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Verständigung und Versöhnung nach dem «Zivilisationsbruch»?

Deutschland in Europa nach 1945

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Edited By Corine Defrance and Ulrich Pfeil

Im Jahre 1945 stand Deutschland ohnmächtig und geächtet vor den Trümmern seiner Politik. Rassischer Weltanschauungskrieg und systematische Vernichtung der europäischen Juden waren ein zivilisatorischer Bruch und belegten die Deutschen mit einer moralischen Schuld. So ist die deutsche Nachkriegsgeschichte vor allem die Geschichte der schwierigen Auseinandersetzung mit der eigenen verbrecherischen Vergangenheit. Für die Deutschen galt es, das Vertrauen ihrer Nachbarn neu zu gewinnen, um den Weg zurück in den Kreis der zivilisierten Völker zu finden. In Politik und Zivilgesellschaft wuchsen schnell erste Initiativen, die auf Verständigung und Versöhnung abzielten. Mentale Demobilisierung und Abbau von Feindbildern gehörten zu den Aufgaben, um nach dem Krieg ein friedvolles Miteinander in Gegenwart und Zukunft herzustellen. In einer breiten Gesamtschau beleuchtet dieser Band, wie über symbolische Gesten, an Erinnerungs- und Gedenkorten, durch Organisationen und Institutionen, über Aktionsfelder und Handlungsformen, bisweilen unter wissenschaftlicher Anleitung, Prozesse eingeleitet wurden, die in den meisten Fällen – aber nicht immer – zur Verständigung zwischen den Deutschen und ihren europäischen Nachbarn beitrugen. Dabei zeigen die Beiträge, dass Versöhnung nicht «besiegelt» werden kann, sondern eine nie endende politische, soziale und kulturelle Arbeit darstellt.
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Die Evangelische Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau und ihre Anfänge (1967-1984). „Dem, dem Leid zugefügt wurde, den Zeitpunkt der Versöhnungsbereitschaft überlassen“

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Die Evangelische Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau und ihre Anfänge (1967-1984)

„Dem, dem Leid zugefügt wurde, den Zeitpunkt der Versöhnungsbereitschaft überlassen“

Björn MENSING

Am 29. April 1945 befreite die US-Armee das Konzentrationslager Dachau. Was die Soldaten zu diesem Zeitpunkt zu sehen bekamen, überstieg ihre Vorstellung. Nachdem Reichsführer-SS Heinrich Himmler bereits am 14. April die „Totalevakuierung“ befohlen hatte, zwang die Dachauer SS ca. 7000 KZ-Häftlinge, sich zu Fuß auf Todesmärsche in Richtung Süden zu begeben, bei denen tausende ums Leben kamen. Wer von der Dachauer Bevölkerung bis dahin noch nicht gesehen hatte, was in ihrer Stadt passiert war, der sah es jetzt. Gleichzeitig wurden Häftlinge aus anderen Konzentrations- und Außenlagern auf den Weg nach Dachau gebracht. Der vielleicht grausamste Transport unter ihnen erreichte am 27. April das Lager mit Häftlingen aus Buchenwald, von denen ein Großteil auf dem Weg verhungert und verdurstet war1. Da die Amerikaner bereits in Reichweite waren und sich viele ← 191 | 192 → der SS-Männer abgesetzt hatten, verblieben die Leichen teilweise in den Waggons. Die zwei Tage später einrückende US-Armee traf auf ein Bild des Grauens. Der Schock und die Empörung über den Anblick der Leichenberge führten zu einer völkerrechtswidrigen Vergeltungsaktion gegen die im Lager verbliebenen SS-Männer. Bei den dem Tode knapp entkommenen Häftlingen mischten sich Erleichterung und Freude über das eigene Überleben mit der Trauer über die ermordeten Leidensgenossen...

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