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Unterstützen und Herausfordern ohne Worte

Nonverbale Kreditierung in psychotherapeutischen Erstgesprächen

von Lea-Sophie Richter (Autor:in)
©2026 Dissertation 218 Seiten
Reihe: Psychoanalyse im Dialog, Band 17

Zusammenfassung

Psychotherapie entfaltet ihre Wirksamkeit nicht nur durch Methoden und Techniken – entscheidend ist das einfühlsame Beziehungshandeln der Psychotherapeut:innen. Doch wie genau unterstützen Psychotherapeut:innen ihre Patient:innen darin, sich wieder als handlungsfähige Akteure zu erleben?
Das psychoanalytische Beziehungskonzept der Kreditierung kann hier Antworten geben. Es beschreibt ein dynamisches Wechselspiel aus Haltgeben und Herausfordern, das psychisches Wachstum begünstigt. Um zu ergründen, wie Psychotherapeut:innen kreditierende Beziehungshandlungen einsetzen, werden in der vorliegenden Studie drei psychotherapeutische Erstgespräche auf verbaler und nonverbaler Kommunikationsebene ausgewertet und miteinander verglichen.
Dabei lassen sich wertvolle Einblicke in die psychotherapeutische Beziehung gewinnen – insbesondere in ihren feinmaschigen Interaktionsfluss aus verbalen und nonverbalen Handlungen. Das Buch vermittelt diese Erkenntnisse sowohl detailreich als auch anschaulich.

