Vertrauen in Paarbeziehungen
Reflexionen aus Sicht theologischer Beziehungsethik
Summary
Excerpt
Table Of Contents
- Abdeckung
- Titelblatt
- Copyright-Seite
- Hingabe
- Inhaltsverzeichnis
- Vorwort und Danksagung
- Hinführung
- Teil I Der Übergang zur Beziehungsethik: Ein Paradigmenwechsel in der theologisch-ethischen Betrachtung von Ehe und Partnerschaft
- 1 Rückblick: Der lange Entwicklungsweg von der Sexualmoral zur Beziehungsethik
- 1.1 Sexualmoral und Ehelehre im Diskurs – Entwicklungen bis zum 2. Vatikanischen Konzil
- 1.1.1 Ausgangslage: Die Moraltheologie und Ehelehre der Neuzeit
- 1.1.2 Impulse zur Weiterentwicklung der Ehelehre
- a) Soziologische Veränderungen im Hinblick auf Ehe und Familie
- b) Geistesgeschichtliche Veränderungen: phänomenologischer Personalismus
- 1.1.3 Theologische Auseinandersetzungen um die Ehelehre bis zum 2. Vatikanischen Konzil
- 1.2 Die Ehelehre des 2. Vatikanischen Konzils in Gaudium et spes
- 1.2.1 Theologische Grundlagen der Ehelehre des Konzils
- a) Die Person im Zentrum der Theologie
- b) Impulse für die Neuorientierung der Moraltheologie
- 1.2.2 Personale Reformulierung der Ehelehre in Gaudium et spes
- 1.2.3 Die Ehelehre des 2. Vatikanischen Konzils als Durchbruch zur Beziehungsethik?
- 1.3 Die Entwicklung einer Beziehungsethik seit dem 2. Vatikanischen Konzil
- 1.3.1 Beziehungsethische Ansätze in ausgewählten lehramtlichen Dokumenten
- a) Humanae vitae (1968)
- b) Familiaris consortio (1981)
- c) Amoris laetitia (2016)
- 1.3.2 Die Situation in Theologie und Pastoral nach dem Konzil
- 1.3.3 Die Debatte um den sexuellen Missbrauch als Impuls zu neuer Diskussion
- 2 Aktuelle Bestandsaufnahme: Strukturelemente einer theologischen Beziehungsethik
- 2.1 Die ganze Paarbeziehung als Gegenstand beziehungsethischen Nachdenkens
- 2.2 Leitprinzipien beziehungsethischen Nachdenkens
- 2.2.1 Die Leitprinzipien Personalität und Verantwortung
- 2.2.2 Aufmerksamkeit für die Realisierung sittlicher Wertüberzeugungen
- 2.2.3 Bewusstsein der Gradualität des Erfassens und Umsetzens sittlicher Werte
- 2.2.4 Achtung der in einer konkreten Paarsituation getroffenen Gewissensurteile
- 2.2.5 Sensibilität für individuelle Biografien und die jeweilige Paargeschichte
- 2.3 Intention einer Beziehungsethik: das Gelingen von Paarbeziehungen unterstützen
- 2.3.1 Keine Betonung der Mängel, sondern der Hoffnungs- und Ermutigungsdimension
- 2.3.2 Persönlichkeitsbildung durch (relationale) Kompetenzen
- 2.3.3 Aufzeigen der Gottesbeziehung und Sakramentalität der Ehe als Unterstützung
- 2.3.4 Schutz vor Ausbeutung, Machtmissbrauch und Geschlechterungerechtigkeit
- 3 Zwischenergebnis: Der Übergang zur Beziehungsethik und Ansatzpunkte zur weiteren Vertiefung
- Teil II Vertrauen als grundlegende Dimension zwischenmenschlicher Beziehungen im Fokus interdisziplinärer Forschung
- 4 Vertrauen zwischen alltäglicher Relevanz und wissenschaftlicher Vertrauensforschung
- 4.1 Schwierigkeiten der wissenschaftlichen Untersuchung des Phänomens Vertrauen
- 4.2 Warum wurde Vertrauen in den letzten Jahren verstärkt Thema der Forschung?
