 17 | 18 → den ersten Blick mag diese Trennung überraschen, bestehen doch zwischen den beiden Bereichen eindeutig inhaltliche wie personelle Zusammenhänge: Hier wie da erfolgen eine kritische Analyse und Interpretation von Literatur, professionelle Kritiker haben üblicherweise ein literaturwissenschaftliches Studium durchlaufen, hauptberufliche Literaturwissenschaftler publizieren in Nebentätigkeit Rezensionen in nichtakademischen Massenmedien. Stefan Neuhaus kommt in Literaturkritik: Eine Einführung sogar zu dem Schluss, „die einzige klare Unterscheidung“ zwischen Literaturkritik und Literaturwissenschaft sei der Publikationsort.37

Tatsächlich sind die Differenzen weitaus größer. Aus einer von Thomas Anz erarbeiteten umfangreichen Liste seien hier fünf Aspekte von besonderem Gewicht herausgegriffen:38 Nicht nur sind Literaturwissenschaft und Literaturkritik an unterschiedliche Institutionen und Medien gebunden – die Literaturwissenschaft an Universitäten und Fachverlage, die Literaturkritik an Feuilleton- und Kulturredaktionen in den Bereichen Print, Radio, Fernsehen und Internet. Sie kontrastieren auch in Hinblick auf ihre Adressatenkreise: Der Literaturkritiker wendet sich an eine breite, nicht zwingend literaturwissenschaftlich gebildete Öffentlichkeit, der Literaturwissenschaftler schreibt für ein Fachpublikum, das aus anderen Literaturwissenschaftlern besteht. Der zeitliche Abstand, mit dem sich Literaturkritiker und Literaturwissenschaftler ihres Untersuchungsgegenstandes annehmen, unterscheidet sich im Regelfall ebenfalls gravierend: Der Literaturkritiker, der unter dem Aktualitätsdruck der Massenmedien steht, bezieht üblicherweise unmittelbar nach der Erstpublikation eines Buches zu diesem Stellung, in der Literaturwissenschaft als „dominant historische[r] Disziplin“39 aber kann ein weit längerer Zeitraum verstreichen – für den Wissenschaftler vermag auch eine Jahre alte, nie neu aufgelegte Publikation von Bedeutung zu sein.40 Vergleicht man Texte der Literaturkritik mit literaturwissenschaftlichen Arbeiten, ist zudem festzustellen, dass sie geprägt sind von unterschiedlichen „Rollen und Normen sprachlichen Handelns“:41 Der Literaturkritiker, der mit den bereits benannten journalistischen Gattungen arbeitet, ist an journalistische Sprach- und Darstellungsregeln gebunden; der Literaturwissenschaftler hingegen muss in seinen Ausführungen akademische fachsprachliche und formale Vorgaben beachten. (Herv. der Verf.) Konkret bedeutet dies etwa, dass ein literaturwissenschaftlicher Text ohne Quellennachweise in Form von ← 18 | 19 → Fußnoten nicht als glaubwürdig wahrgenommen würde, während sie in der heutigen Literaturkritik unüblich sind; im Gegenzug wird an die Kritik in den Massenmedien ein Unterhaltungsanspruch gestellt, der in der Literaturwissenschaft in vergleichbarer Form nicht gegeben ist. Vor allem aber unterscheiden sich Literaturwissenschaft und Literaturkritik in Hinblick auf ihre „dominante Funktion“:42 In der Literaturkritik geht es in erster Linie darum, ein Buch für den Kauf und die Lektüre zu empfehlen oder aber davon abzuraten; andere mögliche Funktionen – etwa die Vermittlung für das Verständnis spezifischer Texte notwendigen Wissens oder die Anregung von öffentlichen Debatten über Literatur – sind demgegenüber meist zweitrangig. (Herv. der Verf.) In der Literaturwissenschaft gestaltet sich dieses Verhältnis genau umgekehrt: Hier steht die Frage, ob ein Text lesenswert oder nicht lesenswert ist, hinter dem Bemühen um eine Übermittlung speziellen Wissens oder eine Anregung akademischer Diskurse üblicherweise zurück.

