Lade Inhalt...

Sprachliche Gefechte um die Verfassung

Politolinguistische Analyse der Debatten um die Märzverfassung in der Zweiten Polnischen Republik 1919–1921

von Adam Czartoryski (Autor:in)
©2026 Monographie 514 Seiten

Zusammenfassung

Das Buch definiert und untersucht sprachliche Gefechte und das Phänomen des Dazwischenredens während der Debatten um die Märzverfassung im ersten Parlament Polens nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit – dem Verfassungsgebenden Sejm der Zweiten Republik Polen 1919–1921. Mithilfe vielfältiger linguistischer Forschungsmethoden aus der Perspektive der Politolinguistik präsentiert der Autor eine umfassende Typologie nicht nur von Zwischenrufen, sondern auch von Zwischenrufgesprächen, Ordnungsrufen und Verfahrensrufen, die in zwei Sprachen (Polnisch und Deutsch) wiedergegeben werden. Außerdem werden die Profile, der Charakter und die Motivation der Zwischenrufer beschrieben. Darüber hinaus enthält das Werk die erste Übersetzung der Märzverfassung sowie der Vorläufigen Geschäftsordnung des Verfassungsgebenden Sejms ins Deutsche.

Inhaltsverzeichnis

  • Abdeckung
  • Titelblatt
  • Copyright-Seite
  • Hingabe
  • Inhaltsverzeichnis
  • Abbildungsverzeichnis
  • Einführung
  • Kapitel 1 Theorie der Sprachforschung und Forschungsstand
  • 1.1 Sprache und Politik
  • 1.2 Politische Sprache/Sprache der Politik
  • 1.3 Politolinguistik
  • 1.4 Parlamentarische Sprache
  • 1.4.1 Perspektiven zum parlamentarischen Diskurs
  • 1.4.2 Perspektiven zur parlamentarischen Debatte
  • 1.4.3 Perspektiven zur parlamentarischen Rede
  • 1.4.4 Andere interessante Perspektiven zur parlamentarischen Sprache
  • 1.5 Nichtparlamentarische Sprache
  • 1.6 Zwischenrufe
  • 1.6.1 Definitionen, Eigenschaften und Funktionen
  • Politolinguistische Definition des Zwischenrufs – Adam Stanisław Czartoryski (2020)
  • Zwischenruf als nichterteilter Beitrag zwischen Monolog und Dialog – Armin Burkhardt (2004)
  • Zwischenruf als Element der institutionell monopolisierten Rede oder institutionell oligopolisierten Diskussion – Ronald Hitzler (1990)
  • Zwischenruf als Zwischenbemerkung – Rüdiger Kipke (1995)
  • Mehrfachadressiertheit des Zwischenrufs – Peter Kühn (1983)
  • Zwischenruf als responsiver Akt in einem zweigliedrigen Zugsequenzschema – Barbara Föcker (1991)
  • Zwischenruf als Mittel des Angriffs – Juha Matti Ketolainen (1990) und Andreas Olschewski (1991)
  • Zwischenruf als taktisches Mittel des Angriffs – Ernst Jörg Kruttschnitt (1970)
  • Zwischenruf muss reif sein – Heinz Buri (1992)
  • Durchschnittszwischenrufe – Dolf Sternberger (1952)
  • Zwischenruf als kleine Bombe – Gerhard Reddemann (1980)
  • Zwischenruf als Element der Streitkultur im Parlament – Maria Stopfner (2013)
  • Zwischenrufsequenzen – Elisabeth Zima (2013)
  • 1.6.2 Andere interessante Perspektiven
  • Zwischenrufe im mexikanischen Parlament – Teresa Carbo (1994)
  • Zwischenrufe im französischen Parlament – Ineke van der Valk (2000)
  • Zwischenrufe im britischen und italienischen Parlament – Cinzia Bevitori (2004)
  • Zwischenrufe im israelischen Parlament – Shaul Shenav (2008)
  • Zwischenrufe im tschechischen Parlament – Yordanka Bruteig (2010)
  • Zwischenrufe im kanadischen Parlament – Mackenzie Grisdale (2011)
  • Zwischenrufen als „soziales Drama“ – Daniel Z. Kadar (2014)
  • Zwischenrufe im jordanischen Parlament – Mohammad Alqatawna (2019)
  • Zwischenrufe und Kodierung – Tanja Wissik (2022)
  • Kapitel 2 Forschungsmethoden
  • 2.1 Sprechhandlungsanalyse mit textlinguistischem Ansatz
  • 2.2 Gesprächsanalyse mit diskursanalytischem Ansatz
  • 2.3 Retrograde Typenbildung
  • 2.4 Korpusanalyse – Korpus des parlamentarischen Diskurses
  • Kapitel 3 Forschungsmaterial
  • 3.1 Gegenstand der Forschung und seine Quelle
  • 3.2 Stenographische Protokolle und ihre Redaktion