Inhaltsverzeichnis

  • Abdeckung
  • Titelblatt
  • Copyright-Seite
  • Danksagung
  • Inhaltsverzeichnis
  • Abbildungsverzeichnis
  • Tabellenverzeichnis
  • 1. Einleitung: Die Kreditierung – Ein therapeutisches Beziehungs-und Kommunikationskonzept
  • 2. Theoretischer Hintergrund:Kreditierung als verbales und nonverbales Beziehungshandeln
  • 2.1 Die Kreditierung – Erste Schritte auf psychische Entwicklung zu
  • 2.1.1 Kreditierung und die kindliche Entwicklung
  • 2.1.2 Kreditierung in der psychotherapeutischen Beziehung
  • 2.1.3 Bildbeschreibung und Ausgangslage
  • 2.1.3.1 Die psychotherapeutische Triade
  • 2.1.3.2 Die sichere Basis
  • 2.1.3.3 Das Vertrauen des Therapeuten
  • 2.1.3.4 Die Empathie des Therapeuten
  • 2.1.3.5 Kreditierung und die Konzepte der Zuversicht und Hoffnung
  • 2.1.3.6 Die Akzeptanz und Anerkennung des Therapeuten
  • 2.2 Kreditierung und die Übertragungsbeziehung
  • 2.3 Die Wirkung von Kreditierung in der Therapie
  • 2.4 Studien zum Kreditierungskonzept
  • 2.5 Zusammenfassende Übersicht zur Kreditierung
  • 3. Nonverbales Verhalten und Psychotherapie: Zwischen Übertragung und Inszenierung
  • 3.1 Der Körper in der Psychotherapie
  • 3.2 Nonverbales Verhalten und Beziehung
  • 3.3 Mimisches Verhalten in der Psychotherapie
  • 3.3.1 Die Funktion von Mimik in Gesprächen und ihre Verbindung zur Sprache
  • 3.4 Inszenierungen und Enactments
  • 3.4.1 Die Komponenten von Inszenierungen in der Psychotherapie und ihre Funktion
  • 3.5 Synchronisationen in der Psychotherapie
  • 3.6 Fazit zu nonverbalem Verhalten in der Psychotherapie und zur Forschungslücke Kreditierung
  • 4. Methodisches Vorgehen zur Untersuchung des Kreditierungskonzepts auf mehreren Kommunikationsebenen
  • 4.1 Theoretische Hinführung
  • 4.2 Fragestellungen zur Erforschung des Kreditierungskonzepts auf verbaler und nonverbaler Ebene
  • 5. Durchführung: Vom Transkript zur Fallkontrastierung
  • 5.1 Drei Auswertungsmethoden: Kreditierungsanalyse, Mimikanalyse und Fallkontrastierung
  • 5.1.1 Kreditierungsanalyse
  • 5.1.1.1 Operationalisierung
  • 5.1.1.2 Vorgehen Kreditierungsanalyse
  • 5.1.2 Mimikanalyse
  • 5.1.2.1 Vorgehen Mimikanalyse
  • 5.1.3 Fallkontrastierung
  • 5.1.3.1 Vorgehen Fallkontrastierung
  • 5.1.4 Zusammenführung der verbalen und nonverbalen Daten
  • 6. Ergebnisse: Verbale und nonverbale Beziehungsdynamiken gesondert und im Vergleich
  • 6.1 Qualitative Inhaltsanalyse des Erstgesprächs mit Anouk
  • 6.1.1 Falldarstellung und inhaltliche Übersicht des Erstgesprächs
  • 6.1.2 Interaktionelle Kreditierungsleistungen der Therapeutin – Beschreibung und Auswertung der Segmente
  • Einbettung der Segmente in die Inhaltsangabe
  • 6.1.3 Quantitative Gegenüberstellung der Kreditierungsformen und Auswertung der Kreditierungskategorien
  • 6.1.4 Individuelle Kreditierungsmodi und therapeutisches Kreditierungsmuster
  • 6.2 Mimikanalyse mit FACS des Erstgesprächs mit Anouk
  • 6.2.1 Transkript und Beschreibung der Mimik und Gestik von Segment 1
  • 6.2.2 Transkript und Beschreibung der Mimik und Gestik von Segment 2
  • 6.2.3 Nonverbales Kreditierungsmuster der Therapeutin
  • 6.3 Qualitative Inhaltsanalyse des Erstgesprächs mit Flavio
  • 6.3.1 Falldarstellung und inhaltliche Übersicht des Erstgesprächs
  • 6.3.2 Interaktionelle Kreditierungsleistungen des Therapeuten – Beschreibung und Auswertung der Segmente
  • 6.3.3 Quantitative Gegenüberstellung der Kreditierungsformen und Auswertung der Kreditierungskategorien
  • 6.3.4 Individuelle Kreditierungsmodi und therapeutisches Kreditierungsmuster
  • 6.4 Mimikanalyse mit FACS des Erstgesprächs mit Flavio
  • 6.4.1 Transkript und Beschreibung der Mimik und Gestik von Segment 1
  • 6.4.2 Transkript und Beschreibung der Mimik und Gestik von Segment 2
  • 6.4.3 Transkript und Beschreibung der Mimik und Gestik von Segment 3
  • 6.4.4 Nonverbales Kreditierungsmuster des Therapeuten
  • 6.5 Qualitative Inhaltsanalyse des Erstgesprächs mit Pedro
  • 6.5.1 Falldarstellung und inhaltliche Übersicht des Erstgesprächs
  • 6.5.2 Interaktionelle Kreditierungsleistungen des Therapeuten – Beschreibung und Auswertung der Segmente
  • 6.5.3 Quantitative Gegenüberstellung der Kreditierungsformen und Auswertung der Kreditierungskategorien
  • 6.5.4 Individuelle Kreditierungsmodi und therapeutisches Kreditierungsmuster
  • 6.6 Mimikanalyse mit FACS des Erstgesprächs mit Pedro
  • 6.6.1 Transkript und Beschreibung der Mimik und Gestik von Segment 1
  • 6.6.2 Transkript und Beschreibung der Mimik und Gestik von Segment 2
  • 6.6.3 Transkript und Beschreibung der Mimik und Gestik von Segment 3
  • 6.6.4 Transkript und Beschreibung der Mimik und Gestik von Segment 4
  • 6.6.5 Nonverbales Kreditierungsmuster des Therapeuten
  • 6.7 Zusammenschau der Ergebnisse und Vergleich der therapeutischen Kreditierungsmuster
  • 6.7.1 Nachzeichnung der Beziehungsdynamik und Falleinschätzung
  • 6.7.1.1 Die Kreditierungsbeziehung bei Anouk
  • 6.7.1.2 Die Kreditierungsbeziehung bei Flavio
  • 6.7.1.3 Die Kreditierungsbeziehung bei Pedro
  • 6.7.2 Vergleich der Kreditierungsmuster der drei Sitzungen
  • 6.7.3 Mehrwert der Mimikanalyse und Implikationen für das Kreditierungskonzept
  • 7. Fazit und Diskussion: Mehrwert und Implikationen einer verbalen und nonverbalen Analyse des Kreditierungskonzepts
  • 7.1. Einordnung der Ergebnisse in die Theorie
  • 7.2 Implikationen
  • 7.2.1 Implikationen bei der Datenerhebung
  • 7.2.2 Implikationen bei der Datenanalyse
  • 7.3 Abschliessende Überlegungen und Ausblick
  • Literaturverzeichnis
  • Anhang
  • Verbatimtranskriptteile
  • Transkript Anouk 37-01-01
  • Transkript Pedro 38-07-01

