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Internationales Alfred-Döblin-Kolloquium- Berlin 2011

Massen und Medien bei Alfred Döblin

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Edited By Stefan Keppler-Tasaki

Das «Kollektivwesen Mensch» hat die literarische Imagination und das intellektuelle Verantwortungsbewusstsein Alfred Döblins bis an die Grenzen der Sprache herausgefordert. Der Schriftstellerarzt verfolgte das Phänomen der Masse im Leben der Großstädte, in den Weltkriegen und in globalen Migrationsbewegungen. Es motiviert die exuberanten Textmassen seiner Romane ebenso wie seine experimentierfreudigen Feuilletons, Radio- und Filmtexte, die auf ein Massenpublikum hin angelegt sind. Die «richtige Einstellung auf die Masse» wurde ihm zu Problem und Aufgabe neuer literarischer Repräsentationsformen und einer medialen Massenbildung.
Der Band dokumentiert das 18. Internationale Alfred-Döblin-Kolloquium, das 2011 zum Thema «Massen und Medien bei Alfred Döblin» in Berlin tagte und auch für den Massendiskurs einschlägige Autoren wie Ernst Toller und Hans Fallada berücksichtigte.
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„Dämonopathie“: Döblins poetisches Spiel mit Kollektivängsten im werkgeschichtlichen Wandel: Burkhard Meyer-Sickendiek

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„Dämonopathie“

Döblins poetisches Spiel mit Kollektivängsten im werkgeschichtlichen Wandel

Burkhard Meyer-Sickendiek

Der westliche Jude ist eine Sache für sich. Ein Kuriosum, daß er noch vorhanden ist; es liegt wahrscheinlich mehr an den Wirtsvölkern als an ihm. Es scheint, als ob die europäischen Völker sich den Juden als Spucknapf konserviert haben; sicher spielt er im Haushalt dieser Völker eine wichtige Rolle. Ich las einmal, daß die Juden als abgestorbenes Volk einen gespenstischen Eindruck machten und Dämonenfurcht auslösten; der Judenhaß gehört tiefer zu den kulturhistorischen Dämonopathien, in eine Reihe und in dieselbe seelische Dimension mit Gespensterfurcht, Hexenglauben. Eng verkettet, verflochten ist er mit diesen Dingen, kann darum nicht widerlegt werden. Er begründet sich je nach der Zeit, bald physiologisch, bald rassenbiologisch, bald moralistisch. Die genaue Ursache dieser Dämonopathie gibt die Historie; gleichzeitiges Einschwemmen der Juden in die europäischen Völker mit Degradierung und Stigmatisierung der bisherigen Kulte durch das Christentum, zugleich naiver Abscheu vor den Jesusmördern unter fortbestehender Skepsis dieser Juden gegen die neue Religion.1

Der Begriff und das Denken der Masse lässt sich mit Blick auf Döblin nicht trennen von seiner Psychologie des Antisemitismus. Dies mag naheliegend erscheinen. Das obige Zitat verdeutlicht, dass Döblin dem Antisemitismus weniger politisch-moralisch denn vielmehr (massen-) psychologisch begegnete. Darin liegt der Unterschied zu Autoren wie etwa Kurt Tucholsky, Carl Einstein, Kurt Hiller oder Siegfried Jacobsohn, deren eher politisch orientierten...

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