  • Kapitel 4 Historischer Hintergrund
  • 4.1 Situation Polens nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit
  • 4.2 Wahlen und Eröffnung der ersten Sitzung
  • 4.3 Weg zur Verfassung
  • KAPITEL 5 Politolinguistische Analyse der Sejm-Debatten um die Märzverfassung in der Zweiten Polnischen Republik
  • 5.1 Gesamtanalyse der Debatten
  • 5.1.1 Strukturelle Dimension
  • 5.1.1.1 Horizontale Segmentierung
  • Einleitung – Initialäußerung(en)
  • Zentrum – Diskussion
  • Abschluss – Positionierung bzw. Abstimmung
  • 5.1.1.2 Vertikale Segmentierung
  • Informatives Segment
  • Argumentatives Segment
  • Persuasives Segment
  • 5.1.2 Pragmatische Dimension
  • 5.1.2.1 Funktionsaspekt – Aufgabe der Debatte
  • 5.1.2.2 Situationsaspekt – Teilnehmer der Debatte
  • 5.1.2.3 Kulturaspekt – Stil und sprachliche Etikette der Debatte
  • a) Anrede- und Initialformen
  • ∙ Wysoki Sejmie (de. Hoher Sejm)/Wysoka Izbo (de. Hohes Haus)
  • ∙ Proszę Panów (de. Meine Herren)/Szanowni Panowie (de. Verehrte Herren)
  • ∙ Anrede per Panie Kolego (de. Herr Kollege)
  • b) Verbale Unhöflichkeit – Halboffizielle Ausdrücke
  • c) Rhetorik sozial-politischer Identität
  • ∙ Selbstbestimmung my
  • ∙ Positionierung my vs. wy/oni
  • d) Sprachliche Inklusion – weibliche Abgeordnete
  • 5.1.3 Kognitive (thematische) Dimension
  • 5.1.3.1 Struktur des Parlaments
  • 5.1.3.2 Staatsoberhaupt
  • 5.1.3.3 Nationale Minderheiten und Konfession
  • 5.2 Analyse der sprachlichen Gefechte
  • 5.2.1 Sprachliches (Parlaments-)Gefecht – allgemeine Definition
  • 5.2.2 Ordnungsrufe
  • 5.2.2.1 Alleinstehende
  • 5.2.2.2 Gekonterte
  • 5.2.2.3 In Sequenz
  • 5.2.3 Zwischenrufe
  • 5.2.3.1 Meritum-Typologie
  • a) Inhaltliche
  • ∙ Kommentierende (Kommentare ad meritum)
  • ∙ Argumentierende
  • b) Nicht-Inhaltliche
  • ∙ Angriffe auf den Redner (ad personam)
  • ∙ Angriffe auf das politische Umfeld
  • ∙ Angriffe auf die Rede
  • 5.2.3.2 Sprechhandlungstypologie
  • a) Memoranda
  • b) Supplementa
  • ∙ Ergänzung von Satzteilen
  • ∙ Ergänzung von Neben- und Hauptsätzen
  • ∙ Ergänzung durch Ersatz
  • ∙ Ergänzung durch Beispiel
  • ∙ Ergänzung durch Erklärung
  • ∙ Ergänzung durch Präzisieren
  • c) Reaktiva
  • ∙ Berücksichtigung
  • ∙ Beurteilung
  • ∙ Sarkasmus
  • ∙ Direkte Antwort
  • ∙ Verbesserung
  • ∙ Feststellung
  • d) Auxilia
  • e) Kollektiva
  • f) Erotetika
  • ∙ Verfolgefrage
  • ∙ Informationsfrage
  • ∙ Ergänzungsfrage
  • ∙ Entscheidungsfrage
  • ∙ Verwunderungsfrage
  • g) Direktiva
  • ∙ Forderung
  • ∙ Bitte
  • ∙ Hinweis
  • ∙ Vorschlag
  • h) Dissentiva
  • ∙ Unstimmigkeit
  • ∙ Entrüstung
  • ∙ Sarkasmus und Ironie
  • i) Evaluativa
  • ∙ Persönliche Bewertung bzw. Beleidigung
  • ∙ Negative Bewertung bzw. Einwand
  • 5.2.4 Zwischenrufgespräche
  • 5.2.4.1 Mini-Zwischenrufgespräche
  • a) Memorandum + …
  • b) Supplementum + …
  • c) Reaktivum + …
  • d) Kollektivum + …
  • e) Erotetikum + …
  • f) Direktivum + …
  • g) Dissentivum + …
  • h) Evaluativum + …
  • 5.2.4.2 3-teilige Zwischenrufgespräche
  • 5.2.4.3 4-teilige Zwischenrufgespräche
  • 5.2.4.4 Mehrteilige Zwischenrufgespräche
  • 5.2.4.5 Zwischenrufakkumulation
  • 5.2.5 Verfahrensrufe
  • 5.2.5.1 Stellungnahme
  • 5.2.5.2 Aufmerksammachen
  • 5.2.5.3 Forderung
  • 5.2.5.4 Bitte
  • 5.2.5.5 Antwort
  • Kapitel 6 Zusammenfassung der Analyse und Schlussfolgerungen
  • Kapitel 7 Grundlegende Rechtsvorschriften
  • 7.1 Vorläufige Geschäftsordnung des Verfassunggebenden Sejms – Inhalt
  • 7.2 Märzverfassung – Charakteristik und Inhalt
  • 7.2.1 Struktur der Märzverfassung
  • 7.2.2 Säulen der Staatsform
  • 7.2.3 Inkrafttreten
  • 7.2.4 Inhalt der Märzverfassung
  • Literatur
  • Quellen
  • Forschungsliteratur
  • Webseiten
  • Abstract auf Deutsch
  • Abstract in English
  • Index

