Show Less

Wenn Saturn seine Kinder frisst

Kinderhexenprozesse und ihre Bedeutung als Krisenindikator

Series:

Nicole Janine Bettlé

Während rund vier Jahrhunderten verfolgten geistliche und weltliche Gerichte angebliche Hexen, unter aktiver Mitwirkung der Bevölkerung. Aber nicht nur Erwachsenen machte man vom 15. bis ins frühe 18. Jahrhundert den Prozess. Auch zahlreiche Kinder, deren genaue Anzahl von der Wissenschaft bisher nicht ermittelt worden ist, wurden wegen Zauberei- und Hexereidelikten angeklagt und hingerichtet. Über vierhundert dieser Fälle werden in dieser Untersuchung erstmals zusammenfassend dargestellt und einer detaillierten Analyse unterzogen. Dabei stehen die Strafverfahren der Schweizer Hexenkinder, die nach langer Tabuisierung auf diese Weise Eingang in die moderne Forschung finden, im Mittelpunkt der Untersuchung. Unter Einbezug von Kultur- und Mentalitätsgeschichte der damaligen Zeit wird am Beispiel der «Hexenkinder» folgenden Fragen nachgegangen: Unter welchen soziokulturellen, demografischen sowie ökonomischen Bedingungen bzw. aufgrund welcher religiösen und rechtspolitischen Vorbilder ist eine Gesellschaft bereit, Angehörige der Nachfolgegeneration zu opfern? Und welche Mechanismen bestimmen ursächlich dieses Verhalten, das epochenübergreifend in Erscheinung tritt, obwohl es doch den Prinzipien der Menschlichkeit widerspricht und zudem die Erhaltung der Art gefährdet?

Prices

Show Summary Details
Restricted access

I. Vorstellungswelten: Volkstümliche und christliche Glaubensvorstellungen - 29

Extract

29 I. Vorstellungswelten: Volkstümliche und christliche Glaubensvorstellungen Die Kirche ist eine moralische Instanz und ihre Lehre stellt das geistige Fundament einer Volksgemeinschaft dar. Das Recht wiederum ist ein Spie- gelbild dieser ethisch-religiösen Grundsätze und gestaltet sich aus den sittlichen sowie wirtschaftlichen Anschauungen des Volkes und der Zeit, denen es dienen soll.1 Sowohl die Religion als auch das daraus resultie- rende Recht sind auf Idealvorstellungen aufgebaut. Dieser von Denkern konzipierte Soll-Zustand ist es auch, der die Aussagen unzähliger Gelehr- tenschriften des Mittelalters und der Neuzeit prägt. Die von Theologen und Juristen verordneten Vorstellungswelten sind jedoch selten – wenn überhaupt – identisch mit den Glaubens- und Verhaltensstrukturen der einfachen Bevölkerung.2 Ob beschlossene Religions- und Rechtsnormen auch tatsächlich durchgesetzt werden können, ist stets vom Volkswillen abhängig, wodurch die Bevölkerung eine weit stärkere Macht darstellt, als die Forschung ihr bisher zugestehen wollte. Auch in Bezug auf die Hexenprozesse fokussierte sie sich viel zu lange ausschliesslich auf die Gelehrten der Theologie und Jurisprudenz oder aber die Herrschenden bzw. Obrigkeit, denen über Jahrzehnte die Schuld an den Hexenverfol- gungen zugeschrieben wurde. Heute wissen wir, dass das gemeine Volk als Initiator der Hexenprozesse eine überaus bedeutende Rolle gespielt hat. Mit dieser Erkenntnis eröffnet sich jedoch eine weitere Problematik, denn eine Gemeinschaft setzt sich immer aus vielen einzelnen Individuen zusammen, deren Leben von unterschiedlichen Meinungen und Antrie- ben aber auch Ängsten und Sorgen bestimmt wird. Seit jeher gibt es die Auffassung vom Bösen in Menschengestalt. Sie basiert...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.