Kriegsgefühle
Emotionale Gemeinschaften in Polen unter deutscher Besatzung (1939–1945)
Zusammenfassung
Das Buch beleuchtet eine breite Palette kriegsbezogener Gefühle, die vor über 80 Jahren im Untersuchungsgebiet aufkamen, sich aber zweifellos auch in den aktuellen bewaffneten Konflikten widerspiegeln.
«Insgesamt ist es Woniak hervorragend gelungen, wissenschaftlichen Anspruch mit Narrativität und Lesbarkeit zu verbinden. Dass es sich darüber hinaus um ein höchst relevantes und kaum bearbeitetes Thema handelt, das hier erstmalig systematisch erschlossen wird, gehört zum Lob dazu.»
– Stephan Lehnstaedt, Professor für Holocaust-Studien an der Touro University Berlin
Leseprobe
Inhaltsverzeichnis
- Umschlag
- Schmutztitel
- Geschichte – Erinnerung – Politik Studies in History, Memory and Politics
- Titelseite
- Copyright-Seite
- Inhaltsverzeichnis
- Abkürzungsverzeichnis
- Einführung
- Was sind Kriegsgefühle?
- Was wurde schon erforscht?
- Worum geht es?
- Wie kann man Emotionen erforschen?
- Tagebücher und Briefe
- Am Rande
- Die Besatzer – emotionales Regime
- Die Besetzten – emotionale Gemeinschaften
- Septembergemeinschaft
- Angst
- Luftschutzraum
- Zuversicht
- Ehre
- Zweifel
- Schande
- Demütigung
- Wartegemeinschaft
- Warteschlangen
- Erniedrigung
- Ekel
- Gerechtigkeitsgefühl
- Ungeduld
- Solidarität
- Gemeinschaft der Entwurzelten
- Flucht
- Neue Grenzen
- Heimatgefühl
- Vertreibungen
- Deutsche Volksliste
- Enteignung
- Verlustschmerz
- Fremdheit
- Dorfgemeinschaft
- Dorf im Krieg
- Gewalt
- Kontingente
- Banden
- „Pazifikationen“
- Demut
- Idyll
- Gemeinschaft der Gefangenen
- Gehorsam
- Gestapo-Angst
- Verhaftung
- Gefangenschaft
- Wut
- Sehnsucht
- Freiheitsverlust
- Freilassung
- Ghetto-Gemeinschaft
- Ghettogefühl
- Ohnmacht
- Scham
- Hunger
- Apathie
- Freude und Liebe
- Hoffnungsträger
- Rache
- Religiöse Gemeinschaft
- Kirche
- Hoffnung auf Gott
- Ergebung
- Dankbarkeit
- Zorn und Klage
- Nächstenliebe
- Trost
- Trauer
- Waldgemeinschaft
- Partisanenleben
- Enthusiasmus
- Hass
- Patriotismus
- Freiheitsgefühl
- Trilogie
- Bruderschaft
- Entwaffnung
- Leidensgemeinschaft
- Leid
- Mitgefühl
- Abstumpfung
- Todesangst
- Melancholie
- Nostalgie
- Fata Morgana
- Befreiung
- Zusammenfassung
- Nachwort
- Bibliografie
Geschichte – Erinnerung – Politik Studies in History, Memory and Politics
Herausgegeben von Zofia Wóycicka
Band 57
Inhaltsverzeichnis
Kapitel 1 Einführung
„Wenn man nur wüsste, ob man überlebt.“1 Diese wenigen Worte bringen das Wesentliche der über fünf Jahre andauernden deutschen Besatzung Polens während des Zweiten Weltkriegs auf den Punkt. Gleichzeitig verweisen sie auf das wichtigste Gefühl dieser Zeit: den Willen, um jeden Preis zu überleben. Ständiger Begleiter dieses Gefühls war die Ungewissheit des nächsten Augenblicks – eine Ungewissheit, die selbst den stärksten Überlebenswillen zu brechen vermochte. Die 17-jährige Cecylia G., die jüdische Autorin der eingangs zitierten Worte, überlebte gemeinsam mit ihrem Vater versteckt in einer Scheune. Die meisten Juden wurden jedoch in den deutschen Vernichtungslagern ermordet oder sie fielen nach der Entdeckung ihrer Verstecke brutalen Massakern zum Opfer. Auch ethnische Polen wollten die Besatzung überleben, wenngleich das Damoklesschwert, das über ihnen schwebte, weit weniger bedrohlich war als über ihren jüdischen Mitbürgern. Bei der emotionalen Deutung des Überlebenswillens ging es nicht nur um die Todesangst, sondern auch um das Zittern angesichts der großen, bedrohlichen Ungewissheit darüber, was die nahe Zukunft bringen würde. Wenn man wüsste, dass eine konkrete Gefahr unvermeidlich eintreten würde, könnte man sich darauf einstellen und mental darauf vorbereiten. Viele Menschen zerbrachen jedoch unter dieser Ungewissheit. Zwar bemühten sie sich, sich im Voraus nicht zu quälen, aber früher oder später stellten sich auch bei ihnen Zweifel ein, ob sie die Wirren des Krieges unversehrt überstehen würden.
