Show Less
Restricted access

Büchner-Rezeptionen – interkulturell und intermedial

Series:

Marco Castellari and Alessandro Costazza

Angesichts der unterschiedlichen Modalitäten und der verschiedenen Medialitätsgrade und -arten der Rezeption, die das Werk und die Figur Georg Büchners in zwei Jahrhunderten erfahren hat und weiter erfährt, muss heutzutage von Büchner-Rezeptionen in der Pluralform die Rede sein. Immer differenzierter entfaltet sich insbesondere die interkulturelle und intermediale Wirkung des Dichters, Wissenschaftlers und Revolutionärs. Sei es die Persönlichkeit des Dichters selbst, etwa beim Verfassen aufrührerischer Pamphlete, hellsichtiger Dichtungen oder fulminanter Briefe, auf der Flucht aus der Heimat oder am Seziertisch, seien es seine Figuren von Danton bis Lenz, von Leonce bis Woyzeck – das «Kind der neuen Zeit» genießt eine hohe internationale Resonanz in literarischen, theatralischen, filmischen, bildnerischen und performativen Diskursen. Anlässlich der internationalen Tagung zu Büchners 200. Geburtstag in Mailand (September 2013) untersuchen in diesem Band WissenschaftlerInnen aus Deutschland, Österreich, Großbritannien und Italien einige dieser Büchner-Rezeptionen, indem sie bekannte Konstellationen hinterfragen, überfällige Rekonstruktionen vornehmen und sich auf neues Terrain begeben.
Show Summary Details
Restricted access

Notwendige Bedingungen: Georg Büchner im literarischen Feld Italiens 1914–1955: Michele Sisto

Extract

Michele Sisto (Roma-Trento)

Vor 1914 ist Georg Büchner im literarischen Feld Italiens so gut wie nicht vorhanden.2 Das ist kaum überraschend: Wie bekannt, steigt Büchners symbolisches Kapital auch in Deutschland erst langsam nach der Veröffentlichung der Werkausgabe von Franzos (1879), indem die literarischen Avantgarden – ich verwende den Begriff im Sinne Bourdieus, an dessen soziogeschichtlichen Ansatz ich mich halte3 – ihn allmählich ‚entdecken‘ und als ‚Vorläufer‘ erkennen, und zwar zunächst im Zeichen des Naturalismus (Hauptmann, Wedekind), dann des Symbolismus (Hofmannsthal) und des Expressionismus (Haym, Jahnn) bis zur breiteren Kanonisierung durch die Inszenierungen einiger seiner ← 271 | 272 → Dramen und die populäre Insel-Ausgabe seiner Werke im Jubiläumsjahr 1913.4 Es sind also in erster Linie die Neuankömmlinge im literarischen Feld, die in ihrem Kampf um Anerkennung ein ‚spezifisches Interesse‘ daran haben, sich als Befürworter des vergessenen Büchner zu unterscheiden.5 Diese Aufwertung Büchners, die am Pol der eingeschränkten Produktion im sich konstituierenden literarischen Feld6 einsetzt, wirkt erst viel später auf die „germanistische Zunft“, die sich bis in die 1930er Jahre „eher zurückhaltend“ verhält, indem sie die Editionsarbeiten Außenseitern überlässt und „sich vor allem auf die unumgänglichen Erwähnungen in den Literaturgeschichten beschränkt“.7

Diese Erwähnungen sind übrigens oft negativ, wie z. B. bei Sigismondo Friedmann (1852–1917), bis 1907 Inhaber des einzigen Lehrstuhls für Deutsche Literatur in Italien,8 der an der Facoltà di Lettere der Regia Accademia Scientifico-Letteraria (sp...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.