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 3.1: Beispiel einer Seite des stenographischen Protokolls der 167. Sitzung am 24. September 1920

Abbildung 4.1: Das Dekret über die Wahlen zum Verfassunggebenden Sejm

Abbildung 4.2: Beschluss des Sejms über die Beauftragung von Józef Piłsudski mit der weiteren Ausübung des Amtes des Staatsoberhauptes, die sogenannte Kleine Verfassung, 20. Februar 1919 (Dz.U. z 1919 r. nr 19, poz. 226)

Abbildung 4.3: Auszug aus dem Protokoll der Sitzung des Verfassungsausschusses vom 3. März 1920 (Zentralarchiv für Moderne Akten in Warschau, AAN)

Diagramm 6.1: Anzahl der Zwischenrufe während der Debatten über den Inhalt der Märzverfassung. Gesamtanzahl: 837

Diagramm 6.2: Prozentuales Verhältnis der Zwischenrufe MIT und OHNE Autor während der Debatten über den Inhalt der Märzverfassung. Gesamtanzahl: 837

Diagramm 6.3: Anzahl der analysierten Zwischenrufgespräche während der Debatten über den Inhalt der Märzverfassung. Gesamtanzahl: 237

Diagramm 6.4: Anzahl der typologisierten Zwischenrufgespräche nach einzelnen Typen unterteilt während der Debatten über den Inhalt der Märzverfassung. Gesamtanzahl der Kombinationen: 225

Diagramm 6.5: Wer war der häufigste Zwischenrufer? während der Debatten über den Inhalt der Märzverfassung. Gesamtanzahl der Zwischenrufer: 57

Diagramm 6.6: Welche Redner wurden am häufigsten durch Zwischenrufe unterbrochen? während der Debatten über den Inhalt der Märzverfassung

Einführung

Im Anfang war das Wort. Von Beginn an war das Wort etwas Magisches, und trotz der gesellschaftlichen Veränderungen hat es bis heute etwas von seiner magischen Kraft bewahrt.1 Mit Worten kann man Menschen glücklich machen oder sie verzweifeln lassen. Mit Worten fesselt der Sprecher das Publikum, beeinflusst dessen Urteile und Entscheidungen. Worte rufen Emotionen hervor und sind ein gängiges Mittel, um Menschen zu beeinflussen.2 Worte können nicht nur unsere Wahrnehmung der Realität verändern, sondern sie sogar erschaffen. Eine vollständige Kommunikation3 ist jedoch ohne eine Sammlung von Wörtern, also eine Sprache, nicht möglich. Sie ist die Grundlage unserer sozialen Interaktionen, unserer Kultur und unserer politischen Ordnung.4

Ohne Worte kann es keine Rede und vor allem keine Debatte geben. Und jeder, insbesondere Politiker, möchte immer das letzte Wort haben. Dies führt zu verbalen und sprachlichen Gefechten – nicht immer sachlichen, oft böswilligen und oft voller Emotionen, hauptsächlich negativer. Es ist eine hohe Kunst, sich schön zu streiten – „ohne Polemik und harte Diskussionen gibt es das nicht, was die Menschen so fasziniert – Gedankenbewegung“5. Die Sprache der Politik ist voll von verschiedenen sprachlichen Gefechten.