Ein Krieg bringt unweigerlich eine Verdichtung emotionaler Erfahrungen mit sich. Angesichts ständiger Unterdrückung entstehen Emotionen vor allem aus situativen Faktoren, weniger aus kulturellen oder historischen Gegebenheiten, wie dies in Friedenszeiten der Fall ist. Zugleich zeigt sich, dass manche Gefühle eine beinahe epidemische Wirkung entfalten und selbst die passivsten oder gefasstesten Menschen erfassen. Abhängig von den jeweiligen Umständen lassen sich Verhaltensmuster – etwa nach Luftangriffen oder Polizeirazzien – erkennen, die auf eine weitgehend konstante Bewertung bestimmter Emotionen schließen lassen. Kriegerische Konflikte rufen jedoch nicht nur intensive Emotionen hervor, sondern verändern zugleich ihre bisherigen Normen, Deutungsmuster und Ausdrucksformen. Infolgedessen wandeln sich bestehende „emotionale Gemeinschaften“. Es entstehen auch neue, in denen Gefühle wie Hass, Angst oder Trauer in nahezu ähnlicher Weise wahrgenommen, geteilt und bewertet werden.
Es ist ziemlich überraschend, dass die umfangreiche Forschungsliteratur zu Krieg und Besatzung der Emotionsgeschichte bislang nur geringe Aufmerksamkeit schenkt. Diese Beobachtung gilt in besonderem Maße für Mittel- und Osteuropa – eine Region, die in den vergangenen zwei Jahrhunderten überdurchschnittlich häufig von bewaffneten Konflikten betroffen war. Man könnte sogar vermuten, dass Historiker bewusst darauf verzichten, Emotionen im Kontext von Gewalt zu erforschen. Diese Zurückhaltung dürfte vor allem auf konzeptionelle Schwierigkeiten zurückzuführen sein: Die bislang entwickelten theoretischen und methodischen Ansätze lassen sich nur bedingt auf jene Gefühlslagen übertragen, die mit Besatzung, Vernichtungskrieg oder Holocaust verbunden sind. Es gibt sicherlich auch berechtigte Bedenken hinsichtlich Verallgemeinerungen, die gegenüber beiden so stark intern differenzierten Gruppen von Tätern und Opfern verwendet werden. Das vorliegende Buch versteht sich daher als ein Versuch, diese Forschungslücke zu schließen und dem gesellschaftlichen Bedürfnis nach einer Erklärung für das Verhalten im besetzten Polen gerecht zu werden.
Aufbauend auf den Überlegungen der Mediävistin Barbara Rosenwein zu den „emotionalen Gemeinschaften“ untersuche ich die Emotionen der unter deutscher Besatzung lebenden Bevölkerung Polens in den Jahren 1939–1945. Im Mittelpunkt stehen dabei zwei Themenfelder: zum einen die individuelle Formierung von Emotionen unter den Bedingungen eines aufgezwungenen Herrschaftssystems, zum anderen das Verhältnis zwischen Emotionen und Gemeinschaftsbildung. Ziel ist es, die „emotionalen Gemeinschaften“ im Kontext der Besatzungsgeschichte zu identifizieren und ihre spezifischen Ausprägungen zu bestimmen. Daher frage ich nach den signifikanten Veränderungen in der Gefühlswelt der Menschen, die unter deutscher Gewaltherrschaft lebten. Welche Emotionen traten in dieser Zeit besonders stark zutage, und welche Gruppen entwickelten emotionale Bindungen zueinander? Meine These lautet, dass Emotionen unter extremen Bedingungen zentrale Integrationsfunktionen übernehmen und dass die daraus entstandenen „emotionalen Gemeinschaften“ auch traditionelle ethnische und soziale Trennlinien überschreiten können.
