Theologie und Gesellschaft in den Brüchen der Gegenwart
Für Alois Halbmayr
Zusammenfassung
Dass diese unvorhersehbaren Entwicklungen und Brüche nicht Anlass zur Resignation sein müssen, sondern neue Aufmerksamkeit und eine kritische Auseinandersetzung mit aktuellen Tendenzen in Gesellschaft und Kirche bewirken können, zeigen die Beiträge dieses Bandes, der dem systematischen Theologen Alois Halbmayr (Universität Salzburg) zum 65. Geburtstag gewidmet ist.
Leseprobe
Inhaltsverzeichnis
- Umschlag
- Titelseite
- Impressum
- Inhaltsverzeichnis
- Abbildungsverzeichnis
- Tabellenverzeichnis
- Vorwort
- Teil 1 Theologie und Religion
- Toleranz – heute (Heinrich Schmidinger)
- Spirit of Spirituality (Martin Rötting)
- Vom Verszählen (Christina M. Kreinecker)
- Teil 2 Theologie, Kirche und Gesellschaft
- Befreiungstheologie nach der „Zeitenwende“? (Franz Gmainer-Pranzl)
- Katholische Soziallehre (Andreas Exner)
- Nicht mehr gebraucht!? (Birgit Bahtić-Kunrath)
- Theologie in einer Gesellschaft der Gegenwarten (Gregor Maria Hoff)
- „Der neue Gott unserer Zeit“ (Franz Gruber)
- Wider die Demütigungen (Hans-Joachim Sander)
- Teil 3 Theologie, Frieden und Bewahrung Der Schöpfung
- Von Verdun nach Kiew (Hans-Joachim Höhn)
- „Ich kann das nicht erzählen. Ich kann nicht…“ (Josef P. Mautner)
- Krisenprävention, Abrüstung und Bewahrung der Schöpfung als Leitbild für christliches Friedenshandeln (Martina Fischer)
- Zusammen nach Wegen der Befreiung suchen (Ernst Fürlinger)
- „Mut und Klarheit“ (Martina Berthold)
- Sichtbarkeit und Protest (Stefan Kosak/Claudia Paganini/Vincent Schäfer)
- Teil 4 Theologie und Literatur
- „Bitte gern!“ (Rudolf Habringer)
- Grabenkämpfe im literarischen und theologischen Gelände (Ulrike Tanzer)
- Wie geht es weiter? (Martin Dürnberger)
- Autorinnen und Autoren
xiiiVorwort
Aktuelle Entwicklungen, die in den letzten Jahren von Umbrüchen, Verwerfungen und Krisen geprägt waren, beschäftigen zurzeit viele Menschen in Politik und Religion, Gesellschaft und Kirche, in Sozial-, Human- und Kulturwissenschaften sowie in der Theologie. Um diese „Brüche der Gegenwart“ geht es im vorliegenden, interdisziplinär konzipierten Band – allerdings nicht nur im Sinn einer allgemeinen Analyse, sondern mit Blick auf die Lehre und Forschung eines Kollegen an der Salzburger Theologischen Fakultät, der sein Fach Dogmatik stets mit Blick auf die gesellschaftlichen Herausforderungen und Fragen der Gegenwart vertreten hat: Alois Halbmayr. In diesem Sinn legt dieser Band Analysen und Überlegungen aus unterschiedlichen Bereichen und Disziplinen vor und möchte mit diesen Beiträgen nicht zuletzt Dankbarkeit zum Ausdruck bringen.
Seit dem Jahr 1994 ist Alois Halbmayr an der Theologischen Fakultät tätig; mit Herbst 2026 geht er in Pension. Im Fach Dogmatik las er zentrale Traktate wie Gotteslehre, Christologie, Theologische Anthropologie und Pneumatologie, setzte aber auch profilierte Akzente durch seine Auseinandersetzung mit ökonomischen, gesellschaftlichen und sozialen Problemstellungen. Systematisch-theologische Expertise, interdisziplinäre Kompetenz und Aufmerksamkeit für gesellschaftliche Entwicklungen zeichnen die Forschung und Lehre von Alois Halbmayr aus – weit über die unmittelbare Arbeit am Fachbereich für Systematische Theologie hinaus. Dazu kommt sein Engagement als Fachbereichsleiter und Dekan, in dem er die Geschichte der Fakultät, aber auch aktuelle Herausforderungen und Zukunftsfragen der Fakultät in den Blick nahm und immer wieder das Gespräch zwischen Vertreterinnen xivund Vertretern wissenschaftlicher Theologie, kirchlichen Lebens, Kunst, Kultur und Politik anregte.