Die Erforschung der Sprache der Politik hat eine lange Geschichte und ist ein wichtiger Teil der umfassenderen Sprachforschung in Vergangenheit und Gegenwart. Eine der effektivsten, aber auch auffälligsten Quellen für Forschungsmaterial zur Analyse der Sprache der Politik ist das Parlament, das zumindest offiziell der Hauptschauplatz politischer Aktivitäten ist – häufig in Form von sprachlichen Gefechten. Daher kann die Analyse der Sprache parlamentarischer Reden und folglich der parlamentarischen Sprache als Ganzes aufschlussreich sein. Insbesondere die Analyse der Sprache von Politikern (Mitgliedern politischer Parteien, Parlamentskammern und Staatsoberhäuptern) und die Sprache politischer Prozesse (parlamentarische Debatten und Gesetzgebungsverfahren) ermöglichen eine vielschichtige Bewertung dessen, was, wie und wann uns kommuniziert wird, aber auch des Zustands der politischen Akteure selbst, der staatlichen Institutionen und des Staates als Ganzes. Die Sprache und das Verhalten von Parlamentariern können als Lackmustest für die gesamte Gesellschaft angesehen werden, in deren Namen diese Politiker arbeiten und regieren.

Heutzutage ist es unmöglich, der Politik aus dem Weg zu gehen. Alle Themen haben zumindest einen politischen Unterton, und verbale und sprachliche Gefechte, die live und online geführt werden, sind ein integraler Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens, einschließlich der Politik. Eine der Auswirkungen davon ist die Verrohung der Parlamentsdebatten und infolgedessen der öffentlichen Debatten sowie der Politik insgesamt und der in der Politik verwendeten Sprache. Es ist unmöglich, dies hier zu verschweigen, da diese dunkle Seite einen immer größeren Schatten wirft und die positiven Aspekte der Debatten verdeckt, was sich negativ auf den Zustand des Landes und die Beziehungen zwischen den Menschen auswirkt.

In Polen wurden bereits im 15. Jahrhundert Debatten im Sejm abgehalten6. Der Sinn von Debatten im Sejm bestand darin, die Gegenseite von den eigenen Ansichten, Argumenten und Lösungsvorschlägen zu überzeugen oder zumindest die Positionen einander anzunähern, im besten Fall, um die strittigen Fragen zu lösen.7 Debatte war und ist eine Form der Konfliktlösung durch Schlichtung, Einigung, manchmal aber auch durch politische Gegenleistungen. Es handelt sich also um einen Disput, ein verbales Gefecht in einer Diskussion.

In Polen, und wahrscheinlich nicht nur in diesem Land, wird die Sprache der Politik derzeit sowohl von Linguisten als auch von der Öffentlichkeit negativ wahrgenommen. Wenn es Veränderungen gibt, dann nur zum Schlechten. Keine Verbesserung ist beispielsweise seit 2003 zu verzeichnen, als Professor Jerzy Bralczyk, ein bekannter und angesehener polnischer Philologe und Linguist, feststellte, dass die Sprache der Eliten, einschließlich der Politiker, „durch negative Eigenschaften gekennzeichnet ist: Manipulation, Unklarheit, Vulgarität, Aggressivität“8. Dies hängt vor allem damit zusammen, dass sachliche Argumente durch moralisierende Rhetorik ersetzt werden, dass man nicht bereit ist, Kompromisse einzugehen und seine Gegner, d. h. Diskussionspartner, zu respektieren.9 Diese Abwärtsspirale hält seit Jahrzehnten an, aber insbesondere in den letzten Jahren ist eine deutliche Verschlechterung zu beobachten. Politiker ziehen zunehmend ihre kulturellen Boxhandschuhe aus und kämpfen mit „bloßen sprachlichen Fäusten“ – immer häufiger ohne Respekt vor der persönlichen und sprachlichen Kultur. Dieser niedrige oder sogar erniedrigende Stil der politischen und parlamentarischen Debatte hat verheerende Auswirkungen auf den Stil der öffentlichen Kommunikation – gemäß dem Sprichwort „stinkt ein Fisch vom Kopf“. Dieser Zustand wird durch Forschungsergebnisse aus den ersten Jahrzehnten der 2000er Jahre bestätigt, die zeigen, dass sprachliche rhetorische Gefechte während Debatten einen negativen Einfluss auf die Wähler haben, die zunehmend Aggressivität und politische Gewalt unterstützen.10 Gleichzeitig führt ein solches Verhalten von Politikern langfristig zu einer Politikverdrossenheit der Öffentlichkeit, die die Welt der Politik zynisch interpretiert und das Gefühl hat, die Realität nur noch eingeschränkt beeinflussen zu können. Das führt wiederum zu einem Rückgang der politischen Beteiligung.11 Neue Demokratien, in denen ein Großteil der politischen Elite politisch unerfahren ist, sind besonders anfällig für eine solch extreme Sprache und Rhetorik in der Politik. Eine unterentwickelte politische Kultur führt zu einer Situation, in der die Verwendung oder sogar der Missbrauch eines explizit negativen Vokabulars weniger wahrscheinlich als Verstoß eines Abgeordneten nicht nur gegen politische, sondern auch gegen soziale Normen – einschließlich guter Manieren – interpretiert wird.12

