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Geschichte der mecklenburgischen Regionalsprache seit dem Zweiten Weltkrieg

Varietätenkontakt zwischen Alteingesessenen und immigrierten Vertriebenen. Teil 1: Sprachsystemgeschichte

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Klaas-Hinrich Ehlers

Der erste Band der mecklenburgischen Sprachgeschichte rekonstruiert den Strukturwandel der regional gebundenen Varietäten des Deutschen im Norden Mecklenburgs. An ausgewählten Variablen aus der Phonetik/Phonologie, Morphosyntax und Lexik wird die diachrone Entwicklung des Niederdeutschen und des mecklenburgischen Regiolekts in ihrer kontaktlinguistischen Wechselwirkung mit dem überregionalen Standard herausgearbeitet. Erstmals in der modernen Regionalsprachenforschung bezieht die Studie auch die Herkunftsvarietäten der vielen Vertriebenen ein, die nach dem Zweiten Weltkrieg ins Land kamen. Die korpusbasierten Variationsanalysen zeigen die sprachlichen Folgen auf, die die Vertriebenenimmigration für die sprachlichen Ausgleichsprozesse in den mecklenburgischen Kommunikationsräumen hatte.

Dieses Buch ist mit dem Johannes-Sass-Preis 2018 ausgezeichnet worden.

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4. Was bleibt von den Herkunftsvarietäten der Vertriebenen? Relikte der Herkunftsregiolekte im mecklenburgischen Sprachkontakt

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4.  Was bleibt von den Herkunftsvarietäten der Vertriebenen? Relikte der Herkunftsregiolekte im mecklenburgischen Sprachkontakt

Wir haben bei den Variablenanalysen des dritten Kapitels an verschiedenen Beispielen beobachten können, dass sprachliche Merkmale, die den Vertriebenen aus ihren Herkunftsvarietäten vertraut waren, in der Generationsfolge der Vertriebenenfamilien offenbar einer anderen Entwicklungsdynamik unterliegen als typische Varianten des mecklenburgischen Regiolekts. Während die Nachkriegsgeneration der Vertriebenenfamilien typische Merkmale des mecklenburgischen Regiolekts zunehmend – und zum Teil hyperfrequent – in den eigenen Sprachgebrauch integriert, reduziert sie die Verwendung von Varianten der Herkunftsvarietäten, die den Sprachgebrauch ihrer Eltern zum Teil noch markant prägen. Das Zungenspitzen-r, das komparative wie und die Distanzverdopplung bei den Pronominal­adverbien boten Beispiele für diese Abbaudynamik. Um die eigentümliche Rolle der Herkunftsvarietäten der Vertriebenen im Sprachkontakt der mecklenburgischen Kommunikationsräume genauer in den Blick zu bekommen, soll im folgenden Kapitel 4 der Fokus vorrangig auf die Entwicklung von sprachlichen Merkmalen gelegt werden, die ehemals für die Varietäten der Vertreibungsregionen kennzeichnend waren. Zu untersuchen ist das Ausmaß der Tradierung und des Transfers derartiger ‚Herkunfts-Varianten‘ im Sprachgebrauch verschiedener Bevölkerungsgruppen meines Erhebungsgebietes.

Dabei kommen Merkmale der Basisdialekte der Herkunftsregionen nur in sehr eingeschränktem Maße als Gegenstand der Untersuchung in Frage. Die starke areale „Zerklüftung“253 der deutschen Dialekte in den Vertreibungsgebieten – insbesondere in den böhmischen Ländern und der Slowakei – würde eine sehr kleinräumige Begrenzung auf bestimmte Herkunftsgebiete notwendig machen, wenn remanente Merkmale dieser Dialekte im heutigen Sprachgebrauch der von dort vertriebenen Personen und ihrer Nachkommen aufgespürt werden sollten. Für eine quantitative Variablenanalyse im Gesamtzusammenhang meiner Untersuchungsstichprobe sind daher nur ← 235 | 236 → solche sprachlichen Merkmale in Betracht zu ziehen, die auch in den Herkunftsgebieten der Vertriebenen großräumig verbreitet waren, Merkmale also, die für eine möglichst große Vielzahl schlesischer, sudetendeutscher und karpatendeutscher Dialekte kennzeichnend waren und die Regiolekte der Herkunftsregionen großräumig charakterisierten. Derartige großräumig verbreitete Varianten der Herkunfts­regiolekte werden zumindest in den ersten Jahren nach dem Krieg den standardnahen Sprachgebrauch der meisten, wenn nicht aller Zuwanderer aus dem Südosten des deutschen Sprachgebietes personenübergreifend geprägt haben. Von ihnen ist daher am ehesten zu erwarten, dass sie in den komplexen Varietätenkonstellationen der mecklenburgischen Zuwanderungsgebiete bleibende Spuren hinterlassen haben, zumal die Basisdialekte der Herkunftsgebiete in der Kommunikation mit den alteingesessenen Mecklenburgern nur eine geringe Rolle gespielt haben dürften.

In den folgenden Abschnitten soll also anhand der Interviewsprache meiner Gewährspersonen geprüft werden, ob sich sprachliche Relikte der Herkunftsregiolekte im standardnahen Sprachgebrauch der verschiedenen Bevölkerungsgruppen in Mecklenburg nachweisen lassen. Dabei ist zum einen zu untersuchen, inwieweit Merkmale der Herkunftsregiolekte im Sprachgebrauch der Zuwanderer erhalten geblieben sind und gegebenenfalls über die Generationsfolge der Vertriebenenfamilien tradiert wurden. Zum anderen ist zu fragen, ob alteingesessene Mecklenburger Merkmale der allochthonen Varietäten der Immigranten in ihren eigenen Sprachgebrauch übernommen haben − z. B. von ihren Ehepartnern, Arbeitskollegen oder Nachbarn, die als Vertriebene nach dem Krieg in das Untersuchungsgebiet gekommen sind. Um die Prozesse des Sprachwandels oder der Sprachbeharrung auch hier wieder in ihrer systematischen Reichweite zu erfassen, werde ich der Frage nach remanenten Merkmalen der Herkunftsregiolekte sowohl auf der lexikalischen Ebene (im Abschnitt 4.1.1) als auch an je einem Beispiel aus dem Bereich der Morphologie (im Abschnitt 4.1.2) und der Phonetik (im Abschnitt 4.1.3) nachgehen. Zur Tradierung und zum Transfer des regiolektalen Wortschatzes der Herkunftsgebiete habe ich eine eigene Fragebogenerhebung durchgeführt, die sowohl quantitative als auch qualitative Befunde erbringt. Die Befunde zu den Entwicklungen auf der lexikalischen, morphologischen und phonetischen Sprachsystemebene werden am Schluss des Kapitels zusammengefasst und aufeinander bezogen (4.2). ← 236 | 237 →

4.1  Remanente Merkmale der Herkunftsregiolekte im Wortschatz, in der Morphologie und der Phonetik

4.1.1  Verliert sich alles“ – zu Tradierung und Transfer des regiolektalen Wortschatzes aus den Herkunfts­regionen der Vertriebenen

Eine Vertriebene aus Böhmen erzählt von ihren Verständigungsschwierigkeiten in der ersten Zeit nach der Ankunft ihrer Familie in Schwaan:

Es gab ja auch Sachen wo wir ganz andere Ausdrücke dafür hatten. Wenn ich da dran denke ich bin in den Laden gegangen und habe gesagt „ich möchte Karfiol haben“. Hat mich natürlich keiner verstanden ne. „Haben wir nicht.“ Und ich habe gedacht die wollten mir nichts verkaufen ne.

Und dann bin ich wieder nach Hause und habe gesagt „Mutti die verkaufen mir nichts“ ne. „Die haben es da aber die sagen die haben nichts“ ne. Und ja. Dann sagte sie „Du. Was hat … was hast du denn verlangt?“ „Ja Karfiol“. Da sagte sie „Dann sag mal du möchtest das haben“. Ne. Und ja.

Oder Paradeiser hat ja keiner verstanden ne. Und dann anderes Mal wieder Sprossenkohl. „Sprossenkohl haben wir nicht.“ Ich sage „doch“. Ist Rosenkohl. Ja. Ja. Ja das … na ja bevor man sich da so eingebürgert hatte …. (Frau 14, 1936 V, BI: 113–116)

Die geschilderte Szene zeigt, dass in einer Atmosphäre wechselseitigen Misstrauens sprachliches Unverständnis leicht als gewollte soziale Missgunst interpretiert werden kann. Es ist dabei wohl nicht davon auszugehen, dass die Zeitzeugin ihre Anliegen in den geschilderten Einkaufsszenen durchgängig im Basisdialekt ihres böhmischen Herkunftsortes vorgetragen hat. Vielmehr bezieht sie selbst das Unverständnis des Verkaufspersonals hier ausdrücklich nur auf einzelne „Ausdrücke“. Und auch diese „Ausdrücke“ selbst sind als basisdialektale Wörter nur unzureichend zu charakterisieren. Lexeme wie Karfiol (‚Blumenkohl‘), Paradeiser (‚Tomate‘) und in gewissem Maße auch Sprossenkohl sind nicht nur in den verschiedenen lokalen Dialekten Schlesiens, der böhmischen Länder und der Slowakei weit verbreitet (gewesen), sondern sie sind in den südöstlichen Dialektregionen auch in „die hochdeutsche Umgangssprache, die Gemeinsprache der Gebildeten“, übergegangen. Seit Paul Kretschmer in seiner Wortgeographie der hochdeutschen Umgangssprache 1918 „den vollen Umfang dieser geographischen Verschiedenheit des hochdeutschen Wortschatzes“254 herausgestellt hat, sind ← 237 | 238 → sie als Lexik des regionalen Standards oder des nationalen österreichischen Standards immer wieder Gegenstand wortgeographischer Untersuchungen und kartographischer Unternehmen der Germanistik gewesen. Auch wenn sich die beteiligten Kommunikationspartner jeweils um eine aus ihrer Sicht standardnahe Sprechweise bemühten, konnte es zwischen Alteingesessenen und Vertriebenen zu Unverständnis kommen, weil sich die regiolektale Lexik der Herkunftsgebiete und die der Zielregionen der Vertreibung zum Teil stark unterscheiden.

Gerade wegen ihres starken Kontrasts zu den Varietäten des mecklenburgischen Aufnahmegebiets eignen sich Wörter wie Karfiol und Paradeiser besonders gut, um zu untersuchen, ob und wie lange in den Familien der Vertriebenen im mecklenburgischen Kommunikationsumfeld an Lexemen aus den Herkunftsvarietäten festgehalten wurde. Die weite areale Verbreitung derartiger Lexeme in den Herkunftsgebieten ermöglicht es zudem, die Frage nach der Tradierung von Teilen des Herkunftswortschatzes nicht nur am individuellen Einzelfall, sondern unter Einbeziehung aller Vertriebenen aus diesen Gebieten zu prüfen. Auch für die Frage, ob es auf der Ebene der Lexik einen Transfer allochthoner Elemente in den Sprachgebrauch der alteingesessenen Mecklenburger gegeben hat, sind Lexeme wie Karfiol und Paradeiser besonders geeignet, weil sie als standardnaher Wortschatz, wie die eingangs geschilderten Einkaufsszenen zeigen, von den Vertriebenen anfangs gelegentlich auch außerfamiliär im Kontakt mit Fremden verwendet wurden und ihnen ein höheres Prestige beigelegt worden sein dürfte als Lexemen des lokalen Herkunftsdialekts.

Das Vorhaben, die Tradierung und den eventuellen Transfer regiolektaler Lexik aus den Herkunftsgebieten systematisch zu untersuchen, entwickelte sich erst im Verlauf meiner ersten Interviews. Erst seit meinem neunten Interview habe ich meinen Gewährspersonen dann als eigenen Teil der Erhebung einen „Fragebogen zum Gebrauch einzelner Wörter“ (Überschrift) vorgelegt. Auf dem einseitigen Bogen waren in großer Schrifttype und weitem Zeilenabstand zehn Fragen nach der Bedeutung einzelner Lexeme aufgeführt, die jeweils durch Fettdruck hervorgehoben wurden: „1. Was bedeutet das ← 238 | 239 → Wort „Schmetten“? 2. Was bedeutet das Wort „Karfiol“?“ usw. Am Kopf des semasiologischen Fragebogens wurden − typographisch in einen Kasten eingefasst − diesen zehn Einzelfragen weitere Fragen zu den aufgelisteten Wörtern vorangestellt, die über die Semantik der Lexeme hinaus auch auf Gebrauch und Gebrauchsdomänen der betreffenden Wörter zielten:

Bitte beantworten Sie zu den aufgelisteten Wörtern jeweils die folgenden Fragen:

Was bedeutet das Wort?

Wo haben Sie das jeweilige Wort gehört bzw. wo hören Sie es gelegentlich noch jetzt?

Wird es in Ihrer Familie benutzt? Von wem? Benutzen Sie das Wort selbst?

Benutzen Sie das Wort immer oder nur in bestimmten Situationen?255

Den Gewährspersonen wurde der Fragebogen ausgehändigt, die Fragen zur Bedeutung der Wörter nacheinander aber zusätzlich in mündlicher Form gestellt und dabei auch auf mögliche regionale Aussprachevarianten der Lexeme hingewiesen, die versuchsweise nachgeahmt wurden (z. B. Langvokal bei Schmetten oder Rundung des Stammvokals bei Hader(n)). Die Erhebung wurde auditiv aufgezeichnet. Ich konnte bei der mündlichen Durchführung der Befragung je nach Reaktion der Befragten spontan auch irreführende Synonymik klären und beispielsweise präzisieren, dass mit dem Lexem Hader(n) nicht ‚Zank, Streit‘, sondern ein Gegenstand bezeichnet sein solle und bei der Bedeutung von Schwamm nicht an ‚Schimmel im Gemäuer‘ gedacht sei.

In einem ersten Durchgang durch die zehn Bedeutungsfragen wurde zunächst noch keine Auflösung der gegebenenfalls ungeklärt bleibenden Wortbedeutungen gegeben. In einem zweiten Durchgang habe ich die Bedeutung aller noch ungeklärten Wörter dann aufgedeckt. Häufig fiel den Gewährspersonen bei diesem zweiten Gang durch den Fragebogen ein, dass sie das betreffende Wort doch kannten und sie seinen Gebrauch durchaus situieren konnten. Die Reaktionen der Gewährspersonen auf diesen zweiten Fragedurchgang wurden in die Auswertung des Sprachtests systematisch mit einbezogen, um momentane Erinnerungsschwierigkeiten gegenüber den gänzlich kontextfrei präsentierten Lexemen ansatzweise ausgleichen zu können. Außerdem stellte sich bei der Aufdeckung der Wortbedeutung im zweiten Fragebogendurchgang öfters heraus, dass den Gewährspersonen das betreffende Wort mit abweichender Phonetik aus ihren Herkunftsvarietäten ← 239 | 240 → doch vertraut war und nur die Erhebungsmethode ein sofortiges Wiedererkennen erschwert hatte (z. B. SchmettenSchmeta, KrampusKrompus, KrenKre, heuerhuert usw.). Auch hier konnte die Aufdeckung der unerkannten Wortbedeutungen die Nachteile der Erhebungsmethode ausgleichen. Die weiterführenden Fragen zum Gebrauch der jeweiligen Lexeme wurden in jedem Fall erst dann eigens thematisiert, wenn die Gewährsperson die Bedeutung des betreffenden Wortes erkannt hatte.

Für die Auswahl der erfragten Lexeme spielten einerseits deren areale Verbreitung und andererseits ihre Referenzbereiche eine Rolle: Es wurden erstens solche Lexeme ausgewählt, die in den deutschen Regiolekten Böhmens, Mährens, Schlesiens und der Slowakei möglichst großräumig verbreitet waren und bei denen deshalb ihre Kenntnis bei den Vertriebenen aus diesen Regionen mit großer Wahrscheinlichkeit vorauszusetzen war.256 Die areale Verbreitung dieser Lexeme sollte zugleich strikt auf den mittel- und oberdeutschen Sprachraum begrenzt und sie deshalb in Mecklenburg möglichst unbekannt und unverständlich sein. Ich habe zweitens nur Testlexeme aus häuslichen Referenzbereichen gewählt, denn es war davon auszugehen, dass es zu Tradierung und Transfer des allochthonen Wortschatzes in Mecklenburg am ehesten in der alltäglichen Nähekommunikation im engen Zusammenleben der Generationen und Herkunftsgruppen der Bevölkerung gekommen ist. Die ausgewählten Testwörter stammen daher aus den Referenzbereichen ‚Küche‘, ‚Haushalt‘, ‚Kleidung‘ und ‚Festbräuche‘. Um zu verhindern, dass sich bei den erfragten Herkunftsangaben automatisierte Antworten einschliffen, wurden unter die acht südostdeutschen Testwörter zwei niederdeutsche bzw. norddeutsche Regiolektlexeme als ‚Test-Dummys‘ gemischt, die in der Auswertung nicht weiter berücksichtigt werden.

In die erste Version des semasiologischen Bogens wurden die folgenden acht Lexeme aus den Herkunftsgebieten aufgenommen: Schmetten (‚Sahne‘), Karfiol (‚Blumenkohl‘), Hader(n) (‚Lumpen‘, (Putz)Lappen‘), Gatehosen / Gatihosen (‚Unterhosen‘), Kren (‚Meerrettich‘), Kalmück (‚Jacke‘), Paradeiser (‚Tomate‘) und Krampus (‚Knecht Ruprecht‘, ‚Schreck­gestalt‘). Als niederdeutsche bzw. regiolektal mecklenburgische ‚Dummy-Wörter‘ wurden hier Hess (‚Hacken, Ferse‘) und Puuch (‚Bett‘) gewählt. Eine Testphase ← 240 | 241 → mit sieben Gewährsleuten zeigte allerdings, dass die Wörter Gatehosen und Kalmück einerseits und niederdeutsch Hess und Puuch andererseits kaum bekannt waren. Sie wurden daher im weiteren Verlauf der Erhebung auf einer zweiten Fragebogenversion durch südliches heuer (‚dieses Jahr‘) und Schwamm (‚Speisepilz‘) bzw. durch niederdeutsch bannig (‚sehr‘) und Buddel (‚Flasche‘) ersetzt. Anders als Hess und Puuch waren bannig und Buddel auch von Personen ohne Niederdeutschkompetenz leichter als niederdeutsch oder regiolektal norddeutsch zu erkennen und konnten deshalb im Testverlauf besser die Funktion übernehmen, Antwortroutinen nicht aufkommen zu lassen.

Die semasiologische Befragung konnte nicht in alle 90 geführten Interviews integriert werden: Zum einen ist dieser Sprachtest, wie gesagt, erst im Verlauf der Erhebungen entwickelt worden, zum anderen fehlte bei manchen besonders langen Interviews schlicht die Zeit für diesen Erhebungsteil. In die Auswertung der semasiologischen Befragung wurden zudem ausschließlich die Testergebnisse von Vertriebenen aus den mittel- und oberdeutschen Dialektregionen Schlesiens, Böhmens, Mährens, der Slowakei bzw. von Mecklenburgern mit mindestens einem Elternteil aus diesen Herkunftsgebieten einbezogen. Als Vergleichsgruppe kamen ausschließlich Alteingesessene aus der mecklenburgischen Erhebungsregion bzw. Nachkommen von dort ansässigen Personen ohne Vertreibungshintergrund und mit mindestens einem alteingesessenen Elternteil aus dieser Region in Frage. Trotz dieser Einschränkungen umfasst die Stichprobe der semasiologischen Untersuchung insgesamt 57 Personen zweier Alterskohorten, die sich in 444 Fällen zur Bedeutung und zum Gebrauch der acht Herkunfts-Lexeme Schmetten, Karfiol, Hader(n), heuer, Kren, Schwamm, Paradeiser und Krampus äußerten.257 ← 241 | 242 →

Tabelle 4.1.1-1: Aufbau der Teilstichprobe der Personen, die an der Fragebogenerhebung zur Lexik aus den Herkunftsvarietäten der Vertriebenen teilgenommen haben.