Kapitel 1 Einleitung: Die Kreditierung – Ein therapeutisches Beziehungs-und Kommunikationskonzept

Positiv erlebte Beziehungen können etwas Kuratives haben: sie können beruhigen und einen Raum voller Geborgenheit und Wärme herstellen. Sie können Halt geben, innere Balance zurückschenken und einen positiven Ausblick auf die Zukunft eröffnen. Die Psychoanalyse weiss seit ihren Anfängen um die Macht von Beziehungen und hat sich diese zu Nutze gemacht, um bei ihren Klient:innen einen heilsamen Effekt zu erzeugen. Seit nunmehr über einem Jahrhundert und insbesondere in den letzten fünfzig Jahren erforscht sie intensiv die Beziehung zwischen Psychotherapeut:innen und ihren Patient:innen. In jüngster Zeit betrachtet sie in erster Linie die wechselseitige Behandlung zwischen Therapeut:in und Patient:in und schreibt ihren verbalen Akten explizite Handlungen mit ebendieser kurativen Wirkung zu.

In dieser Tradition stand die Forschergruppe um Prof. Dr. em. Brigitte Boothe, die ein neues therapeutisches Beziehungs- und kommunikatives Handlungs-Konzept – die Kreditierung – entwickelte, es intensiv beleuchtete und beschrieb. Es fusst auf der Auffassung, dass Entwicklung innerhalb einer wechselseitigen Beziehung innerhalb der Therapiedyade nur von statten gehen kann, wenn zwei Parameter innerhalb des Behandlungsraums – im Innen und im Aussen – gegeben sind: einmal ein Schutz bietender Raum und auf der anderen Seite eine fordernde Instanz, die den Schützling aus seinem Unterstand hervorlocken will, um ihm die Welt um ihn herum näher zu bringen und ihm eine Integration in diese (wieder) zu ermöglichen. Erst, wenn Patient:innen sich in ihrer Lebensumwelt wieder heimisch fühlen und in ihr selbstverantwortlich agieren können, kann von einem Therapieerfolg gesprochen werden.

Am ehemaligen Institut für Klinische Psychologie, Psychotherapie und Psychoanalyse an der Universität Zürich ist dieser Kreditierungsprozess eingehend auf verbaler Ebene beschrieben worden. Die Kreditierung wurde in unterschiedlichen Kontexten untersucht und es konnte gezeigt werden, dass sie einen nicht zu unterschätzenden Aufschluss über die Beziehung in der therapeutischen Dyade und über die spätere Qualität des Arbeitsbündnisses geben kann und diese beiden Vorgänge entscheidend mitgestaltet.

Psychodynamischen Schulen wird seit ihrer Entstehung nachgesagt, wenig klar abgrenzbare therapeutische Techniken bereitzustellen, die spezifisch genug sind, um ihre Wirkung auf die Beziehung innerhalb der therapeutischen Dyade wissenschaftlich messen zu können. Die Kreditierung mag hier als Gegenbeispiel für dieses oftmals unbegründete Vorurteil stehen. So ist sie in verbaler Form trennscharf operationalisier- und damit untersuchbar.

Ein wichtiger Faktor innerhalb dieses neuen Konzepts ist bislang allerdings noch nicht Gegenstand eingehender Untersuchung geworden: das nonverbale Verhalten. In der psychotherapeutischen Prozessforschung wird nonverbales Interaktionsverhalten, so z. B. die Mimik, Gestik und Körperhaltung ebenfalls mit Beziehungshandeln gleichgesetzt. Und in der Tat lassen sich Störungen in der Beziehungsregulation und -gestaltung häufig auf nonverbaler Ebene schon in der ersten Stunde besser erkennen als auf der einfacher trainier- und damit kaschierbaren verbalen Handlungsebene. Als typisches Beispiel stellen sich Patient:innen mit Borderline-Störung dar, die insbesondere im Erstkontakt ihrem inneren Kampf mit ihren gespaltenen Introjekten rein im nonverbalen Verhalten Ausdruck verleihen (können), da ihnen diese Aspekte ihres Selbst nicht zugänglich sind. Für die behandelnden Therapeut:innen bietet sich hier ein reicher Schatz an Material, mit dem sie, sofern sie die nötige Empathie und ein Auge dafür haben, die stabilisierende Arbeit an und mit der Beziehung beginnen können. Dass Therapeut:innen bei dieser Patient:innengruppe vermehrt mit nonverbal vermittelten Beziehungsbotschaften und Interventionen arbeiten müssen, liegt auf der Hand. Aber auch bei weniger schwer gezeichneten Patient:innengruppen konnte die nonverbale Prozessforschung darlegen, dass sie sich vermehrt auch am nonverbalen Verhalten ihrer Therapeut:innen orientieren und unmittelbar auf sie reagieren, dies besonders im Erstkontakt.