Dieses Buch ist nicht in einem Vakuum entstanden, sondern in einem wichtigen politischen Kontext. Die seit Februar 2022 andauernde russische Invasion in die Ukraine zeigt eine Reihe von Emotionen, die auch für frühere bewaffnete Konflikte typisch sind. Dazu zählen zum Beispiel die langanhaltende Trennung von Familien und die daraus resultierenden Gefühle der Sehnsucht oder die Sorge um das Schicksal einzelner Angehöriger. Noch größere Dissonanzen entstehen durch starke Existenzängste und ein gestörtes Sicherheitsgefühl. Die Situation in der Ukraine macht deutlich, welche Auswirkungen Kriegsgefühle auf einzelne Menschen und ganze Gesellschaften haben können. Es lohnt sich daher, ihre mittlerweile über achtzig Jahre alten Prototypen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs genauer in den Blick zu nehmen.
Was sind Kriegsgefühle?
Kriegsgefühle sind emotionale Reaktionen von Bevölkerungen in Gebieten, die von Kriegshandlungen oder deren Folgen in Form von Fremdherrschaft betroffen sind. Im Grunde genommen hat der Begriff „Gefühle“ positive Konnotationen, was im Falle der Liebe tatsächlich zutreffend ist. In Kriegszeiten resultieren Gefühle jedoch hauptsächlich aus negativen Empfindungen und werden zu einem Element des Überlebenskampfes, wie beispielsweise das Gefühl des Hungers. Ihre Typologie hängt von der jeweiligen Perspektive ab: Die Gefühle der Soldaten des Aggressors, die ein Territorium erobern, unterscheiden sich grundlegend von denen der Zivilbevölkerung, die in einen bewaffneten Konflikt hineingezogen wird. Erstere betreffen die Angreifer und spiegeln Befehlsgehorsam und Hingabe an imperiale Ziele wider. Die zweite Art von Kriegsgefühlen entsteht als Reaktion auf aggressive Handlungen und kreist meist um Angst, Wut oder Hass. Genau diese Art von Emotionen steht im Zentrum dieses Buches. Zuvor gilt es jedoch, die grundlegende Definition von Emotionen und Gefühlen zu klären.
Für Emotionen und Gefühle existieren bislang keine eindeutigen Definitionen und es fällt schwer, sie klar voneinander zu trennen. In der Neurologie wird beispielsweise meist automatisch zwischen beiden unterschieden: Laut Antonio Damasio ist das Gefühl eng mit dem Denken verknüpft und muss daher im Gehirn lokalisiert werden – in einer Sphäre, die für andere Menschen nicht unmittelbar zugänglich ist. Emotionen hingegen stellen die physiologischen Reaktionen des Körpers auf bestimmte äußere Reize dar.2 In den Kulturwissenschaften werden Emotionen grundsätzlich als Synonyme für Gefühle verstanden. Sie sind weder rein kognitive Phänomene noch ausschließlich kulturelle Konstrukte. Ähnlich verhält es sich im allgemeinen Verständnis, in dem zwischen den beiden Begriffen oft keine klare Unterscheidung vorgenommen wird. Für den Ursprung von Emotionen existieren jedoch zwei Modelle: Die sogenannte universelle Theorie geht davon aus, dass die gesamte Sphäre der Emotionen biologisch bedingt ist. Demgegenüber betont der soziale Konstruktivismus die Rolle von Kultur und Sprache, die maßgeblich die Ausdrucksweise von Gefühlen beeinflussen.3 Eine ähnliche Schwierigkeit besteht in der Bestimmung der Zahl möglicher Emotionen. Manche Forscher beschränken sich auf einige wenige Grundemotionen, die als Ausgangspunkt für zahlreiche Unterkategorien dienen. Ich gehe jedoch davon aus, dass Emotionen nur sehr selten isoliert auftreten, sondern meist als Verbindung mehrerer verwandter Affekte. Daher lege ich in diesem Buch keinen Wert auf ihre strikte semantische Trennung, zumal die Menschen jener Zeit häufig auf Ersatzbegriffe zurückgriffen. Grundsätzlich verstehe ich Emotionen, in Anlehnung an den Philologen Rüdiger Schnell, als „Produkt diskursiver Prozesse innerhalb sozialer Interaktionen“.4