Dass Literaturwissenschaft und Literaturkritik als zwei separate Institutionen des Literatursystems zu behandeln sind,43 erscheint angesichts der beschriebenen Differenzen als unumgänglich. Gleichzeitig ist zu betonen, dass diese Trennung in früheren Jahrhunderten nicht bestand: Die „Kategorie der Literaturkritik“ ist, wie Peter Uwe Hohendahl zu Beginn der von ihm editierten wissensreichen Geschichte der deutschen Literaturkritik anmerkt, „nicht übergeschichtlich und daher [auch nicht] unveränderbar“.44 Die soeben ausgearbeitete Begriffsbestimmung lässt sich keineswegs beliebig auf literaturkritische Texte aus vergangenen Epochen übertragen, sondern ist als bisheriger Endpunkt eines historischen Ausdifferenzierungsprozesses im deutschsprachigen Raum zu begreifen. Dieser Prozess, für dessen Verständnis sowohl theoretische Positionen als auch soziale, ökonomische und politische Faktoren berücksichtigt werden müssen, wird im folgenden Arbeitsabschnitt in seinen bedeutendsten Eckpunkten bis ins Jahr 1945, dem Anfangspunkt der eigentlichen Analyse, beschrieben.

2.2. Historische Entwicklung im deutschsprachigen Raum bis 1945

Der Beginn der modernen Literaturkritik ist im Zeitalter der Aufklärung festzumachen.45 Dies bedeutet nicht, dass in früheren Epochen keine Belege für eine kritisch-wertende Auseinandersetzung mit Literatur zu finden sind: Das Metzler Lexikon Literatur verweist diesbezüglich auf Agonen und Scholien in der griechischen Antike.46 Als spätere Beispiele führt Wolfgang Albrecht die philologisch-historische Kritik an Werken der Antike und die Bibelkritik im Europa der frühen Neuzeit an.47 Diese Vorgänge, die in ihrer Wirkung auf einen kleinen Kreis von Spezialisten beschränkt blieben, sind indes zu unterscheiden von Literaturkritik im Sinne eines öffentlichen ← 19 | 20 → Diskurses über die aktuelle Literaturproduktion, wie er sich im deutschsprachigen Raum erst ab der Wende zum 18. Jahrhundert entwickelte.

Die Einführung der allgemeinen Schulpflicht in den deutschsprachigen Ländern, beispielsweise im Jahr 1717 in Preußen, ließ die Analphabetenrate sinken und erstmals ein breites Lesepublikum entstehen. Eine bürgerliche Öffentlichkeit begann sich zu formieren, die den Adel als „Träger der Literatur“ ablösen sollte.48 Diese Entwicklung positiv zu beeinflussen, das Literaturverständnis der aufstrebenden Leserschaft zu fördern und zu formen und zudem auch die Literaturschaffenden in einem aus Sicht der Aufklärer günstigen Sinne anzuleiten gehörte zu den „wichtigsten kulturpädagogischen Absichten“ der aufklärerischen Denker.49 Um sie zu verwirklichen, bediente man sich eines zu Beginn des 18. Jahrhunderts noch neuen Kommunikationsmediums: der Zeitschrift. Für diejenigen, die darin als Verfasser von Buchrezensionen zur literarischen Geschmacksbildung beizutragen suchten, setzte sich zunächst der bis ins 19. Jahrhundert hinein gebräuchliche Begriff „Kunstrichter“ durch.50