Als Beispiel für eine solche neue Demokratie kann die Zweite Polnische Republik betrachtet werden, die 1918 nach fast 130 Jahren wieder auf der Landkarte Europas erschien. Obwohl die politischen Eliten größtenteils über politische und sogar parlamentarische Erfahrung verfügten, die sie in den Parlamenten der Teilungsmächte gesammelt hatten, stellten die Bürger, die sich innerhalb der Grenzen dieses neuen Staates befanden, eindeutig eine unerfahrene Wählerschaft dar, die anfällig für verschiedene rhetorische und sprachliche Mittel und Tricks war.

Die Zweite Polnische Republik wird von vielen Historikern, Politikwissenschaftlern, aber auch Politikern unterschiedlicher Couleur als Vorbild für das moderne Polen angesehen. Dies gilt insbesondere für die Anfänge des Staates, die oft in einer etwas romantisierten Weise beschrieben werden. Der Verfassunggebende Sejm in den Jahren der Verfassungsarbeiten (1919–1921) hingegen soll ein Beweis dafür sein, dass sich die polnische Gesellschaft – oder besser gesagt die polnische politische Elite – in Notsituationen über Konflikte, Meinungsverschiedenheiten oder Engherzigkeiten hinwegsetzen und gemeinsam handeln kann, wenn das Ziel für das ganze Land von Bedeutung ist. Und ein solches gemeinsames Kernziel war sicherlich die Verabschiedung der Verfassung, die später als Märzverfassung bezeichnet wurde.

Die ersten Jahre nach der Wiedergeburt der polnischen Staatlichkeit und der Rückkehr Polens auf die europäische Landkarte waren eine besondere und wichtige Zeit in der polnischen Geschichte. Mit der Wiedererlangung der Unabhängigkeit schlug der polnische Staat in Bezug auf sein politisches System den Weg des Parlamentarismus ein, der im Wesentlichen mit den aufeinanderfolgenden Sitzungen des Verfassunggebenden Sejms und den Fortschritten bei der Erarbeitung der Verfassung geboren wurde.

Daher sehe ich die Erforschung des Materials aus der Zweiten Polnischen Republik, einschließlich der Sprachforschung, als einen wichtigen Schritt zur Erweiterung des Wissensstandes über die polnische Geschichte im weiteren Sinne, aber auch im engeren Sinne – die Geschichte des polnischen Parlamentarismus und die Geschichte der Parlamentssprache. Das Studium vergangener Parlamente ist auch deshalb wichtig, weil man daraus den aktuellen Stand der Dinge beurteilen und Schlussfolgerungen für die Zukunft ziehen kann.

In Anbetracht meiner obigen Ausführungen über die negative Wahrnehmung der politischen Sprache durch die polnische Gesellschaft und ihre systematische Degradierung sollte die Analyse der Debatten des Verfassunggebenden Sejms eine Vorstellung vom Niveau der parlamentarischen Sprache am tatsächlichen Beginn ihrer Entstehung in einer moderneren Form vermitteln.

Bei meinen Recherchen zum parlamentarischen Dazwischenreden im Abgeordnetenhaus des österreichischen Reichsrats 1917–1918 habe ich aus Forschungsneugier überprüft, ob es in meinem Heimatland Arbeiten auf diesem Gebiet der Sprachforschung gibt. Es stellte sich heraus, dass es eine eigentümliche Lücke in der linguistischen Forschung zur Parlamentssprache in der Zweiten Republik gibt. Die vorliegende Dissertation ist der erste oder einer der ersten Schritte, diese Lücke zu schließen.

