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Hermann Bahr – Österreichischer Kritiker europäischer Avantgarden

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Martin Anton Müller, Claus Pias and Gottfried Schnödl

Bereits zeitgenössische Kritiker stehen irritiert vor der Breite des Werks des Schriftstellers und Journalisten Hermann Bahr (1863–1934) und monieren vor allem dessen Heterogenität. Verwirrung stiftet seine Praxis, ständig neue künstlerische Stile und kulturelle Tendenzen zu erahnen, sie zu lancieren und bald wieder zu ‚überwinden‘. Das lässt sich als Symptom für die um 1900 drastisch zunehmende Geschwindigkeit der kulturellen und technischen Entwicklung begreifen. So untersucht dieser Band, wie sehr das ‚Übermorgen‘ des Trendsetters Bahr nicht sowieso bereits die Gegenwart seiner Zeitgenossen darstellt. Die in diesem Band dokumentierten Aufsätze eint, dass er nicht als Vorreiter, sondern als Zeiterscheinung gefasst werden soll. Ursprünglich Vorträge einer Tagung, die im Mai 2013 in Berlin stattfand, erweitern sie die Diskussion in Bahrs Arbeitsfeldern Wirtschaftswissenschaften, Kunst- und Literaturgeschichte, Philosophie und Theater. Ferner behandeln sie seine Publikationspraxis sowie die Überlieferung seines Nachlasses.
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Hermann Bahrs visionäre Dramentheorie im Dialog vom Tragischen: Alfred Dunshirn

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Hermann Bahrs visionäre Dramentheorie im Dialog vom Tragischen

Alfred Dunshirn

Vier Jahre nach Friedrich Nietzsches Tod erscheint in der Zeit der Hochblüte der durch Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff geprägten und teilweise methodisch enggeführten klassischen Philologie des deutschen Kaiserreichs der Dialog vom Tragischen, der mindestens in zweierlei Hinsicht als richtungsweisend für Entwicklungen der Tragödientheorien des zwanzigsten Jahrhundert gelten, aber auch exemplarisch die Polyphonie im Werk von Hermann Bahr sowie seine brechende Gelehrsamkeit zeigen kann, die sich wohl am deutlichsten in den in den Text eingestreuten Zitaten antiker Autoren und den von den Gesprächspartnern verwendeten termini technici der antiken Poetik äußert. Bahr begnügt sich jedoch nicht mit einer dialoghaften Zusammenstellung von klassischen Stellen und Autoritäten der Literaturbetrachtung, er pfropft auf diese eigene Überlegungen zum Unbewussten und zum menschlichen Grundmovens der Scham auf, deren Betrachtung im Zusammenhang mit Texten aus der Antike in der Altphilologie lange Zeit entweder belächelt oder bekämpft wurde – man denke nur an die Reaktionen auf die Auseinandersetzung mit dem Ödipusmythen-Komplex bei Sigmund Freud.1

Erst in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts setzte in dieser hehren Wissenschaft eine breitere, nichtpolemische Befassung mit demjenigen ein, was unter Psychoanalyse und Schamkultur firmierte, jedoch auch dann nicht ohne damit einhergehende Apologien der Autoren dafür, sich auf derartige Abwege zu begeben – man lese nur das Vorwort von Eric R. Dodds berühmtem, im Jahr 1951 veröffentlichtem Werk The Greeks and the Irrational, in dem...

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