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Über Rede in Vers und Prosa

Die Funktion der Formensprache im Roman Doktor Shiwago

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Ulrich Steltner

«Doktor Shiwago», der Roman des Lyrikers Boris Leonidowitsch Pasternak, geriet 1958 in ein Spannungsfeld zwischen Kunst und Politik, das seine Rezeption bis heute prägt. Diese Studie geht, mit dem Ziel der Objektivierung, von einem Form-Funktions-Gefüge aus. Sie analysiert die Formensprache sowohl des Prosateils als auch der Verse des Schlusskapitels, um die Funktion beider Redeformen für das Romanganze zu bestimmen. Ebenso berücksichtigt der Autor den Unterschied zwischen Textschema und kontextuellen Konkretisationen, seien es Urteile der Zeit oder historisch wandelbare Gattungsmerkmale, die das Textverständnis lenken. «Doktor Shiwago» ist ein Experimentalroman, in dem «Chaos» und «Ordnung», «Leben» und «Kunst» sowie «Prosa» und «Vers» einander metafiktional gegenübergestellt beziehungsweise miteinander verbunden werden.

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1. Einführung

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1.   Einführung

Das Leben hörte auf, eine poetische Bagatelle zu sein, und begann, wie ein schroffes und finsteres Märchen zu gären in dem Maße, wie es Prosa wurde und sich in eine Tatsache verwandelte.

Shenja Lüvers’ Kindheit

Boris Pasternaks 1958 erschienener und per Nobelpreis geadelter Roman Doktor Shiwago1 hat sich offenbar zu einem Roman für Literaturwissenschaftler entwickelt, wenn man den Umfang der Sekundärliteratur ermisst. Das Echo der Leser seinerzeit war dagegen zwiespältig, einerseits die gesteigerte Aufmerksamkeit für eine politische Sensation, andererseits das Desinteresse am Roman selbst:

In any case Pasternak, the man of the news, the target of all foreign correspondents and photographers in Russia, figured so frequently in the headlines of dailies and weeklies, that thousands bought his book in obedience to the herd instinct, with no intention of reading it, while other thousends opened it in the hope of finding some sensational attacks on the Soviet regime. (Slonim 1959, 214)

Erst die Verfilmung machte Doktor Shiwago in dem Sinne populär,2 dass nun wenigstens die Handlungsträger und bestimmte Handlungsmomente wahrgenommen wurden. Gelesen hatten ihn tatsächlich wohl die wenigsten. Auch die Kritiker hatten Probleme mit einem Roman, der in einem lyrischen Kapitel endet,3 der auch ohne diesen Gedichtteil hybride Züge aufweist und der in keiner Schublade unterzubringen ist. ← 11 | 12 →

Diese Sperrigkeit des Romans den Rezipienten gegenüber...

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