Bei der Untersuchung historischer Emotionen hängen theoretische und methodische Überlegungen entscheidend von der zugrunde liegenden Auffassung des Emotionsbegriffs ab. So kann der Fokus etwa auf der Analyse von Handlungen liegen, die viel über den emotionalen Zustand einer Person verraten, obwohl diesen Handlungen nicht immer eindeutig konkrete Emotionen zugeordnet werden können. Bereits Max Weber erkannte neben traditionalen, zweckrationalen und wertrationalen Motiven auch die affektuellen Beweggründe im menschlichen Handeln.5
Wenn Emotionen mit Urteilen und Bewertungen gleichgesetzt werden, lassen sie sich vor allem über die Geschichte von Diskursen und Mentalitäten analysieren. Dies liefert jedoch keine Geschichte der Emotionen selbst, sondern vielmehr eine Geschichte ihrer Begriffe, Diskurse, Bewertungen, Instrumentalisierungen oder der daraus resultierenden Konsequenzen von Emotionen.6 Wir können Emotionen auch als inneren, erfahrbaren Zustand verstehen und die tatsächlich erlebten Gefühle untersuchen. Dabei ist zu beachten, dass Emotionen in historischen Quellen nur als verbale Repräsentationen erscheinen und sich bereits durch den Akt des Schreibens verändern können. Für Historiker ist es daher hilfreich, auf Erkenntnisse aus der Emotionspsychologie und Soziologie zurückzugreifen, die Zusammenhänge zwischen Kognition und Emotionen sowie den Einfluss sozialer Prozesse auf emotionale Erfahrungen betonen.
Bei der Analyse der individuellen Emotionen der unter deutscher Besatzung lebenden Bevölkerung stütze ich mich auf kognitiv-theoretische Erkenntnisse aus der Fachliteratur und verknüpfe diese mit den sozialen und politischen Rahmenbedingungen. Zugleich betrachte ich den engen Zusammenhang zwischen Körper und Emotionen. Eine weitere theoretische Grundlage bildet das soziologische Verständnis von Emotionen als Code. Nach dem Soziologen Heinz-Günter Vester sind Emotionen „zum einen ein Code in einem umfassenderen Informationsverarbeitungsprozess und zum anderen sind sie selbst verschlüsselt oder codiert“.7 Unter der deutschen Besatzung verschlüsselte die lokale Bevölkerung ihre Emotionen als Strategien, um mit dem allgegenwärtigen Terror umzugehen.
Von zentraler Bedeutung sind zudem Erkenntnisse der historischen Gedächtnisforschung. Maurice Halbwachs wies darauf hin, dass das menschliche Gehirn sich nicht nur an Ereignisse, sondern auch an die damit verbundenen Emotionen erinnert.8 Das wiederholte Erleben bestimmter Situationen führt dazu, dass die jeweils typischen Emotionen ins Gedächtnis gerufen werden. Unter Bedingungen des Terrors prägen diese Emotionen das Verhalten einzelner Menschen ebenso wie ganzer Gruppen in hohem Maße. Wiederkehrende Polizeirazzien gegen Zivilisten aktivierten das angesammelte emotionale Material und riefen aus dem Gedächtnis erprobte Handlungsstrategien hervor, die als Auswege aus der prekären Situation dienten. Bei Menschen, die erstmals mit solchen Situationen konfrontiert wurden und noch kein etabliertes individuelles Verhaltensrepertoire besaßen, führten diese Terrorakte wahrscheinlich zu Panikreaktionen und Fehlhandlungen. Darüber hinaus existierten kollektive Handlungsnormen, die eine ebenso entscheidende Rolle bei der Bewältigung spielten und oft sogar das Überleben einzelner Individuen ermöglichten. Auf theoretischer Ebene zeigt sich somit ein enger Zusammenhang zwischen individuellen und kollektiven Emotionen, der in historischen Untersuchungen mehrmals thematisiert wurde.
Was wurde schon erforscht?