  Teilnehmer an der semasiologischen Befragung
aus alteingesessenen Familienaus Familien Vertriebener
Vorkriegsgeneration14 Personen (A 1)19 Personen (V 1)
Nachkriegsgeneration14 Personen (A 2)10 Personen (V 2)

Die weite areale Verbreitung dieser Wörter in den intern stark gegliederten Basisdialekten der Vertreibungsgebiete wird auf den Karten des Deutschen Wortatlas von Walther Mitzka, in den Lemmata und Wortkarten des Schlesischen Wörterbuchs und in den bereits vorliegenden Bänden des Sudetendeutschen Wörterbuchs dokumentiert.258 Diese lexikographischen bzw. wortgeographischen Werke haben den Anspruch, den Dialektstand der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg zu dokumentieren. Über die ehemals großräumige Verbreitung der acht Test-Lexeme auch in den Regiolekten im süddeutschen Raum informieren einerseits Kretschmers Wortgeographie der hochdeutschen Umgangssprache und andererseits der Atlas der sudetendeutschen Umgangssprache, mit dem Franz Beranek zwischen 1946 ← 242 | 243 → und 1952 über die systematische Befragung von Vertriebenen die areale Gliederung der regiolektalen Lexik in Böhmen, Mähren und angrenzenden Gebieten zu rekonstruieren versuchte.

Das tschechische Lehnwort Schmetten war demnach in ganz „Böhmen und Mähren […], in Österr. Schlesien“ (Kretschmer 1918: 401) gebräuchlich und hier lediglich in seinen Realisierungsformen mit Lang- oder Kurzvokal areal gegliedert (Beranek 1970: 125). Als Lexem der standardnahen Umgangssprache war Karfiol „als alleinherrschende Form in ganz Österreich und den Sudetenländern und […] einst auch in Sachsen, Preuß.-Schlesien und Posen“259 gebräuchlich. Hader(n) wird von Kretschmer (1918: 321) großräumig „im Südosten“ verortet. Die Verbreitung von heuer lokalisiert Kretschmer (1918: 177) auf „ganz Österreich (einschließlich Siebenbürgen), Bayern und das sächsische Vogtland“, wobei daran erinnert werden muss, dass „Österreich“ für Kretschmer natürlich noch Böhmen, Mähren und Österreichisch-Schlesien einschloss. Kren war „in ganz Österreich, auch Vorarlb[erg], Zips und Siebenb[ürgen] der einzige Ausdruck“ (Kretschmer 1918: 333) für Meerrettich. Die entsprechende Wortkarte bei Beranek (1970: 73) zeigt Kren darüber hinaus als Konkurrenzform zu Meerrettich in Schlesien. Dem norddeutschen Lexem Pilz entspricht nach Kretschmer „im ganzen Süden“ und daher auch „in Bayern und Österreich“ regiolektales Schwamm (Kretschmer 1918: 372, 373). Paradeiser ist nach Beranek (1970: 66) „zur eigentlichen altösterreichischen und damit auch sudetenländischen Bezeichnung“ für Tomate geworden. Die entsprechende Wortkarte zeigt neben der regiolektalen Leitform Paradeiser in Böhmen und Mähren vor allem in Nordböhmen viele Belege für das Konkurrenzlexem Paradeisapfel.260 Die Bezeichnung Krampus für den furchterregenden Begleiter des Nikolaus hatte nach Beranek von Süden ausgehend fast „den ganzen Sudetenraum erobert“ und sei „auch schon in Bayern und Oberschlesien (hier als Grampus) eingedrungen“.261 ← 243 | 244 →

Die ehemals großräumige Verbreitung der ausgewählten Testlexeme in den Vertreibungsgebieten wird letztlich auch von meiner Untersuchung bestätigt: Von 19 befragten Vertriebenen, die in Böhmen, Mähren, Schlesien oder der Slowakei geboren wurden, kannten fünf Personen die Bedeutung aller acht Testwörter, vier weitere konnten sieben der acht vorgestellten Lexeme identifizieren. Keiner Person dieser Vorkriegsgeneration waren alle acht Wörter unbekannt. Zudem kamen einige Vertriebene, die am semasiologischen Test nicht teilnahmen, wie auch die eingangs zitierte Erzählung von Frau 14 (1936 V) zeigt, im Interview spontan auf mehrere der ausgewählten Lexeme ihrer Heimatregion zu sprechen.262

Betrachten wir zunächst, wie sich die Bekanntheit der acht Testwörter über die Teilgruppen der Stichprobe der semasiologischen Befragung verteilt: Die Gruppe der befragten Vertriebenen der Vorkriegs­generation, die diese Lexik aus ihren Herkunftsvarietäten mit nach Mecklenburg brachten, umfasst hier 19 Personen. Ihnen waren die Bedeutungen von 64,3 % der präsentierten Wörter (N=140) spontan bekannt. Nach der Auflösung der zunächst nicht geklärten Bedeutungsfragen gaben die Befragten dann in 71,4 % der einzeln abgefragten Lexeme an, dass sie ihnen bekannt seien. Die Gruppe der getesteten alteingesessenen Mecklenburger der Vorkriegsgeneration (14 Personen) konnten im ersten Fragebogen­durchgang nur bei 29,5 % der präsentierten Wörter (n = 112) die Bedeutung angeben. Im zweiten Fragebogendurchgang stieg der Anteil der als bekannt identifizierten Lexeme auf immerhin 42 % (vgl. Abb. 4.1.1-1). Die hoch signifikante Differenz in der Wortschatzkenntnis dieser beiden Gruppen der ← 244 | 245 → Wohnbevölkerung meines Untersuchungsgebietes ist als späte Nachwirkung ihrer unterschiedlichen Herkunft zu interpretieren.263

In der Nachkriegsgeneration der beiden Bevölkerungsgruppen verteilt sich die Bekanntheit der acht Testwörter wie folgt: Zehn in Mecklenburg geborene Nachkommen von Vertriebenen (ein oder zwei Elternteile vertrieben) konnten in 21,3 % der Fälle (n = 80) die Bedeutungen der vorgelegten Wörter spontan benennen und gaben im zweiten Durchgang durch die Wortliste in 28,8 % der Fälle an, die Lexeme zu kennen. Die 14 befragten Personen aus alteingesessenen Familien identifizierten im ersten Durchgang 19,6 %, im zweiten Durchgang 26,8 % der Wortbedeutungen (n = 112).

Diese Befragungs­ergebnisse deuten auf einen äußerst starken Wortschatzverlust in den Vertriebenenfamilien hin: Die Bekanntheit des Wortschatzes aus den Herkunftsregionen fällt von 71,4 % bekannter Lexeme unter den von der Vertreibung persönlich Betroffenen schon in der Generation ihrer Nachkommen auf nur 28,8 % der erfragten Lexeme zurück.264 Die Nachkommen der zugewanderten Vertriebenen können also nur noch in weniger als einem Drittel der erfragten Wörter die Bedeutung angeben. Damit ist der Bekanntheitsgrad der Lexeme aus den Herkunftsregionen der Eltern in der Nachkriegsgeneration der Vertriebenen­familien nur noch unwesentlich höher als in der Gruppe der gleichaltrigen Alteingesessenen, die in den 1950er und 1960er Jahren geboren wurden. Innerhalb der Vertriebenenfamilien wird der in Mecklenburg allochthone Wortschatz demnach nur in einem sehr eingeschränkten Maße intergenerationell tradiert (vgl. Abb. 4.1.1-1).

Den großen Abstand zwischen den Wortschatzkenntnissen der älteren und der jüngeren Generation der Vertriebenen veranschaulicht auch das folgende Boxplot-Diagramm zur Variationsbreite der Fragebogenbefunde zwischen den einzelnen Angehörigen der vier Alters- bzw. Bevölkerungsgruppen (vgl. Abb. 4.1.1-2). Zwischen den Angaben der Vorkriegs­generation und der ← 245 | 246 →

Abbildung 4.1.1-1: Bekanntheit der südostdeutschen regiolektalen Testwörter in Familien Alteingesessener (A 1, A 2) und Vertriebener (V 1, V 2) – bekannte Lexeme in Prozent

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Nachkriegsgeneration der Vertriebenenfamilien (V 1, V 2) gibt es demnach überhaupt nur in wenigen Ausnahmefällen Überschneidungen, im Übrigen bewegen sich die Wortschatzkenntnisse der einzelnen Angehörigen dieser Altersgruppen in völlig unterschiedlichen Größenordnungen. Das Diagramm zeigt aber auch, dass trotz sehr ähnlicher Durchschnittswerte in der Kenntnis der acht Testwörter die Vertrautheit mit diesen ‚südostdeutschen‘ regiolektalen Wörtern unter den jüngeren Angehörigen der Vertriebenen­familien breiter gestreut ist als unter den gleichaltrigen Alteingesessenen. Dies mag als Hinweis gewertet werden, dass die jüngere Generation der Vertriebenen in Einzelfällen doch andere Zugänge zur Wortschatzkenntnis hatte als ihre Altersgenossen unter den Alteingesessenen.

Bis hierhin habe ich ausschließlich die quantitativen Verhältnisse im Gesamtkorpus aller 57 Personen betrachtet, die an der semasiologischen Erhebung teilgenommen haben. Da jeweils das gesamte Testgespräch bei der Abfragung des Bogens aufgezeichnet wurde, bei dem es ja nicht nur um die Bekanntheit, sondern auch um den Gebrauch der Lexeme ging, können ← 246 | 247 →

Abbildung 4.1.1-2: Interpersonelle Varianz der Bekanntheit der regiolektalen Testwörter unter Angehörigen von alteingesessenen Familien (A 1, A 2) und Familien Vertriebener (V 1, V 2) – Anteile bekannter Lexeme in Prozent

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die quantitativen Befunde durch inhaltliche Aussagen der Gewährspersonen qualitativ gefüllt und erklärt werden. Was erzählen die Gewährspersonen also über den Gebrauch und die Tradierung des Herkunftswort­schatzes in ihren Familien?

Beginnen wir mit den Berichten der Vertriebenen der Vorkriegsgeneration: Erwartungsgemäß kennen die Personen, die noch persönlich von der Vertreibung betroffen waren, die acht Testwörter fast immer aus ihren Familien oder von „zu Hause“. Die vorgestellten Wörter werden von den meisten, die sich zur Herkunft ihres Wortschatzwissens äußern, als zum Sprachgebrauch einer Wir-Gruppe gehörig identifiziert, die in vielen Fällen über den Familienkreis hinausreicht: „Das sind ja die Ausdrücke von uns. […] Das ist unsere Sprache. Sudetengau.“ (Herr 13, 1935 V). „Das kennen wir alle. Karfiol ist Blumenkohl.“ (Herr 25, 1927 V). „Das ist ein Wort von uns.“ (Frau 39, 1932 V). Nur in drei (von 37) Fällen sind sich Befragte über die Herkunft ihrer Wortkenntnis im Unklaren. „Na ich kenne das so aus ← 247 | 248 → dem Sprachgeb… irgendwie.“ (Herr 65, 1927 V). Hier spielen dann offensichtlich regionalsprachliche Differenzen eine Rolle. Zwei Gewährsfrauen, die in der eigenen Familie nur den Ausdruck Bilze verwendeten, antworten auf die Frage, woher sie das Wort Schwamm kennen, unbestimmt: „Ja das hat man so im Allgemeinen gehört.“ (Frau 28, 1936 V). „Ja irgendwo gibt es so ein Wort Schwammerl ne.“ (Frau 39, 1932 V). Die gegebenen Antworten bestätigen aber in aller Regel, dass die acht ausgewählten Testwörter in den Herkunfts­regionen der befragten Vertriebenen tatsächlich weit verbreitet und gebräuchlich waren.

Ist nun dieser Herkunftswortschatz auch nach der Vertreibung zumindest im familiären Gebrauch geblieben? Beim Abhören der Testaufnahmen fällt sofort auf, dass die Zuwanderer den Gebrauch der Herkunftswörter nahezu durchgängig in die Vergangenheit verlegen: „Wir sagten Paradeisäppel.“ (Herr 27, 1929 V). „Kre haben wir gesagt zu Hause.“ (Frau 79, 1924 V). „Und bei uns wurde auch gesagt Schmeten.“ (Herr 13, 1935 V). Sehr häufig wird der Gebrauch der Wörter mit der Eltern- oder Großelterngeneration assoziiert: „Meine Mutter meine Mutter hat immer gesagt ‚da kommt noch ein bisschen Schmeten an die Soße.‘ Das hat sie immer gesagt.“ (Herr 13, 1935 V). „Ich kann mich erinnern dass meine Großeltern manchmal gesagt ‚geh mal in den Keller und hol den Schmeten‘.“ (Frau 44, 1928 V).

Befragt nach ihrem eigenen Gebrauch der ihnen bekannten Wörter entwerfen viele Vertriebene der Vorkriegsgeneration persönliche Gebrauchsgeschichten, in denen die Vertreibung eine abrupte Zäsur zwischen damals und heute bzw. dort und hier markiert: „Zu Hause haben wir Karfiol gesagt aber hier haben wir doch Blumenkohl gesagt.“ (Frau 44, 1928 V). Auf die Frage, ob das Wort Kren in ihrer Familie benutzt worden sei, sagt Frau 19 (1923 V) „Ja ja doch … . Im Grunde genommen sagen wir hier Meerrettich nicht Kren.“ Gefragt, ob sie selbst Schmetten schon einmal gebraucht habe, antwortet Frau 22 (1925 V) „zu Hause ja“. Die Nachfrage, ob sie das Wort auch in der Familie und mit ihrem mecklenburgischen Mann verwende, erbringt ein entschiedenes „Nein nein“. Insgesamt wird die Frage nach dem eigenen aktiven Gebrauch der bekannten Wörter von den meisten Befragten der Vorkriegsgeneration für die Gegenwart sehr dezidiert verneint: „Nein überhaupt nicht sage ich das.“ (Frau 19, 1923 V). Frau 37 (1933 V) gibt an, das Wort Karfiol nicht einmal dann zu gebrauchen, wenn sie im Alltag ← 248 | 249 → mit ihren karpatendeutschen Freundinnen zusammen ist, „höchstens wenn wir nach Österreich Österreich gehen“.

Die Abkehr vom Gebrauch des Herkunftswortschatzes, von dem die 1945 / 1946 zugewanderten Vertriebenen berichten, lässt sich auch in quantitativen Verhältnissen veranschaulichen: Von den 26 aufgezeichneten Äußerungen von Vertriebenen der Vorkriegsgeneration zu der Frage, ob die Gewährsperson das jeweilige Wort heute noch aktiv verwende, sind 19 Antworten negativ. Nur im Fall von sieben Wörtern gaben einzelne Probanden an, das betreffende Wort auch heute noch zu gebrauchen. Diese positiven Antworten werden aber durchweg eingeschränkt: „Manchmal sagen wir es … manchmal sagen wir noch Kren.“ (Frau 29, 1930 V) „Wir wir sagen Meer… Meerrettich. Nein. Aber ich sage auch … manchmal sage ich auch Kren.“ (Frau 21, 1925 V). Frau 31 (1936 V) benutzt das Wort Karfiol nur bei Gesprächen „auf Oberstübnerisch“, aber nicht beim alltäglichen Kochen in ihrer karpatendeutschen Familie.

Oft werden die Wörter von den immigrierten Vertriebenen offenbar auch nur noch in metasprachlicher Funktion benutzt. So lässt Frau 44 (1928 V) gelegentlich andere Personen den fremden Wortschatz erraten: „Wenn man mal so raten oder so … ‚Karfiol? Mensch das wissen Sie nicht? Das ist Blumenkohl.‘“ Auch Herr 13 (1935 V) hat seiner mecklenburgischen Ehefrau schon „öfters“ die Bedeutung von Wörtern wie Karfiol oder Paradeiser „erklärt“. Seine Frau bestätigt im Fall von Paradeiser: „Doch er hat mir das schon mal gesagt aber ich kam auch nicht drauf.“ Frau 29 (1930 V) gibt an, das Wort Paradeiser in ihrer Familie auch heute „öfter so mal“ zu verwenden. Ihr aus der Neumark stammender Ehemann pflichtet einschränkend bei: „Ja scherzhaft also. Daran zu erinnern dass es … um sich etwas wachzurufen.“ Auch Frau 39 (1932 V) fallen auf die Frage, ob sie Wörter wie Karfiol gelegentlich auch im Gespräch mit ihrem Mann oder ihren Kindern benutzt habe, offenbar nur metasprachliche Verwendungen ein: „Na ja es wurde mal gesagt es hieß so aber … .“ Frau 17 (1935 V) erzählt im Interview, sie habe gegenüber ihren Kindern „manchmal so aus Jux so einige Begriffe“ ihrer Herkunftsregion benutzt. „Und das fanden sie auch immer ganz toll.“265 Ganz offensichtlich hat der noch aus den ← 249 | 250 → Herkunftsgebieten recht gut bekannte Wortschatz gut siebzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges im Sprachgebrauch der älteren Vertriebenen seine kommunikative Funktion weitestgehend eingebüßt. Die Vertriebenen der Vorkriegsgeneration selbst verwenden den Wortschatz ihrer Herkunftsregiolekte heute kaum noch. Selbst für ihren vergleichsweise kompakten karpatendeutschen Bekanntenkreis in Satow beurteilt Frau 37 (1933 V) den Gebrauch des Wortes Paradeiser / Paradeis inzwischen so: „Naja es ist schon weit weg Paradeis.“

Bei einigen der Befragten ist der Wortschatz ihrer ehemaligen Heimat tatsächlich so „weit weg“ von ihrem gegenwärtigen sprachlichen Umfeld, dass sie ihn zu vergessen begonnen haben. Bei der Aufdeckung der zunächst unerkannten Wortbedeutungen im zweiten Durchgang der semasiologischen Befragung thematisieren einige Gewährspersonen dieses Vergessen explizit. Frau 22 (1934 V): „Der Kr… [Krampus] ja stimmt. Habe ich vergessen. Siehst du. Habe ich vergessen. Hatte ich vergessen.“ Frau 19 (1923 V) erzählt, sie habe das Wort Karfiol vollständig vergessen gehabt und sei erst neulich durch eine Kochsendung im Fernsehen plötzlich wieder daran erinnert worden. „Da habe ich mir so bei mir gedacht wie haben wir überhaupt zu Hause zu Blumenkohl gesagt? Da macht es klick.“ Frau 37 erzählt ganz ähnlich von einem Österreichurlaub:

Und dann haben wir schon ein paar Wörter von Oberstuben vergessen. Das eine war da … da ist doch immer zu … ich weiß nicht zu Fasching oder oder vor vor Weihnachten da tun sie sich doch da unten alle so verkleiden in Tirol und so. Und dann kam das erste Wort der Krampus. Oh Gott das habe ich vergessen. Zu Hause in Oberstuben wurde doch auch der Krampus gesagt ne. (Frau 37, 1932 V, SP2: 306–310)

Die Isolierung vom ursprünglichen Kommunikationsumfeld der Herkunftsvarietät ist offensichtlich in vielen Fällen so strikt, dass schon Angehörige in der ersten Generation der Zuwanderer in Mecklenburg zu „Sprachvergessern“ geworden sind, deren primär erworbene Sprachkompetenz inzwischen in Teilen verschüttet ist, aber mitunter noch „aufgrund geeigneter Schlüsselreize“ (Wirrer 2009: 137) reaktiviert werden kann. Eine derartige „language attrition“, also der Abbau der individuellen Kompetenz in der über lange Zeit kaum oder gar nicht mehr genutzten Erstsprache (L1), ist besonders deutlich an der Reduktion des mentalen Lexikons zu ← 250 | 251 → beobachten.266 Sprachvergessen dürfte der Hauptgrund dafür sein, dass auch die Gewährspersonen, die selbst noch in den Herkunftsgebieten aufgewachsenen sind, den Testwortschatz von dort nur noch zu 71,4 % in ihrer Erinnerung haben (vgl. Abb. 4.1.1-1).