Eines der frühesten Beispiele für literaturkritische Zeitschriften bilden Christian Thomasius’ Monats-Gespräche (1688–1690), die auch insofern eine Neuerung darstellten, als sie nicht im Latein früherer Gelehrtendiskurse, sondern im für ein breites Publikum verständlichen Deutsch verfasst waren. Eine Generation später erfuhr die deutschsprachige literaturkritische Publizistik einen maßgeblichen Entwicklungsschub durch das Wirken Johann Christoph Gottscheds, der von Leipzig aus, der Messestadt, die sich zunehmend zum Zentrum des deutschsprachigen Buchhandels entwickelte,51 eine Vielzahl literaturkritischer Journale und Wochenschriften ins Leben rief. Das Angebot multiplizierte sich zusehends: Allein von 1730 bis 1790 wurden im deutschsprachigen Raum über 3000 Zeitschriften eingeführt.52 Zunächst blieben die in ihnen publizierenden Kritiker dabei anonym: Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein wurden Rezensionen regulär ohne Angabe ihres Verfassers gedruckt, da Verweise oder Angriffe auf Persönliches in der Kritik als unschicklich galten.53 Wurde der Ruhm des ← 20 | 21 → Einzelnen dadurch beschränkt, verfügte doch die Literaturkritik als solche bald über erheblichen Einfluss auf dem sich entwickelnden Buchmarkt: In Romanbibliotheken des späten 18. Jahrhunderts findet sich kaum ein Band, der nicht in einer schmeichlerischen Vorrede um die Gunst der „Kunstrichter“ wirbt.54

Erklärtes Ziel der Aufklärer war, ausnahmslos jede Neuerscheinung zu besprechen, um das Lesepublikum wahrhaft umfassend zu bilden und einen fördernden Einfluss auf alle Literaturproduzenten auszuüben.55 Ein eindrückliches Beispiel für dieses Anliegen bietet die von Friedrich Nicolai herausgegebene Allgemeine Deutsche Bibliothek, in der von 1765 bis 1806 gut 80.000 Titel rezensiert wurden.56 Letztendlich erwies sich das aufklärerische Bemühen um Vollständigkeit allerdings als zum Scheitern verurteilter „donquichottesker Kampf“:57 Zu rasant stieg die Anzahl der Neuerscheinungen auf dem sich stetig kommerzialisierenden Buchmarkt. Dessen Strukturwandel wurde verstärkt in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts evident: Hatte bislang der Tauschhandel als Distributionsform vorgeherrscht, führte man ab der Jahrhundertmitte den Nettohandel mit Bargeld ein.58 Waren Bücher zuvor von einer Hand produziert und verkauft worden, etablierte sich nun eine Arbeitsteilung in Form der separaten Berufe Verleger und Sortimenter.59 Gleichzeitig ermöglichten technische Fortschritte in Papierherstellung und Buchdruck erstmals eine „fabrikmäßige“ Produktion; um die Ware Buch entstand eine Industrie.60 Im Zeitraum von 1763 bis 1805 wurden zehn Mal so viele Bücher produziert wie in der Phase von 1721 bis 1763.61 Damit hatte der „Kunstrichter“ nicht mehr nur literarisches Wissen und literarischen Geschmack zu vermitteln, sondern auch eine Selektionsfunktion inne: Zunehmend traf er aus dem vielfältigen Buchangebot eine Auswahl, an der sich der Leser orientieren konnte.

