Lade Inhalt...

Beruhigung, Beglaubigung, Präsenz und Gedenken

Die Exilbriefe des Musikers Ernst Weißler aus Shanghai und Beiping (Beijing) 1939–1949

von Sophie Fetthauer (Autor:in)
34 Seiten
Open Access
Journal: Jahrbuch für Internationale Germanistik Band 58 Ausgabe 2 Erscheinungsjahr 2026 pp. 281 - 314

Zusammenfassung

„Alles in allem fühlen wir uns sehr wohl und kommen uns vor wie in Tausendundeiner Nacht. Befinden IA. Wir grüssen Euch Alle.“ Mit diesen Worten, die dem Exil in Shanghai einen märchenhaften Anschein verliehen und die mit dem Wir seinen Cousin einschlossen, beendete der Pianist, Klavier- und Gesangslehrer Ernst Weißler im Juli 1939 seinen ersten Brief aus Shanghai. Er hatte dort gerade vor der antisemitischen Verfolgung des NS-Regimes Zuflucht gefunden. Adressiert war der Brief an seine in Deutschland zurückgebliebene Familie, allen voran seine Mutter und seine Schwägerin in Berlin. In den folgenden zehn Jahren nutzte er für seine Unterschrift oft den Vornamen Ernst, manchmal kombiniert mit den Attributen Sohn, Schwager, Vetter oder Onkel. Daneben fügte er in Briefen an seine Mutter immer wieder die humorvoll anmutende Bezeichnung „Ostasiat“ oder in erweiterter Form „Dein operettendirigierender Ostasiat“, „Der Ost-Asien-Wanderer“ oder „Dein fernöstlicher Sohn“ hinzu. In der Nachkriegszeit wurde gegenüber der Schwägerin in Anlehnung an Friedrich Hebbels Trauerspiel Kriemhilds Rache (3. Akt, 6. Szene) daraus der „asiatische Schwaeher“, also der asiatische Schwager, den man besser nicht in das kriegsgebeutelte Deutschland zurückrief, da er dort zur Last werden könnte. Einen Brief an eine nicht identifizierte „Sehr edle Dame“ zeichnete er 1948 dagegen mit „Harun Al Raschid“ und spielte damit auf die Figur eines Kalifen aus Tausendundeine Nacht an, die mit ganz unterschiedlichen Geschichten assoziiert werden kann – sowohl mit Liebesgeschichten als auch mit der Gewohnheit, in Verkleidung bei den Untertanen nach dem Rechten zu sehen. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland Anfang 1950 bezeichnete Weißler sich der Freundin gegenüber als „Sindbad der Seefahrer“. Hiermit verwies er erneut auf eine Figur aus der aus der arabischen, persischen und indischen Kultur stammenden Geschichtensammlung Tausendundeine Nacht. Diese kehrt nach ihren darin erzählten sieben Reisen immer wieder glücklich nach Hause zurück. Mit dieser literarischen Anspielung schloss sich der Kreis der Mitteilungen, die Weißler 1939 mit einem Hinweis auf Tausendundeine Nacht begonnen hatte.

Details

Seiten
34
DOI
10.3726/JIG582_281
Open Access
CC-BY
Erscheinungsdatum
2026 (August)
Schlagworte
beruhigung beglaubigung präsenz gedenken exilbriefe musikers ernst weißler shanghai beiping beijing
Produktsicherheit
Peter Lang Group AG

Biographische Angaben

Sophie Fetthauer (Autor:in)

Zurück

Titel: Beruhigung, Beglaubigung, Präsenz und Gedenken