- 5 Forschungsüberblick: Der Mensch in seinen Vertrauensbeziehungen
- 5.1 Grundvertrauen als erster Vertrauensbezug des Menschen
- 5.1.1 Grundvertrauen im Sinne eines Urvertrauens am Lebensanfang
- 5.1.2 (Grund-)Vertrauen als Antwort auf die menschliche Vulnerabilität
- 5.2 Vertrauen in nahen zwischenmenschlichen Beziehungen
- 5.2.1 Kognitive Konzeptionen von Vertrauen
- 5.2.2 Relationale Konzeptionen von Vertrauen
- 5.3 Vertrauen im Kontext professioneller Fürsorge-Beziehungen
- 5.4 Vertrauen in der Arbeitswelt und in wirtschaftlichen Beziehungen
- 5.5 Die Bedeutung von Vertrauen für Politik und Gesellschaft
- 6 Zwischenergebnis: Vertrauen als Verstehensbedingung von Beziehungen
- Teil III Vertrauen als grundlegende Dimension von Paarbeziehungen aus paartherapeutischer Sicht
- 7 Die praktische Relevanz von Vertrauen für Paarbeziehungen
- 7.1 Allgemeiner Konsens: Vertrauen als wichtige Ressource in Paarbeziehungen
- 7.2 (Methodische) Schwierigkeiten der Erforschung von Vertrauen in Liebesbeziehungen
- 7.3 Der Blick der Paartherapie als Ergänzung zur psychologischen Forschung
- 8 Die Funktionen des Vertrauens für Partnerschaften aus paartherapeutischer Sicht
- 8.1 Gesellschaftliche Bedingungen von und Ansprüche an Partnerschaft heute
- 8.1.1 Die gegenwärtige Struktur von Partnerschaft, Ehe und Familie
- 8.1.2 Verunsicherung durch gesellschaftliche Erwartungen und Idealbilder
- 8.1.3 Mit den Unvollkommenheiten der eigenen Partnerschaft umgehen können
- 8.1.4 Vertrauen kann Sicherheit geben
- 8.2 Psychologische Faktoren der Paarbeziehung und individuelle Könnensbedingungen
- 8.2.1 Prägung durch die Herkunftsfamilie und frühere Beziehungserfahrungen
- 8.2.2 Gemeinsamkeiten und Polaritäten in der Partnerschaft
- 8.2.3 Fähigkeit mit den eigenen Emotionen umzugehen
- 8.2.4 Vertrauen als Ergebnis von Wertschätzung und Selbstöffnung
- 8.3 Die gemeinsame Gestaltung der Paarbeziehung
- 8.3.1 Bewältigung von Konflikten und gegenseitigen Verletzungen
- 8.3.2 Grenzen setzen: Ausgleich, Ordnung und Balance
- 8.3.3 Eine gemeinsame Welt aufbauen
- 8.3.4 Sexuelle Intimität in der Partnerschaft
- 8.3.5 Vertrauen auf die und durch die partnerschaftliche Basis
- 8.4 Interpersonale Haltungen in einer Paarbeziehung
- 8.4.1 Commitment für die und Treue zur Partnerschaft
- 8.4.2 Das gemeinsame Narrativ der Partnerschaft
- 8.4.3 Leibliche Empathie und emotionale Einfühlung
- 8.4.4 Vertrauen wächst interpersonal
- 9 Zwischenergebnis: Vertrauen als Gelingensbedingung von Paarbeziehungen
- Teil IV Die Bedeutung von Vertrauen für die theologisch-ethische Betrachtung von Paarbeziehungen
- 10 Grundsätzliche Überlegungen zur ethischen Relevanz des Vertrauens
- 10.1 Ethische Momente des Vertrauens
- 10.1.1 Am eigenen Vertrauen arbeiten
- 10.1.2 Vertrauenswürdigkeit als Aufgabe des Individuums
- 10.1.3 Normativität und Verantwortung: Umgang mit empfangenem Vertrauen
- 10.2 Schwierigkeiten bei der Verortung des Vertrauens in ethischen Theorien
- 10.2.1 Vertrauen ist nicht immer (moralisch) gut und richtig
- 10.2.2 Vertrauen kann keine Verpflichtung sein
- 10.2.3 Vertrauen kann nicht eingefordert werden
- 10.2.4 Vertrauen ist keine Tugend
- 10.3 Die spezifische Verortung des Vertrauens in der ethischen Theoriebildung
- 11 Die ethische Relevanz des Vertrauens erweist sich in der menschlichen Relationalität
- 11.1 Exkurs: Relationalität als bedeutendes Thema neuerer Ethik-Diskurse
- 11.1.1 Care: Die Debatte um eine Fürsorge-Perspektive in der Ethik
- 11.1.2 Die Bedeutung der menschlichen Vulnerabilität für ethische Überlegungen
- 11.1.3 Relationale Konzeptionen sittlicher Autonomie
- 11.2 Die Relationalität der Person als Grund der ethischen Relevanz des Vertrauens
- 11.3 Vertrauen als ethisch relevante Dimension konkreter relationaler Praxis
- 12 Zusammenschau der Ergebnisse: Vertrauen als zentrale Kategorie der theologisch-ethischen Betrachtung von Paarbeziehungen
- 12.1 Vertrauensbezüge auf der Ebene des Gegenstands beziehungsethischen Nachdenkens
- 12.2 Vertrauensdimensionen in den Leitprinzipien beziehungsethischen Nachdenkens
- 12.3 Die Bedeutung des Vertrauens für die Intention einer theologischen Beziehungsethik
- 12.4 Vertrauen als Kategorie theologischer Beziehungsethik: Fazit und Ausblick
- Literaturverzeichnis
- Angeführte und zitierte kirchliche und lehramtliche Texte
- Angeführte und zitierte Literatur
Vorwort und Danksagung
Die vorliegende Arbeit wurde von der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn als Dissertation angenommen. Sie entstand in Etappen über einen längeren Zeitraum, wobei auch das Thema mehrere inhaltliche Weiterentwicklungen durchlief. Wenn ich auf diesen langen Entstehungsweg zurückblicke, bin ich dankbar für die Möglichkeit der intensiven und tiefen Beschäftigung mit diesen existenziellen Themen. Ich durfte viel lernen über Vertrauen als ethisches Fundament des menschlichen Lebens sowie die Bedeutung von Beziehungen für den Menschen – es gibt uns nicht ohne, wir sind zutiefst relational geprägt und entfalten uns in Beziehungen zu anderen. Hoch spannend war auch das konkrete Feld der Paarbeziehungen: Was lässt Partnerschaft gelingen? Welche Beziehungskompetenzen braucht es hierfür? Was sagen Paartherapeut_innen dazu?