Deshalb erschien es uns selbstverständlich, zu diesem Anlass keine rein theologische „Festschrift“ vorzulegen, sondern ein Buch, das sich mit den vielfältigen Umbrüchen im sozialen und politischen Geschehen der Gegenwart befasst. Alle diese Entwicklungen scheinen eines gemeinsam zu haben: Das Recht der Stärkeren ist im Begriff, eine von Grundrechten und ethischen Haltungen getragene Gesellschaftsordnung abzulösen. Schrille Inszenierungen und populistische Botschaften übertönen oft die differenzierte und sachliche Diskussion. Die „glückliche Klarheit“ (Roland Barthes) scheint die „Anstrengung des Begriffs“ (Georg W. F. Hegel) zu verdrängen. Vor diesem Hintergrund stellt sich die drängende Frage: Welchen Platz haben die christlichen Kirchen mit ihrer Theologie und Ethik in einem von vielen als bedrohlich empfundenen Geschehen? Und welche Bedeutung kommt der theologischen Wissenschaft – im Dialog mit vielen anderen Disziplinen an der Universität – weiterhin (oder „noch“) zu?
An diesem Buch haben sich Kolleginnen und Kollegen aus mehreren Universitäten sowie aus unterschiedlichen Bereichen von Gesellschaft und Kirche beteiligt, um ihren Dank an Alois Halbmayr zu formulieren – in Form von Beiträgen, in denen sie über die „Brüche der Gegenwart“ nachdenken. Unser Anliegen war es, sowohl theologische Perspektiven auf die gegenwärtigen Umbrüche als auch Stimmen aus Gesellschaft, Politik und Wissenschaft, die mögliche Ressourcen von Theologie und Kirche zur Auseinandersetzung mit den aktuellen Krisen benennen, zu Wort kommen zu lassen. Diese beiden Perspektiven (aus der Theologie und auf die Theologie) werden aber nicht in getrennten Blöcken positioniert, sondern im Miteinander. Vielleicht ist ja dieser interdisziplinäre Dialog bereits ein erster Schritt, um den Krisen und Brüchen der Gegenwart mit einer konstruktiven und von Zuversicht geprägten Haltung zu begegnen?
Salzburg, im November 2025
Franz Gmainer-Pranzl – Josef P. Mautner
3Toleranz – heute Ein Essay
Abstract
A pluralist society, which is a necessary feature of a democratic constitutional state, can only survive long term if it pledges to follow an ethos or ethics of tolerance. Considering this, it is important to recognise the challenges that shape contemporary discourse on tolerance and to reflect on the conditions that make tolerance possible today. The greatest challenges include globalisation, the new era of media, the retreat of democracies, new forms of intolerance (especially the “dictatorship of tolerance”) and the postmodern relativisation of the human subject. In contrast, the conditions that must exist for tolerance to be practised meaningfully include: peace as a condition for equity and justice, confidence in the effectiveness of argumentative discourse, education towards a culture of language and communication, trust in the rule of law and in political institutions and a recognition of the limits of tolerance.
Keywords: Tolerance/Intolerance, ethics, peace, justice, argumentation
Das Thema Toleranz ist heute in aller Munde, weil sich verbreitet die Einsicht durchsetzt, dass im Großen wie im Kleinen das Gelingen von Gemeinschaft davon abhängt, ob sie sich auf Toleranz versteht und zum Ziel setzt, aus der Toleranz als ihrem ethischen Grundprinzip zu leben. Ohne gleich genau definieren zu müssen, was „Toleranz“ bedeutet, leuchtet unmittelbar ein, warum dies so empfunden wird: Wie soll eine pluralistische Gesellschaft als jene Form von Gesellschaft, die weltweit immer mehr zum Normalfall des Gemeinwesens geworden ist, anders existieren können als dadurch, dass in ihr die unaufhebbaren Differenzen in den Weltanschauungen sowie in den Lebensformen Anerkennung finden – mit Blick auf einen gemeinschaftlich-gesellschaftlichen Grundkonsens hinsichtlich bestimmter Werte und daraus resultierender Rechte? Wie könnte aus der Schicksalsgemeinschaft, zu welcher die Menschheit im Zuge der Globalisierung geworden ist bzw. unaufhaltsam wird, die dringend erforderliche Weltgemeinschaft entstehen, wenn dies nicht im Geiste von Toleranz geschähe? Gewiss, es geht auch anders, es ist auch ohne Toleranz möglich – Geschichte und Gegenwart illustrieren es in erdrückender Evidenz. Immerhin kommt aber selbst dann immer mehr zu Bewusstsein, worin der Preis für Nicht-Toleranz besteht, nämlich in der Verletzung der Würde des Menschen, im Verlust der Freiheit des/der Einzelnen 4sowie in der Missachtung der aus der menschlichen Würde erwachsenen Rechte, der Menschenrechte.