Die semasiologische Befragung der Vertriebenen der Vorkriegsgeneration erbrachte auch schon aussagekräftige Hinweise zum Transfer des Wortschatzes innerhalb ihrer Familien. Hier war zum Teil sehr aufschlussreich, dass bei einigen Interviews die Ehepartner oder Familienangehörige der Folgegeneration (Tochter, Nichte) anwesend waren und in die Befragung aktiv einbezogen werden konnten. Die mecklenburgische Ehefrau von Herrn 13 (1935 V), die im Testverlauf keines der acht Testlexeme kannte, entschuldigt dies gegenüber ihrem Mann mit den Worten: „Aber so reden wir hier nicht [Vorname]!“ Ähnlich kannte der Ehemann von Frau 21 (1925 V), der zwischenzeitlich am Interview teilnahm, zur Verwunderung seiner schlesischen Frau das Wort Kren nicht: „Na das haben wir doch schon öfter … […]. Das ist schlesisch.“ Darauf wechselt der Mann zu seiner Rechtfertigung ins Niederdeutsche: „Na dat kann ik ja nich waiten.“ (‚Na das kann ich ja nicht wissen). In beiden Fällen ist der Herkunftswortschatz trotz gelegentlicher Vermittlungsversuche des zugewanderten Lebenspartners nicht in den gemeinsamen Sprachgebrauch der Familien übergegangen und wird von den mecklenburgischen Partnern bis heute als ‚fremde Rede‘ empfunden. Die anhaltende Fremdheit der Herkunftsvarietäten wird aber auch von Vertriebenen selbst expliziert. So ist sich Frau 22 (1934 V) sicher, dass ihr verstorbener mecklenburgischer Ehemann keines der Testwörter gekannt hätte: „Also unsere Ausdrücke kannte er auch nicht. Nein. Nein nein. Aber ich habe ja auch nicht im Dialekt mit ihm gesprochen.“

Nichtmecklenburgische Ehepartner von Vertriebenen, die selbst nicht aus den hier untersuchten Vertreibungsgebieten stammen, scheinen offener für die Übernahme der ‚fremden‘ Lexik zu sein. So kennt der Ehemann von Frau 29 (1930 V) die Bedeutungen der böhmischen Herkunftslexik seiner ← 251 | 252 → Frau zum größten Teil, obwohl er selbst aus der Neumark vertrieben wurde. In den aktiven Sprachgebrauch des Paares sind diese Lexeme dennoch kaum eingegangen, sondern werden allenfalls „scherzhaft“ benutzt (siehe oben). Herr 27 gibt eine detaillierte Begründung, wieso seine verstorbene Ehefrau den Wortschatz seiner böhmischen Heimat gut kannte, obwohl sie selbst aus Ostpreußen vertrieben worden war.

Ja meine Frau wusste was Karfiol ist was Schmeten ist. Meine Mutter hat ja so gesprochen. Und meine Frau konnte als junges Mädchen nicht kochen. Von ihrer Mutter konnte sie es nicht lernen. Und wir waren sehr viel bei meiner Mutter bei meinen Eltern. Und dort hat sie kochen gelernt. Und meine Mutter hat natürlich viel solche Worte verwendet. Und das hat sie auch … sie wusste was Schmeten ist und was Karfiol ist. Oder ein Hoder. […] Das wusste sie alles. Ja. Oder Paradeiser das wusste sie. (Herr 27, 1929 V)

Zwischen den Generationen der Vertriebenenfamilien hat ein solcher Transfer des haushaltsbezogenen Wortschatzes bei gemeinsamen Tätigkeiten aber offenbar nur sehr selten stattgefunden. Die Tochter von Frau 79 (1924 V), die bei der Befragung anwesend war, sagt abschließend, sie hätte von den acht Testlexemen „fast nichts gewusst“, sie habe nur die Bedeutung von heuer und Hader gekannt. Die Frage, ob ihre Mutter die anderen Wörter nie beim gemeinsamen Kochen verwendet hätte, wird von der Tochter verneint. Auch Herr 26 (1925 V) vermutet, dass seine Tochter die meisten der acht Wörter nicht kennen würde, nur Paradeiser und Karfiol, „das habe ich ihr beigebracht.“ Die bei der Befragung anwesende Nichte von Frau 86 (1922 V) kannte ebenfalls nur zwei der präsentierten Wortbedeutungen und die Tochter von Frau 44 (1928 V) konnte während der Befragung von sich aus keine einzige Wortbedeutung angeben.

Diese bei der Befragung der älteren Generation der Vertriebenen gewonnenen Informationen zur Weitergabe des Wortschatzes an die Nachkommen können noch vertieft werden. Die semasiologische Befragung wurde auch bei zehn zwischen 1950 und 1970 geborenen Personen durchgeführt, von denen ein Elternteil oder beide Eltern aus den südöstlichen Vertreibungsgebieten nach Mecklenburg immigriert sind. Der oben schon erwähnte Befund, dass in diesem Teilsample der Befragung nur 28,8 % der präsentierten Wortbedeutungen bekannt waren (vgl. Abb. 4.1.1-1), bestätigt zunächst ganz allgemein, dass Herkunftslexeme der Elterngeneration in den Vertriebenenfamilien nur in sehr geringem Maße an die Nachkommen weitergegeben wurden. ← 252 | 253 →

Was berichten die Angehörigen der Nachkriegsgeneration der Vertriebenenfamilien nun im Einzelnen über den Gebrauch und die Weitergabe des Herkunftswortschatzes in ihren Familien? In den 20 Fällen, in denen Probanden angaben, woher sie die Bedeutung des betreffenden Testwortes kannten, wurde 13 Mal auf die Eltern oder Großeltern verwiesen. In immerhin sieben Fällen ist das jeweilige Wort aber nicht aus der Familie bekannt, sondern die Befragten sind ihm bei Reisen in Österreich oder der Slowakei (heuer, Kren und Paradeiser) begegnet oder sie kennen das Wort aus der Weinbauterminologie (heuer) bzw. vom „Hörensagen im [unter Umständen sächsisch geprägten] Umfeld“ (Hader, Herr 49, 1954 VV). Vielfach (16 Fälle) wird meine Nachfrage, ob die Gewährsperson das betreffende Wort schon einmal von Vater, Mutter oder den Großeltern gehört habe, aber dezidiert verneint: Auf die Frage beispielsweise, ob seine slowakeideutsche Mutter in der Küche nicht gelegentlich auch das Wort Karfiol benutzt habe, antwortet Herr 59 (1961 VA): „Nein gar nicht. Karfiol sagt mir gar nichts der Begriff.“ Ebenso wenig hat die böhmische Mutter von Herrn 72 (1955 VA) das Wort seiner Erinnerung nach benutzt: „Nein. Bei uns heißt das schon immer Blumenkohl.“ Auch einen Satz wie heute gibt es Schwämme habe seine Mutter „garantiert nicht“ gesagt. Frau 57 (1965 VZ) ist überrascht, von ihrem böhmischen Vater nie das ihr selbst unbekannte Lexem Kren gehört zu haben: „Das ist aber komisch weil mein Vater isst sehr gerne Meerrettich.“ Frau 70 (1954 VA), die selbst nur bei drei der acht Testwörter die Bedeutung angeben kann, vermutet, dass ihre sudetendeutsche Mutter die Wörter noch allesamt kennen würde: „Ja die wird sie alle kennen. Aber die hat sie nicht weitergegeben. Auch nicht verwendet.“ Auch die individuellen Aussagen der jüngeren Angehörigen von Vertriebenenfamilien bestätigen also, dass schon ihre vertriebenen Eltern die Lexik der Herkunftsgebiete in Mecklenburg nicht mehr im alltäglichen Sprachgebrauch genutzt haben und so die intergenerationelle Tradierung abgerissen ist.

Von den Befragten aus der Nachkommengeneration der Vertriebenen berichtet niemand, eines der acht Testwörter selbst zu verwenden. Selbst die beiden Gewährspersonen dieser Gruppe, die noch mit Abstand die meisten der Testwörter kannten (sieben bzw. sechs Wörter), geben an, diese Lexeme zwar aus dem Sprachgebrauch von Eltern oder Großeltern zu kennen, diese Wörter aber selbst gar nicht mehr bzw. nur in metasprachlicher Funktion zu gebrauchen. Herr 62 (1952 VV) erzählt: „Meine Oma sagte immer Paradeis. Sagte sie immer.“ Auf die Nachfrage, ob das Wort in seiner Familie heute noch ← 253 | 254 → geläufig sei, antwortet er: „Nein nein nur als als als Gag. Nur wenn dann … . Wir haben Tomaten auf dem Tisch sage ich hier [Vorname Sohn] heute gibt es Paradeis.“ Ganz ähnlich schildert Frau 60 (1952 VV) den abnehmenden Gebrauch der Herkunftslexik über die Generationsfolge ihrer Familie:

Meine Mutter sagt auch Schwamm. Schwämme. Aber ich wir eigentlich nicht so. […] Wenn meine Mutter sagt ne ‚habt ihr noch … wart ihr schon Schwämme suchen‘ dann weiß man was was sie meint und so aber ich ich spreche es nicht mehr. Nein.

Gegenüber ihren eigenen Kinder verwendet Frau 60 diese Wörter dann allenfalls metasprachlich: „Auch wenn die Kinder Meerrettich … dann sage ich zu meinen Kindern ‚Oma hat immer Kren gesagt‘ ne.“ In der zweiten Generation der Familien nach der Vertreibung ist der Wortschatz demnach bereits weitgehend unverständlich. So erzählt Frau 60, wie sie ihrer Tochter auf einer Österreichreise die Speisekarte erklären musste. „Da wusste meine Tochter dann auch nicht … da konnte ich … ja sage ich das ist das und das.“

In den Vertriebenenfamilien wurde der regiolektale Wortschatz der Herkunftsgebiete mehr oder weniger schnell durch entsprechende Lexeme aus dem mecklenburgischen Regiolekt ersetzt. Die schlesische Mutter von Frau 52 (1950 VA) hat offenbar stets Feudel und nicht Hader zum Wischlappen gesagt.267 Auch in der böhmisch-mecklenburgischen Familie von Frau 70 (1954 VA) war seit ihrer Kindheit nur der mecklenburgische Ausdruck im Gebrauch: „Feudel haben wir gesagt früher immer.“ Und Frau 60 (1952 VV) kennt das Wort Hader noch von Großeltern und Eltern sowie aus der beruflichen Altenpflege, verwendet aber selbst nur die lexikalische Entsprechung aus dem mecklenburgischen Regiolekt: „Ja ich sage Feudel.“ Auch im Bereich des Wortschatzes lässt sich in den Familien Vertriebener die Dynamik der Advergenz an den mecklenburgischen Regiolekt beobachten, die im Kapitel 3 für die phonetische und die morphosyntaktische Ebene herausgearbeitet worden ist.

Betrachten wir die Dynamik des Wortschatzgebrauchs abschließend noch einmal aus der Perspektive der alteingesessenen Mecklenburgerinnen und Mecklenburger. Sie sind durch die Immigration der Vertriebenen unter Umständen in engen Kontakt mit den allochthonen Lexemen gekommen ← 254 | 255 → und können als potentielle Empfänger bzw. Protagonisten eines lexikalischen Transfers gelten. Hier ist deshalb vor allem zu klären, woher die beiden Altersgruppen der Alteingesessenen ihr Wissen um die Lexik der Vertreibungsgebiete erlangt haben. Immerhin sind in der Vorkriegsgeneration der Alteingesessenen 42 % der erfragten acht Wörter bekannt und in der Nachkriegsgeneration erreicht die Bekanntheit der Lexeme immerhin noch mehr als 25 % der präsentierten Testwörter (vgl. Abb. 4.1.1-1). Ist dieses Wortschatzwissen über den Kontakt mit den zugewanderten Vertriebenen oder auf anderem Wege erworben worden? Nicht bei allen Wörtern, deren Bedeutung die Befragten angeben konnten, ist im Testgespräch die Herkunft dieses Wortschatzwissens erörtert worden. Die folgenden Zahlenverhältnisse können also nur eine ungefähre Orientierung über die möglichen Vermittlungswege der Wortschatzkompetenz bieten.

Aus der Gruppe der vor 1940 geborenen Alteingesessenen liegen zu 27 bekannten Wörtern explizite Angaben zur Herkunft der Wortkenntnis vor. In mehr als der Hälfte dieser Fälle (15 Angaben) erklären diese Alteingesessenen, das betreffende Wort aus den Medien zu kennen. Besonders Kren und Karfiol sind den Probanden aus Kreuzworträtseln bekannt (fünf Angaben): Frau 47, die schon Karfiol aus dem Kreuzworträtsel kannte, gibt an: „Kren kenne ich auch aus aus dem aus dem Kreuzworträtsel.“ (Frau 47, 1930 A). Herr 9 (1939 A) verortet Kren als bayrisch und fügt hinzu: „Das wird ja auch oft gefragt in Kreuzworträtsel.“ Heuer scheint den Alteingesessenen vor allem aus der Literatur bekannt zu sein, sie kennen es „aus einem Gedicht oder einem Lied“ (Frau 36, 1930 A) oder „vom Lesen her“ (Herr 42, 1924 A) und erinnern sich mitunter an entsprechende Verse („Gefroren hat es heuer …“, „heuer gehen wir zum Reigen …“, Frau 47, 1930 A; Frau 34, 1932 A). Andere Wörter sind aus dem Fernsehen, aus Kochshows oder Rezepten (Schwamm), aus dem Internet (Krampus) oder einfach aus der „Allgemeinbildung“ (Herr 61, 1934 A) bekannt.268

Gelegentlich wird die Bekanntheit mit den Wörtern auf Reiseeindrücke in Süddeutschland oder Österreich zurückgeführt (vier Angaben), zum ← 255 | 256 → Beispiel bei heuer: „Also das ist Österreichisch ne. Das höre ich weil wir in Österreich waren.“ (Herr 9, 1939 A). „Hört man sehr viel im Bayrischen aus dem Bayrischen.“ (Herr 41, 1935 A). Nur in drei Fällen sind Wörter und ihre Bedeutungen über Familienangehörige vermittelt worden. Dabei spielt aber nur in einem einzigen Fall der familiäre Kontakt mit Vertriebenen eine Rolle. Hier wird der karpatendeutsche Ehemann einer Alteingesessenen aus Satow als Quelle der Wortkenntnis benannt, in den anderen Fällen ist es aber eine Schwägerin aus Thüringen oder eine Cousine in Österreich, über die die Lexeme Hader und Krampus bekannt geworden sind. Auch außerhalb der Familien spielt der Kontakt mit Vertriebenen offenbar keine große Rolle für den Wortschatztransfer: Nur ein Zeitzeuge gibt an, das Wort Schwamm bei „Sudetendeutschen“ aus seinem Rostocker Umfeld gehört zu haben (Herr 24, 1926 A). Eine andere alteingesessene Gewährsperson kennt mehrere der Testwörter aus dem engen Kontakt mit einer aus Böhmen stammenden Bekannten (Frau 36, 1930 A).

Die Angaben, die die jüngeren Alteingesessenen, also die Angehörigen der Nachkriegsgeneration, über die Herkunft ihrer Wortkenntnis machen, ähneln inhaltlich und in ihren quantitativen Verhältnissen sehr stark den Aussagen der älteren alteingesessenen Mecklenburger. In den insgesamt 24 Fällen, in denen sich die jüngeren Alteingesessenen zur Herkunft ihrer Wortkenntnis äußern, wird wiederum die Vermittlung durch Medien (Fernsehen und Literatur) am häufigsten angeführt (elf Nennungen). Als zweithäufigster Grund für die Kenntnis der präsentierten Wörter wird auch hier wieder berichtet, dass man dem betreffenden Wort auf Reisen nach Süddeutschland und vor allem nach Österreich begegnet sei (acht Nennungen). Eine Weitergabe des Wortschatzes innerhalb der Familie wird nur von einer Gewährsfrau angeführt, die Hader(n) und Schwamm aus der sächsischen Familie ihres Ehemannes kennt: „Dresden. Das kenne ich durch mein Mann. Ja. […] In die Schwämme gehen. Genau. Das kommt jetzt aus Dresden. Das hat die Dresdner Oma gesagt ja.“ (Frau 84, 1966 AA). In drei anderen Fällen wird die Kenntnis einzelner Testwörter auf sächsische Bekannte, auf Studienkommilitonen aus dem Erzgebirge bzw. auf Bekannte aus Schweinfurt zurückgeführt. In zwei weiteren Fällen schließlich wird wenig überzeugend gemutmaßt, das Wort Hader(n) als Kind von der mecklenburgischen Großmutter gehört zu haben oder heuer aus dem Englischen zu kennen. ← 256 | 257 →

Die alteingesessenen Mecklenburger beider Alterskohorten führen ihre Kenntnis der erfragten Wortbedeutungen also in weit überwiegendem Maße auf die Rezeption von Medien oder auf Reiseeindrücke zurück. Die unterschiedliche Vertrautheit mit den acht Testlexemen in der Vorkriegsgeneration (42 %) und in der Nachkriegsgeneration der Alteingesessenen (26,8 %) dürfte demnach vor allem auf eine geänderte Mediennutzung oder ein anderes Reiseverhalten der jüngeren Befragten zurückzuführen sein. Der inner- und außerfamiliäre Kontakt mit Vertriebenen wird überhaupt nur bei Alteingesessenen der Vorkriegsgeneration und dort nur in seltenen Einzelfällen als Grund für die Vertrautheit mit den allochthonen Wörtern angeführt. Diese wenigen Alteingesessenen sind überdies die einzigen, die den präsentierten Wortschatz überhaupt noch mit den Vertreibungsgebieten in Verbindung bringen. Alle anderen, ältere wie jüngere Mecklenburger lokalisieren die Testwörter − durchaus zutreffend – in Österreich, Bayern oder Sachsen. Diese nahezu ausschließliche Verortung der bekannten Testwörter in Österreich und den Süden der Bundesrepublik deutet aber auch darauf hin, dass die Vertreibungsgebiete als deutsche Sprachlandschaften im laienlinguistischen Sprachwissen heute kaum noch präsent sind. Ein Transfer von Wörtern aus dem Sprachgebrauch der nach Mecklenburg zugewanderten Vertriebenen wird von den Alteingesessenen also kaum, in ihrer jüngeren Generation gar nicht, in Erwägung gezogen, um zu erklären, wie sie zur Kenntnis der nicht-mecklenburgischen regiolektalen Lexeme gekommen sind.

Trägt man die Aussagen der interviewten Vertriebenen zur semasiologischen Befragung zusammen, so ergibt sich für die Tradierung des Herkunftswortschatzes in den Familien der zugewanderten Vertriebenen das folgende, nach Alterskohorten gestaffelte Gesamtbild:

  1. Die Eltern der Vorkriegsgeneration: Die Eltern der heute befragten ältesten Vertriebenen dürften in den Jahrzehnten um 1900 geboren worden sein. Sie haben nach den Aussagen ihrer Nachkommen, die mit ihnen als Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene nach Mecklenburg vertrieben wurden, die Lexik ihrer Heimatregionen auch nach 1946 in der gruppen- und vor allem in der familieninternen Kommunikation mit anderen Vertriebenen der gleichen Herkunft zunächst weiter verwendet. Der Gebrauch der Lexik ist dabei im Wesentlichen auf die ältesten Angehörigen der stark vereinzelten Vertriebenenfamilien beschränkt ← 257 | 258 → geblieben. Diese Sprechergeneration ist in den 1970er bis spätestens 1990er Jahren gestorben.
  2. Die Vorkriegsgeneration: In der zwischen 1920 und 1940 geborenen Generation ihrer Nachkommen, die die Vertreibung als junge Menschen ebenfalls noch persönlich erlebt haben, sind Lexeme wie die acht präsentierten Testwörter demnach noch recht gut bekannt und werden als „Ausdrücke von uns“ (Herr 13, 1935 V) aus den Regiolekten der Herkunftsgebiete identifiziert. Schon in dieser Vorkriegsgeneration der Vertriebenen wird die Lexik der Herkunftsregionen im neuen mecklenburgischen Lebensumfeld aber kaum noch in kommunikativer Funktion verwendet. Vielmehr markiert die Vertreibung in der Entwicklungsdynamik des regiolektalen Wortschatzes bei den meisten Befragten dieser vor 1940 geborenen Vorkriegsgeneration einen einschneidenden Wechsel vom aktiven alltäglichen Gebrauch zu nur noch rezeptiver Kompetenz. Bei einer Reihe von ihnen ist diese passive Wortschatzkompetenz im Laufe der folgenden Jahrzehnte teilweise in Sprachvergessen übergegangen.
  3. Die Nachkriegsgeneration: An die zwischen 1950 und 1970 in Mecklenburg geborene Nachkriegsgeneration der Vertriebenenfamilien ist der Herkunftswortschatz daher nur in äußerst eingeschränktem Maße weitergegeben worden. Die Testwörter sind befragten Angehörigen dieser Nachkriegsgeneration schon zu weiten Teilen unbekannt. Es kann in dieser Alterskohorte der Vertriebenenfamilien nur noch von rudimentärer, passiver Wortschatzkompetenz gesprochen werden. Wer in dieser Gruppe die Lexik der Herkunftsregionen seiner vor 1940 geborenen Eltern überhaupt noch kennt, verwendet sie allenfalls sporadisch in metasprachlicher Funktion.
  4. Die Nachkommen der Nachkriegsgeneration: Die Angehörigen der vierten Generation der Vertriebenenfamilien, also die nach 1980 geborenen Nachkommen der ersten Nachkriegsgeneration, kennen den Wortschatz dann allenfalls noch aus den Medien oder von Reisen. Die innerfamiliäre Tradition ist hier endgültig abgerissen.