Obwohl die Emotionsforschung in den vergangenen zwei Jahrzehnten deutlich zugenommen hat, lässt sich in der Geschichtswissenschaft bislang noch nicht von einer „emotionalen Wende“ sprechen.9 Dies gilt gleichermaßen für die westliche und die osteuropäische Geschichtsschreibung. Das Thema Emotionen ist keineswegs neu: Bereits im 19. Jahrhundert standen Emotionen, Gefühle, Stimmungen, Eindrücke und Leidenschaften im Fokus der Forschung – allerdings nicht als Gegenstand der Emotionsforschung, sondern im Rahmen der Mentalitätsgeschichte, der Ideengeschichte oder der Sozialgeschichte. Anfang der 1940er Jahre appellierte Lucien Febvre an die Historiker, Emotionen zu einem eigenständigen Forschungsgegenstand zu machen.10 Doch erst in den 1970er Jahren kam es zu einer signifikanten Neubewertung der Emotionen. Sie gewannen an Bedeutung, da man sie nun neben kognitiven Eigenschaften auch als soziale und kulturelle Phänomene verstand. In diesem Zusammenhang sollten die Errungenschaften der Psychohistorie nicht vergessen werden, die historische Persönlichkeiten aus der Perspektive des Behaviorismus und der Psychoanalyse untersucht.
Betrachtet man die Emotionsforschung einzelner Epochen, so stellt man fest, dass das 20. Jahrhundert im Vergleich zum Mittelalter oder der Antike deutlich weniger intensiv untersucht wurde. Darüber hinaus verfügen wir in diesem Zeitraum überwiegend über Veröffentlichungen, die sich mit dem Ersten Weltkrieg11 bzw. den Nachkriegsjahren beschäftigen.12 Nicht zu vergessen sind die intensiven Debatten über das „Augusterlebnis“ und im Besonderen das nationale Zusammengehörigkeitsgefühl in Deutschland zu Beginn des Ersten Weltkriegs, welches sich lediglich als mediale Inszenierung herausstellte.13
Die Emotionen im Nationalsozialismus, während des Krieges und unter Besatzung sind bis heute nur unzureichend erforscht.14 Viel häufiger standen Stimmungen, Einstellungen und Moralvorstellungen im Fokus.15 Eine weitere Besonderheit der zeitgeschichtlichen Emotionsforschung betrifft den thematischen Schwerpunkt: Historiker konzentrierten sich vor allem auf individuelle Gefühle, weniger auf die Analyse allgemeiner Gefühlslagen und normativer Erwartungen.16
Die Geschichte der Emotionen wurde auch im Rahmen der Körpergeschichte untersucht, einer Unterdisziplin, die durch ihre Fokussierung auf körperliche Wahrnehmungen zahlreiche wertvolle Einsichten lieferte. So stellte Paul Ekman beispielsweise fest, dass Traurigkeit fast automatisch zu einer Senkung der Stimme und zu einer Veränderung der Augenbrauenposition führt.17 Ähnliche Erkenntnisse könnten sich durch die Integration der Emotionsgeschichte in die Gender Studies ergeben.18 Auch Linguistik und historische Semantik erweisen sich als unverzichtbare Werkzeuge für die Untersuchung von Emotionen.19
Der Forschungsstand zur Besatzungsgeschichte ist mittlerweile deutlich fundierter; besonders in den letzten zehn Jahren wurden in Deutschland und in Polen bedeutende Fortschritte erzielt.20 Hervorzuheben sind dabei Arbeiten, die innovative Ansätze für eine umfassende Darstellung der Besatzung verfolgen und über die klassische Trennung in Ost- und Westeuropa hinausgehen. Im Jahr 2024 veröffentlichte Tatjana Tönsmeyer das über 500 Seiten starke Werk „Unter deutscher Besatzung“, in dem sie auch den damals erlebten Gefühlen große Aufmerksamkeit widmet. Mit ihrem eigenen Konzept der „Besatzungsgesellschaften“ eröffnet Tönsmeyer eine transnationale Perspektive, die nicht nur die alltäglichen Dimensionen und Erfahrungen der Besatzer im Zweiten Weltkrieg beschreibt, sondern auch die Beziehungen zwischen den Besatzern und der Bevölkerung in verschiedenen lokalen Kontexten analysiert.21 Eine weitere umfassende Analyse bietet das Buch von Martin Aust, das das Besatzungssystem in Verbindung mit dem Vernichtungskrieg untersucht.22 Darüber hinaus sind Quelleneditionen, statistische Veröffentlichungen und Tagungsbände erschienen.23 Einen eigenständigen Forschungszweig stellen Untersuchungen zum Holocaust dar, die das Verhältnis jüdischer Bevölkerung zur übrigen Gesellschaft aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten.