In meiner Forschung konzentriere ich mich jedoch nicht auf eine allgemeine Analyse der parlamentarischen Reden im Hinblick auf ihre sprachlichen Gefechte in dem im Titel dieser Dissertation genannten Zeitraum, sondern auf ein in der polnischen öffentlichen Debatte und im polnischen parlamentarischen und akademischen Diskurs oft übersehenes und heruntergespieltes, wenn auch konstantes und wichtiges Element der Debatten – den Zwischenruf.

Das Wort „Zwischenruf“ ist ein zusammengesetztes Wort, das aus „zwischen“ und „Ruf“ gebildet wird und sich im Allgemeinen auf einen mündlichen Beitrag einer Person bezieht, der von der Person, die das Gespräch leitet (private oder öffentliche Diskussion, Debatte), nicht das Wort erteilt wurde. Der Zwischenruf ist daher ein sprachlicher Ausdruck zwischen Monolog und Dialog13.

Obwohl nicht klar ist, wann sie in Diskussionen und Foren zum Einsatz kamen, waren und sind Zwischenrufe wahrscheinlich immer untrennbar mit der Politik verbunden. Sie sind ein fester Bestandteil der politischen und parlamentarischen Kommunikation, ohne den die öffentliche Debatte als dysfunktional bezeichnet werden könnte. Dies liegt in der Natur des Menschen, der sich nicht immer an die Regeln des Ortes hält, an dem er sich befindet. Die Teilnehmer an Debatten und Diskussionen haben Meinungen, die sie nicht immer in Übereinstimmung mit den Verfahrensregeln oder einfach den Regeln des Ausdrucks, der Sprache und der Kommunikation äußern können. Insbesondere bei parlamentarischen Debatten greifen die Teilnehmer zu Zwischenrufen, weil aufgrund der Form und Dauer der Debatten und der Hierarchie innerhalb der Fraktionen nicht alle Teilnehmer zu Wort kommen. Zwischenrufe geben ihnen eine Stimme.

Trotz ihrer wichtigen Rolle in verschiedenen Arten von öffentlichen und politischen Diskussionen werden Zwischenrufe von Sprach- und Politikwissenschaftlern (mit Ausnahme einer relativ großen Gruppe deutscher Sprachwissenschaftler, die in meiner Forschung ausführlich zitiert werden14) als Quelle für Forschungsmaterial zur Bewertung sowohl der Sprache der Politik als auch des Staates und des Niveaus der politischen Eliten unterschätzt. Zwischenrufe können als eine Art Lackmustest für Sprache und Politik betrachtet werden.

Solche Interjektionen sind Sprechakte und verbale Reaktionen auf die Person, die spricht, und auf das, was und warum jemand spricht. Sie können eine Debatte abwechslungsreicher und attraktiver machen – aber sowohl auf positive als auch auf negative Weise. Einerseits können Zwischenrufe eine Debatte vorantreiben, indem sie rhetorische Elemente verwenden (es handelt sich hier um inhaltliche Zwischenrufe). Andererseits können sie aber auch ein destruktiver Faktor sein, der auf der Grundlage der Eristik den Streit in der Diskussion anheizen und zum Sieg führen soll, unabhängig davon, wie extrem die Worte und Argumente des Zwischenrufers ausfallen.

Bei Zwischenrufen ist der Kontext alles. Ohne ihn ist es oft schwierig zu verstehen, worum es eigentlich geht, und bei der Analyse ist es schwierig, solche Zwischenrufe einzuordnen und zu kategorisieren. Ohne Kontext können Zwischenrufe missverstanden oder gar nicht verstanden werden und verlieren so ihren Sinn und ihre Kraft. Dies gilt umso mehr, wenn der Zwischenrufer und der Sprecher in ein komplexes sprachliches Gefecht verwickelt sind, wie z. B. die so genannten Zwischenrufgespräche, bei denen der eine über den anderen spricht. Dieser Dialog zwischen Redner und Zuhörer, der ein komplexer Meinungsaustausch ist, gilt als der Kern des Parlamentarismus. Unabhängig davon, ob die Gesprächspartner Elemente der Rhetorik oder der Eristik verwenden, gehören Zwischenrufe in verschiedenen Formen und Intensitäten dazu.15

Mein Hauptziel ist daher die diachrone Erforschung der Sprache während des ersten polnischen Parlaments der Zweiten Republik – des Verfassunggebenden Sejms – von Januar 1919 bis März 1921. Ich konzentriere mich in erster Linie auf die Sprache der Debatten rund um die Ausarbeitung der Märzverfassung und bin Teil einer umfassenderen Erforschung der so genannten political fields16, die einen Beitrag zur aktuellen Forschung sowohl zum polnischen Parlamentarismus (im Allgemeinen) als auch zur Sprache der Parlamentsdebatten in Polen (im Besonderen) leisten soll.