Dem Sprachverhalten der Vertriebenen entspricht auf der Seite der alteingesessenen Mecklenburger, dass es einen Transfer der allochthonen Lexik in den Sprachgebrauch der Alteingesessenen offensichtlich kaum gegeben hat. Selbst die alteingesessenen Ehepartner von Vertriebenen der Vorkriegsgeneration ← 258 | 259 → haben allenfalls passive Kenntnis einzelner Wörter erworben, die sie aber nie in den eigenen aktiven Sprachgebrauch umgesetzt haben. Wer von den alteingesessenen Mecklenburgern überhaupt die Bedeutung einiger Testwörter kennt, führt diese Kenntnis nur in Ausnahmefällen auf den Sprachkontakt mit ortsansässigen Vertriebenen zurück, in den meisten Fällen sind die Wortschatzkenntnisse bei Alteingesessenen über Medien und Reiseerfahrungen erworben worden. Der betreffende Wortschatz wird von Alteingesessenen in der Regel nicht einmal als Lexik aus den Herkunftsgebieten der immigrierten Bevölkerungsteile Mecklenburgs identifiziert.

Obwohl im engen Sprachkontakt ein sprachlicher Transfer zwischen den Kontaktvarietäten am ehesten im Bereich des Wortschatzes mit der punktuellen Übernahme einzelner Lexeme zu erwarten gewesen wäre,269 hat die unter den Immigranten ehemals weit verbreitete Lexik der Herkunftsregiolekte keinen Eingang in den mecklenburgischen Regiolekt gefunden. Sie ist auch innerhalb der Familien der zugewanderten Vertriebenen rasch und mehr oder weniger restlos abgebaut worden. Diese intergenerationelle Dynamik im regiolektalen Wortgebrach deutet auf einen starken und asymmetrischen sozialen Anpassungsdruck hin: Die sprachliche „Einbürgerung“, von der die Zeitzeugin der am Kapitelanfang geschilderten Einkaufsszenen sprach, ist im Bereich des Wortschatzes ganz einseitig geblieben. Das eigentlich beidseitig bestehende Verständigungsproblem im Varietätenkontakt ist unter den gegebenen soziolinguistischen Rahmenbedingungen so gelöst worden, dass nur die Vertriebenen vom Gebrauch ihrer spezifischen regiolektalen Lexik Abstand genommen haben: „Das waren eben feste Begriffe. Und die wir also hier nicht anwenden durften oder konnten weil sie keiner verstanden hat.“270 Die immigrierten Vertriebenen haben ← 259 | 260 → die in Mecklenburg unverständlichen Lexeme ihrer Heimatregionen dabei zunächst im Gebrauch und fortschreitend auch in der Kompetenz durch die Mecklenburg üblichen – standardgemäßen und regiolektalen – Wörter ersetzt. Die abgebrochene innerfamiliäre Tradierung dieser Lexik und ihr unterbliebener Transfer in den Sprachgebrauch der Alteingesessenen lassen das endgültige Verblassen dieses Wortschatzes in Mecklenburg absehbar erscheinen. Frau 60 (1952 VV) formuliert es so: „Verliert sich alles. Wenn meine Mutter mal nicht mehr ist ja wer wer spricht das noch?“

4.1.2  Bissle, Mädel und Franzl – „süddeutsche“ Diminutivendungen im mecklenburgischen Norden

Für die Frage, inwieweit morphologische Merkmale der Herkunftsvarietäten der Vertriebenen aus Schlesien, den böhmischen Ländern und der Slowakei im mecklenburgischen Lebensumfeld bewahrt oder sogar an die Alteingesessenen weitergegeben wurden, bietet sich eine Untersuchung der verwendeten Verkleinerungsformen (Diminutivsuffixe) in meinem Interviewkorpus an. In den deutschen Dialekten ist „die Geografie der Verkleinerungssuffixe […] durch einen Nord-Süd-Gegensatz geprägt“ (König / Elspaß / Möller 2015: 157). Die große Vielfalt der dialektalen Diminutivendungen lässt sich mit Seebold (1983:1251) auf den arealen Gegensatz vor allem zweier Bildungstypen zurückführen: Den nördlichen „k-Suffixen“, die neben den niederdeutschen Leitformen –ken / –ke (Stücksken usw.) im norddeutschen Raum palatalisierte Varianten wie –(t)je oder –tien /zien (Stückje usw.) aufweisen und die im mitteldeutschen Dialektraum durchgehend zu –chen /che (Stückchen usw.) lautverschoben auftreten, stehen im oberdeutschen und ostmitteldeutschen Süden die „oberdeutschen l-Suffixe“ mit den Hauptvarianten –(e)l, –erl, –li, –le und –la gegenüber (Stückel, Stückle usw.). Abweichungen von diesen beiden „Haupttypen“ der dialektalen Diminutivbildung finden sich im mecklenburgischen ing-Diminutiv (Stücking) und in schweizerdeutschen Diminutiven auf –i (–i, –li, –ji, –ti, –si) (Stückli usw.).271 ← 260 | 261 →

In den deutschen Dialekten der schlesischen, böhmischen und slowakischen Herkunftsregionen der hier betrachteten Vertriebenen wurden die Verkleinerungsformen der Substantive also großräumig mit den l-Suffixen – (e)l(e) oder –la (Oberschlesien) gebildet. Eine aus Schlesien stammende Interviewpartnerin stellt das l-Suffix geradezu als kennzeichnendes Merkmal des Schlesischen dar:

Meine meine Mutter die hieß nicht Mutter sondern die hieß Muddl Muttl. Das ist eben in Schlesisch ne. Alles mit den … mit hinten mit l. Hm. Mattl Friedl Mädl Trudel. (Frau 21, 1925 V, BI: 192)

Im Niederdeutsch des untersuchten mecklenburgischen Zielgebiets der Vertreibung weicht man bei der Diminuierung von Substantiven dagegen meistens auf analytische Formen ohne Diminutivsuffix aus (lütt Schåp ‚kleine Schafe) oder wählt die mecklenburgische Sonderform mit –ing (Schåpings ‚Schäfchen‘).272 Auf den entsprechenden Laut- und Wortkarten von Georg Wenkers Sprachatlas des Deutschen Reiches sind in meinem Erhebungsgebiet bei Rostock für die Zeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts außerdem sehr vereinzelte Belege für die k-Suffixe –ken oder –sken nachgewiesen.273 ← 261 | 262 →

Die fortschreitende Standardisierung des Deutschen ging mit einer Vereinheitlichung der Diminutivbildung einher, hier hat sich das Suffix –chen „in der Mitte des 18. Jahrhunderts als hochsprachliche Form völlig durchgesetzt“ (Seebold 1983: 1254). In der privaten Schriftlichkeit des 19. Jahrhunderts finden sich die Diminutivvarianten –(e)l, –le und –li nur noch im schlesischen, alemannischen und bairischen Dialektraum. Aus der Gruppe der l-Suffixe ist im norddeutschen und westmitteldeutschen Raum in der geschriebenen Alltagssprache des 19. Jahrhunderts damit nur noch die Diminutivform –lein in Einzelbelegen nachweisbar.274 Die deutsche Standardgrammatik des 20. Jahrhunderts, wie sie etwa von der Dudenredaktion kodifiziert wird, schreibt die Verengung der Diminutivbildungen auf die „am häufigsten gebrauchte Diminutivendung“ (Duden Grammatik 1984: 460) –chen und die Nebenform –lein fest. Dabei ist das Suffix –lein in seinem Gebrauch einerseits auf archaisierende literarische Textsorten und andererseits auf Substantive begrenzt, die auf –g oder –ch auslauten (Zwerglein, Bächlein). Zunehmende Anerkennung findet in der Duden-Grammatik auch das Diminutivsuffix –i, „das – abgesehen vom mundartlichen Bereich […] besonders bei der Bildung hypokoristischer (zärtlicher) Anredeformen aus Vornamen (Fritzi) und Gattungsbezeichnungen (Schatzi) und im gruppensprachlichen Bereich produktiv ist“.275

Die regional geprägten, mündlichen Umgangssprachen des Deutschen bewahren allerdings bis in die Gegenwart eine ähnliche Nord-Süd-Gliederung wie die deutschen Dialekte. Die auf Erhebungen der 1970er Jahre zurückgehenden Karten des Wortatlas der deutschen Umgangssprache zu den Verkleinerungsformen in den Lexemen Haus, ein bisschen und Hase zeigen eine sehr klare areale Begrenzung der l-Suffixe (Häusle, Häusla, Häusli, Häuserl ← 262 | 263 → usw.) auf den (ost)mitteldeutschen und oberdeutschen Raum.276 Nördlich der von Lexem zu Lexem leicht verschobenen Nordgrenze der l-Suffixe bilden die Regiolekte Verkleinerungsformen ausschließlich mit Varianten des k- bzw. ch-Suffixes. Großräumig vorherrschende Form ist dem Wortatlas zufolge dabei die Endung –chen, die sporadisch auch in den süddeutschen Umgangssprachen nachgewiesen wird. Neue Erhebungen des Atlas der deutschen Alltagssprache (ADA) zu Diminutivbildungen von Haus legen nahe, dass sich die Nordgrenze der l-Suffixe in den Regiolekten seit den 1970er Jahren weiter nach Süden verlagert hat und Probanden auch in der Umgangssprache im süddeutschen Raum die standardgemäße Endung –chen heute weit häufiger für gebräuchlich halten als noch in den 1970er Jahren.277

In den schlesischen, böhmischen und slowakischen Herkunftsregionen der hier untersuchten Vertriebenen dominierten l-Suffixe einerseits bei den dialektalen Verkleinerungsformen, andererseits wurden auch in den Regiolekten der südöstlichen Vertreibungsgebiete die Diminutive mit den Suffixen –(e)l oder –la gebildet. Thomas (2014: 82) zählt die Diminutivendung –(e)l zu den „weitverbreiteten, großräumigen Merkmalen“ der „dialektal gefärbten Umgangssprache“ in Schlesien vor 1945. Bei einer langen Reihe von regional variierenden Wörtern der „hochdeutschen Umgangssprache“ weist Kretschmer (1918) den österreichischen und schlesischen Umgangssprachen in den Verkleinerungsformen l-Suffixe zu, wobei für ihn „Österreich“, wie in 3.1.1 bereits erwähnt, selbstverständlich noch die Regionen Böhmen, Mähren, Österreichisch-Schlesien, Ungarn und Siebenbürgen umfasste. Beispielsweise entspricht dem norddeutschen Hörnchen nach Kretschmers umfangreichen Befragungen aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg „im Gebiet der Deminutivendung -lein“ „bayr. Hörndl, schles. Herndla […], Hörn(d)l auch in Böhmen“ (ebd.: 238), die Diminutivendung in Dienstmädchen lautet „natürlich“ „auf bayr.-österreichischem [Gebiet] -mädel“ (ebd.: 175) oder es ist „der allgemeinsüddeutsche Ausdruck für das kleine Boot […] das Deminutiv von Schiff […] bayr. öst. Schiffl, in Wien Schifferl“ (ebd.: 246–247). ← 263 | 264 →

In den nichtstandardsprachlichen Varietäten der schlesischen, böhmischen und slowakischen Herkunftsregionen der Vertriebenen erfolgte die Bildung von Verkleinerungsformen also üblicherweise mit den Suffixen –(e)l und –la. In Mecklenburg trafen die aus dem Süden zugewanderten Vertriebenen dagegen auf eine regionale Umgangssprache, in welcher das Diminutiv entweder mit den standardgemäßen Suffixen –chen und –lein oder aber mit der aus dem Niederdeutschen stammenden Endung –ing gebildet wurde. Noch in den 1970er Jahren war die ing-Form des Diminutivs im mecklenburgischen Regiolekt eine „relativ häufige fakultative nd. [niederdeutsche] Interferenzerscheinung“278 und auch in der Gegenwart sind in der alltäglichen Umgangssprache meines Erhebungsgebietes neben den Diminutiven auf –chen und –i gelegentlich Kosenamen auf –ing (Fritzing, Greting) oder diminuierte Grüße und Ausrufe (Tschüssing, ach Gotting!) von Personen zu hören, die selbst unter Umständen keine Niederdeutschkompetenz haben (Ehlers 2011 a).

Haben die Vertriebenen und ihre Nachkommen in diesem ganz anderen Diminutiv-Raum an ihren hergebrachten l-Suffixen festgehalten? Oder sind die süddeutschen Diminutive auf –(e)l und –la sogar von den alteingesessenen Mecklenburgern in den eigenen Sprachgebrauch übernommen worden? Um diese Fragen beantworten zu können, wurden die biographischen und die sprachbiographischen Interviews von 44 Gewährspersonen aus dem Untersuchungsgebiet nach Diminutivsuffixen in allen Flexionsformen (der Franzl, Hansis Beerdigung, zwei Mädels) durchsucht und nach ihren Bildungstypen klassifiziert. Lexikalisierte Diminutive des Standarddeutschen wie Brötchen, Mädchen, bisschen, die heute nicht mehr als Verkleinerungsformen des jeweiligen Grundwortes wahrgenommen werden (Brot, Magd, Bissen), wurden aus der Untersuchung ausgeschlossen. Neben den standardgemäßen Diminutivsuffixen –chen, –lein und –i galt das besondere Augenmerk den standardabweichenden regionalen Verkleinerungsformen, an deren Gebrauch sich die kontaktlinguistischen Effekte des Aufeinandertreffens zweier kontrastierender Diminutiv­paradigmen am deutlichsten abzuzeichnen versprachen.

Um die Belegzahlen für das morphologische Regiolektmerkmal zu erhöhen, wurden für die Untersuchung des Diminutivgebrauchs für jede der 44 Gewährspersonen sowohl das sprachbiographische als auch das biographische Interview ausgewertet. Dabei ergibt sich das folgende Bild: In den Interviews von sechs der betrachteten 44 Probanden finden sich leider keine Nachweise ← 264 | 265 → für Diminutivsuffixe. Die folgenden Untersuchungen zum Diminutiv– gebrauch stützen sich also auf die biographischen und sprachbiographischen Interviews der verbleibenden 38 Personen aus meinem Untersuchungsgebiet. In den Interviews dieser Gewährspersonen konnten insgesamt 251 Diminutivsuffixe ermittelt und in die Auswertung einbezogen werden. Die angesichts der Korpusgröße vergleichsweise niedrige Belegzahl ist wahrscheinlich auch auf den halbformellen Gesprächstyp ‚Interview‘ zurückzuführen, denn „das Auftreten von Diminutiven wird […] durch die Informalität der Interaktionssituation begünstigt“ (Elmentaler 2013: 34). Die Gesamtzahl von 251 Belegen erlaubt sicher keine sehr tiefgegliederte quantitative Analyse, ermöglicht aber doch aufschlussreiche Beobachtungen zu den Gebrauchspräferenzen für einzelne Diminutivformen in den beiden Altersgruppen der Alteingesessenen und in den Familien immigrierter Vertriebener. Die Beobachtungen zu den quantitativen Verteilungen der verschiedenen Diminutivtypen in meinem Korpus sollen in der folgenden Ergebnisauswertung am Anfang stehen und im zweiten Teil zur qualitativen Interpretation der Daten überleiten.

Im Untersuchungskorpus finden sich weder Belege für das dialektale oberschlesische Suffix –la und das bairisch-österreichische Suffix –erl noch für das in Mecklenburg kaum gebräuchliche niederdeutsche k-Suffix. Auch das für Mecklenburg spezifische, niederdeutsche ing-Suffix ist im hier zugrunde gelegten Teilkorpus nur einmal nachweisbar, obwohl diese Form in Mecklenburg ansonsten gelegentlich auch in die standardnahe Redeweise übernommen wird (vgl. Ehlers 2011 a). Mit dem einen Korpusbeleg für –ing bezieht sich die Gewährsperson (Frau 29, 1930 V: SP 399) auf die legendäre Warnemünder Marktfrau „Min Herzing“.279 Dieser Einzelbeleg für lexikalisiertes –ing wird aus der weiteren Untersuchung ausgeklammert.

Das Suffix –lein wird in den Interviews der betrachteten 38 Personen insgesamt nur viermal verwendet. Seine Verwendung entspricht hier recht genau der im Grammatik-Duden (1984: 460) beschriebenen Gebrauchsbegrenzung auf literarische Textsorten wie „Märchen, Lyrik, geistliche Prosa“ bzw. auf die Diminuierung von Wörtern, „die auf –g oder –ch ausgehen“. In den ersten beiden Belegen wird mit den lein-Suffixen ihre Zugehörigkeit zu ← 265 | 266 → „einem altertümlichen oder altertümelnden (archaisierenden) literarischen Stil“280 ironisch ins Spiel gebracht:

[Das Radio] hat aber nicht immer gedudelt. Ich weiß dass eher bei uns Fenster auf waren und die Vöglein sangen. (Frau 54, 1968 AA, BI: 80)

Unser Pfarrer hätte es ja am liebsten gehabt dass er die Schäflein alle zusammenhält. (Herr 10, 1939 V, BI: 251)

Bei den beiden anderen Belegen handelt es sich um die Diminuierung von Lexemen mit Auslaut –g oder –ch, deren Diminutiv standardgemäß mit –lein gebildet wird: „so kleine Büchlein“ (Frau 53, 1950 AA, SP2: 101), „so ein kleines Zicklein“ (Herr 13, 1935 V: BI: 80). Da die Endung –lein als einzige aus der Gruppe der l-Suffixe nicht regional auf den süddeutschen Raum begrenzt ist, ist ihr Gebrauch für die Frage des Varietätenkontakts zwischen Vertriebenen und Alteingesessenen kaum aussagekräftig. Die wenigen Belege für –lein werden daher ebenfalls aus der folgenden Betrachtung ausgeklammert.

Die verbleibenden 246 Diminutivformen im Korpus verteilen sich zu 56,5 % auf den Typ –i, zu 23,6 % auf den Typ –chen, zu 19,5 % auf den Typ –(e)l und zu 0,4 % auf den Typ –le (= ein Beleg). Diese Zahlenverhältnisse bestätigen einerseits, dass auch für die mecklenburgische Umgangssprache heute die Diminutivbildung mit den Suffixen –i und –chen „der produktivste Konstruktionstyp“ ist (Wiese 2006: 460). Sie scheinen aber auch zu belegen, dass die eigentlich ‚süddeutschen‘ l-Suffixe in einem bemerkenswert großen Umfang Eingang in den regiolektalen Sprachgebrauch des hohen Nordens gefunden haben.

Die prozentualen Anteile der l-Suffixe an den insgesamt realisierten Diminutivformen unterscheiden sich allerdings in den untersuchten Bevölkerungsgruppen recht stark (vgl. Abb. 4.1.2-1). Dieser Anteil ist erwartungsgemäß im Sprachgebrauch der 1945 / 1946 nach Mecklenburg vertriebenen Personen besonders hoch (57,6 %, n = 59). Die gleichaltrigen Alteingesessenen der Vorkriegsgeneration verwenden l-Suffixe dagegen nur in durchschnittlich 23,3 % der Diminutivbelege (n = 43). Der Gebrauch der l-Diminutive ist außerdem sehr stark vom Alter der Gewährspersonen ← 266 | 267 → abhängig. Sowohl in den Familien der Vertriebenen als auch der Alteingesessenen fällt der Gebrauch der l-Diminutive in der Nachkriegsgeneration demnach drastisch zurück: auf 5,7 % (n = 70) bei den Alteingesessen und auf nur noch 1,4 % bei den Nachkommen von Vertriebenen (n = 74).281 Von den 1950 und später geborenen Mecklenburgern werden die Suffixe –(e)l und –le heute also kaum noch gebraucht.