Die wegweisende Studie zum Alltagsleben während der Besatzungszeit ist immer noch Tomasz Szarotas Buch aus dem Jahr 1978, in dem der Leser eine Analyse von Angst oder Hoffnung findet.24 Neue Impulse gingen von den Arbeiten von Izabela Paszko, Jadwiga Biskupska, Agnieszka Wierzcholska und Wiebke Lisner aus.25 Diese Autorinnen richteten ihren Fokus auf die Haltungen der Bevölkerung unter Besatzungsbedingungen und analysierten dabei die Auswirkungen des nationalsozialistischen Terrors auf Einzelpersonen sowie auf kleine gesellschaftliche Gruppen. Das gestiegene Interesse an der Geschichte der deutschen Besatzung ist sicherlich nicht allein auf das Engagement von Historikern zurückzuführen, sondern auch auf politische Faktoren. In Deutschland fiel die Entwicklung dieser Forschung in die Phase zweier politischer Initiativen zur Schaffung neuer Erinnerungs- und Begegnungsorte in Berlin: das „Deutsch-Polnische Haus. Gedenken-Begegnen-Verstehen“ und das Dokumentationszentrum „Zweiter Weltkrieg und deutsche Besatzungsherrschaft in Europa“. In Polen hingegen ist das Thema der Besatzung seit mindestens zwei Jahrzehnten stark im politischen, medialen und gesellschaftlichen Diskurs verankert. Diese günstige Konjunktur hat zu einer Vielzahl von Publikationen geführt, insbesondere zu Arbeiten mit regionalen, biografischen und erinnerungspolitischen Bezügen. Der Schwerpunkt liegt dabei auf dem Alltag im Schatten des deutschen Terrors.26 Viele Werke widmen sich dem Schicksal jüdischer und polnischer Kinder27, doch es gibt auch Untersuchungen zu eher nischenhaften Aspekten wie Besatzungsmode, Besatzungskochkunst oder der Bedeutung von Todesanzeigen.28 Die meisten dieser Veröffentlichungen greifen darüber hinaus das Thema Emotionen auf.
Einen vielversprechenden Ansatz für die Erforschung der Geschichte der Gefühle bietet die etablierte Strömung der Alltagsgeschichte in Verbindung mit Mikrogeschichte und Fallstudien. Hervorzuheben ist an dieser Stelle Omer Bartovs Studie über den Holocaust in Buczacz, die den Alltag sowohl der „Besatzungsmaschinerie“ als auch der lokalen Bevölkerung detailliert analysiert.29 Darüber hinaus liegen Publikationen vor, die Gewaltgeschichte und Emotionsgeschichte miteinander verknüpfen und dabei lokale Wechselwirkungen besonders herausarbeiten.30 Das dem vorliegenden Buch zugrunde liegende Konzept der „emotionalen Gemeinschaften“ fand auch in kleineren Untersuchungen Anwendung, etwa im Zusammenhang mit der Rettung von Juden im besetzten Warschau.31 Trotz dieser Beiträge gab es weder in der westlichen noch in der polnischen Geschichtsschreibung bislang den Versuch, die Emotionen der besetzten Gesellschaften umfassend darzustellen.32 Das vorliegende Buch möchte diese Forschungslücke zumindest teilweise schließen.
Worum geht es?