Um dieses Ziel zu erreichen, stützt sich meine Forschung zunächst auf die folgenden Hypothesen:

  • Herkunft der Abgeordneten als Einflussfaktor

    Die Herkunft und die politische Erfahrung aus einer bestimmten Teilung sowie die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppierung/Partei beeinflussten die Sprache, Argumentation und Rhetorik der Abgeordneten. Hier sind beispielsweise folgende Faktoren gemeint: Alter, Generation, Geschlecht, soziale Schicht, ideologische Ausrichtung und Zukunftsvorstellung, ethnokonfessioneller Hintergrund.

  • Emotionen als Einflussfaktor

    Angesichts der außerordentlichen Bedeutung und der Notwendigkeit, die Verfassung des wiedergeborenen Staates zu verabschieden, wurden die Debatten von einem hohen Maß an vielfältigen Emotionen begleitet, die sich in dem von den Abgeordneten gewählten Vokabular und den Aussagen widerspiegelten. Gleichzeitig aber, trotz vieler Emotionen, waren sowohl der Stil als auch die sprachliche Etikette der Debatten überwältigend hoch.

  • Dazwischenreden als Einflussfaktor

    Unterschiedliche Arten von Dazwischenreden (Zwischenrufe und Zwischenrufgespräche, Ordnungsrufe, Verfahrensrufe) hatten einen wesentlichen Einfluss auf die Dynamik der Debatten.

  • Debatten als sprachliche Gefechte

    Trotz der vielen Unterschiede in Bezug auf die Herkunft, die politische und parlamentarische Erfahrung, die Weltanschauung und sogar das Geschlecht, wurden die Debatten nicht als Streitereien geführt, sondern als sprachliche Gefechte um ein gemeinsames Ziel – die Verabschiedung einer Verfassung – zu erreichen.

  • Debatten als Grundlage für die Zukunft

    Die Art und Weise, in der die Debatten während des Verfassunggebenden Sejms geführt wurden, bildete die Grundlage und das Beispiel für die parlamentarische Arbeit der nachfolgenden Jahre.

Um die Gültigkeit der formulierten Forschungshypothesen zu überprüfen und das ausgewählte Forschungsmaterial richtig zu analysieren, habe ich die folgenden Forschungsfragen formuliert:

  1. Welche Arten der sprachlichen Gefechte und des Dazwischenredens können erkannt werden und welche Typologien von ihnen können unterschieden werden?
  2. Was waren die direkten und indirekten Auslöser von Emotionen während der Debatten? Wie wurden Emotionen sprachlich ausgedrückt?
  3. Wie gelang es Politikern, Berufsparlamentariern und Personen, die zuvor nicht mit dem Parlamentarismus in Verbindung gebracht worden waren, Debatten im ersten Parlament der Republik Polen zu führen?
  4. Kann man anhand von Aussagen der Abgeordneten feststellen, dass es in einer der Teilungen eine höhere oder einfach eine andere politische Kultur gegeben hat?
  5. War die Sprache der parlamentarischen Debatten so brutal wie heute?

Hinsichtlich des Aufbaus der vorliegenden Arbeit habe ich zunächst (Kapitel 1) die wichtigsten theoretischen Konzepte der linguistischen Forschung vorgestellt, die sich auf Sprache, Politik, politische Sprache und Politolinguistik konzentrieren und die für die Art meiner Forschung wesentlich sind. In diesem Kapitel habe ich auch den Stand der Forschung zur parlamentarischen Sprache im Besonderen, aber auch zur außerparlamentarischen Sprache, einschließlich der Dazwischenreden, beschrieben.

Anschließend (Kapitel 2) habe ich die für die Analyse verwendeten Forschungsmethoden vorgestellt. Im folgenden Kapitel (Kapitel 3) habe ich mich auf die stenographischen Protokolle des Verfassunggebenden Sejms konzentriert, die das Quellenmaterial für meine Analyse darstellen.