Der einfache quantitative Abgleich der verwendeten Suffixe kann allerdings nur einen groben Anhaltspunkt für den Diminutivgebrauch in den betrachteten Bevölkerungsgruppen bieten, denn hier machen sich zum Teil große Unterschiede in der Themensetzung und -entfaltung der individuellen Interviews geltend. Herr 74 (1959 VV, BI) berichtet beispielsweise detaillierter über das „Häuschen“ seiner Großeltern und gebraucht dabei in kurzer Folge fünfmal das Wort „Häuschen“. In einem Extremfall verwendet eine andere Gewährsperson (Frau 57, 1965 VV, BI2) in ausführlichen Berichten über ihre Mutter 48 Mal das Wort „Mutti“. Um derartige Auswirkungen der spezifischen Themenentfaltung auf den Diminutivgebrauch in der quantitativen Auswertung auszugleichen, wurde in einer zweiten Auszählung nicht die absolute Zahl der verschiedenen Suffixe, sondern die Zahl der verschiedenen Lexeme zugrunde gelegt, die von einer Gewährsperson mit einem der drei Suffixtypen (l-Suffix, ­–chen, –i) modifiziert werden. Dividiert man die Summe der pro Person diminuierten, verschiedenen Lexeme durch die Gesamtzahl der Personen der jeweils betrachteten Bevölkerungsgruppe, so erhält man einen Faktor, der die Produktivität der drei Diminutivtypen in der betreffenden Gruppe veranschaulichen kann. In Abbildung 4.1.2-2 besagt beispielsweise der Faktor 1,2 für das l-Suffix bei Vertriebenen der Vorkriegsgeneration, dass in dieser Gruppe jede Person durchschnittlich 1,2 verschiedene Lexeme mit –(e)l oder –le modifiziert. Dieser Wert fällt in der Nachkommengeneration der Vertriebenenfamilien auf den Faktor 0,12, also genau auf ein Zehntel, zurück. In der Nachkriegsgeneration der Vertriebenen werden also pro Person durchschnittlich nur noch 0,12 verschiedene Wörter mit dem l-Suffix diminuiert. Auch die lexembezogene Faktorenanalyse bestätigt also, dass der Gebrauch der l-Diminutive in den ← 267 | 268 → Familien der Vertriebenen in der Generationsfolge drastisch abnimmt. Die Abbildungen 4.1.2-1 und 4.1.2-2 veranschaulichen sehr deutlich, dass sich die aus den Herkunftsvarietäten der Vertreibungsgebiete vertrauten Diminutivbildungen zwar auch 70 Jahre nach der Vertreibung noch im Sprachgebrauch der damals Zugewanderten manifestieren, dass dieser Diminutivgebrauch in den Vertriebenenfamilien aber kaum weitergegeben wird. Hier reißt die Tradierung von einem kennzeichnenden Element der Herkunftsvarietäten der Zuwanderer schon in der Folgegeneration ihrer Familien nahezu vollständig ab.

Abbildung 4.1.2-1: Gebrauch der Diminutivsuffixe –(e)l / –le, –chen und –i in den Familien Alteingesessener (A 1, A 2) und Vertriebener (V 1, V 2) – Anteile in Prozent

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Beide Abbildungen lassen außerdem erkennen, dass der Abbau der l-Diminutive in der Generationenfolge der Vertriebenenfamilien mit einer sehr starken Zunahme der i-Suffixe im Sprachgebrauch der Nachkommen der Vertriebenen einhergeht. Verkleinerungsformen auf –i sind offenbar unter den Vertriebenen der Vorkriegsgeneration noch kaum gebräuchlich. Ihr prozentualer Anteil liegt bis heute nur bei 3,4 % (n = 59), die untersuchten Angehörigen dieser Altersgruppe bilden durchschnittlich nur 0,1 verschiedene Lexeme mit dieser Diminutivendung. Die Nachkommen dieser Vertriebenen verwenden dagegen sehr häufig Diminutivformen auf –i, der Anteil der i-Diminutive liegt in ihren Interviews sogar noch etwas höher als ← 268 | 269 → bei den Alteingesessenen derselben Altersgruppe.282 Auch die Produktivität dieser Verkleinerungsform nähert sich bei der Nachkriegsgeneration der Vertriebenenfamilien eng an die gleichbleibend hohen Werte der beiden Altersgruppen der Alteingesessenen an (vgl. Abb. 4.1.2-2). Hier ist also im regiolektalen Sprachgebrauch der Vertriebenenfamilien in der Generationenfolge eine starke Advergenz an den spezifischen Diminutivgebrauch der alteingesessenen Mecklenburger zu beobachten, der den älteren Vertriebenen bis heute recht fremd geblieben ist.

Abbildung 4.1.2-2: Durchschnittliche Anzahl verschiedener diminuierte Lexeme auf –(e)l / –le, –chen und –i pro Gewährsperson bei Alteingesessenen (A 1, A 2) und in Vertriebenenfamilien (V 1, V2)

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Wenden wir uns nun eher qualitativen bzw. funktionalen Aspekten des Diminutivgebrauchs in den verglichenen Bevölkerungsgruppen in Mecklenburg zu: Die Wahl der Diminutivendungen –chen, –i und –(e)l / –le ist im untersuchten Interviewkorpus nämlich prototypisch mit verschiedenen Bedeutungsaspekten der ‚Verkleinerung‘ verbunden. Von den insgesamt 31 verschiedenen Lexemen, die in den untersuchten Interviews mit der Endung –chen modifiziert werden, bezeichnen mit Abstand die meisten – nämlich 26 – Gegenstände, ← 269 | 270 → Phänomene oder Lebewesen, die durch das Diminutiv als (vergleichsweise) klein gekennzeichnet werden: Brandplätzchen, Händchen, Holzstäbchen, Kälbchen, Wartehäuschen usw. Hier kommt in der semantischen Modifikation der Substantive die Grundbedeutung der Diminutivsuffixe zum Tragen, die man nach Dressler / Barbaresi (1994: 116) mit dem „basic concept of dimensional smallness, which relates to the prototypical standards of dimensions and objects“, oder mit dem Begriff der „Reduktion“ (Zollna 2005: 298) umschreiben kann. Häufig wird die „dimensional smallness“, die dem diminuierten Substantiv zugeschrieben wird, durch zusätzliche sprachliche Mittel im Äußerungskontext unterstützt: „so ein kleines Heftchen“ (Herr 78, 1934 A: SP: 563), „also der Kleine der Urenkelchen hier“ (Frau 44, 1928 V, SP: 206), „kaum ein Wörtchen Hochdeutsch“ (Herr 10, 1939 V, SP1: 44), „so ein kleines Ding mit Türmchen dran“ (Frau 73, 1962 AA, BI: 131).

Bei fünf verbleibenden mit –chen diminuierten Lexemen, Völkchen, Bierchen, Leutchen, Annchen und Ömchen, modifiziert das Diminutivsuffix die Bedeutung des Grundwortes allerdings nicht um den Aspekt der relativen Kleinheit oder Reduziertheit. Vielmehr ist es im jeweiligen Äußerungskontext unwahrscheinlich bzw. sogar explizit ausgeschlossen, dass mit den diminuierten Lexemen ein ‚kleines Volk‘, ein ‚kleines Bier‘ oder ‚kleine bzw. junge Menschen‘ bezeichnet werden sollten. In derartigen mit dem „concept of dimensional smallness“ unvereinbaren Kontexten tritt unter Umständen der „eigentliche semantische Beitrag [des Suffixes] ‚Reduktion‘ massiv zurück[…]“ (Wiese 2006: 471) und die Verwendung des Diminutivs übernimmt stattdessen vielfältige pragmatische Funktionen, die aus der Interaktion der diminutiven Grundbedeutung mit dem jeweiligen Äußerungskontext oder der Kommunikationssituation zu erklären sind. Die ‚verkleinernde‘ Grundbedeutung des Morphems –chen wird in dieser Interaktion mit dem Kontext von der denotativen Semantik verschoben auf „die relationellen Beziehungen Sprecher-Hörer, Sprecher-Referent und Sprecher-Sprechakt“ und modifiziert hier „vor allem den Aspekt von Nähe und Distanz in diesen Beziehungen“.283 In Kontexten, in denen die Größendimension des Bezeichneten irrelevant ist, gewinnen Diminutivsuffixe ← 270 | 271 → allgemein eine expressive Bedeutung und drücken eine „verniedlichende, wohlwollend-ironisierende Bewertung“ (Duden Grammatik 2016: 743) des Referenzgegenstandes oder des Sprechaktes durch den Sprecher aus und werden deshalb zum Beispiel häufig zur Bildung von Kosenamen genutzt.

Bei allen fünf genannten Lexemen mit dem chen-Suffix haben wir es mit einer solchen Verschiebung seiner Grundbedeutung auf die pragmatische Ebene zu tun. „Die Sachsen“ beispielsweise, die im betreffenden Belegkontext als „ein Völkchen für sich“ bezeichnet werden, sind bekanntermaßen recht zahlreich als Arbeitsmigranten nach Mecklenburg zugewandert, wären in Größendimensionen also eher als ‚großes Volk‘ zu bezeichnen. Die Gewährsfrau denotiert mit der Diminuierung Völkchen dementsprechend nicht die relative Kleinheit der Gruppe, sondern verleiht vielmehr ihrer besonders geringen Distanz und positiven Einstellung zur bezeichneten Gruppe Ausdruck: „Aber wir sind genauso solche lustige Menschen“ (Frau 57, 1965 VV, SP: 312). Mit dem „Bierchen“ ist im betreffenden Äußerungskontext sogar ein für mecklenburgische Verhältnisse außergewöhnlich großes Bier, nämlich eine bayrische Maß, gemeint, die die Gewährsperson auf dem Münchner Oktoberfest getrunken hat (Frau 67, 1964 AA, BI: 315). Die Diminutivbedeutung wird hier kontextuell verschoben zu einer Betonung des harmlos spaßhaften Charakters des geschilderten Alkoholgenusses. Ähnlich zeigt schon der kurze Beleg-Kontext „Annchens Tochter“ (Frau 83, 1954 VA, BI: 414), dass die Annchen genannte Person selbst kein Kind mehr und mithin nicht mehr vergleichsweise klein ist. Die Diminuierung markiert in diesem Kontext die positive Einstellung und emotionale Nähe der Sprecherin zu der bezeichneten Person. Bei den chen-Diminutiven in meinem Interviewkorpus ist die pragmatisch wertende Funktion allerdings eher die Ausnahme, sie werden hier in weit überwiegendem Maße in ihrer semantisch denotativen Funktion zur Bezeichnung relativ kleiner Objekte und Lebewesen verwendet.

Dagegen bringen die Gewährspersonen mit l- und i-Suffixen in den jeweiligen Kontexten der Interviews nahezu ausnahmslos pragmatische ← 271 | 272 → Funktionen ins Spiel.284 In der großen Mehrzahl der Fälle modifizieren die Gewährspersonen mit den Endungen –(e)l und –i Namen und Verwandtschaftsbezeichnungen zu Kosenamen, mit denen sie im Interview auf ihnen nahestehende Personen referieren: „So und mein Vati der ist von der Ausbildung Automechaniker gewesen.“285 Hier zeichnet sich nun in den Familien der Alteingesessenen und der Vertriebenen ein bemerkenswerter Unterschied im Kosenamengebrauch ab, der in der Generationsfolge dann eine wesentliche Verschiebung erfährt.

Die Vertriebenen der Vorkriegsgeneration verwenden nämlich fast ausschließlich Kosenamen mit l-Suffix: z. B. Liesel, Gretel, Grußel (‚Großmutter‘). Die Alteingesessen der Vorkriegsgeneration bilden Kosenamen dagegen fast ausschließlich auf –i: z. B. Hansi, Mutti, Papi Krell (Spitzname für einen beliebten Lehrer). Nur diejenigen Alteingesessenen verwenden neben i-Kosenamen gelegentlich auch solche auf –l, die nach dem Zweiten Weltkrieg eine Vertriebene oder einen Vertriebenen geheiratet haben. In den der Herkunft nach gemischten Familien kommt es offenbar dadurch, dass zum Teil an den hergebrachten Kosenamen der betreffenden Personen auch in der neu eingegangenen familiären Bindung festgehalten wird, zu einer Verschränkung kontrastierender Anredekonventionen. Ein Alteingesessener berichtet über ein befreundetes Ehepaar: „Trudel kam aus Schlesien und Rudi war hier und die haben neunzehnhundertfünfzig geheiratet.“ (Herr 4, 1928 A, BI2: 148). Hier verweisen die verschiedenen Diminutivsuffixe in der Personenbezeichnung bzw. in der Anrede eindeutig auf die regionale Herkunft der betreffenden Person. Eine Vertriebene, die in eine alteingesessene Familie eingeheiratet hat, beschreibt die Koexistenz zweier Bildungstypen von Kosenamen in ihrer Familie wie folgt: ← 272 | 273 →

Bei unseren Verwandten muss ich ehrlich sagen auch verschiedene sagen Trudi die anderen sagen manche sagen auch Trudel aber Trudi sagen die Meisten. Das ist eben mecklenburgisch ne.286

In den Kosenamengebrauch der älteren Mecklenburger, in dem im Übrigen das i-Suffix deutlich dominiert, werden sporadisch dann Formen auf –(e)l übernommen, wenn zugewanderte Vertriebene aus der Familie und dem Freundeskreis angeredet und bezeichnet werden. Der in Abbildung 4.1.2-1 nachgewiesene Anteil von l-Suffixen im Sprachgebrauch der Alteingesessenen der Vorkriegsgeneration (23,3 %) geht vollständig auf die Bildung von Kosenamen in den Familien zurück, die auf Verwandtschaftsbeziehungen zwischen Zuwanderern und Alteingesessenen beruhen.

Schon in der folgenden Generation der mecklenburgischen Familien werden Kosenamen aber nicht mehr mit –(e)l gebildet. Von den hier betrachteten Alteingesessenen der Nachkriegsgeneration verwendet niemand mehr einen Kosenamen mit l-Suffix. Und auch in den Interviews der Nachkommen von Vertriebenen bezeichnet der einzige belegte Kosename auf –(e)l gerade eine Person aus der älteren Generation („Tante Friedel“). Der starke Rückgang in der Verwendung von l-Diminutiven in der Nachkriegsgeneration erklärt sich also in erster Linie daraus, dass das l-Suffix hier die ehemalige Hauptdomäne seiner Anwendung – die Bildung von Kosenamen – verliert. Die aus den Vertreibungsgebieten ‚mitgebrachten‘ Kosenamen auf –(e)l werden im neuen mecklenburgischen Lebensumfeld von den Zugewanderten zunächst noch beibehalten und in den der Herkunft nach gemischten Familien und Freundeskreisen zum Teil auch von den Alteingesessenen übernommen. Die Nachkriegsgeneration sowohl der Alteingesessenen als auch der Vertriebenen geht dann aber (wieder) vollständig zur überkommenen mecklenburgischen Bildungsform von Kosenamen auf –i über. Die tradierten l-Kosenamen der Zugewanderten werden daher auf lange Sicht im mecklenburgischen Regiolekt keine Spuren hinterlassen.

Schließlich sollen noch zwei Lexeme angesprochen werden, die nicht zur Gruppe der Kosenamen gehören und dennoch des Öfteren mit dem l-Suffix modifiziert werden: bissel / bissle und Mädel(s). Fünf der zehn hier betrachteten Vertriebenen der Vorkriegsgeneration verwenden diese diminuierten Lexeme in ihren Interviews. Dabei bleibt es bei keiner dieser fünf Personen ← 273 | 274 → bei einer einmaligen Verwendung, sondern im Interview jeder dieser Personen lassen sich jeweils gleich mehrere Belege für bissel / bissle und / oder Mädel finden. Gerade das wiederholte Auftreten im Sprachgebrauch einiger Probanden scheint darauf hinzudeuten, dass es hier weniger um punktuell kontextualisierte und markierte Diminutivverwendungen geht, sondern eher um den relikthaft fortgesetzten Gebrauch von Diminutivformen, die – ähnlich wie bisschen und Mädchen im Standarddeutschen – in den Herkunftsvarietäten als lexikalisierte Ausdrücke für ‚ein wenig‘ und ‚weibliches Kind‘ üblich waren.

Jungs auf jeden Fall. Also Mädels nicht. (Herr 10, 1939 V, SP2: 91)

Sie hat eine Tochter die ist wohl so zwölf. Ich meine die spricht einwandfreies Deutsch dieses Kind ne. Und auch Russisch spricht … kann das Mädel. (Frau 28, 1936 V, BI: 413.

Da hört sich das auch schon ein bissel besser an wenn der was sagt. (Frau 44, 1928 V, SP: 208).

Die kochen ja doch ein bissel anders. (Frau 39, 1932 V, BI: 184)

Das Festhalten an derartigen Reliktwörtern der Herkunftsvarietäten in einem Interview mit einem Norddeutschen kann natürlich darüber hinaus dazu beitragen, die Gesprächssituation insgesamt als eher informell zu markieren oder die Herkunftsidentität der Gewährsperson zu unterstreichen, die spezifische Diminutivbedeutung von Mädel und bissel spielt für diese generellen pragmatischen Effekte aber keine Rolle. Der Reliktcharakter der lexikalisierten Diminutive bissel und Mädel wird auch durch die Tatsache unterstrichen, dass die Nachkommen der Vertriebenen sie gar nicht mehr verwenden.

Auch die Alteingesessenen der Vorkriegsgeneration übernehmen die Wörter Mädel und bissel nicht in ihren Sprachgebrauch. In den Interviews der jüngeren Alteingesessenen finden sich aber vier vereinzelte Belege für Mädel bzw. bissel, die hier noch kurz angesprochen werden sollen, weil in ihnen punktuell die in den Herkunftsvarietäten lexikalisierte Diminutivbedeutung reaktiviert und in eine pragmatische Interaktion mit dem Äußerungskontext gebracht wird. Eine Zeitzeugin berichtet, dass ihr der Gebrauch des Niederdeutschen in ihrem Lebensumfeld in Kindheit und Jugend gar nicht bewusst war und sie deshalb „überhaupt nicht in Erinnerung“ hat, in welchem Umfang sie damals selbst niederdeutsch gesprochen habe: ← 274 | 275 →

Das ist mir später erst zu Bewusstsein gekommen. Man … die … eben ich verstehe die Leute oder habe die verstanden und habe vielleicht auch mit denen ein bissel Platt mit mit reingestreut die Platt gesprochen haben. (Frau 51, 1954 AA, SP: 210)

Der punktuelle Transfer des ‚fremden‘ und damit markierten Diminutivsuffixes in den mecklenburgisch regiolektalen Kontext unterstreicht hier den − auch durch das Modalwort vielleicht relativierten − reduzierten Geltungsanspruch der Satzaussage. Eine andere Alteingesessene der Nachkriegsgeneration erzählt vom Scheitern ihrer Ehe und vom erfolglosen Versuch, die Beziehung zu ihrem Partner doch noch zu retten:

Tja wir haben uns dann scheiden lassen haben es dann aber wieder versucht nachher nochmal ein bissel. Es hat aber nicht funktioniert. Bloß meine Tochter ist geboren. (Frau X, SP1: 66)287

Der sicherlich mit großen Hoffnungen und hoher emotionaler Beteiligung verbundene Versuch wird hier in der Darstellung für den unbekannten Interviewer durch die Verwendung des auffallend ‚fremden‘ Diminutivs bagatellisiert und so eine „Entdramatisierung“ (Zollna 2005: 303) des Berichts bewirkt.

Auch wenn die alteingesessenen Mecklenburger Mädel statt Mädchen sagen, geht es vor allem um pragmatische Effekte der Diminuierung. Frau 51 (1954 AA, SP: 97) verwendet das süddeutsche l-Suffix in einer Erzählung über eine Freundin ihrer Kinderzeit:

Da im … ich habe … war da näher befreundet mit einem einem Mädel da der Vater fuhr zur See.