Sehr dankbar bin ich darüber hinaus, dass diese Arbeit mich zu einem tieferen Verständnis verschiedener Entwicklungen in der Moraltheologie führte. Dies war für mich ein überaus spannender intellektueller Prozess, der in meinem theologischen Denken einiges veränderte.
Für die Unterstützung auf diesem Weg möchte ich mich zunächst bei den Gutachtern meiner Arbeit in chronologischer Reihenfolge bedanken: Prof. Dr. Gerhard Höver danke ich dafür, dass er mich als Doktorandin annahm und mich im Bereich der Partnerschafts- und Sexualethik auf das Thema Vertrauen brachte. Nach seiner Emeritierung übernahm er die Zweitkorrektur meiner Arbeit.
Prof. Dr. Dr. Jochen Sautermeister übernahm nach seiner Berufung nach Bonn mein Dissertations-Projekt als Erstgutachter, wofür ich ihm sehr dankbar bin. Er war an der inhaltlichen Weiterentwicklung meines Themas maßgeblich beteiligt.
Der lange Weg hin zur fertigen Doktorarbeit wäre ohne Weg-Gefährtinnen und -Gefährten nicht zu bewältigen gewesen. Zu nennen sind hier zunächst die anderen Doktorand_innen der Moraltheologie in Bonn, mit denen ich spannende Oberseminare und Diskussionen erlebte, aber auch konkrete Hilfestellungen oder unterstützende Gespräche beim Kaffee. Stellvertretend für alle möchte ich besonders Viktoria Lenz und Paulina Ernst danken sowie meiner Doktoranden-Peergroup Myriam Wurm und Simon Konermann.
Eine Unterstützung auf meinem Weg war auch das Netzwerk Moraltheologie, ein jährliches Treffen für Promovierende und Habilitierende in der Moraltheologie. Ich bin sehr dankbar für alle anregenden inhaltlichen Diskussionen, den intensiven Erfahrungsaustausch über Höhen und Tiefen des Promovierens und die Motivation, die ich immer aus diesen Tagungen gezogen habe.
Mit vielen Freunden und Bekannten habe ich während des Schreibens interessante Gespräche über Vertrauen, Beziehungsethik oder Paartherapie geführt. Bedanken möchte ich mich vor allem bei Anabel Soler für unzählige Diskussionen über meine Arbeit sowie bei Julia van der Linde, Benedikt Rauw und Helga Kegel für das Korrekturlesen.
Außerdem waren mir viele gute Freunde eine große Hilfe, die mir mit Geduld immer wieder zugehört haben, wenn das Promovieren mal keine Freude war. Stellvertretend für alle möchte ich mich bedanken bei Milena, Christian, Peter, Thomas und meinem Bruder Artur. Ein besonderer Dank gilt meinem Partner Georg für die große Unterstützung und jede Ermutigung in den letzten Jahren – ohne Dich wäre so vieles deutlich schwieriger gewesen!
Adrian Stähli und Geetha Muthu Raman vom Peter Lang Verlag danke ich für die gute Betreuung während der Phase der Veröffentlichung. Für einen finanziellen Zuschuss zu den Druckkosten danke ich meinem Arbeitsgeber, dem Caritasverband für das Erzbistum Köln.
Hinführung
In der 18. Shell-Jugendstudie von 2019 wurden die 12–25jährigen Jugendlichen nach den bedeutsamen Werten ihres Lebens gefragt. Der Wert „Einen Partner1 haben, dem man vertrauen kann“ wurde von 94% der Befragten als wichtig eingeschätzt.2 Diesem, auch von anderen Umfragen belegten,3 deutlichen und seit Jahren stabilen Wunsch in der Bevölkerung nach einer guten und vertrauensvollen Paarbeziehung steht die Realität einer großen Anzahl von scheiternden Partnerschaften und Ehen gegenüber, was auch die konstant hohen Scheidungszahlen4 in Deutschland belegen – im Jahr 20195 waren es beispielsweise 149.010.6 Beiträge aus Psychologie und Familiensoziologie weisen schon länger auf den Umstand hin, dass sowohl Partnerschaft als auch das Rechtsinstitut Ehe trotz hoher Scheidungszahlen nicht an Attraktivität eingebüßt haben,7 und belegen durch Studien die Bedeutung von Partnerschaft und Ehe für die subjektive Lebenszufriedenheit.8 Auch in heutigen Paarbeziehungen scheint der Wunsch nach Dauerhaftigkeit stark verwurzelt, so hielt beispielsweise laut Umfragen zum Zeitpunkt ihrer Eheschließung nur eine sehr geringe Minderheit von Geschiedenen die Scheidung ihrer Ehe für möglich.9 Soziologische Untersuchungen kommen daher zu dem Schluss, dass die hohen Scheidungszahlen nicht Ausdruck einer abnehmenden Bedeutung von Ehe oder verbindlichen Partnerschaften sind, sondern ihre Hauptursache in den gestiegenen Ansprüchen an die Qualität der Paarbeziehung liegt, da häufig eine Ehe gerade deshalb aufgelöst wird, weil die Partner die hohen emotionalen und ideellen Erwartungen an diese Lebensform nicht aufgeben wollen.10
Dies muss auch in Zusammenhang mit dem Bedeutungsverlust äußerer stabilisierender Faktoren von Ehen in den vergangenen Jahrzehnten gesehen werden wie ihrer wirtschaftliche Relevanz als Versorgungsgemeinschaft oder gesellschaftlichen und religiösen Konventionen,11 sodass Paare heute nicht aufgrund äußerer Erwartungen, sondern aufgrund der subjektiv erlebten Beziehungsqualität zusammen bleiben.12 Vor diesem Hintergrund und angesichts des oben genannten konstanten Wunsches einer Mehrheit der Menschen nach vertrauensvollen und glücklichen Paarbeziehungen steigt das Interesse an Faktoren und Bedingungen, die die Beziehungsqualität beeinflussen und Paarbeziehungen gelingen lassen.