Bevor ich mit der politolinguistischen Analyse begann, die den Hauptteil der Dissertation ausmacht, habe ich den historischen Hintergrund für meine linguistische Analyse skizziert (Kapitel 4): Ich habe kurz die Situation Polens nach der Wiederherstellung der Unabhängigkeit (Unterkapitel 4.1) sowie die Wahlen zum ersten Sejm danach, dem Verfassunggebenden Sejm, beschrieben (Unterkapitel 4.2). Ausführlicher, aber dennoch im Wesentlichen, habe ich mich auf die Beschreibung des parlamentarischen Weges zur Verabschiedung der Märzverfassung fokussiert, die den Hauptkontext für die durchgeführte linguistische Analyse darstellt (Unterkapitel 4.3).

Das nächste Kapitel (Kapitel 5) präsentiert die Ergebnisse einer politolinguistischen Analyse der Sejmdebatten um die Märzverfassung in der Zweiten Polnischen Republik von 1919 bis 1921. Ich habe dieses Kapitel in zwei Teile geteilt. Im ersten Teil (Unterkapitel 5.1) beschäftigte ich mich mit einer umfassenden Analyse der zahlreichen Sitzungen der Debatte über die Entstehung der Märzverfassung. Auf drei Ebenen – der strukturellen, der pragmatischen und der kognitiven – habe ich die Aufgaben und die Struktur der Debatte sowie ihre Themen und Teilnehmer in sprachlicher und politischer Hinsicht beschrieben. Dies ermöglichte es mir, zum zweiten Teil überzugehen, d. h. zu einer detaillierten Analyse der sprachlichen Gefechte während der Debatten um die Märzverfassung: Ich habe nicht nur meine eigene Begriffsdefinition des sprachlichen (Parlaments-) Gefechts vorgestellt (Unterkapitel 5.2.1), sondern auch die verschiedenen Elemente dieser Gefechte mit ihren Typen und Untertypen aufgeführt (Unterkapitel 5.2.2 bis 5.2.5). Die in diesem Abschnitt verwendeten Beispiele wurden präzise und wortgetreu aus den stenographischen Protokollen – die in polnischer Sprache verfasst wurden – transkribiert, wobei die ursprüngliche Schreibweise beibehalten wurde. Nur an einigen Stellen wurden einzelne Buchstaben in bestimmten Wörtern ergänzt – in Klammern „[ ]“ –, um die Aufnahme des Inhalts zu erleichtern. Um den Empfängerkreis der vorliegenden Dissertation auch auf Personen zu erweitern, die nicht der polnischen Sprache mächtig sind, habe ich alle Beispiele in den Kapiteln 5 und 7 sorgfältig und unter Berücksichtigung der fachlichen Kompetenz des Übersetzers aus dem Polnischen ins Deutsche übersetzt und zur Verdeutlichung hellgrau markiert.

Im nachfolgenden Kapitel (Kapitel 6) habe ich die allgemeinen und detaillierten Schlussfolgerungen dieser Analyse formuliert.

Die Dissertation schließt mit einem Kapitel (Kapitel 7), in dem ich den Inhalt – in zwei Sprachen (dem polnischen Original und der deutschen Übersetzung) – und die Merkmale der Verordnungen des Verfassunggebenden Sejms und der Märzverfassung dargestellt habe.

Details

Seiten
514
Erscheinungsjahr
2026
ISBN (PDF)
9783631951613
ISBN (ePUB)
9783631951620
ISBN (Hardcover)
9783631951606
DOI
10.3726/b23716
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2026 (September)
Schlagworte
Sprachliches Gefecht Sprachliches Parlamentsgefecht Dazwischenreden Debatte Zweite Polnische Republik Polen Märzverfassung Politolinguistik Politische Sprache Zwischenruf Zwischenrufgespräch Ordnungsruf Verfahrensruf Sprache im Parlament
Erschienen
Berlin, Bruxelles, Chennai, Lausanne, New York, Oxford, 2026. 514 S., 10 s/w Abb.
Produktsicherheit
Peter Lang Group AG

Biographische Angaben

Adam Czartoryski (Autor:in)

Adam Stanisław Czartoryski ist Slawist mit Diplom- und Doktoratsstudium an der Universität Wien und Germanist mit Master- und Doktoratsstudium an der Universität Rzeszów. Seine wissenschaftlichen Interessen liegen im Bereich der Politolinguistik, Medienlinguistik, Kultur- und Sprachgeschichte sowie Fremdsprachendidaktik und Übersetzung.

Zurück

Titel: Sprachliche Gefechte um die Verfassung