Da die Sprecherin hier über eine damals etwa gleichalte Person erzählt, kann die Bedeutung des ungewöhnlichen Diminutivs nicht darin bestehen, die relative Kleinheit der Bezeichneten herauszustreichen, vielmehr dürfte in diesem Kontext derselbe pragmatische Mechanismus wirken, der auch der Bildung von diminuierten Kosenamen zugrunde liegt, mit denen die soziale und emotionale Nähe zur so bezeichneten Person ausgedrückt wird. Ganz ähnlich spricht auch Frau 1953 (1950 AA, BI: 111) von Nachbarskindern im Haus, mit denen sie aufgewachsen ist: „Das eine Mädel ist nachher nach England gegangen.“ ← 275 | 276 →

Einen ähnlichen Beleg enthalten schon die 1961 aufgezeichneten Interviews des Pfeffer-Korpus aus meinem Untersuchungsgebiet. Der Interviewer und eine 13jährige Schülerin aus Rostock sprechen hier über deren bevorstehenden Wechsel an eine höhere Schule:

(S1) Denn lernst du nu ja ganz Neue kennen, oder seid ihr noch mehr, die da hinkommen?

(S2) Ja, ich geh noch mit zwei andren Mädels aus der Klasse zusammen.288

Gerade die Pluralform Mädels scheint sich in der letzten Zeit in Norddeutschland auszubreiten. Die Karte zum „Plural bei ‚Mädchen‘“ des Atlas der deutschen Alltagssprache weist für die Gegenwart jedenfalls Streubelege für den Gebrauch des süddeutschen Diminutivs Mädels auch im ganzen norddeutschen Raum nach.289 Das Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache kennzeichnet Mädel bereits in den 1970er Jahren als allgemein umgangssprachlich und bestimmt die Pluralform Mädels als norddeutsch.290 Nach meinen Befunden zum starken Abbau der l-Suffixe im Sprachgebrauch mecklenburgischer Familien kann freilich bezweifelt werden, dass die in die norddeutschen Regiolekte transferierten Lexeme bissel und Mädel von Vertriebenen übernommen wurden, die in Norddeutschland angesiedelt worden sind. Hier scheint eher eine zeitlich länger zurückreichende und überregionale, bis heute auch medial gestützte Diskurstradition vorzuliegen.291 In jedem Fall werden durch die Ersetzung zweier im Standarddeutschen weitgehend ← 276 | 277 → lexikalisierter Diminutivbildungen (Mädchen, bisschen) durch die süddeutsch diminuierten Lexeme Mädel(s) und bissel die Suffixe jeweils semantisch remotiviert und für eine pragmatische Interaktion mit dem Äußerungskontext zugänglich gemacht. Die regionalen Diminutivsuffixe des Südens bilden hier eine Ressource für pragmatische Effekte.

Abschließend sollen die vielfältigen Beobachtungen dieses Abschnitts noch einmal in ihren Zusammenhang gestellt werden: In dem hier betrachteten Interviewkorpus dominieren (abgesehen von den sehr seltenen Diminutiven auf –ing und –lein) drei Typen von Diminutivbildungen: In der Abfolge ihrer Vorkommenshäufigkeit sind dies das Suffix –i, das Suffix –chen und die Suffixe –(e)l und –le. Das standardgemäße Suffix –chen wird von Alteingesessenen wie Vertriebenen ganz überwiegend im Sinne seiner Grundbedeutung verwendet, um die relative Kleinheit oder Reduziertheit der bezeichneten Objekte, Phänomene und Lebewesen auszudrücken. Abgesehen von wenigen Ausnahmen kontextueller Pragmatisierungen ist die dominante Funktion des chen-Diminutivs im Korpus also eine semantische. Zumindest bei den Alteingesessen unterliegt die Verwendung dieses Suffixes keiner nennenswerten intergenerationellen Variation. Im Sprachgebrauch der Vertriebenenfamilien zeichnen sich ein zurückgehender Anteil der chen-Diminutive und eine Abnahme ihrer Produktivität über die Generationenfolge ab (vgl. Abb. 4.1.2-1 und 4.1.2-2).

Als prototypisch ‚pragmatische‘ Diminutive stehen sich im Korpus die Suffixe –i und –(e)l bzw. –le gegenüber. Sie werden von Alteingesessenen wie von Vertriebenen fast ausschließlich dazu genutzt, um Koseanreden zu bilden, mit denen auch auf die betreffenden Personen referiert wird. Beide Diminutivtypen sind in ihrem Gebrauch aber deutlich regional gebunden. Dies gilt auf der einen Seite für die aus den südlichen Herkunftsgebieten tradierten l-Diminutive der älteren Vertriebenen. Es gilt andererseits aber auch für das heute als standardsprachlich geltende Suffix –i, dessen Gebrauch in der Vorkriegsgeneration meiner Probanden noch ausschließlich auf alteingesessenen Mecklenburger beschränkt ist und von den älteren Vertriebenen kaum benutzt wird. Kosenamen auf –i lösen in der Nachkriegsgeneration die von den Zuwanderern zunächst noch beibehaltenen und teilweise sogar von Alteingesessenen übernommenen Kosenamen auf –l vollständig ab. Die Tradierung des Kosenamengebrauchs aus den südlichen Herkunftsgebieten kommt in den Vertriebenen­familien schon in einer ← 277 | 278 → Generationsfolge an ihr Ende und wird im mecklenburgischen Regiolekt absehbar keine langfristigen Spuren hinterlassen.

Als Reliktformen der Herkunftsvarietäten treten im Sprachgebrauch einiger 1945 / 1946 zugewanderter Vertriebener gelegentlich noch die lexikalisierten Diminutivformen Mädel und bissel / le auf. Auch hier ist eine generationsübergreifende Tradierung im Sprachgebrauch der Vertriebenenfamilien aber nicht erkennbar. Allerdings werden die beiden diminuierten Lexeme mitunter von jüngeren Alteingesessenen aufgegriffen, um in salienter Abweichung von den standardgemäßen Lexemen Mädchen und bisschen aus der Interaktion der markierten Diminutivbedeutung und dem Äußerungskontext pragmatische Effekte zu erzielen. Hier fungieren also – in sehr begrenztem Ausmaß292 – süddeutsche Diminutivbildungen als Ressourcen für die stilistische Variation innerhalb des mecklenburgischen Regiolekts. Es erscheint aber kaum wahrscheinlich, dass die beiden diminuierten Lexeme unmittelbar aus dem Sprachgebrauch der zugewanderten Vertriebenen übernommen wurden. Vielmehr dürften hier überregionale und medial gestützte Diskurstraditionen das sprachliche Vorbild abgeben.

4.1.3  „Die können das Ü nicht aussprechen“ – entrundete Vordervokale als Relikte der Herkunftsvarietäten der Vertriebenen

In einem dritten Untersuchungsschritt soll der Frage nach Tradierung und Transfer von Merkmalen der Herkunftsvarietäten an einem Beispiel aus dem Bereich der Phonetik nachgegangen werden, an dem sich die Herkunftsregiolekte der Vertriebenen und der Regiolekt ihres mecklenburgischen Zuwanderungsgebietes besonders deutlich unterscheiden: In der Artikulation der Vordervokale i, e, ü, ö und zum Teil auch der Diphthonge eu / ei zeigen sich in den deutschen Dialekten und Regiolekten starke areale ← 278 | 279 → Kontraste. Diese räumliche Gliederung ist sprachgeschichtlich auf den Prozess der „Entrundung“ mittelhochdeutscher gerundeter Vokale zurückzuführen, der seit dem 13. Jahrhundert von Süden ausgehend „in den meisten hochdeutschen Mundarten“ (König / Elspaß / Möller 2015: 149) zu einer Aufgabe der Lippenrundung bei der Artikulation der Vordervokale bzw. zu einem lautlichen Zusammenfall von kurzem und langem ü, ö und eu / äu mit i, e und ei / ai entsprechender Länge führte.293 „Namentlich oberdeutsche und ostmitteldeutsche“ Mundarten kennen in Folge dieser Entwicklung mitunter „überhaupt keine gerundeten Laute, sie sprechen grien, beese, heite statt grün, böse, heute“ (Siebs 1957: 28).

Die niederdeutschen Dialekte blieben von diesem Lautwandel weitgehend unberührt, „im Gegenteil, dort gab es zusätzlich eine Anzahl von Rundungsvorgängen“ (König / Elspaß / Möller 2015: 149). In den deutschen Dialekten stehen sich also ein niederdeutsches Gebiet, in dem abgesehen von kleinen Teilarealen die Rundung der Vordervokale durchgehend erhalten geblieben bzw. sogar ausgebaut worden ist,294 und ein mittel- und oberdeutscher Dialektraum gegenüber, in dem abgesehen von einer ostfränkischen und alemannischen Teilregion die Rundung durchgängig aufgegeben wurde. Entsprechend liegt mein mecklenburgisches Untersuchungsgebiet nach der kartographischen Darstellung Wiesingers (1983 b: 1103) in einer bis südlich von Berlin reichenden Dialektlandschaft, in der mittelhochdeutsches bzw. mittelniederdeutsches ü großräumig erhalten ist. Die schlesischen, böhmischen, mährischen und slowakischen Herkunftsregionen der hier ← 279 | 280 → untersuchten Vertriebenen befinden sich dagegen mit Ausnahme einzelner mittelslowakischer Ortschaften in einem weiten Areal durchgängiger Vokalentrundung.295

Die Entrundung der Vordervokale hat zwar abgesehen von einigen Einzelwörtern (z. B. Küssen > Kissen, sprützen > spritzen) keinen Eingang in die hochdeutsche Schreibkonvention gefunden. Die Entrundungstendenz zeigte sich aber nicht nur in den Dialekten, sondern auch in den dialektal beeinflussten regionalen mündlichen Umgangssprachen:

Diese Erscheinung hatte sowohl in den Mundarten als auch in der Umgangssprache fast das ganze Gebiet des Hochdeutschen erfaßt, ist aber durch die schriftsprachliche Norm rückgängig gemacht worden. (Schirmunski 2010 [1961]: 227)

Trotz der vor allem im 19. Jahrhundert voran getriebenen Normierung der Standardaussprache296 hat sich die Entrundung der Vordervokale in mittel- und süddeutschen Regiolekten zum Teil kennzeichnend erhalten. Die „Entrundung der Umlaute [Se:n, fri:, naÙIn] ‚schön‘, ‚früh‘, ‚neun‘“ gehört nach Mihm (2000: 2118) zu den charakteristischen Merkmalen der obersächsischen Umgangssprachen „im Großraum zwischen Saale und Neiße“. Auch in den bayrischen und österreichischen Umgangssprachen ist die Entrundung „so weit verbreitet“, dass Mihm (2000: 2120) sie zu den „allgemein sdt. [süddeutschen] Erscheinungen“ zählt. Die Regiolekte der ← 280 | 281 → süddeutschen Anrainerregionen zu den ehemaligen Vertreibungsgebieten sind demnach bis heute stark durch die Entrundung der Vokale ö, ü und eu / äu geprägt.297

Demgegenüber ist für die Regiolekte im norddeutschen Raum nicht nur eine standardgemäße Bewahrung der gerundeten Vordervokale kennzeichnend, sondern hier bringt sich unter der Wirkung niederdeutscher Interferenzen eine gegenläufige Tendenz zur Rundung der in der Standardaussprache ungerundeten Vokale i, e und ei zur Geltung. Die flächendeckenden Erhebungen zum Norddeutschen Sprachatlas zeigen, dass die Rundung von kurzem i (bün, Mülch, Tüsch; ‚bin, Milch, Tisch‘) in bestimmten phonetischen Kontexten „in allen Regionen östlich der Weser weit verbreitet“ ist und bei „einem geringen Grad an Salienz“ im Vergleich von Aufnahmesituationen unterschiedlicher Förmlichkeit nur schwach variiert.298 Dabei tritt das regiolektale Merkmal in den Erhebungsorten in Mecklenburg und Vorpommern vereinzelt mit Frequenzen zwischen 5 % und über 20 % der einschlägigen Belegkontexte auf.299 Für den Raum Rostock hatte schon Dahl (1974: 349) auf die „Bewahrung des niederdeutschen Vokalismus in Fällen wie ümmer ‚immer‘ […]; verheuratet“ hingewiesen, die „an einzelne Wörter gebunden, aber in diesen häufig“ auftrete. Ebenfalls in den 1970er Jahren verzeichnet Herrmann-Winter (1979: 167) bei zehn Probanden aus dem Raum Greifswald „in etwa 15 Wörtern û-Varianten anstelle von kurzem e“: „So realisieren zwei Sprecher […] z. B. elf als [ûlf] […].“

Zwischen den dialektalen und regiolektalen Varietäten der südöstlichen Vertreibungsgebiete und denen der Zielgebiete der Vertreibung in Mecklenburg-Vorpommern kann also bei der Artikulation der Vordervokale ein ← 281 | 282 → gleichsam doppelter Kontrast erwartet werden: Der Tendenz zur standardabweichenden Entrundung im Süden steht im Norden die Tendenz zu einer standardabweichenden Vokal-Rundung entgegen. Es stellt sich damit die Frage, inwieweit sich diese gegenläufigen Artikulationstendenzen in den Varietätenkontakten der mecklenburgischen Zuwanderungsgebiete der Vertreibung zur Geltung bringen.

Im Folgenden soll besonderes Augenmerk darauf gelegt werden, ob und in welchem Grad sich das Merkmal der Entrundung von ü, ö, eu / äu im regiolektalen Sprachgebrauch der Familien zugewanderter Vertriebener in ihrem neuen mecklenburgischen Sprachumfeld erhalten hat. Hierzu wurden in den transkribierten Interviews der ausgewählten 44 Gewährspersonen alle Belege für ü, ö, eu oder äu aufgesucht und in der Tonspur abgehört. Belege mit deutlich hörbarer Entrundung der Lippen haben wir als standardabweichend codiert und den standardgemäßen Realisierungen der Variable quantitativ gegenübergestellt. Dabei wurden Kontexte vor r (würgen, hört) nicht in die Auswertung einbezogen, weil hier die in Norddeutschland erwartbare r-Vokalisierung Rückwirkungen auf die Artikulation des vorangehenden Vokals haben könnte. Pro Gewährsperson wurde die Überprüfung von 80 Belegen angestrebt, was in Einzelfällen wegen der unterschiedlichen Länge der Interviews nicht ganz erreicht werden konnte. Es konnten aber dennoch insgesamt 3340 Korpusbelege in die Analyse einbezogen werden.

Die Codierung dieser Belegstellen ergab die folgenden Befunde: Der Anteil entrundet realisierter ö, ü und eu / äu ist im untersuchten Korpus der Interviews von 44 Gewährspersonen beider Altersgruppen außerordentlich gering. Unter den 3340 Belegen finden sich überhaupt nur 25 Fälle mit rundungsloser Artikulation (0,75 %). Die Spuren des Lautmerkmals der Herkunftsvarietäten sind im Korpus heute also nur sehr dünn. Erwartungs­gemäß treten die bei weitem meisten standardabweichenden Realisierungen in den Interviews von Vertriebenen der Vorkriegsgeneration auf, hier liegt der Anteil bei 2,52 % (n = 872). Die Vertriebenen dieser Altersgruppe entrunden dabei nur die Vordervokale ü und ö, die Korpusbelege für eu und äu werden ausnahmslos standardgemäß artikuliert. Dass es sich bei diesem insgesamt nur schwach ausgeprägten Merkmal um ein Relikt des Sprachgebrauchs aus der Zeit vor der Vertreibung handelt, wird offenkundig, wenn man die Interviews der alteingesessenen Mecklenburger der ← 282 | 283 → Vorkriegsgeneration zum Vergleich heranzieht (vgl. Abb. 4.1.3-1): Hier findet sich unter 904 Belegen für ö, ü, eu / äu nur eine einzige entrundete Realisierung (0,11 %). Bei diesem Beleg handelt es sich zudem eindeutig um eine punktuelle Aussprachevariation ohne systematische Relevanz, denn die Gewährsperson, Herr 78 (1934 A, SP: 218), realisiert nur an einer Stelle seines Interviews das Lexem Plattdeutscher entrundet als Plattdaitscher. Alle anderen 35 Belege für eu / äu in seinen Gesprächsbeiträgen, darunter auch zahlreiche Komposita mit -deutsch (Plattdeutsch, Hochdeutsch), spricht Herr 78 durchweg standardgemäß gerundet aus.

Auch wenn die Frequenz der entrundeten Vordervokale in den Interviews der Zugewanderten insgesamt sehr niedrig erscheint, handelt es sich hier doch nicht um ein singuläres Merkmal, das nur im Sprachgebrauch von Einzelpersonen auftritt. Von zwölf hier untersuchten älteren Vertriebenen sprechen immerhin fünf Gewährspersonen die runden Vordervokale gelegentlich entrundet aus. Herr 26 (1925 V), der im nordböhmischen Kreis Teplitz (Teplice) aufgewachsen ist und mit einem Anteil von 12,8 % unter den hier betrachteten Vertriebenen am häufigsten standardabweichende Vokalrealisierungen zeigt,300 sieht in der Vokalentrundung nicht nur ein kennzeichnendes Charakteristikum seiner eigenen Umgangssprache, sondern betrachtet sie gleichsam als Schibboleth böhmischer Herkunft. Sein eigenes „Hochdeutsch“ ist seiner Selbsteinschätzung nach bis heute hörbar sudetendeutsch gefärbt. Er charakterisiert dieses Hochdeutsch wie folgt: „Da ist noch ein bisschen was drin. Ja. Wie zum Beispiel Küche ne. Ich sage Kiche.“ (Herr 26, SP: 97). Der Dialekt seiner böhmischen Heimat sei damals als „Behmakeln“ (Böhmakeln) bezeichnet worden. Selbst der Lehrer in seiner Grundschulzeit habe „gebehmakelt“ (Herr 26, SP: 119, 149). Die Frage, ob er bei hochdeutschen Gesprächen mit Unbekannten heute noch heraushören könne, wer ehemaliger Zuwanderer sei, bejaht er: „Also wenn es ein Sudetendeutscher ist dann weiß ich es. Die können das Ü nicht aussprechen.“ (Herr 26 1925 V, SP: 494). Auch er selbst werde von Vertriebenen aus Böhmen an seiner normalen umgangssprachlichen Redeweise immer noch als Sudetendeutscher erkannt: ← 283 | 284 →

Also mein Arzt zum Beispiel […] ne. Ich habe bloß paar F… Wörter gesprochen. „Wo kommen Sie her?“ Ich sage „ja aus [Rostock-] Lichtenhagen.“ „Nein“ sagt „wo Sie geboren sind.“ „Im Sudetenland.“ […] „Na dann sind wir Landsleute.“ (Herr 26 (1925 V, SP: 504–507)

Dabei habe, so erzählt Herr 26, der Arzt seinerseits Landsleute als Landslaite ausgesprochen.

Abbildung 4.1.3-1: Gebrauch entrundeter Vordervokale in Familien Alteingesessener (A 1, A 2) und Vertriebener (V 1, V 2) – Anteile in Prozent

image43

Für die Frage, wieso der offenbar sehr saliente böhmische Regionalmarker im Sprachgebrauch der Vertriebenen heute nur mit derart niedrigen Frequenzen auftritt, bietet eine Erzählung von Frau 29 (1930 V, SP: 165) aus ihrer Schulzeit in Böhmen einen ersten Erklärungsansatz:

Ich hatte eine Schul… einen Schulfreund. Und wenn der Gedichte aufsagen musste dann hat er gesagt „der Kenig“ hat er immer gesagt statt König. Und das musste er dann x-mal sagen ne.