Die Frage nach den Gelingensbedingungen von Ehe und Partnerschaft ist auch für die theologisch-ethische Reflexion bedeutsam, denn dieser geht es sowohl um die Frage nach dem moralisch richtigen Urteilen und Handeln als auch um die Frage nach dem guten und sinnvollen Leben.13 Für die theologisch-ethische Betrachtung von Paarbeziehungen wurden in den letzten Jahren verstärkt beziehungsethische Ansätze14 formuliert,15 die sich, anders als die traditionelle Sexualmoral, nicht auf einzelne sexuelle Akte fokussieren, sondern Ehen und Partnerschaften als umfassende soziale Realitäten wahrnehmen und ihre Aufmerksamkeit auf die Qualität dieser Beziehungen richten.16 Eine praktische Intention beziehungsethischer Ansätze ist es, Paarbeziehungen in ihrem Gelingen zu unterstützen,17 wofür es bedeutsam ist, die jeweiligen persönlichen, sozialen und kulturellen Handlungsbedingungen18 der Partner in den Blick zu nehmen, um sie auf ihrem Weg zu „Ich-starken und selbstbewussten Persönlichkeiten“19 unterstützen zu können.
Über diese Intention der theologisch-ethischen Betrachtung von Paarbeziehungen herrscht zwar Einigkeit, als Schwierigkeit benennt Hilpert aber „das weitgehende Schweigen der Tradition zur inneren Ausgestaltung des Beziehungslebens“.20 Auch Höllinger verweist darauf, dass der Fokus in Kirche und Theologie vor allem auf Beziehungsbrüchen und deren Konsequenzen gelegen habe und weniger auf den verschiedenen Entwicklungsstufen und -möglichkeiten von Paarbeziehungen.21 Somit kann eine intensivere Beschäftigung mit den Gelingensbedingungen von Ehe und Partnerschaft als ein Desiderat der theologischen Beziehungsethik benannt werden, wenn sie ihrem eigenen Anspruch, das Gelingen von Paarbeziehungen zu unterstützen, gerecht werden will. Zugleich stellt sich das, was hier mit „Gelingen einer Paarbeziehung“ beschrieben wird, als etwas sehr Komplexes und Vielschichtiges dar. Verschiedene Faktoren wie gesellschaftliche Einflüsse, psychische Könnensbedingungen der Partner sowie erlernbare Kompetenzen für die Beziehungsarbeit verbinden sich mit der individuellen sowie subjektiv erlebten Geschichte eines konkreten Paares und lassen Partnerschaft entweder gelingen oder führen zur Trennung. Um dieser Komplexität zu entsprechen, scheinen für die theologisch-ethische Analyse verschiedene Annäherungen denkbar und sinnvoll, wie beispielsweise traditionelle Werte der christlichen Sexualethik hinsichtlich ihres Gehalts zu analysieren, relational-personal zu reformulieren und zu erarbeiten, was diese Werte unter den gegenwärtigen Bedingungen für die beziehungsethische Betrachtung von Paarbeziehungen bedeuten.22 Andererseits kann es aufschlussreich sein, im Dialog mit Human- und Sozialwissenschaften23 weitere für Paarbeziehungen bedeutsame Phänomene zu betrachten, deren Analyse den Begriff Beziehungsqualität mit Inhalt füllen oder Gelingensbedingungen von Beziehungen aufzeigen kann24 – dies soll in der vorliegenden Arbeit mit dem Phänomen Vertrauen versucht werden.