Ziel ist die Identifizierung und Beschreibung „emotionaler Gemeinschaften“ im während des Zweiten Weltkriegs vom Deutschen Reich besetzten Polen. Zuvor müssen jedoch zwei grundlegende Sachverhalte geklärt werden: Erstens das individuelle Empfinden gegenüber der aufgezwungenen und verhassten fremden Herrschaft; zweitens die integrative Funktion von Emotionen, also die Analyse der Zusammenhänge zwischen einzelnen Gefühlen und der Bildung größerer Gruppen. Beide Aspekte sind, wie bereits erwähnt, vor dem Hintergrund der deutschen Besatzung und ihres allgegenwärtigen Terrors zu betrachten. Da die Besatzungszeit einen völlig neuen Wendepunkt im Leben der Bevölkerung darstellte, veränderten sich die Wertvorstellungen vieler Emotionen, was sowohl bestehende „emotionale Gemeinschaften“ prägte als auch neue hervorbrachte. Vor diesem Hintergrund ergeben sich folgende Forschungsfragen: Welche emotionalen Normen bildeten die Grundlage dieser Gemeinschaften? Welche emotionalen Zustände und Wertvorstellungen lassen geschlechtsspezifische, territoriale und soziale Unterschiede erkennen? Im nächsten Schritt interessiert mich, welche Gruppen emotional miteinander verbunden waren und welche emotionale Distanz zueinander zeigten. Darüber hinaus gilt es zu klären, wo die Grenzen zwischen einzelnen „emotionalen Gemeinschaften“ verlaufen und welche Faktoren diese bestimmen. Handelt es sich hierbei um eine direkte Politik der Besatzer, oder sind sie vielmehr Produkt endogener Prozesse?
Mein Interesse richtet sich daher auf die Prozesse der Bildung „emotionaler Gemeinschaften“ sowohl in den administrativ in das Deutsche Reich eingegliederten Gebieten als auch im Generalgouvernement, da die Besatzungspolitik erhebliche territoriale Unterschiede aufwies und die Bevölkerung in diesen Gebieten stark heterogen war. Ich frage nicht nach tatsächlichen Gefühlen, sondern nach der Bewertung und Interpretation von Emotionen durch Einzelpersonen, die aus unterschiedlichen Gründen entscheiden, welche emotionalen Reaktionen für sie angemessen sind. Dabei möchte ich die damals geltenden Normen kollektiver Emotionen erfassen, denen individuelle Gefühle unterworfen waren und gehe davon aus, dass die individuellen Normen und Werte auch den tatsächlich erlebten Emotionen entsprechen.
Ich vermute, dass im deutsch besetzten Polen unterschiedliche „emotionale Gemeinschaften“ existierten, da die Menschen die Besatzungserfahrungen sehr unterschiedlich erlebten und einzelne Ereignisse nicht selten verschieden interpretierten. In diesem Zusammenhang könnte man argumentieren, dass die Politik der Besatzer zur Herausbildung und Konsolidierung solcher „emotionalen Gemeinschaften“ beitrug. Dies verdeutlicht, dass Emotionen unter extremen Bedingungen wie Konflikt, Krieg und Gewalt ihre gewohnten kulturellen Bezüge teilweise verlieren und in erster Linie aus den situativen Kontexten hervorgehen.
Meine Analyse erstreckt sich nicht nur auf ethnische Polen, sondern umfasst auch die jüdische Bevölkerung sowie in geringerem Maße Ukrainer, Deutsche und Belarusen. Dieser breite Rahmen einzelner Emotionen erlaubt es mir, die These aufzustellen, dass „emotionale Gemeinschaften“ Menschen unterschiedlicher ethnischer und sozialer Herkunft einschließen können. Daraus ergibt sich die nächste These, die sich mit den Grenzen solcher Gemeinschaften befasst. Ich nehme an, dass sich dieses Konzept auf größere Gruppen übertragen lässt, sofern Emotionen darin eine zentrale integrative Funktion erfüllen. Dazu müssen vor allem jene Emotionen untersucht werden, die als treibende Kraft hinter großen Gruppen, Gesellschaften, Nationen, supranationalen Staatenverbänden oder Systemblöcken wirken. In meinem Forschungsprojekt können große Gruppen auch als „emotionale Gemeinschaften“ verstanden werden, sofern ihre emotionalen Normen auf gemeinsamen Besatzungserfahrungen beruhen.
Wie kann man Emotionen erforschen?
