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Der weibliche Blick auf den Orient

Reisebeschreibungen europäischer Frauen im Vergleich

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Miroslawa Czarnecka, Christa Ebert and Grazyna B. Szewczyk

Der von Edward Said angeregte Orientalismus-Diskurs über den westlichen Blick auf den Orient weist auf die überwiegend durch Stereotype und Vorurteile geprägte Betrachtungsweise des Okzidents hin. Dabei geht Said stillschweigend von einem männlichen Diskurs aus, gestützt auf zumeist von Männern verfasste Texte und Bilder – wie etwa der Topos von Feminisierung und Sexualisierung des Orients als des unterlegenen, exotischen Anderen. Wie aber nehmen Frauen den Orient wahr? Verstärken und unterstützen sie die männliche Sichtweise oder konterkarieren oder variieren sie sie?
Forschungsgegenstand dieses Bandes sind Aufzeichnungen europäischer Frauen, die in Begleitung ihrer Männer oder allein den Orient bereisten und ihre Eindrücke in Berichten, Tagebüchern oder Briefen zu Papier brachten. Die geschilderten Begleitumstände der Reisen werden eingehend analysiert, da sie die Perspektive des Eigenen entscheidend mitbestimmen. Von der Forschung bislang noch kaum wahrgenommene Reiseschriftstellerinnen aus osteuropäischen Regionen werden in die Untersuchung einbezogen und als Teil der europäischen Kulturgeschichte ins Blickfeld gerückt. Auch Texte von orientalischen Schriftstellerinnen werden berücksichtigt: In ihrem Spiegel wird die Wahrnehmung der Europäerinnen auf den Orient kritisch überprüft und gelegentlich auch revidiert. Der Band präsentiert die Ergebnisse des internationalen Symposiums «Der weibliche Blick auf den Orient», das vom 5. bis 7. Oktober 2009 in Słubice stattfand.

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Die Indienerfahrung in Mein indisches Tagebuch von Ingeborg Drewitz 201

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Die Indienerfahrung in Mein indisches Tagebuch von Ingeborg Drewitz Renata Dampc-Jarosz Für die Berliner Schriftstellerin Ingeborg Drewitz (1923–1986) bedeutete das Reisen eine wichtige Lebenserfahrung. In den Ländern, die sie seit 1953 bereiste (Jugoslawien, die USA, die UdSSR, Polen, Portugal u. a.), fand sie viele Impulse für ein neues Welt- und Selbstverständnis. Ihre Reiseberichte, herausgegeben im Buch Schrittweise Erkundung der Welt (1982), geben Zeugnis von ihrer Konstruktion des Fremden und dem Wandel der Autorin selbst. Die 1982 auf Einladung der deutschen Kulturinstitute unternommene Vortragsreise nach Indien bildet aber in dieser Hinsicht eine Ausnahme, die nicht nur im krassen Widerspruch zu den früheren Reiseerlebnissen der Schriftstellerin, sondern überhaupt zu ihrer Lebenskonzeption, ihrem sozial- und frauenpolitischen Engagement sowie ihrer Schreibweise steht.1 Ingeborg Drewitz fuhr nämlich nach Indien, in das Land des „Millionenelends“2, nicht frei von Vorurteilen, was sie im Vorwort zu ihrem nach dem Indienbesuch entstandenen Werk Mein indisches Tagebuch (1986) betont: „Ich hatte Angst vor dem Elend. Dennoch versuchte ich, mich den Erfahrungen unbe- fangen zu stellen, täglich Buch zu führen“ (MiT, 5). Die Wahl der Gattung des Tagebuches scheint im Fall der Fremdheitser- fahrung nicht zufällig zu sein, weil sie dem Aufzeichnenden ermöglicht, „sich der Welt neu zu stellen, sich neu mit ihr auseinandersetzen zu kön- nen“. 3 Drewitz’ „zögernde Annäherung an ein sehr fremdes Land mit seiner sehr fremden Kultur“ (MiT, 6) gilt aber für fast alle Kritiker und Literatur- 1 Ingeborg Drewitz war...

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