Die Relevanz von Vertrauen für enge zwischenmenschliche Beziehungen und Partnerschaften erscheint lebensweltlich plausibel und stößt meist auf selbstverständliche Zustimmung. Dieses Empfinden stimmt mit Erkenntnissen verschiedener Wissenschaften sowie der Paartherapie überein. Vertrauen ist nach Ansicht des amerikanischen Paartherapeuten John Gottman nicht nur grundlegend für Glück und Zufriedenheit in einer Partnerschaft,25 sondern entscheidet sogar über ihr Gelingen oder Scheitern: „Trust either is established or, if the couple fails to build trust, they will usually divorce.“26 Auch andere Wissenschaftler und Paartherapeuten benennen das gegenseitige Vertrauen der Partner als Indikator von Beziehungsqualität sowie als wichtigen Faktor für das Gelingen einer Partnerschaft.27 Die allgemein anerkannte Relevanz von Vertrauen für Nahbeziehungen wie Partnerschaften korrespondiert mit der Tatsache, dass Menschen intuitiv eine Art lebensweltliches Alltagswissen davon haben, was mit Vertrauen gemeint ist.28 Dies zeigt auch das oben zitierte Ergebnis der Shell-Jugendstudie, die nach den wichtigen Werten des Lebens fragte und das Item „Einen Partner haben, dem man vertrauen kann“ nicht näher explizierte, trotzdem machte nur 1% der Jugendlichen hierzu keine Angabe, was zeigt, dass den Befragten intuitiv einsichtig war, was mit dieser Formulierung gemeint ist. Allerdings endet diese Selbstverständlichkeit, die sich vor allem aus der unthematischen Hintergründigkeit des Vertrauens im alltäglichen Leben ergibt, sobald es darum geht, Vertrauen näher zu definieren29 oder genau zu beschreiben, was eine vertrauensvolle Partnerschaft ausmacht und wie Vertrauen in Paarbeziehungen gefördert werden könnte. Hier möchte die vorliegende Arbeit anknüpfen und untersuchen, ob Vertrauen eine bedeutsame Kategorie für die theologisch-ethische Betrachtung von Paarbeziehungen30 sein kann. Neben der lebensweltlich plausiblen und von der Paartherapie bestätigen Auffassung, dass Vertrauen wichtig für das Gelingen von Paarbeziehungen ist, soll darüber hinaus gefragt werden, inwiefern Vertrauen auch eine ethische Relevanz hat, was intuitiv zunächst vielleicht weniger einsichtig ist. Die Untersuchung dieser Forschungsfrage wird in vier Schritten erfolgen, die im Folgenden näher hinsichtlich ihrer Intention und ihres methodischen Vorgehens erläutert werden.
Teil I der vorliegenden Arbeit wird sich mit der theologisch-ethischen Betrachtung von Paarbeziehungen beschäftigten, in der sich im 20. Jahrhundert ein Paradigmenwechsel ereignet hat, der als der Weg „von der Sexualmoral zur Beziehungsethik“31 charakterisiert wird. Um diesen zum Teil beschwerlichen Entwicklungsweg besser nachvollziehen zu können, erfolgt zunächst ein historischer Rückblick, der mit einer kurzen Darlegung der kasuistisch und barock- bzw. neuscholastisch ausgerichteten Moraltheologie der Neuzeit beginnt. Danach werden verschiedene soziologische und geistesgeschichtliche Impulse zur Weiterentwicklung v. a. der Ehelehre, wie ein stärkeres Individualbewusstsein oder eine größere philosophische Aufmerksamkeit für die menschliche Person benannt, die wiederum Auswirkungen auf die innertheologische Diskussion vor dem 2. Vatikanischen Konzil hatten (1.1). Anschließend werden in 1.2 die auf die Person zentrierte Ehelehre des Konzils in der Pastoralkonstitution Gaudium et spes (GS) sowie schlaglichtartig einige ihrer vom Konzil formulierten theologischen Grundlagen näher betrachtet. Darüber hinaus sollen die Ausführungen in GS aus Sicht der Theologie betrachtet werden, da nach Schlögl-Flierl dort bereits der „Übergang von der Sexualmoral zur Beziehungsethik“32 eingeläutet worden sei. Der letzte Punkt der historischen Rückschau legt die Entwicklung beziehungsethischer Ansätze nach dem Konzil dar (1.3). Einerseits finden sich in lehramtlichen Texten zu den Themen Ehe und Familie personalistische und beziehungsethische Argumentationsweisen, was anhand von Humanae vitae (1968), Familiaris consortio (1981) und Amoris laetitia (2016) aufgezeigt werden soll. Andererseits zeigt sich, dass es trotz des Wechsels in den Begründungen hinsichtlich konkreter normativer Bewertungen in verschiedenen kontrovers diskutierten Feldern keine bedeutenden Veränderungen gab. Es kam in der Zeit nach dem Konzil sogar vermehrt zu deutlichen disziplinären Einschärfungen verschiedener normativer Positionen, wodurch die theologischen Diskussionen bisweilen ausgebremst wurden.33 Auch die kirchliche Praxis der Verkündigung in Katechese und Predigt war seit der großen Kontroverse um Humanae vitae immer mehr von einem Schweigen zu sexualethischen Themen gekennzeichnet.34 Im Zuge des Bekanntwerdens der großen Zahl an Fällen sexuellen Missbrauchs in kirchlichen Einrichtungen und der Debatte um ihre Aufarbeitung, verstärkte sich der theologische Diskurs in Deutschland um beziehungs- und sexualethische Fragen seit 2010 wieder, was sich auch in einer verstärkten Publikationstätigkeit zeigte.35 Die historische Darlegung des Paradigmenwechsels zur Beziehungsethik in Kapitel 1 soll zum einen die heutige Gestalt des beziehungsethischen Diskurses konturieren, der sich in Gegenüberstellung zu früheren Argumentationsweisen der Sexualmoral klarer erfassen lässt. Zum anderen wird deutlich, dass es bereits mit dem 2. Vatikanischen Konzil einen Wechsel in der theologisch-ethischen Betrachtung von Paarbeziehungen gegeben hat, so dass Beziehungsethik nicht als eine Neuerfindung des theologischen Diskurses seit der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle betrachtet werden kann, sondern sich als Weiterentwicklung der sexualethischen Argumentationslogik unter dem Primat des Personalen erweist.