Für die pluralistischen Gemeinschaften, die sich heute bilden bzw. dabei sind, sich weiterzuentwickeln, ist es – wie schon so oft – zu einer Lebens-, Überlebensfrage geworden, ob sie sich auf den Grundkonsens verständigen, dass ihr gemeinschaftliches Zueinander nach dem ethischen Prinzip der Toleranz gestaltet sein muss. Deshalb erweist es sich als notwendig, ins Detail zu gehen und zu präzisieren, was Toleranz prinzipiell bedeutet und was vor allem in den gegenwärtigen Diskursen darunter verstanden wird. Letzteres sei betont, weil das Verständnis von Toleranz einem beträchtlichen kulturgeschichtlichen Wandel unterliegt und weil deshalb auch alles Heutige, was darüber zur Sprache kommt, keinesfalls als etwas Ultimatives oder gar Absolutes genommen werden darf, sondern als ein Momentum innerhalb eines vielverzweigten Verständigungs- und Verständnisprozesses aufscheint, der nach vorne, in die Zukunft hinein, offenbleibt. Was immer diesem Lernprozess entnommen werden mag, aus der Geschichte heraus oder im Blick auf die Herausforderungen der Gegenwart: Es lässt sich als eine mögliche Zwischenbilanz betrachten, deren Wert sich daran bemessen wird, ob durch sie die Toleranz-Debatten unserer Tage vorangebracht worden sind. Freilich geht es dann nicht bloß um Debatten im engeren Sinne. Toleranz will gelebt sein – als praktisches Verhalten, als konkrete Tugend, als Verwirklichung eines Ethos. Deshalb erfordert eine Reflexion auf den heutigen Stellenwert von Toleranz ebenso eine Analyse der Bedingungen ihrer Möglichkeit in der gegenwärtigen Welt.
Duldung und Anerkennung
Da es nach Ludwig Wittgenstein nicht mehr angebracht zu sein scheint, nach dem Wesen einer Sache zu fragen, sondern besser den sprachlich-lebensweltlichen Gebrauch von Wörtern oder Begriffen zu analysieren, lässt sich im Falle des Substantivs „Toleranz“ bzw. des Verbums „tolerieren“ konstatieren: Jedes Mal, wenn die Rede darauf kommt, ist zunächst nichts anderes als eine Strategie zur Vermeidung oder zur Lösung eines Konflikts gemeint. Das Besondere dieser Strategie liegt darin, dass durch sie die Differenzen, die den Konflikt erzeugen, nicht aufgelöst oder behoben, sondern festgehalten und akzeptiert werden. Toleranz markiert allemal eine Differenz, 5die als solche hingenommen, geduldet, anerkannt – eben toleriert wird. Wo es keine Differenz gibt, macht es keinen Sinn, von Toleranz zu sprechen. Umgekehrt büßte die Toleranz ihre Besonderheit ein, wenn sie sich im bloßen Festhalten der Differenzen erschöpfte. Sie gliche dann jenem Blick, der vor lauter Bäumen keinen Wald sieht, und ihr Beitrag zur Konfliktbewältigung reduzierte sich darauf, die Differenzen zu benennen. Das einzige Resümee, das sich dank ihrer ziehen ließe, läge tatsächlich in jenem anything goes, welches dem Toleranz-Standpunkt in heutigen Auseinandersetzungen so oft vorgeworfen wird. Das Höchste der Gefühle, das den Kontrahenten widerführe, beschränkte sich auf die gegenseitige Duldung von „egal was“.
Details
- Seiten
- XIV, 410
- Erscheinungsjahr
- 2026
- ISBN (PDF)
- 9783631943854
- ISBN (ePUB)
- 9783631943861
- ISBN (Hardcover)
- 9783631943847
- DOI
- 10.3726/b23222
- Sprache
- Deutsch
- Erscheinungsdatum
- 2026 (Juni)
- Schlagworte
- Rechtspopulismus gesellschaftliche Brüche Religion und Literatur Klimakrise Friedensethik Geld Kirche und Gesellschaft Katholische Soziallehre Spiritualität Toleranz Befreiungstheologie
- Erschienen
- Berlin, Bruxelles, Chennai, Lausanne, New York, Oxford, 2026. xiv, 410 S. 6 farb. Abb., 2 s/w Abb., 10 Tab.
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