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Simpliciana XLII (2020)

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Edited By Peter Hesselmann

Der XLII. Jahrgang der Simpliciana enthält die Vorträge, die während der Tagung der Grimmelshausen-Gesellschaft zum Thema „Dispositionsformen und Ordnungsvorstellungen bei Grimmelshausen und in der Literatur der Frühen Neuzeit“ Anfang August 2020 in Münster gehalten wurden. Zusätzlich werden fünf Beiträge veröffentlicht, die sich dem Werk Grimmelshausens aus verschiedenen Perspektiven nähern.

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Kalendarik als literarische Dispositionsform – Grimmelshausen, Rist, Bärholtz

Kalendarik als literarische Dispositionsform – Grimmelshausen, Rist, Bärholtz

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SYLVIA BROCKSTIEGER (Heidelberg)

Im Zuge des Buchdrucks mit beweglichen Lettern entsteht mit dem Jahreskalender eine neue Gattung der Wissensliteratur, die Alltagserfahrung und Zeiterleben des frühneuzeitlichen Menschen nachhaltig prägen sollte. Das astronomisch-astrologische Referenzsystem des Kalenders sowie die in den meisten Fällen beigebundenen Prognostiken machen den Kalender zum Zeitpunkt seines Drucks (am Ende des Vorjahres) zu einer zukunftsbezogenen Gattung, in der das kommende Jahr als Verheißung und Versprechen vor Augen steht. Zeit ist nicht mehr zyklisch, wie im Falle des immerwährenden Kalenders, sondern linear gedacht. Die Zukunft, zumindest die nahe, unmittelbar bevorstehende, erscheint als gestaltbar, als handhabbar, als potentiell beherrschbar: Nicht nur erlaubt es der Kalender, die richtigen Termine für den Haarschnitt oder den Aderlass zu finden, sondern er stellt mit botanischen Informationen, etwa Hinweisen auf Saat- oder Erntezeiten, Rezepten für Arzneimittel oder Informationen zu Heilpflanzen wichtige Hilfsmittel für die Bewältigung des Alltags bereit.

Nun gibt es in der Kalenderliteratur der Frühen Neuzeit eine Sonderform des Kalenders, in der eben diese zeitliche Dimensionierung, also die Ausrichtung auf die Zukunft, gewissen Transformationen unterworfen wird: nämlich den Schreibkalender, der auf handschriftliche ←175 | 176→Eintragungen und damit den Alltagsbrauch hin abgestellt ist und der bald zur hauptsächlichen Publikationsform des Jahreskalenders avanciert.2 Im Schreibprozess wird der Kalender zum Medium der Gegenwartsreflexion – möglicherweise zu dem Medium schlechthin, an dem sich die ‚Geburt der Gegenwart im 17. Jahrhundert‘ ablesen lassen könnte3 – sowie zum Medium der Ich-Dokumentation und -Reflexion. Die Eintragungen...

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