Das 2. Kapitel wird eine aktuelle Bestandaufnahme des theologisch-ethischen Diskurses dahingehend versuchen, verschiedene Strukturelemente einer Beziehungsethik zu skizzieren. Gefragt wird als erstes nach dem Gegenstand beziehungsethischen Nachdenkens (2.1), der anders als in der traditionellen Sexualmoral nicht aus einzelnen (sexuellen) Handlungen besteht, sondern in der individuellen Paarbeziehung als ganzer sowie der Qualität dieser Beziehung. Die Leitprinzipien beziehungsethischen Nachdenkens (2.2) geben an, unter welchen Gesichtspunkten Paarbeziehungen theologisch-ethisch betrachtet werden. Neben den Stichworten Personalität und Verantwortung gehört hierzu auch die Sensibilität für die individuellen Biografien der Partner und ihre jeweilige Paargeschichte. Zuletzt sollen die Intentionen einer theologischen Beziehungsethik betrachtet werden (2.3), da es ihr nicht nur darum geht, Aussagen über Paarbeziehungen zu formulieren, sondern sie auch zum Gelingen dieser beitragen will, indem sie Gelingensbedingungen von Partnerschaften benennt und dem Einzelnen hierfür Unterstützung und Ermutigung anbietet.
In Kapitel 3 schließt sich eine kurze Betrachtung von Perspektiven zur Vertiefung beziehungsethischer Ansätze an. Neben möglichen Vertiefungen der Grundlagen einer Beziehungsethik auf fundamentalmoralischer Ebene kann auch die interdisziplinäre Annäherung an verschiedene Aspekte von Paarbeziehungen zu einem tieferen Verständnis beispielsweise ihrer Gelingensbedingungen beitragen. Hier lässt sich auch das Vorhaben der vorliegenden Arbeit verorten, die das partnerschaftliche Vertrauen näher untersuchen möchte, um nach seiner Relevanz für die theologisch-ethische Betrachtung von Paarbeziehungen zu fragen.
Teil II wird Vertrauen als grundlegende Dimension zwischenmenschlicher Beziehungen aus der Perspektive der interdisziplinären Forschung in den Blick nehmen, um durch diese vorbereitende Annäherung ein grundsätzliches Verstehen dieses komplexen Phänomens zu ermöglichen. Vertrauen ist in den letzten Jahren aufgrund seiner Bedeutung für viele verschiedene Lebensbereiche36 verstärkt Thema der Forschung in sehr unterschiedlichen Disziplinen geworden.37 In Kapitel 4 wird daher ein grundsätzlicher Blick auf die Möglichkeiten und Grenzen der wissenschaftlichen Untersuchung des Phänomens geworfen. Einigkeit besteht in der Vertrauensforschung hinsichtlich seiner positiven Auswirkungen: „Empirische Untersuchungen zeigen übereinstimmend, dass Vertrauen die zwischenmenschliche Interaktion, aber auch die Beziehungen zu größeren sozialen Systemen wie der Politik […] erleichtert; so vereinfacht erlebtes Vertrauen die eigene Handlungsplanung und verbessert die zwischenmenschliche Kommunikation.“38 Darüber hinaus begegnet man in der Forschung aber einer gewissen Ratlosigkeit, denn „aus wissenschaftlicher Sicht stellt sich Vertrauen als äußerst vielschichtiges Phänomen dar, welches in nahezu allen Bereichen des ökonomischen und sozialen Lebens anzutreffen ist und sich dennoch, oder gerade deshalb, einer einheitlichen Definition entzieht.“39 Die verschiedenen existierenden Definitionen passen meist nur auf Vertrauen in einem bestimmten Bereich,40 was auch daran liegt, dass Vertrauen durch seine unthematische Hintergründigkeit „ein empirisch schwer zugängliches Phänomen“41 ist und sich daher auch nur schwer beschreiben lässt.42 Angesichts seiner Relevanz für zwischenmenschliche Vollzüge erscheint es zwar nicht verwunderlich, dass Vertrauen ein Thema der interdisziplinären Forschung ist, allerdings ist es doch bemerkenswert, wie sehr das Interesse in den letzten Jahren angestiegen ist. Als Gründe hierfür werden ein möglicher Vertrauensverlust bzw. ein erhöhter Vertrauensbedarf in der Moderne oder ein gesteigertes Kontingenzempfinden genannt, was in 4.2 näher betrachtet wird.
