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Verständigung und Versöhnung nach dem «Zivilisationsbruch»?

Deutschland in Europa nach 1945

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Corine Defrance and Ulrich Pfeil

Im Jahre 1945 stand Deutschland ohnmächtig und geächtet vor den Trümmern seiner Politik. Rassischer Weltanschauungskrieg und systematische Vernichtung der europäischen Juden waren ein zivilisatorischer Bruch und belegten die Deutschen mit einer moralischen Schuld. So ist die deutsche Nachkriegsgeschichte vor allem die Geschichte der schwierigen Auseinandersetzung mit der eigenen verbrecherischen Vergangenheit. Für die Deutschen galt es, das Vertrauen ihrer Nachbarn neu zu gewinnen, um den Weg zurück in den Kreis der zivilisierten Völker zu finden. In Politik und Zivilgesellschaft wuchsen schnell erste Initiativen, die auf Verständigung und Versöhnung abzielten. Mentale Demobilisierung und Abbau von Feindbildern gehörten zu den Aufgaben, um nach dem Krieg ein friedvolles Miteinander in Gegenwart und Zukunft herzustellen. In einer breiten Gesamtschau beleuchtet dieser Band, wie über symbolische Gesten, an Erinnerungs- und Gedenkorten, durch Organisationen und Institutionen, über Aktionsfelder und Handlungsformen, bisweilen unter wissenschaftlicher Anleitung, Prozesse eingeleitet wurden, die in den meisten Fällen – aber nicht immer – zur Verständigung zwischen den Deutschen und ihren europäischen Nachbarn beitrugen. Dabei zeigen die Beiträge, dass Versöhnung nicht «besiegelt» werden kann, sondern eine nie endende politische, soziale und kulturelle Arbeit darstellt.
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Sant’Anna di Stazzema. „Versöhnung heißt nicht vergessen“

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Sant’Anna di Stazzema

„Versöhnung heißt nicht vergessen“

Christoph CORNELISSEN

Heute zählt das in der Toskana gelegene Bergdorf Sant’Anna di Stazzema zu einem der bekannten Erinnerungsorte des Zweiten Weltkriegs in Europa. Den Weg dorthin markieren historische Reiseführer über die „Orte nationalsozialistischer Bluttaten“, und auch das elektronische Netz ermöglicht eine rasche Orientierung1. Im Jahresrhythmus wechseln sich außerdem in Sant’Anna vor allem zur Sommerzeit größere und kleinere Veranstaltungen ab, mit denen der Geschehnisse gedacht wird, die das Dorf am 12. August 1944 in einen „Ort des Grauens“ verwandelten2. Damals töteten Soldaten der 16. Panzergrenadierdivision „Reichsführer SS“ über vierhundert Menschen – darunter Frauen, Kinder und alte Männer – und hinterließen in dem Dorf an den Hängen der apuanischen Berge in der Provinz Lucca ein Blutbad, das neben dem südlich von Bologna gelegenen Marzabotto zu den ← 281 | 282 → schwersten Kriegsverbrechen deutscher Soldaten in Italien zählt. Noch mehr, die deutschen Truppen machten die Ortschaft dem Erdboden gleich und sorgten somit dafür, dass das Dorf nach dem Massaker zunächst praktisch kaum mehr existierte3. Im Grunde handelte es sich nur noch um eine Ansammlung von Ruinen.



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