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Legitimationsmechanismen des Biographischen

Kontexte – Akteure – Techniken – Grenzen

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Christian Klein and Falko Schnicke

Warum und unter welchen Umständen werden Biographien als sinnhafte und überzeugende Darstellungen anderer Leben anerkannt? Diese Frage nach der Legitimität adressiert ein Kernproblem der Biographik, das ungeachtet seiner fundamentalen Bedeutung bislang in der Biographieforschung nur am Rande reflektiert wurde. Welche Beglaubigungsstrategien werden wann und von wem in welchen Kontexten als gültig akzeptiert? Wer gilt als legitime Biographin, wer als legitimer Biograph und wessen Lebensgeschichte als angemessener Stoff für eine Biographie? Mithilfe welcher Techniken evozieren Biographinnen und Biographen die Glaubwürdigkeit ihrer Darstellung? Der vorliegende Band diskutiert diese und ähnliche Fragen im Rahmen ganz unterschiedlicher Fallstudien und nimmt damit erstmals die Legitimationsmechanismen des Biographischen in den Blick, ihre historischen und kulturellen Kontexte, die Akteure, die Techniken der Legitimation und ihre Grenzen. Er präsentiert die Ergebnisse der internationalen Tagung «Legitimationsmechanismen des Biographischen», die im September 2012 an der Universität Wuppertal stattfand.
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Wie wird die Bearbeitung einer Biographie im frühen und hohen Mittelalter begründet? Zur Legitimation der Umstilisierung von lateinischen Biographien

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Walter Berschin

Bald nach dem Jahr 410, dem Jahr, in dem das bis dahin unbesiegliche Rom zum ersten Mal erobert und besetzt wurde, trafen sich im römischen Nordafrika Augustinus, Bischof von Hippo und Paulinus, ehemals Sekretär des Ambrosius von Mailand, dann Verwalter des mailändischen Kirchenbesitzes in Nordafrika. Ein Ergebnis des Gesprächs war, dass Paulinus die Biographie seines 397 verstorbenen Herrn, des Bischofs Ambrosius, schrieb.1 Es wurde daraus eine ‚Kammerdienerbiographie‘.2 Das andere, wichtigere Ergebnis des Biographie-Gesprächs zwischen Augustinus und Paulinus von Mailand war, dass ein Klassikerkanon für die lateinische Biographie aufgestellt wurde. Darin findet sich kein Plutarch, den kaum ein Lateiner noch lesen konnte, da ist auch kein Sueton vertreten: Bald gab es keinen Kaiser mehr im lateinischen Westen, die Kaiserbiographie erübrigte sich. Die neuen Klassiker der Biographie waren vielmehr:3 Athanasius von Alexandrien, dessen griechisch geschriebene Vita des Mönchsvater Antonius (um 357) in zwei lateinischen Übersetzungen vorlag, Hieronymus mit der ersten seiner drei Mönchsviten (um 380): Paulus primus eremita und Sulpicius Severus mit seiner noch zu Lebzeiten des Helden (397) begonnenen, letztendlich siebenteiligen Biographie des Bischofs Martin von Tours.

Dieser Kanon hat, von Zeit zu Zeit erweitert,4 aber kaum modifiziert lange gegolten: jedenfalls bis ins 13. Jahrhundert, vielleicht sogar bis 1500. Aus diesem Zeitraum sind etwa 14000 auf Einzelpersonen bezogene lateinische Texte ← 39 | 40 → erhalten, von denen man bei weiter Definition ca. 10000 als Biographien bezeichnen kann. Sie betreffen etwa 4000 Personen.5

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