In Kapitel 5 wird die Relevanz des Vertrauens für die verschiedenen Beziehungskontexte, in denen sich Menschen in dieser Welt bewegen, untersucht. Dieser kurze, thematisch sortierte Forschungsüberblick hat aufgrund der Fülle an vorhandener Literatur zum Thema Vertrauen keinen Anspruch auf Vollständigkeit, will aber die Vielfalt der Forschung, der verwendeten Methoden und der daraus resultierenden Vertrauenskonzeptionen aufzeigen. Letztere lassen sich grob unterscheiden in kognitive Vertrauenskonzeptionen, die Vertrauen als kalkulierte Entscheidung in einer Kosten-Nutzen-Rechnung verstehen, und relationale Vertrauenskonzeptionen, die neben kognitiven Elementen auch eine emotionale Dimension im Vertrauen annehmen. Um sich in den einzelnen Unterkapiteln überblicksartig der Bedeutung von Vertrauen für die verschiedenen zwischenmenschlichen Beziehungen anzunähern, wird diese in konzentrischen Kreisen dargestellt vom Bereich der intimen Nahbeziehungen bis hin zur gesellschaftlichen Ebene. Die Untersuchung beginnt beim Grundvertrauen, das beim Säugling durch erste Beziehungserfahrungen entsteht (5.1) und betrachtet im nächsten Schritt das Vertrauen in nahen zwischenmenschlichen Beziehungen (5.2) wie Familien- oder Freundschaftsbeziehungen. Anschließend wird gezeigt, dass Vertrauen in professionellen Fürsorgebeziehungen in Bereichen wie Bildung, Pflege oder Seelsorge eine entscheidende Rolle spielt (5.3), dass es für Arbeitskontexte und Wirtschaftsbeziehungen relevant ist (5.4) und auch für Beziehungen auf gesellschaftlicher und politischer Ebene43 eine wichtige Bedeutung hat (5.5).
Abschließend werden in Kapitel 6 die wichtigsten Ergebnisse dieser wissenschaftlichen Annäherung an Vertrauen im Sinne einer Ergebnissicherung zusammengefasst, auf deren Grundlage die Bedeutung des Phänomens als grundlegende Dimension und Verstehensbedingung zwischenmenschlicher Beziehungen dargelegt wird. In dieser Arbeit kann und soll zwar kein eigenständiger Vertrauensbegriff formuliert werden, aber es sollen ausgewählte, maßgebliche Charakteristika des zwischenmenschlichen Vertrauens in Nahbeziehungen benannt werden, um den weiteren Gang der Argumentation in dieser Untersuchung zu erleichtern.
Vor dem Hintergrund dieser Ergebnisse wird Teil III versuchen, sich dem Thema Vertrauen in Paarbeziehungen aus der reflektierten Praxisperspektive der Paartherapie anzunähern. Kapitel 7 wird zunächst die praktische Relevanz des Vertrauens für Paarbeziehungen aufzeigen, wie sie vor allem psychologische Beiträge durch empirische Untersuchungen nachweisen wollen. Zwar stellen diese Studien übereinstimmend fest, dass Vertrauen eine wichtige Ressource in Paarbeziehungen ist (7.1), aber neben den bereits angesprochenen Schwierigkeiten bei der empirischen Untersuchung des Phänomens gehen psychologische Beiträge außerdem von einer kognitiven Vertrauenskonzeption aus, wodurch Vertrauen zwar in empirischen Studien leichter zu operationalisieren ist, aber seine relationalen und auch emotionalen Dimensionen, die für Paarbeziehungen bedeutsam sind, nicht ausreichend wahrgenommen werden können (7.2). Aus diesem Grund soll ergänzend die Perspektive der Paartherapie aufgenommen werden, da sich diese an einer Schnittstelle zwischen therapeutischer Praxis, Theorie und Empirie befindet (7.3)44 und somit durch die Erfahrungen aus der Praxis auch die relationale und emotionale Dimension des Vertrauens in den Blick kommt.
Um die Relevanz des Vertrauens für Paarbeziehungen besser erfassen zu können, wird Kapitel 8 aus Sicht der Paartherapie nach den konkreten Funktionen des Vertrauens in Partnerschaften fragen. Hierbei wird sich zeigen, dass Vertrauen in sehr vielen Bereichen einer Paarbeziehung Funktionen übernimmt bzw. aufgebaut wird oder verloren gehen kann. Um dies möglichst umfassend untersuchen zu können, werden auf vier verschiedenen Ebenen Bereiche genannt, die aus Sicht der Paartherapie für das Gelingen von Partnerschaften bedeutsam sind und in denen dem partnerschaftlichen Vertrauen jeweils eine mehr oder weniger offensichtliche Funktion zukommt. Die einzelnen Unterpunkte zeigen hier jeweils Kontexte und geben Hinweise auf Vertrauen, während zum Schluss die Funktionen des Vertrauens für diese Ebene der partnerschaftlichen Realität noch einmal zusammengefasst werden. Betrachtet werden gesellschaftliche Bedingungen von und verbreitete Ansprüche an Partnerschaften heute (8.1), psychologische Faktoren der Paarbeziehung und die individuellen Könnensbedingungen der Partner (8.2), die gemeinsame Gestaltung der Paarbeziehung durch die Partner (8.3) und abschließend interpersonale Haltungen, die sich in einer Paarbeziehung entwickeln können und für ihr Gelingen von Bedeutung sind (8.4). Das 9. Kapitel fasst abschließend zusammen, warum Vertrauen aus Sicht der Paartherapie sowohl als Indikator von Beziehungsqualität wie auch als Gelingensbedingung von Paarbeziehungen betrachtet werden kann.