Dieses Buchangebot unterschied sich dabei in immer größerem Maße von dem früherer Jahrzehnte: Im Verlauf des 18. Jahrhunderts ist eine deutliche Verschiebung zugunsten belletristischer Textformen festzustellen. Waren im Jahr 1700 laut Stefan Neuhaus nur 2,8 Prozent aller Veröffentlichungen dem Bereich Belletristik zuzuordnen, steigerte sich dieser Anteil bis 1746 bereits auf 6,4 Prozent und im Jahr 1800 schließlich auf „mehr als ein Fünftel“, wobei insbesondere die Gattung der Romane Verkaufserfolge feierte: Das „Zeitalter der belletristischen Lesekultur“ war angebrochen.62 Gleichzeitig ← 21 | 22 → differenzierten sich die Interessen des Lesepublikums immer weiter aus: Eine unaufhaltsame Aufspaltung in eine von wenigen gelesene anspruchsvolle und eine von vielen bevorzugte unterhaltene oder triviale Literatur begann sich abzuzeichnen.63 Hatte den Aufklärern einst ein homogenes Publikum vorgeschwebt, dessen Lektüren sich auf einem einheitlich hohen literarischen Niveau bewegen sollten,64 scheiterte nun auch dieses Ideal an der Realität: Bereits ab dem Ende des 18. Jahrhunderts konnten die Literaturkritiker nicht länger von einer in sich kongruenten Leserschaft ausgehen, sondern mussten in ihren Publikationen theoretisch verschiedene Interessen berücksichtigen. Praktisch räumte man der verpönten Unterhaltungsliteratur lange Zeit kaum Rezensionsraum ein.65

Keine Darstellung zur Literaturkritik der Aufklärung ist vollständig, bevor nicht Gotthold Ephraim Lessing Erwähnung gefunden hat, dessen Wirken ab der Mitte des 18. Jahrhunderts so nachhaltige Spuren hinterließ, dass Marcel Reich-Ranicki ihn zum „Vater der deutschen Kritik“ ernannte.66 Eine umfassende Auseinandersetzung mit Lessings literaturkritischem Schaffen und seinen diesbezüglichen Positionen kann nicht Ziel dieser Untersuchung sein. Hier sei nur ein Aspekt herausgegriffen, der Lessings Bedeutung für die Entwicklung der Literaturkritik exemplarisch veranschaulicht: Seine Haltung zur sogenannten Regelpoetik. Der Begriff bezeichnet die in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts dominante Vorstellung, dass ein literarischer Text sich an speziellen allgemein gültigen Normen zu orientieren habe, anhand derer auch von den „Kunstrichtern“ sein Wert zu ermessen sei. Diese Regeln, wie sie beispielsweise Johann Christoph Gottsched in seinem Versuch einer critischen Dichtkunst aus dem Jahr 1730 darlegte, wurden einerseits mit den Prinzipien der Vernunft und andererseits aus einer allgemein anerkannten klassizistischen Tradition heraus begründet, die sich auf die Rhetorik und die Poetik der Antike bezog.67 In seinen literaturkritischen Äußerungen wandte Lessing sich entschlossen gegen die mangelnde Flexibilität dieses Normensystems: „Wenn ein Genie, höherer Absichten wegen, mehrere [Merkmale unterschiedlicher Gattungen] in einem und eben demselben Werke zusammenfließen lässt, so vergesse man das Lehrbuch und untersuche bloß, ob es diese höheren Absichten erreicht hat“, ließ er in einer der für ihn typischen Polemiken verlauten.68 ← 22 | 23 → Damit trug der bedeutendste Kritiker seiner Zeit maßgeblich bei zu einer generellen „Verschiebung von starren, allgemein gültigen Regeln [hin] zu Regeln, die der Dichter sich selbst gibt“.69 Gleichzeitig erhielten bei Lessing, der in seinen Rezensionen in entschiedener Abkehr vom sonst verbreiteten Prinzip aus der Ich-Perspektive schrieb,70 auch die Empfindungen des Kunstrezipienten größere Bedeutung.71

Details

Seiten
602
ISBN (PDF)
9783631748428
ISBN (ePUB)
9783631748435
ISBN (MOBI)
9783631748442
ISBN (Hardcover)
9783631746363
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Mai)
Schlagworte
Literaturstreit Kulturpolitik Feuilleton Zensur Rezeptionsforschung DDR-Literatur
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2018. 602 S.

Biographische Angaben

Vera Annette Klein (Autor:in)

Vera Annette Klein studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Theaterwissenschaft und Angewandte Literaturwissenschaft an der Freien Universität Berlin und arbeitet als Lektorin in einem Publikumsverlag.

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Titel: Das geteilte Urteil