Da der Lehrer, der aus demselben Schulort stammte, „ganz viel“ Wert auf eine korrekte Aussprache gelegt habe, musste der Schulfreund die Rundung der Vordervokale regelrecht einüben. Offensichtlich ist bei der schulischen Vermittlung der Standardaussprache in den Vertreibungsgebieten schon vor 1945 gerade an der Tilgung des regionaltypischen Merkmals der Entrundung ← 284 | 285 → korrigierend gearbeitet worden. Auch die „für das Sudetenland, Böhmen und Mähren“ ausgelegte Deutsche Sprachlehre für höhere Lehranstalten verfügt 1935 für die „über den Mundarten stehende Einheitsaussprache“ auf der Bühne und bei Vorträgen in Öffentlichkeit, Theater, Kirche und Schule: „ö, eu (äu) sind mit Lippenrundung zu sprechen (Möhre : Meere; Küste : Kiste; heulen : heilen)“ (Schmidt-Voigt / Sandmann 1935: 23).

Auch in ihrem neuen Sprachumfeld nach der Vertreibung dürfte die standardabweichende Vokalentrundung im Sprachgebrauch der Vertriebenen mit schulischen Bestrebungen einer hochsprachlichen Aussprachenormierung in Konflikt geraten sein. Das Wörterbuch der deutschen Aussprache der DDR verzeichnet die „zu geringe Rundung und fehlende Stülpung der Lippen“ bei ü und ö 1964 jedenfalls als einen „Bildungsfehler“ (Krech et al. 1964: 39, 40). Eine starke Motivation zum Abbau dieses Merkmals der Herkunftsvarietäten dürfte aber in Mecklenburg vor allem gewesen sein, dass man mit der Vokalentrundung nicht nur allgemein als Zugewanderter auffallen musste, sondern dass dieses Merkmal speziell mit dem sächsischen Regiolekt in Verbindung gebracht werden konnte, dessen Sprecher in Mecklenburg extrem negativ bewertet werden. Wegen der starken Binnenmigration insbesondere von Führungskräften aus dem Süden der DDR und des raumgreifenden Badetourismus sind Sachsen in Mecklenburg vielfach als „fünfte Besatzungsmacht“ (Herr 33, 1923 A, SP: 59) empfunden worden. Anklänge an den sächsischen Dialekt waren entsprechend „verpönt“ (Herr 88, 1966 AZ, SP: 196): „Aber es wurde sich oft mokiert dass die Sachsen dann kamen und gleich nach oben wollten. Und und wenn sie dann sprachen dann hatten sie schon ganz ausgeschissen.“ (Frau 47, 1930 A, SP: 168). Die Verwendung entrundeter Vokale, die auch für den sächsischen Regiolekt typisch sind, brachte für die zugewanderten Vertriebenen in Mecklenburg unter Umständen die Gefahr einer sozialen Stigmatisierung mit sich.301 Die geringen Vorkommensfrequenzen der Vokalentrundung in den heutigen Interviews der vor 1940 geborenen Zuwanderer dürfte wohl nicht zuletzt das Ergebnis einer jahrzehntelangen sprachlichen Anpassung an das mecklenburgische Lebensumfeld sein. ← 285 | 286 →

In der Nachkriegsgeneration der Vertriebenenfamilien in Mecklenburg ist das lautliche Merkmal der Herkunftsvarietäten heute jedenfalls vollständig aus dem regiolektalen Sprachgebrauch verschwunden (vgl. Abb. 4.1.3-1). Von den 631 Belegen für ö, ü, eu / äu, die sich in den untersuchten Interviews von Nachkommen Vertriebener finden, wird überhaupt nur ein Vokal entrundet (0,16 %): Frau 60 (1952 VV, SP: 115) artikuliert im Satz „Da haben wir uns drüber amüsiert“ das Verb amüsiert entrundet als amisiert. Die entrundete Realisierung von amüsieren ist zugleich das einzige Belegwort, das in den Interviews der Nachkriegsgeneration der alteingesessenen Mecklenburgerinnen und Mecklenburger standardabweichend ausgesprochen wird. Ganz ähnlich wie Frau 60 spricht auch Frau 51 (1954, AA, SP: 139) im Belegkontext amüsieren mit entrundetem Vordervokal aus: „Und dann amisiert man sich da mehr oder weniger auch drüber.“ Auch in den Interviews der nach 1950 geborenen Alteingesessenen ist der Anteil standardabweichender Entrundungen mit diesem einen standardabweichenden Beleg verschwindend gering (0,11 %, n = 933). Es ist dabei zu bezweifeln, dass es sich bei entrundetem amisieren um ein Relikt der Herkunftsvarietäten der Immigranten handelt. Vielmehr dürfte es sich bei der Entrundung des ü in amüsieren um eine phonetische Kontaktassimilation mit dem langen Folgevokal i handeln. Einer solchen Kontaktassimilation steht bei dem Fremdwort amüsieren im Sprachwissen der Interviewpartner wahrscheinlich kein sicheres Schriftbild entgegen, das eine Unterscheidung der beiden Vokale ü und i graphematisch stützen würde.

Von der mittel- und oberdeutschen Entrundung der Vordervokale bleiben also schon im Sprachgebrauch der vor 70 Jahren nach Mecklenburg eingewanderten Vertriebenen nur äußerst geringe Spuren. Und bereits in der Generation ihrer Nachkommen verlieren sich diese Relikte ihrer Herkunftsvarietäten ganz. Die alteingesessenen Mecklenburger haben die Entrundung von ü, ö und eu / äu ihrerseits zu keiner Zeit von den Zugewanderten übernommen. Mit dem Ableben der letzten Angehörigen der Vorkriegsgeneration der Vertriebenen wird das schwache Relikt ihrer Herkunftsregiolekte daher in Mecklenburg gar nicht mehr zu hören sein. ← 286 | 287 →

4.2  Resümee zu Tradierung und Transfer von Elementen der Herkunftsvarietäten: durchgreifender Abbau nichtmecklenburgischer Varianten

Die Frage nach der Bewahrung von Merkmalen der Herkunftsvarietäten der Vertriebenen und die Frage, ob die Alteingesessenen, mit denen sie in den Zielgebieten der Vertreibung in engen Kontakt kamen, derartige Merkmale ihrerseits in ihren Sprachgebrauch übernommen haben, wurden wegen der extremen Heterogenität der Herkunftsvarietäten hier nur an dialektübergreifenden Kennzeichen der Regiolekte der Herkunftsgebiete untersucht. Im Sprachgebrauch von 44 ausgewählten Gewährspersonen wurde dafür auf drei Ebenen exemplarisch nach Spuren derartiger regiolektaler Merkmale gefahndet: auf der Ebene des Wortschatzes, der Morphologie und der Phonetik / Phonologie. Auf allen drei Ebenen lassen meine Korpusbefunde strukturelle Entwicklungen erkennen, die in ihrer Richtung, ihrer großen Dynamik und ihrer durchgreifenden Wirkung übereinstimmen.

Im Bereich des regiolektalen Wortschatzes bildet die punktuelle wechselseitige Unverständlichkeit eine starke Motivation für eine Synchronisierung des Sprachgebrauchs von zugewanderten Vertriebenen und Alteingesessenen.302 Meine Befragung zu Kenntnis und Gebrauch ausgewählter Testlexeme zeigt deutlich, dass der Ausgleich der Varietätendifferenzen hier mehr oder weniger ausschließlich darin bestand, dass die Zuwanderer ihren spezifischen regiolektalen Herkunftswortschatz einseitig aufgaben und durch standardsprachliche bzw. regiolektal mecklenburgische Lexik (z. B. Feudel) ersetzten.303 Schon in der Generation der als Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene zugewanderten Vertriebenen büßte der Herkunftswortschatz – abgesehen ← 287 | 288 → von innerfamiliären Gesprächen mit Eltern und Großeltern – seine kommunikative Funktion nach der Vertreibung weitgehend ein. 70 Jahre nach der Ankunft in Mecklenburg ist in dieser Vorkriegsgeneration der Vertriebenen sogar die rezeptive Kompetenz des regiolektalen Herkunftswortschatzes vielfach eingeschränkt. Bei einer Reihe von Gewährspersonen hat offenkundig der Prozess der „language attrition“ eingesetzt, bei der insbesondere auf der Ebene des Wortschatzes Elemente der kindlichen Erst- bzw. Zweitsprache nicht mehr oder nur noch schwierig erinnert werden, weil sie über lange Zeit nicht mehr gebraucht worden sind (Schmid 2011: 38–39). Aus ehemals vollkompetenten Sprechern der Herkunftsvarietäten sind heute oftmals partielle „Sprachvergesser” (Wirrer 2009: 137) oder „rememberers“ (Craig 1997: 259) geworden, die Schlüsselreize benötigen, um sich an ihren Herkunftswortschatz zu erinnern. Innerhalb der Vertriebenenfamilien ist der Wortschatz unter diesen Bedingungen nicht weiter tradiert worden. Schon die nach 1949 in Mecklenburg geborenen Nachkommen der Zuwanderer verfügen nur noch über rudimentäre rezeptive Kompetenz im Herkunftswortschatz ihrer Eltern. Während allgemein davon ausgegangen wird, das der Prozess des Sprachwechsels bei Migrantengruppen in einem neuen Sprachumfeld „at least three generations“ (Brenzinger 1997: 282) überspannt, ist die Abkehr vom regiolektalen Wortschatz der Herkunftsregionen in den Vertriebenen­familien in Mecklenburg bereits in der ersten Nachkriegsgeneration weitgehend abgeschlossen.

Obwohl gerade im Bereich der Lexik am ehesten eine Übernahme zwischen den allochthonen und autochthonen Kontaktvarietäten zu erwarten gewesen wäre (Trudgill 1986: 25), haben die Alteingesessenen die regiolektalen Herkunftslexeme der Vertriebenen offenbar nie in ihren aktiven Sprachgebrauch integriert.304 Dies gilt für die Vorkriegs- wie für die Nachkriegsgeneration der alteingesessenen Mecklenburger gleichermaßen. Die insgesamt nur geringen rezeptiven Kenntnisse, die die Alteingesessenen von Lexemen der südostdeutschen Regiolekte haben, stammen weit überwiegend aus den Medien oder von Reiseerfahrungen und kaum einmal aus ← 288 | 289 → kommunikativen Kontakten mit immigrierten Vertriebenen. Ein Transfer der regiolektalen Herkunftslexik der Zuwanderer in die regionale Umgangssprache der alteingesessenen Bevölkerung Mecklenburgs hat insgesamt nicht stattgefunden.

Ein ähnlich rascher und durchgreifender Abbau sprachlicher Relikte der Herkunftsvarietäten lässt sich auf der Ebene der Morphologie am Beispiel der Diminutivbildung nachweisen. Anders als beim regiolektalen Herkunftswortschatz halten die zugewanderten Vertriebenen am Gebrauch der südostdeutschen l-Diminutive zwar bis heute fest, die aktive Verwendung dieser Formen ist aber bereits in der Vorkriegsgeneration der Vertriebenen ausschließlich auf den engen pragmatischen Kontext der Kosenamenbildung und auf wenige Reliktlexeme (Mädel, bissl) begrenzt. Die unter den zugewanderten Vertriebenen bewahrten Kosenamen mit l-Suffix werden dabei zum Teil von gleichaltrigen Freunden und Familienangehörigen unter den Alteingesessenen in den eigenen Sprachgebrauch übernommen. Aber selbst im Bereich der Kosenamenbildung büßt das l-Suffix schon in der Nachkriegsgeneration der Vertriebenenfamilien seine Produktivität vollständig ein und wird durch das überkommene mecklenburgische i-Suffix abgelöst. Wie der Herkunftswortschatz wird auch die Diminutivbildung der Herkunftsregiolekte in den Vertriebenenfamilien intergenerationell nicht tradiert und infolgedessen auch nicht von jüngeren Alteingesessenen adaptiert. Die auch in den Vertreibungsgebieten ehemals usuellen Diminutivbildungen bissl und Mädel werden von jüngeren Alteingesessenen zwar gelegentlich in die eigene Rede integriert, um punktuell pragmatische Effekte zu erzielen. Es kann aber bezweifelt werden, dass es sich dabei um eine umwertende „reallocation“305 von überkommenen Varianten der Vertriebenenvarietäten handelt, denn diese Formen scheinen sich eher über ← 289 | 290 → überregionale Diskurstraditionen oder mediale Kontakte mit süddeutschem Regiolekten in ganz Norddeutschland zu verbreiten.

Auf der Ebene der Phonetik ergibt sich ein ähnliches Bild einer schnellen und konsequenten Aufgabe von Merkmalen der Regiolekte der Vertreibungsgebiete. Am Beispiel der Entrundung von ö und ü ist zu beobachten, dass schon im Sprachgebrauch der 1945 / 1946 zugewanderten Vertriebenen nur noch geringe Nachklänge dieses regiolektalen Merkmals bis heute vernehmbar sind. Entrundete Vokale kennzeichnen zwar noch den Sprachgebrauch einiger Einzelpersonen aus dieser Bevölkerungsgruppe bis in die Gegenwart markant. Aber schon in den Interviews mit der Nachkriegsgeneration der Vertriebenenfamilien sind keine Belege mehr für die Vokalentrundung zu finden, die intergenerationelle Tradierung ist vollständig abgerissen. Auch von einer Adaption des Merkmals durch ältere wie jüngere Alteingesessene kann keine Rede sein.

Bereits bei den Variablenanalysen in Kapitel 3 waren wir bei einigen Varianten des mecklenburgischen Regiolekts auf eine ähnliche Dynamik aufmerksam geworden, und zwar speziell bei solchen mecklenburgischen Regiolektmerkmalen, die in den Regiolekten der Vertriebenen ebenfalls mit hohen Frequenzen in Gebrauch waren (apikales r, wie in Komparativkonstruktionen). Auch diese Varianten der Herkunftsregiolekte werden, obwohl sie im mecklenburgischen Regiolekt ebenfalls verbreitet sind, in der Generationsfolge der Vertriebenenfamilien abgebaut.306 Die Übereinstimmungen ← 290 | 291 → mit den Beobachtungen des vorliegenden vierten Kapitels lassen sich wie folgt verallgemeinern: Sprachliche Merkmale, die (auch) für die Herkunftsregiolekte der Zuwanderer kennzeichnend sind, unterliegen in der Generationsfolge der Vertriebenenfamilien einer Abbaudynamik, die vor allem bei exklusiv südostdeutschen Varianten stark zur Geltung kommt. Der strukturelle Prozess des dialect-levelling,307 bei dem die immigrationsbedingt große Variantenvielfalt im regiolektalen Sprachgebrauch reduziert wird, erfolgt im mecklenburgischen Varietätenkontakt ganz einseitig zuungunsten der Varianten der südöstlichen Herkunftsregiolekte.

Die Tilgung der Merkmale der Herkunftsregiolekte beginnt dabei teilweise schon in der Generation der Zuwanderer und ist bereits in der Generation ihrer Nachkommen weitgehend abgeschlossen. Wolf-Beranek (1976: 161) verlegt das „Verklingen“ der „sudetendeutschen Umgangssprache“ zeitlich sogar schon in die 1950er Jahre. Insbesondere das „lexikalisch oberdeutsch-österreichische[…] Gepräge“ dieses Regiolekts habe für seine Sprecher in den Zuwanderungsgebieten Verständigungsschwierigkeiten mit sich gebracht:

Um diesen Schwierigkeiten zu entgehen, waren sie gezwungen, sich so rasch wie möglich die Umgangssprache des Gastlandes anzueignen. Darin liegt der Grund, daß die sudetendeutsche Umgangssprache, da sie ihres Zweckes, Verständigungsmittel in einem größeren Raum zu sein, beraubt war, so rasch zum Verklingen kam. ← 291 | 292 → 1956 hätte eine Aufnahme dieser Sprachebene nicht mehr durchgeführt werden können, da die Gewährsleute bereits unsicher geworden und eindeutige Antworten nicht mehr zu bekommen waren.308

Der rasche Abbau von Merkmalen der Herkunftsregiolekte dürfte sich freilich nicht nur aus deren eingeschränkter kommunikativer Reichweite im mecklenburgischen Kontext erklären, sondern auch als Indiz für ihr sehr geringes Prestige im dortigen Umfeld zu interpretieren sein.309

Es hat dementsprechend, so können meine Variablenanalysen ebenfalls zeigen, auch keinen nachhaltigen Transfer von Elementen der Herkunftsregiolekte in die regionale Umgangssprache der Aufnahmegesellschaft gegeben. So ist resümierend festzuhalten, dass die massive Zuwanderung südostdeutscher Sprecherinnen und Sprecher nach dem Zweiten Weltkrieg letztlich ohne dauerhafte Nachwirkungen auf den mecklenburgischen Regiolekt bleiben wird. Relikte der südostdeutschen Umgangssprachen der Vertriebenen, die sich heute noch gelegentlich in den mecklenburgischen Kommunikationsräumen vernehmen lassen, werden nach dem Ableben der Zuwanderergeneration endgültig zum Verklingen kommen: „Complete dialect loss, i.e. the disappear­ance of a dialect without leaving any traces behind, resembles language death.“ (Hinskens / Auer / Kerswill 2005: 11). Im mecklenburgischen Varietätenkontakt steht der Abbau von Strukturen der Herkunftsregiolekte der Zuwanderer kurz vor dem endgültigen Abschluss.


253 Schwarz (1954: 11, vgl. Karte 1).

254 Kretschmer (1918: 1). Sprossenkohl weist schon Kretschmer (ebd.: 569) für die Wiener Umgangssprache nach, der Wortatlas der deutschen Umgangssprache zeigt die weite Verbreitung des Lexems in Österreich noch in späteren Jahrzehnten (Eichhoff 2000, Bd. 4: 4–50). Auf Paradeiser und Karfiol wird weiter unten in diesem Abschnitt eingegangen.

255 Der Fragebogen findet sich im Anhang dieses Bandes im Abschnitt 9.3.

256 Ich danke den Bearbeitern des Sudetendeutschen Wörterbuchs, die ich bei der Auswahl der Lexeme zu Rate ziehen konnte, für ihre freundlichen Auskünfte.

257 Bei Zitaten aus dem Teilkorpus der semasiologischen Befragung wird einfachheitshalber auf eine genaue Verortung in der Tonspur verzichtet. Die Tonaufnahmen der Befragung liegen für jede Gewährsperson in separaten Aufnahmen von meist nur wenigen Minuten vor, die durch den Erhebungsmodus übersichtlich strukturiert und daher bequem abzuhören sind. Transkripte aus diesem Korpus wurden nur zu ausgewählten Passagen gemacht. Die Tonaufnahmen sind durch die Sigle SE (semasiologische Befragung) gekennzeichnet. Da innerhalb dieses Abschnittes die Zitate in den allermeisten Fällen aus diesen Befragungsmitschnitten stammen, wird aber auf eine Angabe der Aufnahme-Sigle verzichtet, um Redundanzen zu vermeiden. Eine Aufnahme-Sigle wird in diesem Abschnitt also nur dort angegeben, wo das betreffende Zitat nicht aus der semasiologischen Befragung, sondern z. B. aus den Interviews der Gewährspersonen stammt. Ich danke Martina Hasenfratz für die sorgfältige Vorstrukturierung der Auswertung der semasiologischen Befragung.

258 Vgl. Deutscher Wortatlas, Bd. 5 (1957): Wortkarte Sahne; Dt. Wortatlas, Bd. 16 (1968): Wortkarte 6 dies(es) Jahr; Dt. Wortatlas, Bd. 17 (1969): Wortkarte 5 Meerrettich; Dt. Wortatlas, Bd. 11 (1961): Wortkarte 7 Pilz; Dt. Wortatlas, Bd. 11 (1961): Wortkarte 11 Tomate. Das Schlesische Wörterbuch (1963–1965) verzeichnet alle acht Testwörter, allerdings mit unterschiedlich weiter Verbreitung in schlesischen Dialektgebieten, vor allem in den Anrainergebieten zu Böhmen und Mähren. Die weiteste Verbreitung hatten demnach Hader („in ganz Schlesien gebräuchlich“ Bd. 1: 472) und Kren, das in Schlesien „allgemein neben Meerrettich“ (Bd. 2: 733) verwendet wurde. Das Sudetendeutsche Wörterbuch, Bd. V weist Hader(n) und heuer mit sehr großräumiger Verbreitung über Böhmen und Mähren nach. Die bis heute großräumige Verteilung von Paradeis(er) / Paradeisapfel und Schwämme unter den in Tschechien verbliebenen deutschen Dialektsprechern dokumentiert neuerdings der Atlas der deutschen Mundarten in Tschechien (2014): Karte 76 und 87.