Teil IV wird die Bedeutung von Vertrauen für die theologisch-ethische Betrachtung von Paarbeziehungen erörtern und reflektieren, wozu zunächst in Kapitel 10 grundsätzlich untersucht wird, inwiefern Vertrauen eine ethische Relevanz hat, da diese sich nicht eindeutig aus der Beschreibung des Phänomens ergibt, vor allem wenn angenommen wird, dass Vertrauen eine emotionale Dimension besitzt. Es wird sich zeigen, dass die ethische Analyse des Vertrauens ebenfalls ambivalente Ergebnisse hervorbringt: Einerseits hat Vertrauen deutlich erkennbare ethische Elemente wie die eigene Vertrauenswürdigkeit, an der ein Individuum arbeiten kann,45 oder die normative Erwartung, die im geschenkten Vertrauen liegt46 und dem Vertrauensempfänger eine Verantwortung überträgt (10.1).47 Andererseits ist Vertrauen weder immer angebracht sondern kontextabhängig,48 noch dienen vertrauensvolle Beziehungen immer nur guten Zielen.49 Vertrauen nur als supererogatorische Haltung zu betrachten, erscheint aufgrund seiner Bedeutung für zwischenmenschliche Beziehungen unzureichend, eine Konzeption von Vertrauen als Pflicht ist ebenso wenig adäquat;50 darüber hinaus kann es weder eingefordert werden,51 noch erweist es sich als Tugend. So scheint es, als lasse sich Vertrauen als ein kontextabhängiges, interpersonales und dynamisches Phänomen zwar schwer in klassische ethische Kategorien einordnen, dennoch formuliert der Philosoph Jay Bernstein im Hinblick auf den Menschen in seinem Beziehungsnetz: „Trust is the ethical foundation of everyday life.“52
Kapitel 11 wird daher versuchen, den Zusammenhang zwischen der Relationalität der menschlichen Person und Vertrauen als ethischem Phänomen aufzuzeigen, denn was die ethische Einordnung des Vertrauens vor allem zu erschweren scheint, ist sein normativ schwer bestimmbarer Status, der aus seiner relationalen Struktur resultiert. Zwischenmenschliche Beziehungen besitzen in sich eine Komplexität, da es zu ihrem Wesen gehört, dynamisch zu sein53 und in dieser Dynamik der konkreten Beziehung scheinen sowohl die Moralität wie auch die Normativität des Vertrauens zu wurzeln. In 11.1 werden in einem kleinen Exkurs kurze Schlaglichter auf drei neuere ethische Diskurse geworfen, in denen es ebenfalls um die Relevanz menschlicher Relationalität für die Ethik geht. Kurz angerissen werden die Diskussion um eine Care-Perspektive in der Ethik54 (11.1.1) sowie die damit zusammenhängenden Debatten über die Bedeutung der menschlichen Vulnerabilität (11.1.2) und die Forderung nach relationalen Konzeptionen von Autonomie (11.1.3). Vor dem Hintergrund dieser ethischen Diskurse wird anschließend konkret darauf eingegangen, dass die Relationalität der Person die ethische Relevanz des Vertrauens bedingt (11.2) und dass Vertrauen sich als ethisch relevante Dimension einer partikularen, relationalen Praxis erweist (11.3), wodurch es für viele der in der Neuzeit dominierenden Ethikkonzepte schwer zu fassen ist.55
Kapitel 12 will abschließend die bisherigen Erkenntnisse über die Funktionen von Vertrauen für Partnerschaften für die beziehungsethische Betrachtung von Paarbeziehungen auswerten, fruchtbar machen und in ihrer ethischen Relevanz ausdeuten. Mit Blick auf die Forschungsfrage soll zusammengefasst dargestellt werden, inwiefern man Vertrauen als eine zentrale Kategorie theologisch-ethischer Betrachtung von Paarbeziehungen verstehen kann. Auch hier wird wieder die Herausforderung begegnen, die selbstverständliche Hintergründigkeit des Vertrauens für Paarbeziehungen so weit zu versprachlichen, dass die Erkenntnisse der Vertrauensanalyse in den theologisch-ethischen Diskurs eingebracht werden können. Der Übersichtlichkeit halber wird auf die in Kapitel 2 dargelegte Einteilung der Strukturelemente von Gegenstand (12.1), Leitprinzipien (12.2) und Intention (12.3) beziehungsethischer Ansätze zurückgegriffen, um aufzuzeigen, inwiefern die Ergebnisse zum partnerschaftlichen Vertrauen zu einer Konkretisierung und Vertiefung dieser führen können. Ausgehend von diesen Ergebnissen werden in 12.4 als Ausblick einige Perspektiven und Vertiefungsmöglichkeiten für die theologisch-ethische Forschung benannt, die sich aus der Untersuchung des partnerschaftlichen Vertrauens ergeben haben.
Details
- Pages
- 604
- Publication Year
- 2026
- ISBN (PDF)
- 9783631911020
- ISBN (ePUB)
- 9783631911037
- ISBN (Hardcover)
- 9783631911013
- DOI
- 10.3726/b23373
- Language
- German
- Publication date
- 2026 (June)
- Keywords
- Beziehungsethik Vertrauen Partnerschaft Gelingen von Paarbeziehungen Katholische Kirche Entwicklung der Moraltheologie Partnerschaftsethik Sexualethik Paartherapie
- Published
- Berlin, Bruxelles, Chennai, Lausanne, New York, Oxford, 2026. 604 S.
- Product Safety
- Peter Lang Group AG