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Heikle Versprechen

Bürgschaft und Fleischpfand in der Literatur

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Christine Spiess (Scherrer)

Versprechen sind prekär. Denn nimmt man sie als Worte, verpflichten sie zu Taten. Diese also heiklen Sprechhandlungen sind von literarischem Reiz. Namentlich Bürgschafts- und Fleischpfand-Geschichten verhandeln Versprechen. In einer differenzierenden und systematisierenden Lektüre eben solcher Texte setzt die Untersuchung ihr doppeltes Forschungsvorhaben um: Zum einen lotet sie die Bedingungen des literarischen Versprechens aus – um diese als körperliche, ökonomische und poetische zu erhellen. Zum anderen erörtert sie, auf Bürgschaft und Fleischpfand aufmerkend, zwei Erzähltypen. Die Studie ist diachron angelegt und verfährt komparatistisch. Und sie bedient sich sprechakttheoretischer Überlegungen sowie poetologischer und kulturwissenschaftlicher Ideen. Was die Textauswahl betrifft, werden mehrheitlich mittelalterliche Erzählungen bedacht. Die Arbeit berücksichtigt indes auch eine Fabel von Hyginus, Schillers Bürgschafts-Ballade und Shakespeares Tragikomödie The Merchant of Venice.
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3 Fallbesprechungen: Fleischpfand-Geschichten

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3.1 Exempel 195

3.1.1 Zusammenfassung

Lucius’ Tochter ist schön, ja sehr schön (pulcherrimam), wie das 195. Exempel zu Beginn vorausschickt. Dass sich der Ritter in die Jungfrau verliebt, ist ihm also nachzusehen. Und das Glück scheint ihm hold, denn das edle Fräulein erklärt sich zur Liebesnacht bereit, falls es mit tausend Gulden entschädigt werde.396 Wie sich der Ritter hierauf ins Bett der Prinzessin legt, übermannt ihn aber der Schlaf. Und der Freier ist ohne Besinnung bis in die frühen Morgenstunden. Derart um den versprochenen Geschlechtsakt gebracht, wirbt der Ritter erneut um die Jungfrau. Und sie lässt sich – gegen ein Entgelt von weiteren tausend Gulden – ein zweites Mal auf die Verabredung zur Liebesnacht ein. Allein, der eifrige Ritter entschläft erneut und muss wiederum auf die Erfüllung des Liebesversprechens verzichten.

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