259 Beranek (1970: 64), vgl. Kretschmer (1918: 131).

260 Beranek (1970: 67), vgl. Kretschmer (1918: 531).

261 Beranek (1970: 178, vgl. Karte S. 179). „Der Krampus, in Österreich eine volkstümliche Gestalt, wird als Teufel mit Hörnern, heraushängender Zunge, in den Händen eine Kette und den Krampen [gekrümmter Zacken, Spitzhaue] dargestellt.“ (Kretschmer 1918: 558).

262 Die weiterhin ausgeprägte Nord-Süd-Gliederung des regiolektalen Wortschatzes und den fortdauernden Gebrauch einiger der Testlexeme in den unmittelbaren Anrainerregionen der Vertreibungsgebiete (Österreich, Bayern, Sachsen) dokumentieren der Wortatlas der deutschen Umgangssprache von Jürgen Eichhoff (Eichhoff 1977–2000, Bd. 1: Karte dieses Jahr, Bd. 2: Karten Scheuertuch und Meerrettich, Bd. 4: Karten 4–19). Blumenkohl und 4-51 Pilz), Helmut Protzes Wortatlas der städtischen Umgangssprache (Protze 1997: 222, Karte „das große feuchte Tuch zum Säubern des Fußbodens“) und neuerdings der digitale Atlas der deutschen Alltagssprache (Elspaß / Möller 2003 ff.: Karten Putzlumpen und dieses Jahr / heuer).

263 Mit einem p-Wert von 0,001 ist dieser Unterschied statistisch hoch signifikant.

264 Mit einem p-Wert von 0,000 ist auch diese Differenz zwischen den Generationen der Vertriebenenfamilien hoch signifikant.

265 Frau 17 (1935 V, SP: 181).

266 Schmid (2011: 47). „This is linked to the fact that information which we have stored in memory can ‚degrade‘ if it is not called upon from time to time […]. When lexical items of the L1 have not been used for a long time, their Activation Threshold can raise to the point where they become temporarily or permanently inaccessible. In these cases, the change to the mental lexicon is due to internal simplification.” (ebd.: 38–39).

267 Der Wortatlas der städtischen Umgangssprache weist Feudel als das dominante regiolektale Wort für „das große feuchte Tuch zum Säubern des Fußbodens“ in ganz Mecklenburg aus (Protze 1997: 222). Vgl. den digitalen Atlas der deutschen Alltagssprache (Elspaß / Möller 2003 ff.: Karte Putzlumpen).

268 Das Lexem Schmetten ist unter den befragten Alteingesessenen beider Altersgruppen völlig unbekannt, es ist offenbar medial nicht präsent und kann wegen seiner ehemaligen Begrenzung auf Böhmen, Mähren und Teilregionen von Schlesien natürlich auch nicht mehr durch Reiseeindrücke kennengelernt werden.

269 Vgl. Riehl (2009: 92).

270 Herr 27 (1929 V, SP: 234). Mit der Sprachmanagementtheorie kann das Aufgeben der in Mecklenburg unverständlichen regiolektalen Herkunftslexik als eine Folge massenhafter einfacher Sprachmanagementakte beteiligter Individuen gesehen werden. Das einseitige Ergebnis dieses individuellen Sprachmanagements ist dem „factor of power“, der Tatsache also geschuldet, dass zwischen den in Kontakt stehenden Bevölkerungsgruppen „the distribution of power …] is uneven.“ (Nekvapil 2006: 96). Die soziolinguistischen Rahmenbedingungen der sprachlichen Anpassungsdynamik wird der zweite Band dieser Studie im Detail darstellen.

271 Eine räumlich eng begrenzte Sonderform stellt auch das aus vokalisiertem l-Suffix entstandene ang-Diminutiv in der nordschlesischen Region um Grünberg dar. Zur arealen Verteilung der Diminutivvarianten in den deutschen Dialekten vor 1940 vgl. die Übersichtskarten in Seebold (1983: 1252) und König / Elspaß / Möller (2015: 157). Zur Raumgliederung der verschiedenen l-Diminutive innerhalb der heutigen österreichischen Dialekte und Umgangssprachen vgl. Wiesinger (2008: 13). Tatzreiter (1988: 87) weist darauf hin, dass im Österreich der Gegenwart die l-Diminuierung gegenüber hochsprachlichem –chen zwar allgemein als „mundartlich-umgangssprachlich“ empfunden würde, allerdings bei einer Reihe von Lexemen die l-Diminuierung „zum festen Bestandteil der Hochsprache in Österreich geworden“ sei.

272 Vgl. die entsprechenden Wortkarten aus Georg Wenkers Sprachatlas des Deutschen Reichs: Karte WA 381 zur Übersetzungsvorlage „Apfelbäumchen“, Karte WA 440 zu „Stückchen“, Karte WA 486 zu „Vögelchen“, Karte WA 490 zu „Mäuerchen“ und Karte WA 502 zu „Schäfchen“. All diesen Karten zufolge dominierten in Mecklenburg zur Zeit der Wenkeruntersuchung aber suffixlose Übersetzungen im Niederdeutschen, vgl. https://www.regionalsprache.de/Mapchooser/MapSearch.aspx (Stand: 22.9.2017).

273 Beispielsweise auf dem Wenkerbogen 48586 für den Ort Wilsen bei Stäbelow nahe Rostock wird Schäfchen im Wenkersatz 37 niederdeutsch als Schabekn übersetzt, vgl. die digitalisierten historischen Wenkerbögen unter https://www.regionalsprache.de/Wenkerbogen/Katalog.aspx (Stand: 22.9.2017).

274 Vgl. die Karte in Elspaß (2005: 343).

275 Duden Grammatik (1984: 460). In der 1937 erschienenen Erstauflage der Duden-Grammatik wird eine Diminutivendung –i noch gar nicht erwähnt (Duden Grammatik 1937: 48, 53, 176, 181). In der Nachkriegsauflage des Grammatik-Duden wird das i-Suffix bereits genannt, aber noch als „alte“ Diminutivform bezeichnet, die „in Ruf- und Kosenamen (Rudi, Leni, Mutti) und in einigen Mundarten (aleman.: Häsi, Äugi) fort[lebe]“ (Duden Grammatik 1966: 388). Die aktuelle Neuauflage der Duden Grammatik (2016: 743) führt die Suffixe –chen, ­–lein und –i ohne weitere Differenzierung als Formen der Diminuierung auf, ergänzt sie aber noch um die „regionalen Suffixe“ –el und –l.

276 Vgl. die Karten zu den „Diminutivendungen am Beispiel von Haus“ und zur „Verbreitung des Diminutivs Haserl ‚kleiner Hase‘“ in Eichhoff (1978 Bd. 2: 121, 122). Die Karte zu „ein bißchen“ ist abgedruckt in Eichhoff (1993 Bd. 3: 54).

277 Vgl. die in der Pilotphase des ADA angefertigte Neufassung der Karte „Diminutivendungen am Beispiel von Haus“ des Wortatlas der deutschen Umgangssprache in Elspaß, Stephan / Möller, Robert (2003 ff.): „Haus- (Diminutiv)“.

278 Gernentz (1974: 233), vgl. Dahl (1974: 351).

279 Diese Marktfrau pflegte bis in die 1970er Jahre ihre Kunden mit der hybrid niederdeutsch-hochdeutschen Anredeform Min Herzing (‚mein Herzchen‘) anzusprechen. Sie wurde später selbst mit dieser Anredeform bezeichnet und zur Figur eines Rostocker Originals stilisiert.

280 Seibicke (1972: 35), das „Duden-Taschenbuch“ zu den „landschaftlichen Unterschieden im deutschen Wortgebrauch“ gibt ebd. außerdem an, das Suffix –lein sei „fast nur in der Schriftsprache anzutreffen“.

281 Vgl. Abbildung 4.1.2-1. In den Familien der Vertriebenen ist dieser Unterschied im Gebrauch des l-Diminutivs zwischen den untersuchten Generationen mit einem p-Wert von 0,024 signifikant.

282 Vgl. Abbildung 4.1.2-1. Die intergenerationelle Zunahme des Gebrauchs von i-Diminutiven in den Vertriebenenfamilien ist mit einem p-Wert von 0,011 signifikant.

283 Zollna (2005: 304–305). Für Dressler / Barbaresi (1994: 144, 153) ergibt sich aus dieser metaphorischen Übertragung der Grundbedeutung der Diminutivsuffixe („smallness“) auf die verschiedenen Aspekte der Kommunikationssituation, „that the general morphopragmatic meaning of DIM is [non-serious]“ „which is attached, via diminutive formation, to the speech act / or the speech situation“.

284 Eine ähnliche ‚Aufgabenteilung‘ zwischen überwiegend semantischen chen-Diminutiven und dominant pragmatischen i-Diminutiven lässt sich auch am Korpus der norddeutschen Tischgespräche im Freundes- und Familienkreis feststellen, das 2004 bis 2008 im Zusammenhang des Projekts „Sprachvariation in Norddeutschland (SiN)“ aufgezeichnet worden ist, Ehlers (2011 a: 88).

285 Frau 84 (1966 AA, BI: 155), Berufsbezeichnung geändert. Die diminutive Grundbedeutung von –(e)l steht ausnahmsweise einmal im Vordergrund, wenn Herr 10 (1939 V, BI: 121) wilde Brombeeren beschreibt: „Ich ka… Hausbrombeeren sind ja noch mal so groß. Aber diese Brombeeren das sind ja kleine Muckel“.

286 Frau X, V, SP: 348, Personenangaben hier reduziert, um Anonymität der Gewährsperson zu wahren.

287 Die Personenangaben der Sprecherin werden hier reduziert, um die Anonymität zu sichern.

288 IDS, Datenbank für Gesprochenes Deutsch (DGD): Pfeffer-Korpus (PF), Personensigle PF335, vgl. www.dgd.ids-mannheim.de (Stand: 7.12.2017).

289 Elspaß / Möller 2003 ff., Karte „Plural von ‚Mädchen‘“, Frage 5e.

290 Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache (Bd. 4, 1977: 2419). Das Duden. Universalwörterbuch (2001: 1041) kennzeichnet Mädel und Mädels ohne regionale Eingrenzung als umgangssprachlich. Als „bayr., österr.“ wird dort nur die Pluralform auf –n charakterisiert.

291 Zu erinnern wäre daran, dass beispielsweise schon im Nationalsozialismus im diskursiven Umfeld des BDM das Lexem Mädel überregional und inflationär verwendet wurde. Arendt Mihm verdanke ich den Hinweis, dass gegenwärtig zum Beispiel die Modefirma Hollister Kleidung für Jungs und Mädels anbietet (vgl. https://www.hollisterco.com/shop/eu-de/mädels-angebote, Stand: 23.9.2017). Mihm schlägt vor, Phänomene wie die überregionale Verwendung von Mädel mit dem Begriff eines „überregionalen Nonstandardsuperstrats“ zu fassen, ich danke ihm herzlich für den persönlichen Austausch hierzu.

292 Im regiolektalen Korpus freier Tischgespräche im Familien- und Freundeskreis, das zwischen 2004 und 2008 im Rahmen des Projekts „Sprachvariation in Norddeutschland (SiN)“ im ganzen norddeutschen Raum aufgezeichnet worden ist, findet sich unter 21.195 Wörtern kein einziger Beleg für ein l-Diminutiv, vgl. Ehlers (2011 a: 88).

293 /yː/ > /iː/ (fühle > fiele), /ʏ/ > /ɪ/ (Fülle > Fille), /øː/ > /eː/ (Söhne > Sehne), /œ/ > /ε/ (Götter > Getter), /ɔ͜y/ > /a͜ɪ/ (heute > haite). Vgl. zur Entrundung Barbour / Stevenson (1990: 91–93), die auch eine Karte zur arealen Verteilung gerundeter und ungerundeter Vordervokale im deutschen Sprachgebiet bringen, die die Nord-Südgliederung des Phänomens deutlich zeigt.

294 Für Mecklenburg verweist Teuchert (1957 / 58: 89) auf Entrundungsphänomene, die als „sprachliches Strandgut“ über die Seefahrt in das Niederdeutsche der Hafenstädte eingetragen worden seien und sich ehemals „am meisten ausgeprägt in Warnemünde“ manifestiert hätten. In den 1920er Jahren habe er selbst „noch einige Reste“ der Entrundung feststellen können, geht aber davon aus, dass sie sich bereits in den 1950er Jahren „nirgends mehr gehalten“ habe. Vgl. auch Beckmann (1960: 128–128).

295 Vgl. die Karte in König / Elspaß / Möller (2015: 148), die für die Entsprechung des Lexems müd-e in den Dialekten des ehemaligen deutschen Sprachgebietes eine weitgehend übereinstimmende Raumgliederung zeigt, wobei hier die Entrundungsisoglosse im Osten nördlich von Berlin verläuft.

296 Nach König / Elspaß / Möller (2015: 149) waren „im 17., 18. Jh. und noch im 19. Jh. […] in der gesprochenen Sprache die entrundeten Formen erlaubt“. Als Beispiel für die institutionelle Normierung der Vokal-Aussprache im 19. Jahrhundert sei hier nur auf die „zunächst für Schulen“ bearbeitete Grammatik von Heyse (1826: 16–17) verwiesen, die vorschreibt: „Das ü muß wohl unterschieden werden von i und ie.“ Heyse warnt auch, dass das ö „oft fehlerhaft mit e verwechselt wird“, und mahnt an, dass die Diphthonge in Wörtern wie „Häuser und heiser, heulen und heilen, Mäuse und Meisen, Feuer und Feier“ „in der Aussprache genau von einander unterschieden werden“ müssten. Der entsprechenden Passage seiner Schulgrammatik fügt er eine Reihe von „Übungsaufgaben zur Berichtigung der Aussprache aller einfachen und doppelten Vocale“ an (ebd.).

297 In der Vorleseaussprache des Schriftdeutschen waren bei Studenten auch im Süden der alten Bundesrepublik allerdings in den 1980er Jahren keine nennenswerten Belege mehr für entrundete ö, ü und eu zu verzeichnen (König 1989 Bd. 1: 47, 52, 60). Nach Wiesinger (2008: 50) wird die Umlautentrundung, die in den österreichischen Dialekten durchgängig vorherrsche, auch in der heutigen österreichischen Umgangssprache und Standardaussprache „als ‚primäres‘ Dialektmerkmal streng gemieden“.

298 Elmentaler (2015 c: 166–167), dort auf S. 156–157 ein knapper Forschungsbericht zur Rundung von kurzem i in den norddeutschen Regiolekten.

299 Elmentaler (2015 c: 163, Karte V7.4). „Eine (tendenzielle) Rundung der standarddeutschen i-Laute“ belegen auch aktuelle Erhebungen von Kehrein (2012: 309) und Vorberger (2017: 155) für den Regiolekt in Vorpommern.

300 Herr 26 entrundet ö und ü gelegentlich auch in den hier nicht in die Auswertung einbezogenen Kontexten vor r: z. B. Werter (‚Wörter), Birgerschule (‚Bürgerschule).

301 Auf die in den Interviews meiner Gewährsleute häufig zum Ausdruck kommende „Sachsenfeindlichkeit“ (Frau 51, 1954 AA BI: 119) wird im zweiten Band meiner Studie noch im Detail einzugehen sein.

302 Vgl. die Zeitzeugenerzählung am Anfang von Abschnitt 4.1.1. Insofern weichen die Verhältnisse auf der Ebene des Wortschatzes partiell von der prototypischen Situation der „dialects in contact“ ab, bei denen wechselseitige Verständlichkeit der Kontaktvarietäten grundsätzlich gewahrt ist und Konvergenzprozesse eher durch sozialpsychologische Motivationen angetrieben werden (Trudgill 1986: 1–2). Vgl. speziell für den Varietäten­kontakt in Deutschland nach 1945 / 1946 Leopold (1970 [1959]: 347).

303 Craig (1997: 262) wertet derartige Prozesse der „relexification“ als Anzeichen für einen bevorstehenden Sprachtod: „Relexification has been much discussed in the context of creolization and decreolization, but it is also found in instances of language shift, which lead to the death of a minority language […].”

304 Hier widersprechen meine Ergebnisse dem Befund Erdmanns (1992: 50), die im Bezirk Lüneburg beobachtet, dass in exogamen Ehen vereinzelt Lexeme schlesischer und westpreußischer Herkunft von Alteingesessenen aktiv übernommen wurden.

305 Trudgill (1986: 110) beschreibt den Erhalt und die Umwertung einzelner älterer Formen nach erfolgtem Varietätenausgleich wie folgt: „The new dialect has thus retained some of the regional variants present in the early mixture, but these have been reallocated to a stylistic function. This suggests a general principle: forms that are not removed during koinéization, as part of the focusing associ­ated with new-dialect formation, will tend to be reassigned according to certain patterns. One of these patterns is that retained variants may acquire different degrees of formality and be reallocated the function of stylistic variants.”

306 Ein weiteres Beispiel, das diese Tendenz – in allerdings schwacher quantitativer Ausprägung – veranschaulichen kann, ist die Realisierung von s im Wortanlaut vor Vokal (Suppe, sehen). Die stimmlose Artikulation des s [s] kann mit Mihm (2000: 2120) als allgemeines Merkmal der süddeutschen Umgangssprachen angesehen werden, dem „im Norden“ (König / Elspaß / Möller 2015: 245, Karte auf S. 244) die stimmhafte, ‚weiche‘ Aussprache des s [z] gegenüber steht. Letztere gilt für den genannten Lautkontext am Wortanfang zugleich als Standardlautung (Duden Aussprachwörterbuch 2005: 98). Neuere Erhebungen des Norddeutschen Sprachatlas belegen allerdings, dass stimmlose Anlautvarianten auch in den norddeutschen Umgangssprachen bei Sprecherinnen der mittleren Generation in breiter arealer Streuung auftreten, in der großen Mehrzahl der überprüften Gesprächssituationen allerdings Frequenzen von 5 % nicht weit überschreiten (Andresen 2015: 331, Karte K13). In meinem Interviewkorpus sind Nachwirkungen dieses Süd-Nord-Gegensatzes in der Vorkriegsgeneration durchaus noch zu einem geringen Grad nachzuweisen: Die zugewanderten Vertriebenen artikulieren das s im Anlaut noch zu durchschnittlich 8,5 % der abgehörten Belege stimmlos (n = 941). Bei drei Personen dieser Gruppe liegen die Anteile sogar zwischen 25 % und 40,2 % der Belege. Die gleichaltrigen Alteingesessenen realisieren das Anlaut-s dagegen nur zu durchschnittlich 3 % stimmlos (n = 910). In der Nachkriegsgeneration der beiden Herkunftsgruppen kommt es dann zu einem annähernden Sprachausgleich auf dem Niveau, das für diese Altersgruppe in ganz Norddeutschland üblich ist: Der Anteil der stimmlosen Realisierungen sinkt in der Nachkriegsgeneration der Vertriebenenfamilien auf 6,5 % (n = 645) (nur in einem Ausnahmefall erreicht er hier noch 21,3 %), bei den Alteingesessenen der Nachkriegsgeneration liegt er bei durchschnittlich 5,1 %. Bei der Aussprache des s im Wortanlaut lassen sich heute also noch vor allem bei Einzelpersonen aus der Vorkriegsgeneration der Vertriebenen Relikte der stimmlosen Artikulation feststellen, von denen aber die Nachkriegsgeneration der Vertriebenen weitgehend Abstand nimmt, indem sie sich dem Sprachgebrauch der Alteingesessenen annähert.

307 Hinskens / Auer / Kerswill (2005: 11): „Dialect levelling, the process which reduces variation both within and between dialects, is structural dialect loss.”

308 Wolf-Beranek (1976: 161), gegenüber dem rasch abgelegten Regiolekt haben sich die „sudetendeutschen Mundarten“ demnach sogar länger erhalten, weil man sie „als Vermächtnis der Heimat pflegte“.

309 „Prestige und Geltungsareal sind wohl auch die wichtigsten Faktoren, die sich im Zusammenhang mit der kontaktinduzierten Variantenwahl ausdrücken.“ (Mattheier 1996: 50). Die soziolinguistischen und perzeptionslinguistischen Rahmenbedingungen des hier beschriebenen sprachlichen Strukturwandels werden im zweiten Band der Studie zu analysieren sein.