Das Thema Emotionen bleibt eine methodologische Herausforderung – nicht nur für die Geschichtswissenschaft, sondern ebenso für die Sozial-, Ethnographie- und Sprachwissenschaften. Keine dieser Disziplinen hat bislang einen eigenständigen Ansatz entwickelt, sodass Emotionsforschung immer auf interdisziplinären Austausch angewiesen ist. Ich selbst verorte die Emotionsgeschichte innerhalb der historischen Anthropologie, die sich früh mit Alltag, Mentalitäten, Erfahrungen und Formen des „Eigen-Sinns“ beschäftigt hat. Derzeit gibt es mehrere Modelle zur historischen und kulturellen Analyse von Emotionen: die „Emotionology“ von Peter und Carol Stearns33, William Reddys Konzepte des „Emotionsregimes“ und „Emotiven“34, die von der Ethnologin Monique Scheer entwickelten „Emotionalen Praktiken“35, Ute Freverts wissenschaftshistorischer Ansatz36 sowie Barbara Rosenweins Konzept der „emotional communities“. Für meine Untersuchung der Emotionen im deutsch besetzten Polen habe ich Letzteres gewählt, da es den Blick auf überschaubare soziale Räume lenkt und damit erlaubt, individuelle wie kollektive Gefühlslagen innerhalb einer unterdrückten Gesellschaft sichtbar zu machen.37
Rosenweins methodischer Ansatz richtet den Blick auf die affektive Komplexität von Gemeinschaften und analysiert jene gemeinsamen Diskurse, die – im foucaultschen Sinne – deren Wahrnehmungs- und Deutungshorizonte prägen. Zugleich knüpft die Forscherin an Pierre Bourdieus Habitustheorie an und hebt hervor, dass Mitglieder „emotionaler Gemeinschaften“ Emotionen anhand ihres jeweiligen Habitus und der darin verankerten, internalisierten Normen bewerten und einordnen.
Der Begriff „Gemeinschaft“ ist in der soziologischen Tradition fest verankert und erhielt bereits im 19. Jahrhundert durch Ferdinand Tönnies seine grundlegende theoretische Form. Zugleich ist zu berücksichtigen, dass die NS-Ideologie selbst auf einer spezifischen Vorstellung von Gemeinschaft beruhte – der „Volksgemeinschaft“. Ein Beispiel hierfür bietet eine Rede des Gauleiters des Warthegaus, Arthur Greiser, aus dem Jahr 1940, in der er die zentrale Bedeutung „aller deutschen Volksstämme“ innerhalb der „verschworenen Gemeinschaft für Führer und Reich“ hervorhob.38 In der Geschichtswissenschaft wird das Konzept der „Volksgemeinschaft“ seit Jahren intensiv diskutiert, insbesondere im Hinblick auf sein Potenzial zur Radikalisierung und Ausgrenzung gesellschaftlicher Gruppen.
„Emotionale Gemeinschaften“ sind nicht durch Ideologie oder durch soziale Zugehörigkeit definiert, sondern vor allem durch ein verbindendes emotionales Element. Rosenwein beschreibt sie als Gruppen, die sich aus gemeinsamen Zielvorstellungen, geteilten Idealisierungen und der Wertschätzung bestimmter emotionaler Beziehungen herausformen. Sie geht davon aus, dass Emotionen stets Ergebnis von Wertvorstellungen und Bewertungen sind. Die Mitglieder einer Gemeinschaft beurteilen Situationen demnach ähnlich als positiv oder negativ, was zur Ausbildung jeweils spezifischer emotionaler Stile führt. Die Ausdrucksformen von Emotionen erscheinen in diesem Verständnis als unmittelbare Folge ihrer Bewertung. Die Philosophin Ingrid Vendrell Ferran hat jedoch zu Recht darauf hingewiesen, dass eine Reduktion von Emotionen auf Werturteile problematisch ist, da sie die „Leiblichkeit der Emotionen“ vernachlässigt und damit einen wesentlichen Bestandteil emotionaler Erfahrung ausblendet.39
Details
- Seiten
- 590
- Erscheinungsjahr
- 2026
- ISBN (PDF)
- 9783631950166
- ISBN (ePUB)
- 9783631951590
- ISBN (Hardcover)
- 9783631950142
- DOI
- 10.3726/b23713
- Sprache
- Deutsch
- Erscheinungsdatum
- 2026 (Oktober)
- Schlagworte
- Emotionen Besatzung Alltagsgeschichte Polen Zweiter Weltkrieg
- Erschienen
- Berlin, Bruxelles, Chennai, Lausanne, New York, Oxford, 2026. 590 S.
- Produktsicherheit
- Peter Lang Group AG