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Büchner-Rezeptionen – interkulturell und intermedial

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Marco Castellari and Alessandro Costazza

Angesichts der unterschiedlichen Modalitäten und der verschiedenen Medialitätsgrade und -arten der Rezeption, die das Werk und die Figur Georg Büchners in zwei Jahrhunderten erfahren hat und weiter erfährt, muss heutzutage von Büchner-Rezeptionen in der Pluralform die Rede sein. Immer differenzierter entfaltet sich insbesondere die interkulturelle und intermediale Wirkung des Dichters, Wissenschaftlers und Revolutionärs. Sei es die Persönlichkeit des Dichters selbst, etwa beim Verfassen aufrührerischer Pamphlete, hellsichtiger Dichtungen oder fulminanter Briefe, auf der Flucht aus der Heimat oder am Seziertisch, seien es seine Figuren von Danton bis Lenz, von Leonce bis Woyzeck – das «Kind der neuen Zeit» genießt eine hohe internationale Resonanz in literarischen, theatralischen, filmischen, bildnerischen und performativen Diskursen. Anlässlich der internationalen Tagung zu Büchners 200. Geburtstag in Mailand (September 2013) untersuchen in diesem Band WissenschaftlerInnen aus Deutschland, Österreich, Großbritannien und Italien einige dieser Büchner-Rezeptionen, indem sie bekannte Konstellationen hinterfragen, überfällige Rekonstruktionen vornehmen und sich auf neues Terrain begeben.
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„Sehen Sie jezt die Kunst …“ Woyzeck-Verbildlichungen vom Expressionismus bis zur Comic-Art: Christian Neuhuber

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Christian Neuhuber (Graz)

„Sehen Sie jezt die Kunst!“1 So bewirbt der radebrechende Marktschreier in der allerersten Szene des Woyzeck-Fragments seinen dressierten Affen und lenkt die Aufmerksamkeit seines potentiellen Publikums auf die Differenz zwischen der „Kreatur, wie sie Gott gemacht“2 und ihrer anthropomorphen Überformung zur Soldatenkarikatur. Der Satz mag unbedeutend anmuten, doch kommt ihm als selbst- und metareflexiver Hinweis, den der Autor gleich zu Beginn des Spiels gibt, eine zentrale Bedeutung zu, und dies auf mehreren Ebenen. Innerfiktional bezeichnet die angepriesene ‚Kunst‘ der Schaubude zunächst einen bereits durchlaufenen kreativen Prozess, von der Idee der Identifikation von Tier und „unterst Stuf von menschliche Geschlecht“3 über die kunstfertige Dressur des Affen bis zur intendierten Wirkung der komischen Inkongruenz auf den Betrachter, der damit ja auch zum Besuch der Vorstellung angeregt werden soll. Im Kontext des literarischen Werks freilich steht dieser abgerichtete Primat für Zwang, Missbrauch und groteske Deformation, die dem hilflosen Soldaten Woyzeck im Verlauf der dramatischen Handlung widerfahren. Sein Schicksal soll wiederum – und das ist die suggestive Kunst Büchners – uns Rezipienten dazu animieren, einen Blick hinter den Vorhang zu werfen, auf das, was sich hinter dem Offensichtlichen einer entsetzlichen Mordtat verbirgt: auf Unterdrückungs- und Ausbeutungsmechanismen in einer modernen Gesellschaft, auf Selbstentfremdung und psychische Deformation, auf soziale Determiniertheit und Vorverurteilung.

Sehen sie jetzt die Kunst! Ob die Zeichnung Erik Richters (1889–1981) für eine Liebhaberausgabe von 1925 die analytische Vielschichtigkeit und tragische Tiefe der Vorlage adäquat ins Bild zu setzen...

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