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Naturwahrnehmung im Mittelalter im Spiegel der lateinischen Historiographie des 12. und 13. Jahrhunderts

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Milène Wegmann

Naturerkenntnis, Menschenbild und Weltbild stehen in enger Beziehung zueinander, denn der Mensch nimmt die Natur als Beobachter wahr und die gewonnenen Eindrücke weisen somit auf sein Selbstverständnis. Diese Studie befasst sich mit der Naturwahrnehmung im Mittelalter, wobei sie Forschungsergebnisse aus den Bereichen Geschichte, Philosophie, Literatur und Wissenschaftsgeschichte einbezieht. Als Basis dienen historiographische Quellen des 8. bis 16. Jahrhunderts aus Klöstern des alten deutschen Reiches, die in den ‘Monumenta Germaniae historica: Scriptores’ herausgegeben wurden. Welche Motivation hatten die Mönche für ihre Hinwendung zur Natur? Weshalb zeichneten sie Naturereignisse und -beobachtungen auf? Wie wurden die antiken Theorien über Natur in der monastischen Historiographie rezipiert? Welcher qualitative Wandel der Naturwahrnehmung fand vor allem im 12. und 13. Jahrhundert statt? Welches Verhältnis besteht zwischen Naturwahrnehmung/Naturerkenntnis und Naturbegriff? Die verschiedenen Möglichkeiten der Perzeption der Natur und ihrer Phänomene werden dabei anhand der mediävistisch-philologischen Methode aufgezeigt und mit einem interdisziplinären Ansatz diskutiert.

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1. Einleitung 1

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.1 Fragestellung und Methode „ Alle Menschen streben von Natur nach Wissen. Dies beweist die Liebe zu den Sinneswahrnehmungen; denn auch ohne Nutzen werden sie an sich geliebt und vor allen anderen die Wahrnehmungen mittels der Au- gen. Nicht nämlich nur zum Zweck des Handelns, sondern auch, wenn wir nicht zu handeln beabsichtigen, ziehen wir das Sehen so gut wie allen andern vor. Ursache davon ist, dass dieser Sinn uns am meisten Erkenntnis gibt und viele Unterschiede aufdeckt“ (‚Metaphysik‘ 980a21–27). Diese Worte stehen programmatisch am Anfang der Aristotelischen ‚Metaphysik‘. Aristoteles definiert, für die abendländische Philosophie (und abgeleitet: Wissenschaft) bestimmend, den Erkenntnisbegriff als eidénai („ gesehen haben“), d. h. als in der Anschauung begründetes Denken (vgl. KANT: ‚Kritik der reinen Vernunft‘ B33). Zum griechischen, auf dem „ Sehen“ beruhenden Denken tritt der christliche, vom „ Hören“ her bestimmte Glaube in scharfen Gegensatz. Die Formel Schema Israel („ Höre, Israel!“), aber auch Meister Eckharts Höherbewertung des Hörens gegenüber dem Sehen verdeutlichen dies: Daz hoeren bringet mê in, aber daz sehen wîset mê ûz, jâ daz werc des sehennes an ime selber. Unt dar umbe sullen wir in dem êwigen lebenne vil sêliger sîn in der kraft des hoerennes denne in der kraft des sehennes. Wan daz werc des hoerennes des êwigen wortes daz ist in mir unde daz werc des sehennes gêt von mir, unde daz hoeren bin ich lîdende unde daz sehen würkende.1 1 Meister Eckhart. Predigten. Hg. von...

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