Wie genau sich diese nonverbalen Mittel zum Beziehungsaufbau präsentieren, ist bis heute allerdings nur wenig systematisch erforscht worden. Dies einmal aus dem Grund, dass Therapeut:innen als ein unspezifischer Wirkfaktor in der Psychotherapie betrachtet werden, der schwer fassbar ist. Zu sehr greifen Beziehungsaspekte der beiden Gesprächsparteien ineinander und bedingen sich gegenseitig. Der andere Grund mag in der Fülle nonverbaler Zeichen liegen, die sich innerhalb weniger Sekunden eines Gespräches dem Betrachter/der Betrachterin darbieten, die aber schwer zu fassen und zu ordnen sind. In der Interaktion der beiden Gesprächspartner entsteht ein Strom aus Aktion und Reaktion, der blitzschnell und oft subtil vonstatten geht. Welche Aktion welche Reaktion hervorrief, ist innerhalb dieses dichten Stromes an nonverbalem, paraverbalem und auch verbalem Verhalten oftmals nicht mehr eruierbar. Daher wird der Einfachheit halber meist auf eine quantitative Datenanalyse zurückgegriffen. Da sich mit dieser eher gross angelegten Technik allerdings nicht zu einem tieferen Verständnis der nonverbalen Parameter der Beziehungsregulation durch die einzelnen Therapeut:innen gelangen lässt, ist der Ruf nach qualitativen Einzelfallstudien in den letzten Jahren immer lauter geworden.

Hier soll diese Arbeit ansetzen. Das Beziehungs- und Kommunikationskonzept der Kreditierung, das als eine Kreuzung aus stützenden Verfahren und Deutung angesehen werden kann, soll anhand unterschiedlicher Methoden sowohl auf verbaler als auch auf nonverbaler Ebene in drei psychoanalytischen Erstgesprächen erfasst und eingehend untersucht werden.

Durch eine explorativ angelegte vergleichende qualitative Studie von drei Einzelfällen sollen neue Hypothesen auf diesem Gebiet erstellt und somit eine Lücke innerhalb der jetzigen, der Autorin bekannten Psychotherapieforschung geschlossen und zu weiteren Studien in dieser Richtung angeregt werden.

Im theoretischen Teil der Arbeit werden die Grundkonzepte behandelt.

Details

Seiten
218
Erscheinungsjahr
2026
ISBN (PDF)
9783034356732
ISBN (ePUB)
9783034356749
ISBN (Paperback)
9783034356725
DOI
10.3726/b22656
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2026 (September)
Schlagworte
Psychoanalyse Kreditierung Wirkfaktor Psychotherapeut psychotherapeutische Beziehung nonverbal Körpersprache Inhaltsanalyse Fallvergleich Einzelfallforschung Herausfordern Mut machen Stützen Gesprächsführung
Erschienen
Lausanne, Berlin, Bruxelles, Chennai, New York, Oxford, 2026. 218 S., 2 farb. Abb., 4 s/w Abb., 18 Tab.
Produktsicherheit
Peter Lang Group AG

Biographische Angaben

Lea-Sophie Richter (Autor:in)

Lea-Sophie Richter promovierte im Jahr 2015 in Psychologie an der Universität Zürich. Von 2011 bis 2022 lehrte sie an Weiterbildungsinstituten zu ihrem Forschungsschwerpunkt Nonverbale Kommunikation in der Psychotherapieforschung. Gegenwärtig arbeitet sie als Psychologische Psychotherapeutin und Psychoanalytikerin nach C.G. Jung in eigener Praxis.

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Titel: Unterstützen und Herausfordern ohne Worte